Literaturgefluester

2019-08-31

Das letzte rote Jahr

Filed under: Bücher — jancak @ 00:40
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Jetzt kommt wieder eine österreichische Neuerscheinung oder ein bei FVA erschienes  Buch das mir gut gefallen hat, der 1981 in Zilina geborenen Susanne Gregor, die 1990 mit ihrer Familie nach Österreich gezogen ist und bei der „Edition Exil“ ihren ersten Roman „Kein eigener Ort“ herausgebracht hat, obwohl sie bei der Lesung im vorigen Jahr im Literaturhaus ja, glaube ich, sagte, daß sie nicht so gerne solche schreiben würde.

Jetzt ist der neue Roman bei FVA  vielleicht durch Mareike Fallwickls Hilfe, die damals auch gelesen hat, erschienen und ich muß sagen, er gefiälltmir sehr und war für mich eine postivie Überraschung, denn „Kein eigener Ort“ hat mir nicht so gefallen.

Sie ist dann bald zu „Droschl“ gewechselt, wurde vom Literaturhaus als Jungautorin präsentiert, ihren Roman „Terretorien“, der schon bei „Droschl“ erschienen ist, habe ich noch nicht gelesen, wohl aber bei einem der Literaturhaus-Flohmärkte gekauft und nun habe ich ein sehr interessantes Buch gelesen, das das letzte Jahr in der Tschechoslowakei vor dem Weggang in den Westen und den Fall der Mauer schildert.

Misa, Rita und Slavka sind drei Freundinnen oder eigentlich drei vierzehnjährige Mädchen, also etwas älter, als es Susanne Greogor 1989 war, die in der Klein oder Großstadt Zilina, an der wir immer vorüberfuhren, wenn wir in die hohe Tatra wollten, leben.

Die Ich-Erzählerin Misa mit ihren Eltern und ihrem achtzehnjährigen Bruder Alan in der Mitte des Hauses, darunter Slavka mit ihrer Mutter, denn ihr Vater ist einmal von einer Reise nach Stockholm nicht mehr zurückgekommen, darüber Rita mit ihren Ärzteeltern und dem kleinen BruderMarcel, der immer am Hosenzipfel der Mutter hängt.

Die Eltern treffen sich Abends immer beim Wein in Misas Wohnung, die drei Freundinnen verbringen die Zeit abwechselnd miteinander und besuchen die selbe Klasse und in diesem Jahr, wo sie auch aufs Gymnasium wechseln, werden sie sowohl erwachsen, als auch ihre Freundschaft und das sozialistische System in dem sie aufgewachsen sind, zerbricht und das alles erzählt Susanne Gregor durchaus spannend, wenn das Buch auch zum Teil das die „Skizze eines Sommers“ von Andre Kubizek erinnert, der ja etwas Ähnliches schildert, einen Jahrhundertsommer in der DDR, während das Regime bald zerbricht.

Aber so rosig ist es in Misas Leben, die gerne Bücher liest, was ihr Vater, der in einer Elketrofirma arbeitet und daher öfter Auslandsreisen nach Österreich machen darf, gar nicht, der Bruder kapselt sich ab, der Vater will daß sie mehr Sport betreibt und auch die Freundin Rita, die eine überzeugte Pionierin ist, während ihre und auch die anderen Eltern längst nicht mehr so überzeugt von dem Regime sind, kapselt sich ab und geht ihre eigene Wege, was sie zuerst des Nachts in Alans Zimmer führt und als Misas Eltern das erfahren, in eine Katastrophe ende, denn er ist achtzehn, sie vierzehn, also ist es eigentlich verboten, was sie machen und Slavka trainiert eifrig für den Sportkader, ist in ihrem Geschichtslehrer verliebt, ansonsten schminkt sie sich und zieht sich westlich an.

Ihre Karriere wird vor Schluschluß bei einer Sportaufführung unterbrochen, als sie sich den Knöchel bricht und den Sommer liegend mit Gips im Bett verbringen muß.

Ritas Eltern wollen auch nach Ungarn, von den Veränderungen dort, daß da die Grenzen geöffent wurden und die DDR-Bürger von dort in den Westen verschwinden, erfahren die Mädchen durch erlauschte Gespräche ihrer Lehrer oder aus dem Radio.

