Literaturgefluester

2017-09-08

Refugees Worldwide

Weiter geht es mit den mir von „Wagenbach“ zur Verfügung gestellten literarischen Reportagen. Diesesmal geht es von Berlin und den Neuzehnhundertzwanziger Jahren in die ganze Welt. Denn da haben sich, in dem von Luisa Donnerberg und Ulrich Schreiber herausgegebenen Buch,  Schriftsteller überall zusammengesetzt und über die Flüchtlingssituation in ihrem Land einen Essay,  eine Kolumne geschrieben oder eben eine literarische Rweportage zu schreiben.

Den Auftakt macht die in Bremen geborene Nora Bosong, bestens bekannt aus dem Bachmannpreistext, den Nora Gomringer gewonnen hat und die schreibt nicht über Deutschland, sondern über New York, denn dort war sie im vorigen Sommer vierzehn Tage, interviewte Flüchtlingsberater, die ihr meistens alle die Unmöglichkeit versicherten, das Donald Trump die Wahl gewinnen würde.

Da gibt es ja ein gleinamiges Buch, das anläßlich des Wahlsieges wieder aufgelegt wurde.

Dann beschäftigt sich aber der in Nairobi geborene und in Mogadischu aufgewachsene Journalist Abdi Latif Dahir mit demgrößten Flüchtlingslager der Welt, Dadaab, das sich, glaube ich, in Kenia befindet und spricht mit Menschen, die dort schon seit einigen Jahrzehnten leben.

Dann geht es nach Brasilien, beziehungsweise nach San Paulo und hier beschreibt die 1975 geborene Autorin Andrea del Fuego unter dem bezeichneten Titel „Immer noch Menschenfresser“ die Lage in der Stadt.

Das heißt sie zitiert zuerst das „Manifesto Antropofagico“, wo die Brasilianer im sechzehnten Jahrhundert oder auch später gern das weiße Fleisch gegessen haben. Dann geht sie aber in Plattenläden, wo Flüchtlingsabendessen zubereitet werden, interviewt zwei Hidschab tragende Frauen, die sich in ihrer kreativen Schreibgruppe befinden, um besser Portugisisch zu lernen, geht in Kirchen oder in „Wiedereingliederungseinrichtungen für Geflüchtete“ und erfährt, daß die Syrier angeblich bessere Vernetzungsstrategen, als afrikanische Flüchtlinge hätten und meint, daß die Flüchtlinge in Brasilien immer noch, wie Sklaven behandelt würden und für Unterkunft und Essen bis sechzehn Stunden ohne Lohn arbeiten würden müssen und endet ihren Bericht damit, daß Brasilien die letzte Nation war, die 1888, die Sklaverei abschaffte.

Die 1979 im Sudan geborene Stella Gaitano berichtet vom Elend der Südsudanesen und meint, daß jeder das Recht haben müßte, in seiner Heimat zu leben, ein gutes Leben zu führen und seine eigene Kultur aufbauen zu können.

Während die ebenfalls 1979 in Marokko geborene und in Spanien lebende Najat El Hachmi von den Flüchtlingen schreibt, die sie mit dem Paß in der Hand auf der Autobahn von Cassablanca traf und die sich auch in in der Grenzstadt Nador aufhalten, um in das gelobte Spanien zu gelangen.

Der Pakistani Mohammed Hanif berichtet über die Situation der Hazara, die im südlichen Pakistan verfolgt werden und der 1979 in Nigeria geborene Journalist und Autor Abubakar Adam Ibrahim bringt uns die Situation in dem Bakassi-Flüchtlingslager nahe, in das man ihm zuerst gar nicht hineinlassen wollte.

Trotzdem gelingt es ihm Frauen zu interviewen, die mit ihren Kindern dorthin geflüchtet sind und erzählt von Fati, die von der Boku Haram zur Heirat  gezwungen werden sollte und fünfzehn Tage in ein Erdloch gesteckt wurden, als sie das nicht wollte.

