Literaturgefluester

2018-07-10

Die Brille mit dem Goldrand

Filed under: Bücher — jancak @ 00:49
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Buch vier der „Hotellreihe“, der wiederaufgelegten Bücher aus dem „Wagenbach-Verlag“, die uns wahrscheinlich in der sommerlichen Leichte, einen guten Einblick durch die Geschichte und die verschiedensten Gegenden Europas geben sollen, vielleicht auch einen Einblick in die verschiedensten Stile.

Sicher eine gute Idee, Altes wiederaufzulegen, nur mit dem Hotel hat Giorgio Bassanis „Die Brille mit dem Goldrand“, noch weniger als Christoph Meckels „Der wahre Muftoni“ zu tun, obwohl die Sommerfrischler, die Mitglieder der guten Mittelschicht des faschistischen Italiens, die hier beschrieben werden, ihre Nächte an der Adria natürlich in einem Hotel verbracht haben dürften und wenn ich mich nicht irre, ist es wieder ein Grandhotel, das hier Erwähnung findet, nur in diesem halten sich die Protagonisten, während der beschriebenen Ereignisse, glaube ich, nur ein einziges Mal, wenn überhaupt, auf.

Giorgio  Bassani wurde jedenfalls 1912 in Bologna geboren und starb 2000 in Rom. Er ist glaube ich ein sehr politischer Autor und von ihm habe ich auch „Der Reiher“, ebenfalls bei „Wagenbach“ herausgegeben, in meinen Regalen. Denn da gab es ja vor Jahren einen Abverkauf bei der „Buchlandung“ auf der Mariahilferstraße, die es ja in dieser Form nicht mehr gibt und da gab es eine Reihe Italiener in der „Wagenbach TB-Reihe“, um einen Euro, zehn Schilling, waren es, glaube ich nicht mehr, denn es wird wahrscheinlich 2006 oder 2007 gewesen sein und ich habe „Erica und ihre Geschwister“ davon auch gelesen und außerhalb dieser Reihe, seit den Bücherschrank- und Literaturgeflüsterzeiten auch einiges von Alberto Moravia und so bin ich an diesen italienischen Stil der Zwischen oder Vorkriegszeit, diese knisternde und bedeutungsschwangere Erotik schon gewont und habe sie bei Michela Murgia, die ja viel jünger ist, erst im letzten <Jahr wiedergefnuden.

Ich könnte aber auch Thomas Mann und seinen  Tod in Venedig“, damit man weiß, was gemeint ist, erwähnen und füge hinzu, daß ich mir mit solchen bedeutungsschweren Gefühlsgeschichten sehr schwer tun, weil sie meinen Widerstand erregen und ich eigentlich die Gefühlsregungen dieses Doktor Fadigati, des Nannes mit der Goldbrille nicht nachvollziehen kann. Sie erscheinen mir, der 1953 geborenen, sehr widersprüchig  und ich kann nur sagen, daß es Gottseidank sowetwas nicht mehr gibt, zumindest hoffe ich das.

So wird aber dieser Dr. Fadigati in den achtzehn Kapiteln der Erzählung auf jeden Fall sehr wiedersprüchig geschildert und man weiß auch nicht genau, wie alt er ist?

Da steht einmal etwas von vierzig und dann ist er plötzlich ein alter Mann. In wenigen Monaten gealtert, gedemptigt, stotternd. Von einem jungen Schönling total ausgenommen, obwohl er doch vorher so erfolgreich war.

Ist er doch HNO- Arzt, Leiter der entsprechenden Abteilung im Krankenhaus mit einer schönen modernen Privatpraxis, wo sämlichte Honoratoren von Ferrara, wo die Geschichte in den dreißiger Jahren spielt, Hitler an die Macht gekommen ist, Dollfuß erfordet und die Juden in dem Städtchen sich Sorgen machen müssen, ob die Rassengesetzte nicht auch bald in Italien angewendet werden, seine <Patienten sind und ihren kindern von ihm die Mandeln nehmen lassen.

Er ist auch ein großer Kunstkenner, geht in die Oper, ist literarisch gebildet, sammelt Gemälde, die man sich in seinem Wartezimmern, wo  die junge schöne Sprechstundenhilfe, die Patienten freundlich begrüßt, auch ansehen kann und hat nur einen Makel, er ist unverheiratet. Hat auch keine Köchin, so kauft er sich zu Mittag seine Thunfischdose und seinen Aufschnitt selbst und am Abend wird er meistens in einem Kino gesehen und so fängt man zu munkeln an, ob er nicht vielleicht und ob es sein könnte…

So fängt es jedenfalls sehr packend und dicht beschrieben, im erste Kapitel an. Dann fährt er plötzlich zweimal in der woche mit dem Zug zweiter Klasse nach Bologna, besucht dort aber die dritte, wo die Stundenten und auch der Erzähler fahren und dort lernt er einen schönen blonden Sportstudenten kennen, verfällt ihm offenbar sofort, wird von ihm gedemütigt und macht sich völlig wehrlos, total lächerlich und mir fällt soetwas schwer zu lesen, wenn es auch vielleicht in den Dreißigerjahren in Italien oder sonstwo sowas gegeben haben mag.

Dann kommt der August und der Erzähler fährt mit seiner Familie ans Meer, wo auch Dr. Fadiati mit seinem Lebhaber Station gemacht hat und der dort mit seinem roten Alfa herumfährt. Kann ein HNO Arzt und Abteilungsvorstand wirklich seine Praxis für zwei Monate verlassen?

Die gute Gesellschaft die sich auch am Strand befindet, redet jedenfalls scheißfreundlich und hinterhältig von ihm und seinen Liebhaber. Der kommt aber nicht, läßt den Doktor warten und stottern, denn er fährt mit dessen Auto nachmittags mit zwei Frauen davon und lädt auch noch andere ein, mitzukommen und als sich der Doktor vielleicht doch wehren will, schlägt er ihn zusammen und raubt ihn aus und der kann ihn nicht anzeigen. Wahrscheinlich wäre das damals wegen der damaligen Gesetze  auch nicht möglich gewesen und so bleibt ihm nichts anderes über, nachdem er seine Stelle und seine Patienten verloren hat, als in den Po zu gehen und der Erzähler erfährt aus der Zeitung davon und erzählt seiner Familie, man ist wieder in Ferrara, während des Mittagessens davon.

Ganz schön beklemmend diese Geschichte.

„Ein genau gezeichnetes Portrait der guten  Gesellschaft und, wie sie ihr Fähnlchen in den Wind hängt,“, steht noch am Buchrücken und mich hat an diesem beklemmenden Portrait vor allem die Vebindung mit dem herannahenden Faschismus beeindruckt.