Ritas Vater Michal will von einem Kongreß in Ungarn nicht mehr zurückkommen. Er will aber auch Abteilungsleiter in seinem Krankenhaus werden, um nicht immer Nachtschichten schieben zu müssen. Trinkt aber so viel,  daß beides nicht klappt und die Katastrophe herannaht, als eines Tages Alan und Rita verschwunden sind, was von ihrem Familien erst einen Tag später bemerkt wird und es noch etwas länger dauert, bis ein Brief von Rita aus Hamburg kommt.

Das Leben geht aber weiter, Weihnachten wird im Haushalt von Misa, einen Brand hat es vorher auch gegeben, etwas chaotisch gefeiert, daß der Weihnachtsbaum fehlt, fiel auch erst später auf. Dafür überraschte aber der Vater, der die Tochter schon vorher zum Deutschstudum verpflichtet hat, daß sie ab Februar nach Österreich ziehen werden und das neue Leben  im westlichen Kapitalismus beginnt.

Das Buch beginnt mit einem Prolog, da ist die Ich-Erzählerin, glaube ich, in Wien und schon Schriftstellerin, kellnert aber nebenbei und sieht im Fernsehen plötzlich Rita, so daß sie sich an das letzte roteJahr in Zilina erinnert und die Geschichte zu erzählen beginnt.

2015-05-13

Ein Liebessommer

Filed under: Bücher — jancak @ 00:50
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Der 1973 erschienene Roman, des  1931 in Prag geborenen Ivan Klima ist ein sehr beeindruckender Roman, der starke Gefühle auslösen kann, so habe ich in einer Rezension gelesen, das selten noch ein Roman den Rezensenten so traurig gemacht hat Und  ich kann mich dem  auch anschließen.

Dann ist er auch noch sehr politisch und ein großes Stück Psychologie ist ganz überraschend auch noch dabei.

Da ist David Krempa, Biologe, sechsunddreißig, verheiratet, Vater zweier Töchter und Sohn eines berühmtes Arztes und einer Sängerin, die ihre Karriere allerdings beenden mußte und an Kehlkopfkrebs starb.

Eine sehr bürgerliche Karriere für das Prag der frühen Siebzigerjahre also, der Prager Frühling ist vorbei und Ivan Klima, kann ich noch anmerken, ist 1969 nach Amerika gegangen, 1970 aber wieder nach Prag zurückgekehrt, wo seine Werke bis zur Wende nur im Ausland erscheinen konnten.

Das ist vielleicht auch ganz interessant für den Roman, in dem England eine große Rolle spielt, denn die Mutter des Protagonisten hätte dort einen großen Auftritt gehabt, die Reise aber wegen der Geburt des Sohnes absagen müßen. Da hat der kleine Bub der Mami versprochen, ihr wenn er groß ist einen ganzen KOnzertsaal in England zu mieten, dazu ist es nicht gekommen.

Jetzt steht der ehrgeizige bessessen arbeitende Wissenschaftler, er forscht an Mäusen an der Unsterblichkeit, selbst an einer solchen Wende, er soll im Sommer, der Roman beginnt, glaube ich, im April, für ein Jahr auf eine englische Universität gehen.

Die Hausfrau in dem Haus, wo sie leben, stirbt unerwartet, die war ein Drachen und ließ niemanden an das Obst im Garten heran, trotzdem bittet ihn seine Frau Kamila, eine Lehrerin, zum Begräbnis zu gehen. Er will nicht, er ist beruflich überlastet, tut es dann doch und das Unheil beginnt und wieder einmal sind die Frauen an allem Schuld. Ivan Klima scheint aber ein großartiger Romancier zu sein, der die Wenden und die Drehungen ins seinen Bücher gekonnt setzt, davon noch später.

Erst geht er unwillig hin, will gleich weg, er ist auch sparsam, fast geizig und da gibt es auch eindrucksvolle Szenen mit einer häßlichen Blumenfrau, bei der er seine Blümchen kauft, die für Kamila und für das Begräbnis und da sieht er ein schönes junges Mädchen, Iva eine Studentin die das Puppenspiel studiert, für die Schauspielerei ist sie angeblich zu unbegabt, sie singt auch in Clubs und David fährt sie statt ins Institut zurückzukehren, wie er eigentlich wollte, heim, verabredet sich mit ihr für nächste Woche, sagt ihr aber pflichtbewußt ab.