Der 1964 in Aleppo geborene und in Damaskus lebende Khaled Khalifa beginnt in seinem Text mit den Anrufen von Mitgliedern seiner Familie, die ihm von ihrer Flucht nach Europa erzählen und macht sich, der in Damaskus bleiben möchte, Gedanken, was die Syrier zum Verlassen ihrer Heimat bringt.

Dann geht es nach Belize, wo viel Salvatorianer nach den Bandenkriegen der letzten Jahren geflüchtet sind. Der 1986 geborene Antropologe und Autor Juan Jose Martinez d`Aubuisson hat hier mit Alma, Jaime und Wendy gesprochen und berichtet von ihrem Schicksal, das sie und ihre Familie veranlaßten nach Belize zu kommen.

Die griechische Autorin Amanda Michalopoulou besucht ein griechisches Flüchtlingslager und wird dort von den dunklen Augen eines syrischen Mädchens, das sich einen Hut und eine Sonnenbrille wünscht, gefangengenommen, während der 1971 in Hamburg geborene Nils Mohn, die Situation von zwei Flüchtlingen in Litauen beschreibt, von denen es einer dort nicht ausgehalten hat.

Der Japaner Masatsugu Ono hat sich mit dem Schicksal des 1975 im Kongo geborenen Massamba Mangala, der 2008 nach Japan emigirierte und dort eine langjährige Odyssee erlebte, bis sein Status als Flüchtling anerkannt wurde, auseinandergesetzt, während die türkische Autorin Ece Temelkuran vom Schicksal einer syrischen Flüchtlingsfrau,  zu ihrem eigenen kommt und sich schlließlich sehr allgemeine poetische Gedanken über die Lage der Flüchtlingssituation macht und Artem Tschapa entführt und in die Ukraine und erzählt uns dort vom „Ewigen Tranist“.

Ein äußerst interessantes Buch, diese vierzehn weltweiten Reportagen, die uns auf literarische Art und Weise die Welt der Flüchtlinge und ihre Schicksale ein wenig näher bringen und uns die Augen öffnen kann über die Schwierigkeiten dieser Welt, so daß ich das Buch jeden, auch denen, die sich vielleicht vor zuviel Immigration fürchten, sehr empfehlen kann.

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2017-08-13

Aus dem Cafe Größenwahn

Jetzt kommt wieder etwas vom rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, mit dem ich ja schon in China war, das alte Prag und ihn dan noch im mexikanischen Exil besuchte.

„Wagenbach“ machts möglich, obwohl die Berlinder reportagen aus den Neunzehnzwanzigerjahren schon im Frühjahr 2013 erschienen sind.

Nun denn auf, bevor es an das große und auch doppelte Buchpreislesen geht, in die Weltstad,t der Zwischenkriegszeit,, die ja schon bei der guten alten Hedwig Courths Mahler so treffend beschrieben wird, ich nur damals, als ich sie verschlungen habe, leider noch nicht bloggte.

Der rasende Reporter aus dem alten Prag machts natürlich auf seine männliche überlegene Art mit der Prise Humor und da „sucht er sich gleich eine Frau“, denn in Berlin wurden die Heiratsannoucen oder die Heiratswilligen damals offenbar in einem Lokal ausgestellt.

Nur leider ist das schon geschlossen, als es der Reporter besucht,  die Damen, die in der entsprechenden Zeitung inserieren, passen dann auch nicht und die Heiratsvermittlerin im schmuddeligen Hinterhof kassiert zwar die Vermittlungsgebühr, meldet sich dann aber nicht mehr.

Dafür kann man in einer „Gelehrten Gesellschaft für okkultues Wissen“ alles über Lombros Totenköpfe erfahren und sehr hinterhältig listig ist die kurz Notiz über die „Weihnachtsfreude“ aus dem „Echtesten Berin W“, denn da schickt die Dame das Mädchen aus, den Christbaum samt Weihnachtsschmuck zu kaufen. Der wird dann am nächsten Tag samt Monteur und Grammaphon geliefert und die Familie braucht dann für die 325 Mark, die sie dafür ausgegeben hat, nichts weiter zu machen, als den stecker aufzudrehen.