Die plötzliche Schwäche des erfolgreichen Arztes und Kunstliebhabers war mir nicht nachvollziehbar. Er ist homosexeull gut, muß er dann aber mit über vierzig Jahren, jeden Jünglichen verfallen und von ihm ausrauben, ohrfeigen und lächerlich machen lassen?

Ich würde Homosexualität anders beschreiben und das wird sie inzwischen auch und die Verbindung mit dem Faschismus ist mir auch nachvollziebar und um mehr über Giorgio Bassani, sein Schreiben und seine politsche Einstellung zu erfahren, müßte ich wohl endlich den „Reiher“ und vielleicht auch adneres von ihm lesen und jetzt fehlen mir noch zwei Bücher aus der Hotelreihe, die dieses Wort schon im Namen tragen, nämlich Markus Ohrts Zimmermädchen, wo dieses glaube ich, unter dem Bett eines Hotelgastes liegt und Arnold Bennetts „Grand Hotel Babylon“ von dem ich noch gar nichts gelesen habe.

Mal sehen, ob diese Bücher zu mir kommen, obwohl ich ja schon eine sehr beeindruckende Backlist habe?

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2018-07-07

Grandhotel

So nun habe ich die dritte Nacht im Hotel verbracht, denn „Wagenbach“ hat ja sozusagen eine Sommerreihe, wo er sechs ältere oder neuere Bücher, die alle irgendwie im Hotel spielen, wieder aufgelegt oder neu herausgebracht und so bin ich mit Vicki Baum in den letzten Tagen des Krieges im Hotel Berlin gewesen, da wußte ich noch nichts von der Reihe, war nur erfreut, daß ich endlich an das Buch kommen kann, als ich es bei „Anna Jeller“ in der Auslage liegen sehe, dann habe ich mit Christoph Meckels Sussanne und ihrem neugeborenen Bruder eine irrwitzige Reise durch ganz Europa unternommen und Hotels ja, natürlich, kommen auch ab und an darin welche vor, während Jaroslav Rudis, der heuer den „Preis der Literaturhäuser“ bekommen hat, zweiten auf deutsch erschienen  Roman, wie schon der Name sagt, wieder in einem Hotel spielt.

Nämlich in dem futoristischen Grand Hotel hoch auf einem Berg in Liberec, vormals Reichenberg gelegen, dasm glaube ich,  eine Raketenform hat und hoch in den Himmel ragt und Jegr, der Besitzer hat es auch in ein postkommunstisches Museum verwandelt, denn das Buch spielt 2003 und Held ist Fleischman, ein junger Mann mit scharfer Zunge, ein Außenseiter, der da seine Geschichte erzählt.

Er hat seine Eltern verloren, als sich der Vater ein Auto kaufte und mit ihm und der Mutter einen Ausflug unternehmen wollte. Am Stadtrand kam es zu einem Unfall, Fleischman in die Psychiatrie, seither hat er auch einen „Eierkopf“ und die Nase rinnt ständig. Aber er wurde schon  früher in der Schule von den Mitschülern gehänselt, geprügelt und hatte, wie man so sagt, immer das Bummerl.

Jetzt erscheint eine Alte vom Sozialamt und bringt ihm zu Jegr, einem entferten Verwandten, der einen Lebensmittelladen hat, also das Kind gegen einen Sack Orangen tauscht, wie Fleischman lakonisch erzählt.

Der Verwandte kommt dann zum dem Hotel und Fleischman wird zum Mädchen für alles und plaudert nun locker über sein Leben oder seine Erlebnisse dort.

Er muß auch wöchentlich zu einer Frau Doktor, der er sein Leben erzählt und, die das Verdrängte aus ihm sichtbar machen will, denn Fleischman lebt in den Wolken. Er ist ein Wetterbeobachter, schreibt dreimal täglich auf, wie es ist, zieht seine Zusammenmhänge daraus und der schönen Fernsehmetreologin, wenn die etwas Falsches darüber sagt, den Hochdruck beispielsweise mit dem Tiefdruck verwechselt, schreibt er dann Briefe zur Richtigstellung, die alle mit der immer gleichen Autogrammkarte beantwortet wird.

Jegr erzählt ihm dagegen von seinen Liebschaften, nennt ihn „Einhandflötist“ und gibt ihm den Rat fürs Leben „Ficken, ficken, ficken!“ und sich außerdem für Fußball zu interessieren, wo Fleischman von beiden vorerst nichts hält. Das Erstere wird sich ändern als Ilja in dem Hotel erscheint und das Zimmerdmädchen Zuzana will schon etwas von ihm, wo er aber widersteht.

Dann gibt es noch Franz, einen Rentner, der aus Liberec nach dem Krieg vertrieben wurde, jetzt aber zurückkommt, sich lebenslang in dem Hotel einquartiert und Fleischmann einen wichtigen Auftrag gibt.

Er hat nämlich zwei Kaffeedosen im Gepäck, in diesen befindet sich die Asche von zwei Freunden, die ebenfalls aus Reichenberg vertrieben wurden. Die soll jetzt an den Ausgangsort zurück , das heißt dort verstreut werden, wo die Freunde geboren wurden.

Was nicht so einfach ist, denn nur bei einem steht das Haus noch da, bei dem anderes ist es inzwischen ein Kaufhaus geworden.  Franz Geburtshaus ist jetzt eine Spielhölle und der Betreiber einer von Fleischman einstigen Peinigern und Fleischman hat noch ein Problem. Er kann nämlich die Stadt nicht verlassen, so oft er es versucht, an der Tafel mit der Stadtgrenze, wo der Unfall passierte, macht er Halt, steigt aus und bekommt eine Panikattacke.

So versucht er es mit einem Ballon, baut sich diesen zusammen und steigt mit den zwei Flaschen in denen sich inzwischen auch Franz Asche befindet ein. Jegr, der ihn davon abhalten will, nimmt er mit und dann kann Franz zu seinem Anfang zurückkehren und Fleischman entkommt vielleicht auf den Weg zu den Wolken seiner Stadt.

„Cool witzig, kritisch, politisch, poetisch widerständig, anti-bürgerlich, berührend und verführerisch -kurzum: literarischer Rock n roll steht“, am Buchrücken.

Ich kann noch anmerken, daß Jaroslav Rudis 1972 geboren wurde und in Prag lebt.

Und ich werde mich demnächst auf eine Reise mit Giorgio Bassani wahrscheinlich nach Italien begeben. Wie weit eines oder mehrere Hotels da eine Rolle spielen, wird sich herausstellen.

