Literaturgefluester

2020-10-23

Herzklappen von Johnson & Johnson

Mit Buch sechzehn des dBps geht es wieder nach Österreich und zum dritten Roman der 1989 in Graz geborenen Valerie Fritsch deren literarischen Aufstieg von der ersten „Textvorstellungen-Lesung“ in der „Alten Schmiede“ bis zur „Bachmannpreis-Lesung“ 2015, ich hautnah verfolgte. Von Anfang an von der sprachgewaltigen Doppelbegabung der Autorin und Fotografin, wie ich in einer Rezension hörte, begeistert war, „Winters Garten“ dann zu aufgesetzt, fast kitschig empfand und von ihren neuen Romanbei den O-Tönen hörte.

Davon sehr begeistert war, dachte, er würde mir besser gefallen und jetzt wieder etwas ratlos überblieb oder in den begeisterten Rezensionen las und mich fragte, ist es nun ktischig oder nicht und kann man einen Familienroman über transgenerationale Traumata, wie es Valerie Fritsch, glaube ich, in ihren Buchpreisskurzportrait nennt, so erzählen?

Man kann natürlich. Aber mich befriedigt es, glaube ich, nicht und wenn ich es mit den beiden anderen Büchern, die ich kürzlich über dieses Thema nämlich Eva Sichelschmidts „Bis wieder einer weint“ und Stefanie Greggs „Nebelkinder“ vergleiche, kann ich nur sagen, daß dieser Roman, der die Rezensenten sehr begeisterte, in Österreich wurde das Buch zum Ö1-Buch des Monats, daß es auf die Longlist kam, habe ich, wie auch bei „Winters Garten“ erwartet, sehr ungewöhnlich ist und jetzt, denke ich, ich habe mich durch ein wahres Sprachrauschbuch gelesen.

Valerie Fritsch hat eine wirklich sehr ungewöhnliche, eigene Sprache, wie es auch Marlene Streeruwitz hat und die man wahrscheinlich gleich erkennt. Man kann fast jeden Satz anstreichen.

Da gibt es „Die müden Marionetten mit einem schwarzen Fleck auf dem Herzen“, „Das Weiß des Stoffes das auf dem Weg leuchtet“, „Die Mutter der in dunklen Nächten der Mond zu Kopf steigt“ und und und.

Eine Handlung gibt es natürlich auch und die wird von Valerie Fritsch durchaus kunstvoll vollzogen und wenn ich das Buch mit der Sprachkunst der Andrea Winkler vergleiche, kann ich nur sagen, es gibt eine Handlung, denn es wird hier ja von Schuld und Sühne, von den Kriegopas, die in den weiten Russlands, mit der Heimaterde in der Tasche, mehr oder weniger zu Mördern wurden und mit dieser Schuld leben müßen und auch, um die Frage, wie es den Nebelkindern, den Töchtern und Enkeltöchtern damit geht?

Alma, die mondsüchtige, ist die Enkeltochter. Von Beruf Zeichnerin, heiratet spät Friedrich, bekommt von ihm Emil, das schmerzunfähige Kind, das, wie Superman allen Kinder voranstürmt, sich dabei an Herdplatten verbrennt, sich die Hand durchsticht, Dauerpatient in den Kliniken wird und der Mutter große Sorgen bereitet, während die Großmutter von ihrem Schmerz erzählt und der Großvater, der die titelgebenden Herzklappen trägt, die aber sonst irgendwie untergeht, irgendwann stirbt. Die Großmutter erschießt sich ein paar Tage später. Alma und Friedrich stehen vor der Beerdigung und dann möchte Alma mit ihrer Familie nach Kasachistan reisen, um die Orte zu erleben, wo der Großvater Wehrmachtsoldat war.

Eine originelle Handlung könnte man sagen und dann noch noch in dieser wortgewaltigen Sprache. Die Rezensenten sind begeistert. Auf die Shortlist ist das Buch trotzdem nicht gekommen. Beim Öst nicht einmal auf die Lange und ich bleibe ein wenig ratlos zurück, würde sich die Realistin in mir, da doch mehr an die „Nebelkinder“ halten, obwohl dieses Buch ganz sicher nicht so literarisch anspruchsvoll ist.

2015-09-20

Winters Garten

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:00
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Auf Valerie Fritschs ersten bei „Suhrkamp“ erschienenen Roman habe ich mich schon sehr gefreut, habe ich die Entwicklung, der 1989 in Graz geborenen Autorin doch von  ihrer Lesung bei den „Textvorstellungen“ in der „Alten Schmiede“ an beobachten können. Da ist mir das große Talent der jungen Frau mit der „Bachmannstimme“ aufgefallen, die dann bald auch den „FM4 Preis“ gewonnen hat.

„Verkörperungen“, „Die Welt ist meine Innerei“ gelesen, beim „Bachmannpreis“ heuer sind mir schon ein paar antiquierte Wendung und eine eher altmodische Stimmung aufgefallen, wo ich mir doch Worträusche erwartet hätte, womit ich meine Schwierigkeiten, wie bei Andrea Winkler und Richard Obermayr hätte.