Daß die Echtheit des Berlin vorwiegend aus Böhmen oder den anderen Kronländern stammt, wird dann im folgenden Artikel bewiesen und das Cafe Größenwahn war wohl das Cafe des Westens, Ecke Kurfürstendamm Joachimsthaler Straße. Da verkehrte die Bohemie, Künstler wie Else Lasker- Schüler, Erich Mühsam, etcetera, wurde dann vom Besitzer hinausgeschmissen, weil offenbar zu wenig Umsatz. Das Cafe auf schön renoviert, nur leider kamen dann die anderen Gäste nicht mehr.

In den Tabakläden wurden die Tabakdosen wegen unsittlicher Darstellungen am Deckel konfisziert, während die Lokale alle schon, um ein Uhr morgens geschlossen wurden, so daß die noch Amüsierlustigen, dann von Schleppern oder Spannern umgeleitet werden mußten.

Dann wird das Themas gewechselt und es geht in die „Bülowstraße“ zu einem „Nasendoktor“, der seine Patienten zuerst fragt, woher sie kommen und wieviel Geld sie hätten und dann kosmetische Korrekturen an ihren Nasen vornahm.

In die politische Situation geht es dann bei der Glosse „Professor Einstein stellt die Vorlesung ein“, da gibt es auch ein Bild von Albert Einstein aus dem Jahr 1925, wie das Buch überhaupt sehr schöne Fotos aus der damaligen Zeit hat.

Mit der Untergrundbahn wird auch gefahren und dann beschäftigt Egon Erwin Kisch sich mit den Auswirkungen der Inflation, wo ein Pfund Butter eine Million Mark kostet.

Mit den kriegsbedingten Veränderungen geht es gleich weiter. So wurden auf den Straßen die Normaluhren und die schönen alten Toilettenhäuschen, die es, glaube ich, in Wien manchmal noch zu sehen gibt, entfernt und dafür amerikanische Wechslestuben aufgestellt,  die Bettler kommen und die ehrbaren Gattinnen von nun arbeitslosen Architekten, die sich inflationsbedingt prostiutieren müssen.

Über die „Siegesallee“, das ist eine Reihe von Büsten, die Kaiser Wilhelm im Tiergarten aufstellen ließ, macht Kisch sich gehörig lustig und damit das so bleibt, gehts gleich in den „Lunapark“ der angeblich weniger harmlos als der „Wiener Wurstlprater“ war und ins „Anatomische Museum“.

Dann geht es zu dem Rettungsgürtel, der an der kleinen Brücke beim Landwehrkanal hängt oder hing. Das ist nur auf dem ersten Blick kurios, denn Kisch kommt  gleich zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die dort hineingestoßen und nicht gerettet wurden.

Weniger dramatisch, dafür kurios geht es weiter, wenn Kisch erzählt, wie er Experimente beim Trinkgeldgeben bei den Berliner Bus- und Straßenbahnschaffnern machte, die sich angeblich für fünf Pfennige dreimal verbeugen sollen, gibt man dagegen eine Mark wird man verachtet und muß vor Scham vorher aussteigen.

Dann gibt es noch das „Sechstagerennen“ und das „Böhmische Dorf“ und der Polizei wird das längste Kapitel des Buches gewidmet, die agiert oft sehr gewalttätig, hat Spitzel und Spione und dann wahrscheinlich auch sehr bald das Hakenkreuz angelegt und dem, dem politischen Aufstieg Hitlers ist die letzte Kolumne im Buch gewidmet.

Die wurde dann schon  schon 1933 geschrieben, die ersten stammen noch aus den Neunzehnhundertneunzehnerjahren und da wurde nach dem Reichstagbrandt der „ganze Kulturbolschweismus“ verhaftet. So läutete es  um fünf Uhr früh bei Kischs Wirtin, der konnte sich noch schnell anziehen und sich fünf Mark ausborgen. Dann wurde er ausf Revier gebracht, traf dort gleich Carl von Oissiesky, Ludwig Renn und andere Intellektuelle, so wie einen Rechtsnwalt, der aber ebenfalls verhaftet war und wurde mit ihnen nach Spandau gebracht.