2018-07-05

Der wahre Muftoni

Filed under: Bücher — jancak @ 00:15
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„Eine Nacht im Hotel zu gewinnen (oder viele) hat mir „Wagenbach“ vor kurzem geschrieben und mich davon informiert, daß sie in der TB-Reihe sechs große Roman, die alle vom Hotelleben handeln oder dort spielen, wieder aufgelegt haben.

Etwas, was mir gar nicht so unbekannt gewesen war, bin ich doch doch vor fast zwei Monaten von der Wien-Bibliothek und dem Jahr 1938 nach Hause gegangen und habe da bei „Anna Jeller“ in der Auslage Vicki Baums „Hotel Berlin“ liegen sehen, auf das ich ja schon so lange spitzte und eigentlich nicht glaubte, daß ich es jemals bekommen würde und da stand  hinten etwas von „Menschen in Hotels“ zu lesen und die Namen der sechs, beziehungsweise fünf Bücher waren abgedruckt.

Markus Orths „Zimmermädchen“, aus dem er, glaube ich, lang lang ists her einmal in Klagenfurt gelesen hat, war dabei und ich habe angesichts der Bücherberge, die mich umgeben, darauf vergessen.

Wurde nun wieder erinnert und ja eine Nacht im Hotel, läßt sich angesichts der nahenden Sommerfrische die ja inzwischen nur mehr aus verlängerten Wochenenden besteht, immer gerne gewinnen, habe aber das „Zimmermädchen“ und auch Jarolav Rudis „Grand Hotel“, der ja heuer den „Preis der Literaturhäuser“ gewonnen hat, ignoriert und mir stattdessen Christiph Meckels „Der wahre Muftoni“ gewünscht.

Denn von Chruistoph Meckel, dem 1935 in Berlin geborenen Autor und Graphiker, den ich eigentlich für einen Ostdeutschen hielt, obwohl er in Freiburg aufgewachsen ist, habe ich schon einiges gehört und auch einige Bücher in den Regalen von denen ich, fürchte, noch nicht viel gelesen habe, also der „Wahre Muftoni“ für meine zweite Nacht im Hotel und wurde, was soll ich sagen, gleich einmal enttäuscht.

Auf der einen Seite nur, denn wenn auch am Buchrücken „Wir lebten, wer weiß, zum letzten Mal im Hotel, im luftigsten unserer Stile – Salut und chapeau! Wir gingen wie gewähnlich am Morgen aus, begrüßten den Herrn Portier und blieben weg“, heißt, so ist von Hotelleben und seinenMenschen darin, in dem Buch nicht viel die Rede, so daß ich fragen kann, hat der, der das 1982 bei „Hanser“ erschienene Buch für die Sommerreihe aussuchte, es überhaupt gelesen oder ist er nur ein Meckel Fan, der es unbedingt und um jeden Preis einschmuggeln und wieder auflegen wollte?

Denn es geht in dem phantasischen märchenhaften kleinen Büchlein mit zehn Illustrationen vom Autor um sehr viel, am wenigstens aber um Hotels, obwohl, ja natürlich, eines in Paris vorkommt und eines in der Normandie und dann noch ein Landgasthof, wo alles beginnt.

Aber beginnen tut die skurrile kleine Geschichte, die sich sehr wohl als Sommerlektüre eignet ganz traditionell orignell mit einem Klappentext, dem Motto und der Widmung und dann geht es los mit dem Leben der Susanne, die ihren Bruder verloren hat, was sie sehr traurig macht, so daß sie mit ihrem Auto zu dem Gasthof reist, wo die Kinder „in Milchkannen schlafen gelegt werden“, man sieht schon den skurillen Stil und es „überall nach Rauchspeck, Hefe und frischen Holunder“ riecht. Sie will schlafen gehen, da hört sie Rufe aus dem Kohlenkeller „Susanne, Susanne!“, klingt es ihr entgegen und sie in einem Faß einen „erwachsenen Gnom mit dem Kopf meines Bruders“, findet.

Der muß natürlich erst wachsen, also schmuggelt sie ihm am Dienstmädchen vorbei in ihr Zimmer und ernährt ihn tüchtig mit der Vollpension und als er groß genug ist, läßt sie ihn des Nachts hinaus und am Morgen klopft das Dienstmädchen und sagt artig „Fräulein susanne, der Herr Bruder ist da!

Die beiden frühstücken noch einmal zusammen und verlassen dann den Gasthof. Fahren nach Paris und quartieren sich, jawohl im GRANDE BRETAGNE, „einem schrägen Haus“ ein, denn der wahre Muftoni, so wird das zwergenhafte und jetzt großgewordene Brüderchen genannt, oder auch petin Matin, besitzt eine Zauberhose, aus der die Gelscheine nur so herausquellen, so daß er dem Schwesterchen alle Wünsche erfüllen kann.

Der Geldsegen versiegt allerdings sehr bald, so verlassen die Beiden und das ist die schon zitierte Stelle, das Hotel und ein wahrer geisterhafter Reigen durch ganz Europa oder auch ins ferne Amerika zu den Warner oder sonsitgen Brothers beginnt.

Denn jetzt werden Coups ausgedacht, Häuser, Villen und anderes überfallen, Plakate entworfen und damit  viel Geld gemacht, das wieder zerrinnt. Ein Riese wird gefunden, ein Fräulein entwächst einem Ei, bis alles, wie üblich zu Ende geht. Der Traum zerrinnt und das Brüderchen wieder schrumpft und wenn ich auch nicht, wie versprochen eine oder zwei Nächte in einem Hotel verbracht habe, so habe ich doch mit Christoph Meckels wiederaufgelegten Buch eine höchst phantastische Reise durch die Welt gemacht und bin jetzt auf das Weitere, auf eventuell folgende Hotelnächte, sowie auf meine Sommerfrische in Harland bei St. Pölten, ganz ohne Hotelzimmer sehr gespannt.

Und ein Nachwort, ja richtig, fast hätte ichs vergessen, gibt es in ähnlich phantastischen Stil geschrieben, natürlich auch.

2018-06-02

Hotel Berlin

Filed under: Bücher — jancak @ 00:19
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Ich bin ja irgendwie ein Fan der 1888 in Wien geborenen und 1960 in Holllywood gestorbenen Vicki Baum, die schon 1931 in die USA ging, die Staatsbürgerschaft annahm und ihre späteren Bücher auf Englisch schrieb und habe in dem berühmten Bücherkasten meiner Eltern einige ihrer Bücher in Büchergilde-Gutenberg-Ausgeben gefunden und gelesen.

„Hotel Shanghai“ und „Marion“ beispielsweise, wie ich mich erinnern kann und in den Bücherschränken findet man auch einiges von ihr, so daß ich schon eine kleine Vicki Baum Sammlung habe.