Bei der sehr vollen Lesung in der „Alten Schmiede“ zur Buchpräsentation, ist mir das nicht so sehr aufgefallen, dann erschien das Buch, kam auf die LL und wurde überall auf den Blogs, als die große lyrische Stimme und als das große Talent gelobt.

Klaus Kastberger war in Klagenfurt ja auch sehr begeistert und ich bin dem Buch im Zuge meines Longlistenlesens auch ein bißchen nachgerannt, wollte es mir schon früher kaufen, dann gleich beim „Thalia“ als erstes lesen, jetzt habe ich offenbar zu lang darauf gewartet und meine Erwartungen waren zu hoch.

Denn ich wurde, ich habe es schon geschrieben, von diesem „Kleinen Roman mit der großen Endzeitstimmung“ ein wenig enttäuscht.

Nicht, daß ich nichts verstanden hätte, denn im Gegensatz zu Andrea Winkler gibt es eine Handlung, sogar eine sehr einfache, aber diese Idylle von der Gartenkolonie, wo die Kinder in Frieden und Freuden aufwachsen und heimlich der Großmutter unter die Marmeladegläser schauen, wo sie ihre Totgeburten aufbewahrt, war mir wieder zu altmodisch und von vielen mir auch eher kitschig, als lyrisch scheinenden Metaphern gejagt.

Das ist der Stil der Valerie Fritsch, dieses atemlose Hasten von einer Metapher, einem Adjektiv zum anderen, beim Zuhören ist es wahrscheinlich auch beeindruckend, jetzt hatte ich meine Schwierigkeiten mit den „Papageiengeschmückten Dirnen, die auf die Matrosen warten“, mit den Vögeln die in Schwärmen über die Stadt flogen und überhaupt mit der Weltuntergangstimmung, die diesem so idyllisch aufgewachsenen Anton, der später Vogelzüchter wurde, der Vater war Geigenbauer, so passiert.

Wenn ich nicht wüßte, daß es der Roman einer sechsundzwanzigjährigen jungen Frau ist, die damit 2015 auf die LL  gekommen ist, würde ich das Buch, wenn ich es später mal, vielleicht während einem Weltuntergang, vergilbt in einem Kasten finde, für einen Gartenlaubenroman des Neunzehntenjahrhunderts halten.

Anton Winter verläßt die Idylle der Gartenkolonie, zieht in die Stadt, die an irgendeinem Meer liegt, Raum und Zeit habe ich in Besprechungen gelesen, ist bei dieser schönen Sprache unwichtig, in ein Hochhaus, wo er Vögel züchtet, doch da ist die nicht näher genannte Katastrophe schon eingebrochen, abgemagerte Menschen irren herum, der Strom geht aus, die Vögel fliegen davon und Anton findet Frederike, die diesmal nicht Ärztin ist, obwohl sie in einem Spital arbeitet, sondern gewesene Offizierin in einem Kriegsschiff, Valerie Fritschs Berufe sind ungewöhnlich, wie aus einem Märchenbuch.

Sie arbeitet freiwillig im Spital beziehungsweise Geburtshaus, denn trotz der Katastrophe kommen noch Kinder zu Welt, folgt Anton zuerst in seine Wohnung und später, als sie einer Frau beim Gebären hilft, deren Mann zufälligerweise Leander, Antons Bruder ist, ziehen sie zu viert mit dem Kind wieder in den Garten zurück.

Die Vögel lassen sie zurück, beziehungsweise läßt sie Anton aus und die Idylle finden sie in dem Garten  nicht mehr, denn zuerst verschwinden Marta und Leander, dann liegt Frederike totenbleich in Antons Arme und die Katastrophe beginnt beziehungsweise beendet sich:

„Schon wird es dunkel. Schon ging ein Ruck durch die Welt. Schon prasselten  die Witwenhäuschen im Feuer und schon fiel der Schnee wie Schrot…“

Natürlich es gibt es auch  schöne Wendungen und kluge Lebensweisheiten, Tobias Nazemi vom „Buchrevier“, auch ein sehr Begeisterter, hat sich viele angestrichen, so viele hätte ich nicht gefunden.

Mir war die Handlung, wie Mara Giese auch ein wenig zu einfach und, wie geschrieben, so poetisch habe ich diese Sprachgewalt nicht gefunden.

Es tut mir leid, vielleicht habe ich mir zuviel erwartet und ich habe bei meinem bisherigen Longlistenlesen auch schon zwei poetische Bücher gefunden.

Für mich würde das der Monique Schwitters an erster Stelle kommen, der Weyand ist mir ein bißchen zu komisch, obwohl mir das beim „Bachmannpreis“ nicht aufgefallen ist, so kann man sich täuschen, vielleicht ist das auch eine Erfahrung, die man machen muß.

Ich wünsche Valerie Fritsch, die auch für den „Alpha-Literaturpreis“ nominiert ist, natürlich alles Gute und vielleicht mache ich bei ihrem nächsten Buch wieder eine gegenteilige Erfahrung.

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