Literaturgefluester

2018-08-22

Schweizer Geschichten

Bücherschrank am Genfer See

Bücherschrank am Genfer See

Bern

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So jetzt kommt der letzte Nachtrag von unserer Schweiz- Urlaubs- Zeltreise, nämlich drei Geschichten aus Urs Widmers „Schweizer Geschichten-Buch“, das ich einmal in einem der Wiener Schränke gefunden und mir also auf die Reise mitgenommen habe, denn das tue ich ja gern im Gastland Entsprechendes zu lesen und von dem 1938 in Basel geborenen und 2014 in Zürich verstorbenen Autor habe ich ja schon einiges gelesen und gehört.

Er war einmal zu Gast in der „Alten Schmiede“, da habe ich seinen Schreibstil sehr surreal und schwer zu verstehen gefunden, denn ich bin ja eine, die sich an den Texten immer festhalten und alles nachvollziehen will.

Ein paar Bücher habe ich von ihm gefunden und zwei auch schon gelesen.

2013 ist er mit seiner Biographie auf der Longlist gestanden und jetzt also ein kleines rotes „Diogenes- Büchlein“ im Gepäck. Rot das Cover, da gibt es dann einen weißen Berg und davor steht ein Männchen mit einem Alpenhorn und schlägt Blasen in die Luft und der Autor schreibt in dem 1978 erschienenen Erzählband, daß er jetzt schon sieben Jahre in Frankfurt lebt und in den Schweizer Geschichten, die Schweiz so beschrieben hat, wie er sie sehen würde, so daß sie für ihn wahr wäre.

Camp Eichholz in Bern

Camp Eichholz in Bern

Camp Eichholz in Bern

Camp Eichholz in Bern

Er hätte eigentlich über jeden Kanton eine Geschichte schreiben wollen, aber in einigen Kantons ist er noch nie gewesen. So gibt es dreizehn Geschichten in dem Buch. Drei davon habe ich, das habe ich schon geschrieben gelesen, so bleiben also noch genügend über für den nächsten Schweizer Aufenthalt und ich kann das Lesen des kleines roten Büchleins sehr empfehlen. Denn besonders, die letzte Geschichte, die ich im Auto gelesen habe, als wir Zürich schon verlassen haben, habe ich sehr sehr gut und sehr sarkastisch gefunden, so daß ich schon Lust auf das Weiterlesen, beziehungsweise auf einen weiteren Schweiz- Aufenthalt hätte, weil ja jetzt zuerst das deutsche und dann gleich das österreichische Buchpreislesen dran ist, so daß für das Schweizer Lesen wieder keine Zeit sein wird, aber das war ja schon und ich denke ich habe meinen Schweiz-Aufenthalt eigentlich sehr gut literarisch genützt und wem es interessiert kann hier meine Eindrücke und Impressionen nachlesen.

Bern

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Kino am Kocher in Bern

Kino am Kocher in Bern

Die Geschichten dürften auch irgendwie zusammenhängen, so gibt es zu den ersten zwei auf jedenfall Verbindungen und in der ersten „Flug nach Zürich“, das habe ich schon geschrieben, geht der Erzähler, der zufälligerweise Schriftsteller ist und in Franfurt wohnt, mit einer dicken Frau und einem Pilot mit einem Ballon auf Reise nach Zürich, wo es auch ziemlich skurill zugeht und die Schweizer Zöllner sich die Frage stellen, ob man mit einem Ballon überhaupt in die Schweiz einreisen darf und sie ihn sicherheitshalber vorerst einmal konfiszieren.

Die Einreise ist dann aber doch gelungen, denn in Geschichte zwei, die in „Solothurn“ spielt, sitzen die drei in einer Wirtschaft, wo auch Karl und Otto hinkommen, zuerst über die vielen Ausländer schimpfen, dann eine Wirtshausrauferei beginnen und sich am Schluß wieder versöhnen und zusammen ihr Bierchen trinken.

Geschichte drei „Appenzell“ ist dann besonders ausgefuchst. Denn da geht der Bauer, während die Bäuerin strickt, hin und beginnt einen Brief zu schreiben.

„Was schreibst du da?“, will die Bäuerin wissen und er antwortet „Ene Steuererklärung!“

Bern

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Sie nickt und strickt. Er schreibt aber einen Lebesbrief, den er dann in den Briefkasten steckt, als er zurückommt, ist die Frau nicht mehr da. So zieht er seine Liebesbriefe aus der Unterhose und schaut sich in den Alben, die Bilder seiner Geliebten an. Von oben kommen Stöhngeräusche. Er wundert sich und denkt, die Frau hört sich das Hörspiel an. Es kommt aber der Briefträger und knöpft sich die Hose zu. Der erzählt etwas von einem Brief, den er vom Finazamt bringt. Die Frau kommt auch und der Briefträger erzählt dann dem Paar welche Schweinereien, die verheirateten Leute ihren Geliebten schreiben würden. Er weiß das,  denn er ist ja der Briefträger. Dann verabschiedet er sich, geht zumPostkasten und steckt den Brief, den der Bauer an seine Geliebte geschrieben hat, ein.