„Menschen im Hotel“ beispielsweise habe ich dort gefunden und schon vor ein paar Jahren gelesen und das ist wohl der bekannteste Baum-Roman, der auch unter dem Titel „Grand Hotel“ mit Heinz Rühmann verfilmt wurde. 1929 wurde er geschrieben und trägt die Bezeichnung „Kolportage Roman“.

„Stud. chem. Helele Willfüer“ habe ich auch gefunden und im Jahr 2016 hatte ich sogar einen eigenen Vicki Baum Schwerpunkt mit sechs ihrer Romane vor, nur leider habe ich da schon „Buchpreis“ gelesen, die Verlage haben mir zugeschickt und da ich da ja schwer nein sagen kann und Rezensionsexemplare immer vorziehe sind es nur drei Bücher geworden.

Und heuer habe ich die „Goldenen Schuhe“ auf meiner Liste, aber ob ich da zum Lesen dazu komme ist auch schon fraglich, habe ich ja wieder das doppelte oder dreifache Buchpreislesen vor und auch schon ein paar Herbstvorschauen  angefragt.

Und da ich mich ja sehr für die Zwischenkriegszeit interessiere, habe ich mich mit Vicki Baum auch theoretisch beschäftigt und herausbekommen, daß es außer den „Menschen im Hotel“, das in den Zwanzigerjahren spielt und dem 1939 erschienenen „Hotel Shanghai“, das sich mit der Situation, der aus Nazi-Deutschland Geflüchteten beschäftigt, noch einen dritten Hotel Roman, nämlich „Hotel Berlin“ oder wie in „Wikipedia“ steht, „Hier stand ein Hotel“, 1943 im Exil und auf Englisch geschrieben, das sich mit Nazi-Deutschland, beziehungsweise den letzten Tagen des dritten Reiches beschäftigt.

Das hat mich natürlich neugierig gemacht und ich war sehr begierig auf das Buch, habe in den Bücherschränken immer  danach ausgeschaut und mich auch vor kurzem im Literaturhaus mit der Herausgeberin von „Makkaroni in der Dämmerung“, verstreuten Baum Texten darüber unterhalten und gefragt, ob „Atelier“ vielleicht auch an eine Herausgabe denkt.

„Das Buch ist sehr schwer und nur antiqurisch zu bekommen“, hat die mir, glaube ich, gesagt und dann bin ich vor zwei Wochen, als ich in der Wien-Bibliothek um mir die Präsentation von „Wien 1938″ anzuhören, an der Buchhandlung Jeller vorbeigegangen und habe gesehen,“Wagenbach“ hat es neu herausgebracht.

Vorige Woche habe ich es dann bekommen und da ich da vorrübergehend mit dem Rezensionsexemplar- Lesen fertig war, jetzt liegen inzwischen schon wieder vier auf dem Badezimmerstapel, habe ich es jetzt gelesen und  muß sagen, das Buch ist, was ich, glaube ich, schon gehört habe, sowohl sehr kitschig, als auch sehr interessant.

Letzteres vor allem durch das Vorwort das Vicki Baum wohl ihrer Erstausgabe vorangestellt hat, wo sie die Frage, die mir eine Stammbesucherin erst vor ein paar Tagen gestellt hat, ob es sich bei dem Hotel, um das berühmte „Adlon“ handelt, damit geantwortet, daß auch bei „Menschen im Hotel“, weder das „Adlon“ noch das „Eden“ gemeint war und daß die Idee zu dem dritten Hotel-Roman ihr durch die Überlegung gekommen ist, wie es den Menschen im Hotel wohl 1943 gehen würde, so daß sie es wohl, als eine Fortsetzung gedacht hat.

Als prophetischer Roman wird das Buch auch  bezeichnet, nimmt Vicki Baum, da es ja in den letzten Tagen des Krieges spielt, einiges vorweg und das Material dazu hat sie, wie sie schreibt aus den Erzählungen Emigrierter entnommen und erfragt.

So gesehen ist diese Phropezeiung wohl besonders spannend und ich kann mich an die „Menschen im Hotel“ nicht mehr so genau erinnern, das Buch beginnt aber, glaube ich, auch in der Hotelhalle mit den Portieren und Rezeptionisten.

Hier ist es auch so. Es war gerade ein Luftangriff, die Menschen sind noch, wie vorgeschrieben im Luftschutzkeller und kommen erst allmählich heraus und das Hitler Bild hat es wieder, wie in den letzten Tagen zuvor durch die Angriffe von der Wand geschmissen, so daß es der Portier mürrisch aufhebt und nach einer Stelle sucht, wo er den neuerlichen Nagel einschlagen kann.

Die Portiere sind zweite oder dritte Auswahl, nämlich alte oder schon kriegsgeschädigte Männer, einer davon hat aber schon einen Einberufungsbefehl bekommen, man braucht frischfleisch, der flucht, während der hinkende Hotelarzt sich nach einer solche sehnt, um sich als nützlich zu erweisen.

Da diese nicht kommt, muß er sich den Hotelgästen widmen und hat da auch einiges zu tun, denn das Hotel ist ein Nazihauptquartier, Konferenzen werden abgehalten und nur die alte Botin, die regelmäüßig mit den Telegrammen kommt und damit die Horrormeldungen des Tages berichtet, ist soetwas wie ein kritische Stimmung und außerdem eine sehr skurrile Person, denn es sitzen ja auch die Gestapoleute vor und neben der Tür und halten alles in Aufsicht.

Ansonsten gibt es noch einige kuriose Bewohner, nämlich den Nazidichter Johannes König, den einzigen von Rang, der nicht emigriert ist und jetzt Jubelgedichte schreibt und sich um den Verstand trinkt und der spielt mit einem englischen Dichter Schach, der herzkrank ist, von den Nazis gefangengehalten und gezwungen wird, Jubelberichte für die Engländer im Rundfunk zu lesen, obwohl eigentlich niemand mehr an den Endsieg glaubt oder doch, die Schauspielerin Lisa Dorn, ein ehemaliges Wiener Arbeitermädel, das einmal dem Führer Blumen überreichen durfte und sich dadurch in die Herzen der Bonzen und der Frontsoldaten einspielte, glaubt das noch und ist blond und blauäugig, die Geliebte eines altes General, der selbst schon nicht mehr  an den Sieg glaubt, sondern mit anderen Generälen einen Putsch versuchte, der aber gescheitert ist.