Später hat er Berlin wahrscheinlich verlassen, emigrierte wie schon beschrieben nach Mexiko und kehrte nach dem dritten Reich nach Prag zurück, wo er 1948 starb.

Ein tolles Buch mit tollen Reportagen aus einem längstvergangenen Berlin, das ich allen, die sich nicht die Mühe machen wollen, sich durch gesamte Courths-Mahler zu lesen und die vielleicht auch als zu trivial empfinden, sehr empfehlen kann.

2017-04-12

Chiru

Der „Wagenbach-Verlag“ ist unter anderem ein Spezialist in italienischer Literatur. Da habe ich mir vor Jahren im Abverkauf bei der Buchlandung auf der Mariahilferstraße, eine Reihe ein Euro Büchlein gekauft und noch nicht sehr viel davon gelesen.

Der Alfred hat mir einmal einen Spezialband geschenkt und seit einem halben Jahr bekomme ich auch vom Verlag  Bücher angeboten, habe da ein sehr interessantes Debut entdeckt und jetzt auch etwas Italienisches gelesen.

Den neuen Roman der 1972 geborenen Sardin Michela Murgia und ich fühlte mich in die Zeiten eines Alberto Moravia versetzt, von dem ich ja auch einiges gelesen habe und kann nur staunend feststellen, daß die italienische Literatur offenbar etwas Besonderes ist, wo es knarscht und knistert voll geheimnisvoller Erotik, auch wenn die Autorin eine fünfundvierzigjährige Frau ist und in dem Buch Handies, SMS und blaue Fingernägel vorkommen.

Zum Glück tun sie es, denn sonst würde ich mich im Rom eines Alberto Moravia wähnen oder in Sizilien oder bei „Erica und ihren Geschwistern“ und es ist ein Buch mit vielen Fragezeichen.

Noch nie habe ich in eines soviele Fragezeichen hineingemacht, wie in diesen, wo es um die Beziehung einer achtunddreißigjährigen Schauspielerin zu ihrem achtzehnjährigen Schüler geht.

Die, die jetzt wissend nicken und „Aha!“, sagen, kann ich belehren, sie wissen nichts, denn darum geht es nicht.

„Um was geht es dann?“, wird man nun fragen.

Um das Knistern und die Spannung, die geheime Erotik, die heutzugtage vielleicht gar nicht so nötig wäre und auch, um das viele andere, was man nicht braucht oder doch. Doch nattürlich und das ist so wichtig, daß man dafür Lehrer braucht und die Schauspielerinnen sich Schüler halten.

Denn Chiru, der Achtzehnjährige ist Musikstudent, wozu braucht er also eine Schauspielerin als Lehrerin? Für den Sprechunterricht?

Nein, denn dieses Schüler-Lehrertum, von dem ich nicht sicher bin, ob es das tatsäöchlich in Italien gibt oder gab, ist eine Art Mentorentum oder auch nicht wirklich.

Eleonora soll Chiru in das Leben und in die Gesellschaft einführen. Und sie hat im Laufe ihres achtunddreißigjährigen Lebens schon einige solcher Schüler gehabt, drei um genau zu sein und sie waren alle jünger als Chiru. Deshalb ist ihr Ex-Geliebter Fabrizio auch besorgt und rät ihr davon ab, ihn anzunehmen, als sie ihm davon erzählt. Auch das ist etwas was ich nicht verstanden habe, was ist das Risiko daran?

Eleonora, die Ich-Erzählerin ist jedenfalls eine scharfsinnige Frau, die schon als achtjährige, das Unglück dieser Welt erkannte und es gibt ein paar sehr eindrucksvolle Szenen in den Buch, in eben diesen Moravia-Ton, würde ich meinen, die das belegen.