„Der Bauer nickt Er räuspert sich. Der Briefträger ist eine Sau!“ ,sagt er „Immer redet er von so Sachen.“

So endet fast die Geschichte und ich habe das Buch im Auto weggelegt und nach Arno Geigers „Unter der Drachenwand“ gegriffen. Zum Lesen von Elisabeths Junkers „Villa“ und den anderen Schweizer- Bücher, die ich noch in meinen Regalen liegen habe, bin ich nicht mehr gekommen.

Aber mal sehen, vielleicht komme ich wieder in die Schweiz, wo ich mir die Schweizer Geschichten dann mitnehmen und zu Ende lesen kann. Literarisch interessant und anregend ist es immerhin und Urs Widmer offenbar viel viel ausgefuchster, als es Thomas Küng in seinen „Gebrauchsanweisungen“ war.

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2015-08-13

Im Kongo

Filed under: Bücher — jancak @ 00:38
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Jetzt kommt das zweite Urs Widmer Buch auf meiner Leseliste, „Im Kongo“, 1996 erschienen und das erste Kapitel klingt für einen Urs Widmer erstaunlich realistisch, obwohl es fängt mit einem Traumgarten an, in dem der Altenpfleger Kuno, seine Kindheit verbringt. Es ist Krieg und er schwärmt hinaus zu den Vögeln und den Blumen, die es da in Zürich geben soll und eines Tages liegt die Mutter tot im Gras, von einem Bombenangriff wahrscheinlich getroffen, es dauert lange bis der Vater, in Uniform kommt, die Leiche entfernt, die größere Schwester übernimmt den Haushalt und das Leben geht weiter.

Dann, fünfzig Jahre später, schießt der Vater inzwischen über achtzig mit seiner Armeepistole ungedalden auf den Postboten, die Polizei erscheint und Kuno muß den Vater in das Altenheim bringen, in dem er Pfleger ist.

Dort gibt es eine Schwester Anne, der Vater zieht in das Zimmer aus dem gerade eine Frau gestorben ist und Kuno erzählt einmal dem Zimmernachbarn einen Herrn Berger von seinem besten Freund Willi und das er kein Schicksal hat.

Willi hatte eines und hat dem Kuno in der Schulzeit einmal die Pausenbrote weggegessen und sich von ihm einsagen sallen, dann ist er mit seiner Freundin Sophie in den Kongo, um dort Bierbrauer zu werden und als der Vater in das Zimmer kommt, fällt er Herrn Berger in die Arme, denn das war sein bester Mann und Kuno war sein Führungsoffizier, in dem Regiment, das „Wiking“ hieß.

Denn der Vater war im Nachrichtendienst, wie er dem Sohn jetzt erst erklärt und Herr Berger die Geschichte erzählt, wie er, ein Erfinder eines optischen Gerätes, das die Nazis haben wollten, vom Führer nach Berchtesgarden eingeladen wurde, mit ihm soff, Eva Braun im Nachthemd saß und dann von Hitler auch noch seine Geheimtelefonnummer zugesteckt bekam, die ihm dann auch vor der Gestapo rettete.

Am nächsten Morgen begegnet Kuno vor dem Altersheim Willis Vater, der ihm in den Kongo schickt, denn es ist schon lange keine Nachricht und kein Geld mehr vom Sohn gekommen.

Die Hinfahrt erweist sich als etwas problematisch, am Zoll wird ihm sein ganzes Gepäck konfisziert, die Taxisfahrt ist überteuert und die Bootsfahrt nach Kisangani war auch recht abenteuerlich.

Der Weg in die Bierfabrik war schweißtreibend, schließlich sind wir ja in Afrika und der flotte Kuno schlägt auch noch eine Mitfahrgelegenheit aus.

Dann kommt er an, sieht eine flotte Schwarze namens Saba, die ihm erklärt, daß ihr Vater Willi und die Mutter Sophie, beide Schwarze, die Direktoren sind, Willi hat jetzt Mordsphantasien, sieht sich auch schon niedergemetztelt, als der tiefschwarze Wille, der auch noch abenteuerlich gekleidet ist, erklärt, er weiß auch nicht, wie er und Sophie schwarz geworden sind.