Die Telegrammbotin, die in die Idylle kommt, ein verwundeter Fliegerleutnant,  der drei Tage Urlaub hat und sich nach den Mädels sehnt, ist auch noch eingetroffen, hat triumphierend verkündet, daß man Martin Richter, der hingerichtet werden sollte, den Nazis aber davon lief, noch immer nicht gefunden hat. Der soll sich, wie man munkelt in dem Hotel verstecken, so wird nach ihm gesucht und dann passiert, was man heute wahrscheinlich so nicht mehr schreiben kann, daß die blonde blauäugige Schauspielerin vom Theater zurück kommt, der General will zwar zu ihr aufs Zimmer, kann aber nicht, weil gerade für die Bonzen ein Bankett stattfindet, so zieht sie sich, um ihre Rollen zu studieren und einen ruhigen Abend zu haben, in dieses hzurück.

Geht ins Bad, läßt sich das Abendessen servieren, das von einem anderen Kellner, als den erwartetetn Gaston gebracht wird. Ihr Zimmer wird durchsucht und als sich die Gestapo wieder entfernt, ist der Kellner in Ohnmacht gefallen und sie verliebt sich in den geflüchteten Martin Richter und beginnt ihn zu verstecken, beziehungsweise aus dem Hotel zu schmuggeln.

Denn Vicki Baum, die Unterhaltungsschriftstellerin, versteht ihr Handwerk und und weiß äußerst spannend zu erzählen. So passiert in den vierundzwanzig Stunden in denen die Handlung passiert sehr sehr viel.

So wird der General, dessen Putsch ja gescheitert ist, zum Selbstmord gezwungen. Er will mit Lsa nach Stockholm fliehen, so kommt er in ihr Zimmer und Martin muß sich im Bad oder hintern Vorhang verstecken. Sie weigert sich standhaft mitzukommen und redet sich auf ihre Proben aus.

Ein mutiger Hotelpage, der sich an dem Hinausschmuggeln, denn die Kellner, die das zuerst versuchten, wurden verhaftet, gibt es auch und ein kleines Animiermädchen, das von Nazis zum Ausspionieren der Gäste eingesetzt wird, das Lisa um ihre schönen Kleider beneidet und sich nach ein paar neuen Schuhen sehnt, weil ihre schon sehr zerfetzt sind, die hat, was man nicht gleich merkt, das Herz auf dem rechten Fleck und kommt, glaube ich, nicht zu den Schuhen und Martin taucht am nächsten Tag, während Lisa im Theater ist, bei dem englischen Dichter auf, der ihm rät, sich in einer Uniform aus dem Hotel zu begeben, die wird gefunden und während Lisa mit ihm das richtige Umgehen darin, übt, kommt ein weiterer Nazibonze und durchsucht wieder Lisas Zimmer, der Flieger taucht auf und will in Lisas Bett und einen Todesfall gibt es unglücklicherweise auch.

Der General darf noch mit Lisa Mittagessen und sein Testament aufsetzen, muß sich aber bis halb fünf erschießen, was er auch  gehorsam tut und dann taucht noch eine alte jüdin auf, die ihren Stern in ihrer Handtasche versteckt und als der nächtste Luftangriff kommt, muüssen alle in den Luftschutzkeller und das Hotel wird, wie schon der Name einer anderen Auflage sagt, ziemlich zerstört. Lisa kann aber mit den Pagen entkommen und zu Martin, der heil und muter bei dessen Vater untergebracht ist, fahren:

„Ich komme, Martin. Warte auf mich“, sagte Lisa Dorn.“, lautet der letzte Satz, des zwei Jahre vor Kriegsende geschriebe Buchs, das daher ein wenig unlogisch endet, weil der der Krieg ja trotz des wieder hinuntergefallenen Hitlerbildes, das zwar diesmal von dem Hotelprotier, der zu seiner Einberufung  ging, nicht mehr aufgehoben wurde: „Soll ein anderer dich aufheben, mir ist das schnuppe“, weiterging und Lisa und Martin wahrscheinlich noch mit Verfolgung rechnen mußten.

Es ist aber trotzdem ein sehr interessantes Buch und auch wenn man heute anders darüber schreiben würde, ist es sehr zu empfehlen und ich habe das Lesen sehr genossen. Wenn man auch über das beschriebene Frauenbild heute ein wenig den Kopf schütteln würde, ist das, wie Vicki Baum, die schönen blauäugigen naiven Mädel und ihre Karrieren beschreibt, warhscheinlich gar nicht so schlecht beobachtet.

 

2018-05-06

und Vietnam und

Filed under: Bücher — jancak @ 00:48
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Von der aktuellen deutschen Gegenwart geht es jetzt zurück in das Jahr 1968, denn da wird ja die Studentenbewegung gefeiert und „Wagenbach“ hat dazu eine eigene Buchreihe „Politik ist lesbar“ herausgegeben, von der ich nur „Paris, Mai 68“ gelesen habe. Aber da hat es ja auch den Vietnamkrieg gegeben, der an mir in meiner Volksschulzeit so ziemlich vorübergegangen ist und wenn ich „Paris, Mai 68“ schon im April gelesen habe, so las ich Erich Frieds Vienamgedichte am ersten Mai, bevor ich mit dem Alfred zur Alberta und dann zum Parlament gegangen bin und Erich Fried ist zu seinen Lebzeiten muß ich gestehen, auch so ziemlich an mir vorbeigegangen. Einmal war glaube ich eine Großveranstaltung mit ihm im NIG.

„Magst gehen?“, hat der Alfred mich wohl gefragt und ich habe irgendwie keine Lust gehabt. Heute tut  das einer Leid, was sie da versäumt hat und auch an die Gedichte bin ich erst später rangekommen und zitierte sie manchmal als Vorwort bei meinen Büchern oder vor meinen Kritikern „Es ist was es ist sagt, die Liebe“, wenn beispielsweise wieder jemand sagt, daß ich nur Schwachsinn schreiben würde.

Gelesen habe ich, muß ich gestehen, auch nicht viel, zwar immer wieder, die Textproben, die es in der „Ziwebel“ „Wagenbachs-Programmheftchen“, die ich gesammelt habe und zum „Fried Symposium“ und zur „Friedpreis-Verleihung“ gehe ich auch seit Jahren aber da wird in der letzten Zeit auch nicht mehr sehr über Erich Fried gesprochen und auch das schöne Portrait, das Heidi Heide einmal machte und das früher bei dieser Veranstaltung im Literaturhaus aufgehängt wurde, ist jetzt verschwunden.

Erich Fried also im Original.

„Wagenbach“ macht es möglich, denn es hat seine 1966 Vietnam einundvierzig Gedichte wieder  aufgelegt mit einem Nachwort von Klaus Wagenbach versehen und eine Chronik und eine Landkarte, die, glaube ich von Fried stammt, gibt es auch, so daß ich mein geschichtliches Wissen, das, wie ich schon geschrieben habe, sehr lückenhaft ist, auffrischen kann.