So hat Eleonra mit acht ihre Unschuld verloren, als sie mit Papa und Mama und dem älteren Bruder in dem Dörfchen, wo sie groß wurde, auf ein Fest ging und dort nicht den Eiswagen bekam, den sie sich wünschte, während der Bruder selbstverständlich, die Spritzpistole bekam.

Warum der Vater, das verwehrte habe ich auch nicht verstanden und auch nicht die Bedeutung darum herum.

Eleonora hat sich das Spielzeug aber offenbar selber gekauft, denn es steht jetzt in der Wohnung der erwachsenen Frau und es gibt noch so eine beeindruckende Sezne.

Das ist Eleonora schon über zwanzig, trägt ein schwarzes Kostüm und geht vorsprechen. Nachher wird sie von dem Regisseur zu einem Sushi-Essen eingeladen. Sie hat aber noch nie mit Stäbchen gegessen, kann es nicht, ist ungeschickt dabei, der Fisch fällt auf den Tisch oder auf den Boden und die Peinlichkeit beginnt.

Zwei wirklich sehr eindrucksvoll geschilderte Szene, obwohl mir die Bedeutung darum herum, wohl etwas zu pathetisch war. Denn natürlich muß man in Sardienien erst mit Stäbchen umgehen lernen, wenn man zu Hause mit Spaghetti aufgewachsen ist.

Eleonora entscheidet sich jedenfalls ihren Schülker anzunehmen und geht mit ihm in ein Stoffgeschäft, um ihn die unterschiedlichen Satmsorten anfassen zu lassen. Sie geht mit ihm auch auf Parties und dann geht sie auf eine Tournee nach Stockholm, Prag und noch wo anders hin.

Da soll er eigentlich mitkommen, aber in Stockholm beginnt sie ein Verhältnis mit dem dortigen Operndirektor Martin de Lorraine. Der war schon auf der Party in Italien und Chriu, der nicht wußte, daß er ein Operndirektor war, war unhöflich zu ihm.

Jetzt will der Eleonoras „Patensohn“ zum Vorspielen einladen, sie wehrt aber ab und als sie Chiru in Florenz dann doch trifft, bittet er sie darum und sie nennt das  genauso „ungehörig“, wie ihr damals der Vater den Wunsch nach dem Spielzeug versagte.

Es gibt dann noch eine Schlußszene, wo Eleonora mit dem Direktor in einem Restaurant ißt und Chiro dort mit einen anderen Direktor trifft und den beiden auch das Essen bezahlt und als Martin Eleonora fragt, ob das ihr Patensohn war, schüttelt sie den Kopf und verleugnet ihn.

Es tut mir leid, das war mir wohl zu viel bedeutungsschwangere und zu geheimnisvolle Erotik, beziehungweise eine solche, die ich in Zeiten, wie diesen eigentlich für unnötig und schon überwunden halte.

Vor ein paar Jahren habe ich Alberto Moravias „Romerin“ gelesen, die mir eigentlich ganz gut gefallen hat. Denn sie spielt ja in einer vergangenen Zeit, wo die armen Mädchen vielleicht wirklich nicht anders konnten, als sich und ihren Körper zu verkaufen.

Vor einem Jahr habe ich „Mimikri-das Spiel des Lesens“ gelesen und da sollte der Roman  erraten, beziehungsweise umgeschrieben werden und ich war erstaunt, als der Autor oder Gastgeber ihn sehr kitschig nannte.

„Nein!“, habe ich gedacht.

„Das war eben damals so!“

Jetzt lese ich einen Roman von einer fünfundvierzigjährigen Frau, die sich genauso in geheimnisvollen Andeutungen übt und lese am Buchrücken, daß das den Kritiker gefallen hat und sie den Roman auch sehr loben.

Ich denke, die Zeit der erotischen Spielchen ist oder sollte vorbei sein und habe vor einigen Jahren auch einen  italienischen Roman gelesen, der einer anderen Tradition entstammte, womit ich mir leichter tat.