Er lädt ihn aber auf eine Stammesfete ein, das heißt, er muß als sein Wesir mitkommen und wird schwarz angemalt, dort trifft er einen Löwenkönig, der ihm genau, wie einstens Hitler bei Herrn Berger, eine geheime Telefonnummer gibt, aber erst einmal fliegt er wieder nach Hause, denn Willi schickt ihm mit einem Testament, das sein Vater unterschreiben soll, dorthin zurück.

Im Flugzeug erkennt er, er ist tiefschwarz mit weißen Bart, hat auch schon einen Paß mit einem solchen Foto und als er so in das Altenheim kommt, ist Schwester Anne, die ihm immer sagte, daß er warten kann, bis er schwarz ist, bevor sie ihn heiraten würde, gleich hingerissen.

Die Väter sterben und Kuno fliegt mit Anne, die sich auch transformiert, in den Kongo zurück. Willi fliegt mit Sophie dafür nach Zürich, um sein Erbe anzutreten und Kuno wird vom Löwenkönig zuerst bei einem Stammesüberfall gerettet, dann zieht er sich in den Busch zurück, um seine Geschichte und die des Kongos aufzuschreiben.

Eine abenteuerliche Geschichte, vielleicht könnte man sie auch rassistisch interpretieren oder satirisch auf jeden Fall und  hat mir sehr gut gefallen. Besser als der andere Urs Widmer, den ich vor kurzem gelesen haben.

Ich habe das Buch vor Jahren von einer meiner Psychologenkolleginnen zu meinem Geburtstagsfest geschenkt bekommen und es lange liegen gelassen, jetzt aber in einem kleinen „Urs Widmer In Memoriam Schwerpunkt“, wie man sagen könnte, gelesen, dessen „Reise an den Rand des Universums“ 2013 auf der Longlist des dBp gestanden ist. Das und den „Herrn Adamson“ müßte ich erst finden, aber jetzt geht es vorerst ohnehin an das neue Longlistenlesen.

2015-05-08

Liebesnacht

Filed under: Bücher — jancak @ 00:13
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Der 1938 in Basel geborene und vorigen April in Zürich verstorbene Urs Widmer ist ein Meistererzähler, ein Schelm und ein Fabulierer könnte man noch anfügen, zumindestens habe ich den Eindruck, nachdem ich mich jetzt in der Badewanne in dem verzweifelten Versuch den Inhalt zu erfassen, durch seine Erzählung „Liebesnacht“, ein Fund aus dem Bücherschrank und vom Vorleser an einigen Stellen angestrichen, durchgelesen habe.

Das zweite Buch, das ich von ihm habe, „Im Kongo“, das demnächst folgen wird, habe ich einmal von einer Psychotherapeutenkollegin auf einem meiner Geburtstagsfeste geschenkt bekommen und zweimal habe ich den Meister auch in der „Alten Schmiede“ gehört, beim zweiten Mal, seinem Portrait, habe ich dann seine Bücher auf meine Leseliste gesetzt und keine Ahnung gehabt, daß ich den Dichter des letzte Mal gesehen habe.

Es gibt auch eine umfangreiche Bibliographie von der ich glaube ich den Herrn Adamson, während eines Frankfurt-Surfing bin ich darauf gekommen, am liebsten lesen würde, habe das Buch auch schon in einer Abverkaufskiste gefunden, allerdings haben mich die fünf oder sieben Euro dann doch abgeschreckt.Ich bin ja sehr sparsam.

2013 war er auch auf der Longlist des dBp.

Zur 1982 erschienenen Liebesnacht, die es zu „25 Jahre detebe“ um zehn Mark gegeben hat.

„Im Elsaß  sitzen die Freunde zusammen“, habe ich als ich mit dem Buch schon fertig war, dem Rücken entnommen, wenn ich das vorher schon gewußt hätte, hätte ich das Buch im Vorjahr auf meinen Elsaß-Urlaub mitnehmen können, so bin ich, ganz ehrlich während des Lesens nicht daraufgekommen, daß es im Elsaß spielt und hätte, das ehemalige Wirtshaus in dem Dörfchen eher der Schweiz zugeordnet.

Aber vielleicht habe ich etwas überlesen, denn es passiert in dem Buch, in der Nacht, ja sehr viel, obwohl ich einer Rezension entnehme, daß nichts passieren würde, als daß einige Freunde beim Wein zusammen sitzen und über ihre ersten Lieben erzählen.