Also hinein in das politische Geschehen von 1968 und früher und Klaus Wagenbach schreibt in seinem Text, den ich als Erstes gelesen habe, daß die Gedichte damals kaum Resonanz und auch kaum Rezensionen hatte. Also totgeschwiegen, während der politische Liebesdichter erst ein paar Jahre später von der Jugend so richtig entdeckt wurde und heute, glaube ich, bei jedem Maturanten im Bücherschrank steht oder vielleicht auch nicht mehr so ganz, denn der Mai ist vorbei, hat Peter Henisch schon vor Jahrzehnten geschrieben und die Zentralmatura interessiert sich ja, wie ich immer höre, nicht für Literatur. Also wird es da keine Lyrik-Interpreationen als Thema geben und ich muß es selber machen und schreibe gleich dazu, daß der kurze lyrische Gang durch die Geschichte sehr beeindruckend war undich es wirklich jeden nur empfehlen kann, Erich Fried zu lesen und sein Geschichtswissen aufzufrischen:

„Das land liegt sieben Fußtritte

und einen Schuß weit

seine südliche Hälfte

heißt Demokratie

In ihrer Hauptstadt Sodom

regiert ein Soldat der Mein Kampf lernt

Die Mönche sind buddhistisch

oder katholisch

Die buddhistischen Mönche

werden oft Rote genannt

In Wirklichkeit sind sie gelb

aber nicht wenn sie brennen“

Geht es gleich direkt hinein in die Landeskunde und man staunt über die Detailkenntnisse Frieds, der meines Wissen nach nicht vor Ort gewesen ist, sondern in London lebte.

Ich füge noch rasch die biografischen Daten an.

1927 in Wien geboren, 1938 vor den Nazis nach London geflohen, wo er bis 1988 lebte und er war, glaube ich, auch der Trauzeuge Arthur Wests, der ebenfalls nach London emigrierte.

Nach diesem Vorgedicht wird es  konkreter und es werden die „Gründe“ angeführt, warum man eben manches tut und manches unterlassen hat.

„Weil das alles nichts hilft

sie tun ja doch nur was sie wollen

Weil ich mir nicht nochmals

die finger verbrennen will“

und so weiter und so fort bis zu

„Weil man nie weiß

wie einem das schaden kann“

„Aha!“, kann man da nur sagen und hat wahrscheinlich schon seine diesbezüglichen Ausredeerfahrungen gemacht.

Also gleich zu „Pastor R. in Hamburg“,

der keine Ausreden gelten läßt

„Ich habe gesprochen

gegen russische Panzer in Ungarn

Soll ich heute schweigen?“

In „Was alles heißt“  wird es wieder konkreter:

„Schwarze Jacken und Hosen tragen

heißt Bauer sein

nicht Vietcong sein

Getötet werden

heißt nachher

Vietcong gewesen sein.“

Und „Zun vietnamesischen „Fest der Kinder“ warfen U.S Flugzeuge Spielzeug ab, auch auf Dörfer, in deren ihre Bombn noch kurz zuvor Kinder getötet hatten.“, heißt es als Fußnote zu:

„Gezieltes Spielzeug

Hätte das Flugzeug

lieber vor vierzehn Tagen

Spielzeug heruntergeworfen

und jetzt erst die Bomben

hätten meine zwei Kinder

noch vierzehn Tage

durch eure Güte

etwas zum Spielen gehabt“

Man sieht, sehr dicht, die Fried-Gedichte und so geht es gleich auch in

„Beim Zeitungslesen in London“ weiter

„Außerdem ist es eine „nichtgiftige Abart“

ein „nichttödliches Reizgas“

es „verursacht nur Kopfweh und Brechreiz

und In einigen Fällen

vorrübergehende Blindheit.““

Und so weiter und so fort, könnte man sagen. In  drei Abteilung lyrisch durch die Geschichte. Sehr beeindruckend auch das „Greuelmärchen“ vom Menschenfresser.

„Der Menschenfresser frißt keinen

der nicht sein Feind ist

Wen er fressen will

den macht er sich erst zum Feind.“

Und am Schluß, wenn sich der Reigen wieder schließt und der Krieg vielleicht beendet ist, kommt es natürlich zur

„Anpassung

Gestern fing ich an

sprechen zu lernen

Heute lerne ich schweigen

Morgen höre ich

zu lernen auf.“

Hoffentlich nicht zu lesen, denn ich habe ja nur wenige Gedichtzeilen zitiert. Also wieder selber lesen. Erich Frieds Vietnam-Gedichte und natürlich auch all die anderen und wenn möglich auch in die „Alte Schmiede“ zur „Poliversale“ gehen, von der ich heuer wegen meiner Stunden und anderen Ereignissen, auch sehr viel versäumte.

2018-05-04

Tentakel

Da habe ich doch etwas großspurig versprochen, als nächstes Buch etwas Verständlicheres zu lesen und bin prompt über Rita Indianas „Tentaktel“ gestolpert, das „Quartbuch“ das mir „Wagenbach“ freundlicherweise geschickt hat und das, wie der Klappentext ebenso großmundig verspricht „mit magischen Treibstoff lateinamerikanische und karibische Traditionen zu verbinden und die Grezenen  hinter sich zu lassen.“

Also „Einen Roman, der unsere Fragen nach Identität, Sex und Gender auf ganz eigene Weise verhandelt – und eine so bemerkenswerte, wie befreiende Antwort findet.“

Das macht naürlich neugierig, umsomehr, als die obige Buchbeschreibung etwas von „einer verwüsteten Strandpromenade der dominikanischen Republik, Überwachungsrobotern, die die haitischen Flüchtlinge töten“ und dem Hausmädchen Alcide erzählt, „das bei einer Voodoo- Priesterin arbeitet und sowohl Restaurantchef, als auch ein Mmann werden will“ erzählt.

Und Rita Indiana liest man auf der anderen Seite des Klappentextes, wurde 1977 in Santa Domingo geboren und ist eine der bekanntesten dominikanischen Musikerinnen.

Das macht auch neugierig und dann war ich etwas verwirrt von der Verquickung, des magischen Schreibstils mit den lateinamerikanischen und karibischen Traditionen und stellte fest, daß sich der nicht weniger schwierig, als Elisabeth Wandeler-Decks Konzeptkunst liest.

Obwohl natürlich es gibt eine Handlung und die kann man wahrscheinlich nacherzählen oder auch nicht, denn die Handlungsstärönge spielen sich mindestens in zwei oder drei Zeitebenen ab und, um Konzeptkunst geht es in einer dieser Ebenen zufälligerweise auch. Aber nicht nur, sondern auch, um vieles anderes und dabei liest sich der Klappentext von dem dominikanischen Hausmädchen, das vor der Entscheidung steht, ob sie dem „Kult oder sich selbst vertrtauen soll?“ ganz einfach.