2017-02-18

Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Jetzt kommt wieder eine Neuerscheinung auf die mich „Wagenbach“ aufmerksam machte, das jetzt im sogenannten „Eidechsenmonat“ steht und mir kurz darauf das Debut der 1988 geborenen Juliana Kalnay, die in Hamburg  geboren wurde, in Hildesheim studierte und auch in Malaga lebte, schickte und das seltsamerweise eine Fortführung des Oldies „Das Hochhaus“ sein könnte, das ich vor kurzem gelesen habe oder auch nicht.

Ingeborg Drewitz hat in ihrem in den Siebzigerjahren geschriebenen, sozialkritischen Roman, auf die Isolation und Einsamkeit in Hochhäuser hinweisen wollen, Juliana Kalnay tut das, glaube ich, auch, allerdings auf eine surrealistische Art. Irgendwo steht, glaube ich, etwas von magischen Realismus oder man könnte daran denken und ich bin jetzt gespannt, ob ich das Buch vielleicht auf der Nominiertenliste des nächsten dBp oder Debutpreises finde.

Originell finde ich es allemal, vielleicht ähnlich, wie das Buch der Nele Pollatschek vom Vorjahr, das allerdings auf den letzten Seiten durch seine gehäuften Todesfälle, die dann plötzlich auftraten, entglitt.

Hier bleibt, glaube ich, der neue originelle, frische Ton, obwohl, das schreibe ich jetzt auch gleich dazu, das Buch wahrscheinlich nicht leicht zu lesen ist und es ist auch optisch kreativ gestaltet, besteht es doch aus Dialogen, fast leeren Seiten oder solchen, wo im unteren Drittel ein paar Zeilen stehen.

Es gibt immer wieder Überschriften wie „Die Kinder im Haus“, „3. Stock, links: Blütezeit“, beispielsweise und dann gibt es eine Ich-Erzählerin, die ebenfalls durch die Wände sehen kann und alles, was im „Haus Nummer 29“, passiert, dokumentiert, aufzählt und beschreibt und in dem Haus Nummer 29 passieren viele sehr Ungewöhnlichkeiten.

Da gibt es zum Beispiel Rita, die älteste, die immer schon in diesem Haus lebte, alles weiß, weil sie am Balkon mit einem Spiegel sitzt, dabei strickt und trotzdem alles sehen kann.

Es gibt Maia, die sich immer in Löchern versteckt und  eines Tags verschwindet. Es gibt das Ehepaar Lina und Don und Don verwandelt sich eines Tages in einen Baum, der fortan auf Linas Balkon steht, sie streichelt ihn, schmiegt sich an ihn und kocht Marmelade aus den seinen Früchten. Es gibt auch Besucher, die in das Haus, in diese Wohnung pilgern, um sich den Baum anzusehen.

Es gibt Kinder, die barfuß durch das Haus schleichen, mit dem Feuer spielen, beziehungsweise Schnecken und auch anderes, in Grillpfannen verbrennen und stolz auf die Blasen an ihren Fingern sind.

Es gibt einen Mann, der im Lift wohnt und oben im vierten Stock seine Spiegeleier brät, zum Baden geht er zu einem Hausbewohner. Einmal versucht er es in einer anderen Wohnung und sieht dort im Bidet ein seltsamens Lebewesen.

Es gibt eine Schwester, die ihren Bruder im Kasten versteckt und mit Keksen, die in Manteltaschen stecken ernährt. Es gibt eine geheimnisvolle Wohnung, dessen Bewohner immer verschwinden und Kinder, die im Bett liegen und durch Löcher in der Wand das Geschehen beobachten und eines Tages, als sie ausziehen sollen, aus dem Fenster stürzen.

Es gibt Ronda, die mit einem Aqarium im Bett schläft und morgens mit toten Fischen auf ihrem Körper aufwacht, die sie dann in Blumentöpfen vergräbt, in denen sie Katzenminze anpflanzt.

Es gibt und und und.., eine ganze Reihenfolge sonderbarer Vorfälle, die nicht sein können und die es auch nicht geben kann, werden in einer poetisch schönen Sprache erzählt. Zusammenhänge und Handlung gibt es, glaube ich, keine, also sehr schwer nachzuerzählen oder zu spoilern.