Es beginnt jedenfalls mit Joseph Conrad und hat auch sonst  viele literarische Anspielungen, von denen ich sicher nicht alle verstanden habe und dann kommt nach einer längeren Einleitung, der Freund Egon über die Felder, mit einem Rucksack und vielleicht einem Koffer, da ist sich der Erzähler, der offenbar Schriftsteller ist, nicht sicher, er kommt aus Argentinien zurück, wo er, wie auch sonst auf der Welt viele Kinder und auch Frauen hat und dann setzen sich die Freunde, ein alterer Versicherungsmann, der Erzähler mit seiner Frau und noch ein Paar zum Wein und erzählen, während die Kinder mit Bausteinen, einer Schaukel und dem Hund spielen und schon sind wir mitten drin in den Geschichten oder den Fabuleien, von denen manche einfach hängen bleiben, manche eher mühseliger zu erfassen waren. Zumindest ist das mir so ergangen.

Egon und sein Freund waren jedenfalls viel auf Reisen, sprechen sowohl Französisch, wie auch Deutsch ziemlich fließend und der Ich-Erzähler und das ist die Geschichte, die mir am eindringlichsten erschienen ist, reist einmal mit einem Schiff auf eine griechische Insel. Da liegen die Griechen seekrank herum, nur ein zwölfjähriges Mädchen kommt zu ihm und spricht ihn auf Französisch an, dann wird es von seinem Bruder abgeholt, das ist der Wirtsohn des einzigen Hotels, dort wird er einquartiert. Das Hotel hat vier Zimmer und wenn er in seines will, muß er durch die drei anderen gehen, die von einem Franzlsen, einem englischen Paar und einer Italienerin bewohnt werden. Er klopft vorher immer an und die Italienerin zieht sich erschreckt die Decke über den Kopf.

Dann gibt es den Wirten, den Sohn, noch eine ältere Tochter und einen Angestellten, ob auch eine Mutter dabei ist habe ich jetzt vergessen, die Kleine sieht er jedenfalls nur noch einmal während einer Hochzeit.Er darf dann auch auf ein Luxusschiff und bei dessen Besitzerin übernachten, das heißt er erwacht morgens in ihrer Kajüte. Da reist er dann verschreckt ab und bekommt von der älteren Schwester einen Brief, daß sie sich als seine ewige Braut betrachten würde, weil sie einmal seine Hand gehalten hat. Er antwortet nicht.

Er war dann noch lange in Frankreich und hatte eine Bezihung zu einer neunzehnjährigen Hebamme, die ihn zu ihren Freundinnen mitnahm, die sich Sachen erzählten, die „ich glaube nicht, daß ein Klassentreffen emeritierter Gynäkoligen wissendere Witze erzählen kann“, während Egon auf seinen Aufenthalten in Arabien, Amerika, etc, mit einem kraushaarigen Kind durch die Highways reitet, in der Nacht in Motels übernachtete und Zwischenstops einlegen mußte, weil das Pferd nicht mehr mitkann.

Eine der Geschichten ist auch, wie der Ich-Erzähler seine Frau kennenlernte, dazu braucht er mehrere Ansätze und sie gerät dann auch sehr phantastisch und das Bild, wo er in die Dorfschule kommt, wo die Lehrerin so aussieht, als würde sie noch den Laib Brot in der Hand halten, den sie vorher an die Kinder verteilte, erinnerte mich an Werthers Lotte.

Inzwischen fällt die Decke von dem ehemaligen Gasthaus, die Kinder sind schon eingeschlafen, die Frauen haben sie aber nicht zu Bett gebracht, nur versucht den größten Schutt wegzuräumen, damit man weitererzählen kann.

Am Morgen nimmt dann Egon seinen Koffer, den er nun doch bei sich hat und verschwindet wieder durch die Felder und das Kind fragt nach ihm.

„Es stand vor mir am Bett, ein zuckerbestäubter Zwerg mit großen runden Augen, und fragte mich, wo der Mann mit dem Schnauz und den Zähnen hin sei, als ich es ihm sagte, weinte es.“

„Angesichts der auch schon literarisch erfaßten geschwätzig-kaputten Sprachlosigkeit heutiger Paarbeziehungen, ist die Poesie dieser Geschichte, ist die Wärme und Bestimmtheit dieser Liebe ein Hoffnungsschimmer, ein unaufdringliches Plädoyer für Gefühle in einer Welt geregelter Partnerschaften, die ihren Gefühlsanalphabetismus hinter Barrikaden von Alltagsslang verstecken“, schreibt Barbatra von Becker, vom Norddeutschen Rundfundk, Hannover, am Buchrücken ein wenig unverständlich.

Ein interessantes Buch und ein Nachruf auf den großen Sprachmeister, der auch einmal das Klagenfurter Wettlesen eröffnet hat.

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