Das Buch füge ich gleich hinzu, ist das nicht, sondern sehr verwirrend und so habe ich mich ähnlich, wie bei Elisabeth Wandelers Decks Konzeptkunst nicht ganz ausgekannt.

Es beginnt dystopisch, das Hausmädchen saugt Staub bei ihrer Herrin und beobachtet dabei, wie die Roboter, die später keine Rolle mehr spielen, einen Flüchtig töten und wir sind, wie öfter in Romanen, in einer düsteren, heruntergewirtschafteten <zukunftswelt.

Das Hausmädchen war einmal Stricherin und will eigentlich ein Mann werden. Dazu gibt es, das Buch scheint in der Zukunft zu spielen, aber auch das ist nicht so ganz klar, beziehungsweise wird sich das verändern, eine neue Methode, die ihr, wenn sie das Geld dazu hat, der Assistent der Priesterin, der kubanischer  Arzt Eric verhelfen kann.

Die Vodoo-Pristerin hat eine geheimnisvolle Seeanemone, die will Alcide verkaufen, ein Stricherfreund soll ihr dazu verhelfen. Der tötet die Pristerin. Alcide muß mit der Seeanmone im Rucksack fliehen und wird ein Mann und inzwischen lernen wir in einem anderen Kapitel einen <Maler namens Argenis kennen, der sich offenbar auf einem Sommercamp in Santa Domingo befindet und etwas malen soll, das die Meeresbiologin Linda, die das Camp veranstaltet, verkaufen kann, um damit das Meer und die Umwelt zu retten.

Aber das Meer soll auch, die zum Mann umbegewandelte Alcide retten und der Maler hat während er den Vorträgen lauscht, Hallizinationen, die ihn in eine andere Zeitebene versetzen, wo er Rinder zerlegen soll.

Beide Charaktere haben Meereserfahrungen. Das heißt, sie werden aus ihm wiedergeboren oder herausgefischt und während das Alcide bei einem Gärtner tut, ist er gleichzeitig im Gefängnis. Man sieht also, der magische Schreibstil ist nicht weniger verwirrender, als die Konzeptkunst.

Dabei lesen sich die Klappentexte und die Buchbeschreibungen sehr einfach:

„Alcide fühlt sich nicht wohl in ihrer Haut, und Dienstmädchen zu sein, genügt ihr nicht. Ein Voodoo-Kult erkennt in ihr die Auserwählte – und Alcide muß sich entscheiden, ob sie der Prophezeiung gehorcht oder ihrem Eigensinn…

Ein kompromißloser und unkonventioneller Roman vom Strand der Zukunft – und die uralte Frage,  brennend wie der Kuss einer Seeanemone: WER IST ICH?“

Und am Klappentext steht noch etwas von:

„Ein kompromißloses schnelles, unverschämtes Buch, an dem sich nicht nur die Voodoo-Geister scheiden – wie immer wenn Literatur etwas wagt.“

Mir war es, wie schon beschrieben, etwas zu schnell. Ich habe mich in den verschiednen Zeitebenen nicht ganz zurechtgefunden, beziehungsweise ist mir das Konzept des Buches nicht ganz losgisch oder eben sehr verwirrend erschienen.

Trotzdem war es sehr interessant, etwas sehr Magisches von einer dominikanischen Musikerin zu lesen und zu erfahren, daß die Literatur dort offenbar ganz anders ist.

2018-04-13

Paris, Mai 68

Filed under: Bücher — jancak @ 00:19
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Wir leben ja in einem Jubiläumsjahr, vor hundert Jahren wurde die Republik gegründet, vor achtzig sind die Nazis in Österreich einmarschiert und 1968 gab es vor fünfzig Jahren auch und da erscheinen bei „Wagenbach“ eine Reihe von Jubiläumsbücher und das erste „Paris, Mai 68“ von der  1947 geborenen Schauspielerin Anne Wiazemsky, von der ich schon „Mein Berliner Kind“ gelesen habe und die vorigen Oktober in Paris gestorben ist.

1968 war sie gerade über zwanzig, hatte wohl ihre ersten Filme gedreht, war mit Jean Godard verheiratet und ist mit ihm in die Rue Saint Jacques 17 gezogen, von wo aus sie das politische Geschehen auf den Pariser Straßen verfolgt und beschreibt.

Die Kämpfe finden im Quartier Latin, zwischen der Sorbonne und dem Lokal, wo sich Anne Wiazemsky und Jean-Luc Godard mit ihren Freunden Rosier und Bambam treffen. Anne Wiazemsky hat gerade den Film „Die Chinesin“ gedreht und ein Treffen mit Mitgliedern der Beatles, wo John Lennon Anne Wiazemsky unter den Tisch lockte, was Godiers Eifersucht erregte, gab es auch.

Darüber drehen sich die Gespräche. Die Freunde müssen der Kämpfe wegen aber ausweichen und ein anderes Lokal besuchen, das Godard zu luxeriös erscheint, weshalb er die Gäste beschimpft. Am Heimweg verliert er seine Brille. Das Paar wird von der Polizei kontrolliert und gerät wegen seiner Schweizer Pässe in Schwierigkeiten.

Im Radio ruft Dany Cohn-Bendit dazu auf, sich an den Kämpfen zu beteiligen. Es kommt zu einem Generalstreik, die Filmfestspiele von Canne werden abgesagt. Da sind die Beiden aber schon dort und haben Schwierigkeiten mit der Rückfahrt, denn es gibt kein Benzin. Die Lebensmittel werden knapp und General de Gaulle erkundigt sich bei seinem Volk, ob es ihn noch als Präsident haben will, worauf dieses im Chor „Adieu, de Gaulle!“, schreit.

Die Pariser Wohnung der Beiden wurde inzwischen von einem Freund verwüstet, der ständig Kampfeslieder toniert, den Anne  Wiazemsky bei ihrer Rückkehr hinauswirft, trotzdem geht sie mit ihm später Rollschuhlaufen und sie leeren auch gemeinsam eine Flasche Whisky.

Die Kämpfe gehen weiter, es gibt Gegendemonstrationen, wo auch Anne Wiazemskys Großvater, der Nobelpreisträger Francois  Mauriac mitmarschiert, ein junger Mann namens Gilles tautin kommt um, bei der Trauerfeierlichkeit kommt es zu Ausschreitungen und dann ist der Mai vorbei, worüber ja auch Peter Henisch geschrieben hat.