Es gibt aber schon Dinge, die man erzählen kann. So stirbt Rita beispielsweise und kurz danach bricht in dem Haus, in dem schon vorher immer wieder Bewohner verschwunden sind, deshalb auch der Titel, ein Feuer aus und die Ich- Erzählerin erinnert sich viel später, als sie schon längst woanders wohn an diese Ereignisse, beziehungsweise schaut sie sich Fotos zur Erinnerung an.

Ein interessantes Debut einer jungen Autorin, von der ich schon sehr gespannt bin, was ich von ihr noch hören werde, vielleicht wird sie zum Bachmannlesen eingeladen, gewinnt den „Aspektepreis“, etcetera und weil ich immer gerne auf vergleichbares verweise, mit dem ähnlich lautetend Buch von Richard Schuberth ist das Buch nicht zu vergleichen, eher schon mit Simone Hirths Debut obwohl die „“Kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“, poetischer ist und gut, als Metapher für die Einsamkeit in den Hochhaussilos, wo man seine Nachbarn nicht kennt und nicht weiß, was in den Neben- Unter- oder Oberwohnungen passiert, zu gebrauchen.

Und da, denke ich, vergraben sich die Leute nicht in Löchern, braten wahrscheinlich auch keine Schnecken, verwandeln sich nicht in Bäume oder schauen durch geheimnisvolle Löcher, mißbrauchen vielleicht aber ihre Kinder, schlagen ihre Frauen, ritzen oder schneiden sich und hängen sich auf und wir haben keine Ahnung, bekommen es nicht mit und wollen es vielleicht auch gar nicht wissen.

2016-12-22

Kryptozän

„Liebe Blogger und Bloggerinnen!“, hat mir vorige Woche der „Wagenbach-Verlag“ geschrieben.

„Die Zukunft läßt sich nicht aufhalten. Zeitenwenden kommen ungeplant und unverhofft. Lange schon wurde spekuliert und gerätselt. Monatelang hatte sich der Anbruch eines neuen Zeitalters angekündigt und nun ist es geschehen. Das Kryptzän hat begonnen!“

Dazu gibt es eine Website und das Angebot sich Pola Oloixaracs ersten auf Deutsch erschienen Roman zu bestellen, in dem es in drei Handlungssträngen um die Verknüpfung von Überwachungs- und Genmanupulationsstrategien geht.

Die Grundlage dazu, habe ich in einer Rezension gelesen, ist „daß Argentinien die biometrischen  und genetischen Daten seiner Bürger in einem Ausmaß erfaßt, wie kein anderes Land.“

Und die 1977 geborene Autorin ist eine argentinische Schriftstellerin und hat, wie es scheint, nicht nur mit ihrem ersten, sondern auch ihrem zweiten, bei „Wagenbach“ erschienenen Roman großes Aufsehen erregt.

Denn das Thema Überwachung und, wie weit das Internet manipulieren kann, wenn man vielleicht zu bereitwillig oder auch unfreiwillig seine Daten hergibt, ist ja in aller Munde und da habe ich auch zufällig vor kurzem zwei Romane gelesen, die das Thema auf jeweils sehr unterschiedliche Weise erfassen.

Vereinfacht ausgedrückt, kann man Pola Oloixaracs Roman wahrscheinlich genauso ungewöhnlich, wie den von Jarett Kobek beschreiben. Er ist auch genauso schwer zu lesen, denn höre und staune, der Zukunftsroman, der uns wieder eine Dystopie vor Augen führt und ich weiß, was das ist, auch wenn mir das mein Kritiker Uli nicht zu glauben scheint, beginnt im Jahr 1892, denn da geht der Pflanzenforscher Niklas Bruun auf eine Expedition nach Patagonien, um die „Crissida pallida“ zu erforschen, macht von den beobachteten Pflanzen schöne Zeichnungen, die auch im Buch abgebildet sind, gerät wahrscheinlich in einen Drogenrausch, kommuniziert mit Ratten, die in dem Buch überhaupt eine große Rolle spielen und so weiter und so fort.