Dann kommt wieder die böse oder abgearbeitete Frau ins Spiel, denn am Wochenende sind die Krempas bei seinem Chef eingeladen. Sie geht aber nicht mit, so geht er allein, zuerst zum Chef und dann in den Club, wo Iva singt und das Unheil beginnt, denn die ist so ganz anders als er. Lebt in den Tag, genießt das Leben, sie ist zwar verheiratet, lebt aber nicht mit ihrem Mann zusammen, sondern läßt sich von Freunden ausführen und sich von ihm Rosen kaufen, alle, die die häßliche Blumenfrau hat, obwohl es für die Gattin vorher nur vier Narzissen waren.

Er kauft ihr auch Schuhe und ein Kleid und sie ruft ihn immer nur spät abends an, weil sie am Tag ja schlafen muß, da kommt es zu einer grotesken Szene, daß er sich im Schrank versteckt, damit seine Frau, die ohnehin schon etwas ahnt, das Telefon nicht hört.

Er trifft Iva, in Prag herrschte um diese Zeit offenbar Wohnungsnot und sie wohnt irgendwo mit ihrer Großfamilie, auch in seiner Wohnung, während Kamila bei Verwandten ist, später schickt er sie mit den Kindern zu ihrer Familie und fährt mit Iva nach England, denn da hat er schon das Visum.

Sie will eigentlich nach Italien und schwärmt immerzu von Vendig und hat auch viele Freunde, die ihr die Einladungen in fremden Länder verschaffen und David, der ihr nach und nach oder vielleicht schon sofort verfallen ist, tut alles was sie will, obwohl sie ihn zuerst beschimpft und dann  wieder lieb ist und lockt.

Eine fürchterliche Frau könnte man sagen und der arme Mann, wieso rennt er so sehentlich in sein Unglück, man kann es aber auch sicher, als Parodie auf das damalige politische System verstehen.

David wendet sich jedenfalls total, der so sparsame Mann, der nichts tat, als für sein Häuschen zu sparen verschleudert sein Geld und vernachläßigt seine Vorlesungen, auf die er sich eigentlich vorbereiten will.

So gerät der Aufenthalt in England auch zu einem Fiasko, sie betrügt ihn mit jüngeren Männern, er will von ihr los, es gelingt ihm aber nicht, so zerreißt sie den Brief den er an seine Frau schreibt und als er dann mit Kamila, die schon zu packen angefangen hat, sein Auslandsjahr antreten will, hindert sie ihn auch daran, er gibt den Aufenthalt auf, die Frau kommt jetzt endgültig darauf, aber Iva ist auch verschwunden, meldet sich nicht am Telefon.

Hier besteht er Roman teilweise aus Selbstgesprächen und inneren Monologen Davids, der nicht mehr weiß wohin er gehen soll.

Er geht aber zu Ivas Mann und bittet ihn nachzsehen, was mit Iva ist. Der beruhigt ihn, das macht sie immer, daß sie mit ihrem Selbstmord droht und das ist ja die überraschende Wende, denn man denkt die ganze Zeit, er bringt sich um, hat keine andere Chance, weil er sichselber unaufhörlich auf den bisherigen zweihundert Seiten in den Abgrund trieb, am Schluß liegt Iva in ihrem Blut und die Psychologie kommt ins Spiel, denn offensichtlich war der schöne junge Lockvogel auch nicht so glücklich und David geht wieder zu der Blumenfrau, der er eigentlich am Anfang alle ihre Rosen schenken wollte. Jetzt bestellt er zuerst einen Kranz daraus für das Begräbnis, dann die ganzen Rosen und die schenkt der der Blumenfrau, bevor er geht ohne zu wissen wohin…

Ein sehr beeindruckendes Buch, das man lesen sollte, wenn es noch zu bekommen ist.

Ich habe es wieder und dafür bin ich sehr dankbar im offenen Bücherschrank gefunden, von Ivan Klima in den Neunzigerjahren, nach der Wende, mir „Liebe und Müll“ gekauft und wahrscheinlich, obwohl ich mich nicht mehr sehr daran erinnern kann, gelesen und den Autor auch einmal im Leipzig auf dem blauen Sofa gehört.

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