Und hundert Jahre später macht sich eine argentinische Studentin auf eine Forschungsreise nach Brasilien auf, wird dort geschwängert, unterbricht ihr Projekt, heiratet kurz den den Kindesvaters, kehrt aber bald schon mit dem Söhnchen zu ihren Eltern zurück und der, ein dickliches, ein wenig asoziales Kind, wie die Wunderkinder halt sind, entwickelt sich zu einem begnadeten Hacker, wo schon, als er zwölf ist, die Herren von der Bank bei der Mutter anklopfen, den das Söhnchen hat die Daten stillgelegt.

Der geht nun, weil das Hacken ja langweilig ist, auch nach Patagonien in  ein ehemaliges Atomforschungsinstitut, wo er nun die Vermischung digitaler und genitaler Daten erforschen soll.

Da sind wir jetzt schon im Jahr 2024, also ein bißchen in der Zukunft, Cassio, wie der begnadete Hacker heißt, ist schon über vierzig und eine schöne junge Biologin namens Piera, die den Sonderling an Monica Lewinsky erinnert, gibt es auch.

Das Wunderkind erkennt die Gefahren, die in einer solchen Firma liegen, nicht umsonst hat der Gründer beziehungsweise, der Freund, der Cassio dorthin brachte, die Firma still und heimlich verkauft und so macht er sich auf, die Computer dieser Welt mit Viren zu verseuchen und sich auf den Weg nach Chile, um dort in die Einsamkeit zu entkommen.

Ein interessantes und schon wegen seiner Zeichnungen, so ungewöhnliches Buch, wie Philiph Krömers „Ymir“, das beim „Bloggerdebutpreis“ an zweiter Stelle, hinter Shida Bazyar gekommen ist.

Die Nazis und die bösen Deutschen, die ja in Patagonien dieses Atomzentrum einmal errichtet haben, kommen vor und noch vieles anderes.

Sex und erotische Phantasien, die mich ja nicht so interessieren, etcetera, ein sehr ungewöhnliches Buch, für das der Verlag, wie  oben beschrieben, auch einen sehr ungewöhnlichen Aufwand machte, eine eigene Website anlegte, wo man einen Trailer und auch Interviews mit der schönen Autorin und anderen lesen kann.

Spannend zu lesen und darüber nachzudenken, wie wir den Gefahren unserer Datenverschmelzung entgehen können, nicht umsonst habe ich mich in letzter Zeit ja auch mit den „Wissenschatlichen Cartoons“ aus dem „Holzbaum-Verlag“ beschäftigt, wo das Ganze viel harmloser gezeichnet wird.

Spannend sich durch die drei Handlungsstränge zu lesen und, um auf die Frage, des „Amazons-Rezensenten“ zurückzukommen oder sein Erstaunen zu beantworten, wieso ein Hackerroman im Jahr 1882, beginnt?

Der Anfang ist das Ende und alles führt in die Vergangenheit zurück, denn „ohne es zu wissen, wandelt er so auf den Spuren anderer Forscher, die schon am Ende des 19. Jahrhunderts einen radikalen Transhumanismus predigten. Als er erkennt welch finsteres Kalkül hinter dem Projekt steckt, steht Cassio vor der Frage, die jahrelang  auf seinem T-Shirt prangte: Hacker oder Beherrschte? Mit atemberaubenden Tempo und abgründigen Humor erzählt Pola Oloixarac von den alten und neuen Kontrollphantasien desMenschen – und schreibt ganz nebenbei noch eine Biografie des Internets. Kryptozän beweist, was wir spätestens seit Edward Snowdon ahnten. Der politische Held unerer Zeit ist der Hacker – ob wir wollen oder nicht!“, steht noch am Klappentext.

Interessant in letzter Zeit soviel über das Internet, aber auch über die Gentechnik gehört zu haben, denn Elisabeth Reichart hat ja auch einen diesbezüglichen Roman geschrieben, aber der ist noch nicht zu mir gekommen.

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