Der Juni beginnt, die Beiden fliegen nach London, um mit den Rollingstones zu drehen. Anne Wiazemsky nach Rom um in Alberto Moravias „Der Konformist“ mitzuspielen, nach Amerika geht es auch und als Anne Wiazemsky ein Angebot bekommt, wo sie sich ausziehen soll, kommt es zu Auseinandersetzungen mit Godard, der ja sehr eifersüchtig ist.

Er unternimmt einen Selbstmordversuch, wird gerettet, aber die Beziehung der beiden bricht auseinander, was wahrscheinlich auch ein Motiv für Anne Wiazemsky Erinnerungsbuch ist und das Jahr 1968 ist  auch noch in anderer Sicht weitergegangen.

Im April wurde schon Martin Luther King ermordet, worüber vor kurzem in den „Gedanken für den Tag“ zu hören war. Im August marschierten die Russen in Prag ein.

Luis Stabauer hat in seinen „Weißen“, ein anderes Erinnerungsbuch darüber geschrieben und ich habe „Paris, Mai 68“, im April gelesen, weil ich Rezensionsexemplare  immer möglichst sofort lese und nicht den Monat abwarten wollte.

Da „Wagenbach“ aber, wie schon erwähnt zu diesem Anlaß eine ganze Reihe von Erinnerungbüchern herausgab, liegt inzwischen noch ein Gedichtband von Erich Fried in meinen Badezimmer und da werde ich wohl nicht vor Mai zum Lesen kommen.

2018-02-21

Herr Kato spielt Familie

Nun kommt das neue Buch der 1980 in St. Pölten geborenen Milena Michiko Flasar, deren zweites bei „Residenz“ erschienenes Buch „Okaasan. Meine unbekannte Mutter“ ich gelesen habe, ihren, laut Klappentext, hunderttausendmal verkauften Bestseller „Ich nannte ihn Krawatte“ nicht mehr. Ich habe zwar in Leipzig und in der Hauptbücherei daraus gehört, hatte aber, als sie den „Alpha“ gewonnen hat, dort keine Einladung und habe das Buch auch noch nicht im Bücherschrank gefunden.

Ein Buch in dem eine in Österreich aufgewachsene Tochter einer japanischen Mutter, über das in Japan offenbar häufige Phänomen, daß Jugendliche aus Angst vor dem Leistungsdruck das Haus nicht mehr verlassen, erzählt und nun hat sie in dem wieder bei „Wagenbach“ erschienenen wieder in Japan spielenden Roman offenbar ein ähnliches Thema gewählt. Das heißt eigentlich ist das  RHS, retired husband syndrome, daß es vielleicht in Japan gibt, etwas ganz anderes und ich weiß auch nicht genau ob in Japan wirklich alle älteren Frauen Hausfrauen sind, die psychosomatische Symptome entwickeln, wenn sich ihre Gatten plötzlich in Pension befinden und ihnen in die Kochtöpfe schauen.

Milena Michiko Flasar hat aber wirklich eine sehr poetische Art von diesem Herrn Kato zu erzählen, der sich „retired“ hat. Er wohnt mit seiner Frau in einem Vorort einer nicht näher genannten Stadt, wohnt hoch oben in einer Siedlung, wo man über Moos bewachsenen Stufen hinaufgehen, beziehungsweise die Gattin die Einkäufe hinaufschleppen muß. Deshalb will sie nach unten ziehen, Herr Kato, ganz der Macho, der von seiner Frau erwartet, daß sie seine Hemden bügelt und nicht einmal weiß wie man Tee kocht, sagt nur „Ohne mich!“

So beginnt das Buch, das heißt Herr Kato kommt von der Gesundenuntersuchung, wohin ihn seine Frau geschickt hat, dort wird er als gesund befunden. Er lügt seiner Frau aber etwas von Herzschmerzen vor und man merkt, die Ehe ist schlecht, die Kinder sind längst aus dem Haus und die Ehegatten wissen sich nichts mehr zu sagen.

Herr Kato wünscht sich zwar einen weißen Spitz, den will die Frau aber nicht haben, so träumt er von einer Reise nach Paris, beziehungsweise hat er den ehemaligen Bürokollegen, die ihm zur Pensionierung einen Reiseführer schenkten erzählt, schon dort gewesen zu sein.

Man sieht, das Buch, das am Buchrücken, als zarter Roman über einen späten Neuanfang und über das Glück“, beschrieben wird, hat seine kleinen Aunaufrichtigkeiten. Geht es doch laut Klappentext über „ein nachdenkliches Buch über Erinnerungen und unerfüllte Träume, über Glücksmomente und Wendepunkte.“

Nun ja, Herr Kato geht jedenfalls nach dem Krankehbaus auf den Friedhof, weil ihn seine Frau, die wie seine Kinder, keinen Namen hat, zum Spazieren schickt. Dort wirft er seine Befunde auf den Boden, trampelt auf ihnen herum, beginnt dann den Schwan aus dem „Schwanensee“ zu tanzen und wird dabei von einer jungen Frau beobachtet, die ihn für ihre Agentur namens „Happy family“ engagiert. Seine Frau, die offenbar doch nicht so unsensibel ist, sondern sogar seine Gedanken errät, hat sich indessen in ein Fitnesszentrum zu einem Tanzkurs angemeldet, denn sie hat offenbar auch unerfüllte Träume.

So beginnt die Wende des sprachlosen Ehepaars, beziehungsweise nimmt Herr Kato drei Aufträge an.

Als Erstens spielt er einen jungen seinen Großvater vor, der ihm aber durchschaut, weil er längst zu diesen Kontakt aufgenommen hat. Dann geht er als sprachloser Ehmann mit einer Frau in einen Zoo, wo die eine unmenge Törtchen ißt und ihn eine Scheidungsurkunde unterschreiben läßt, worauf ihre psychosomatischen Sympotme verschwinden.

Man sieht Michiko Milena Flasar hat Einfälle, womit sie sehr poetisch, lakonisch und auch geheimnisvoll, die Absurditäten des Lebens beschreibt. Der dritte Auftrag ist eine Hochzeitgesellschaft mit einer kranken Braut, wo alle außer Braut und Bräutigam bezahlte Statisten sind.

Mie, die junge Frau ist auch dabei, danach verabschiedet sie sich von Herrn Kato und er ist wieder auf seine Familie zurückgeworfen. Die Tochter ist endlich schwanger geworden, besucht das Ehepaar nach einem Streit mit ihren Mann, da gibt es die Szene mit dem Tee. Die Tochter rät Herrn Kato auch der Mutter Blumen zu kaufen. Er tut das, läßt den Rosenstrauß von dem Geschäft schicken und die Frau lügt ihm dann vor, die Blumen sind von einer Freundin.

Seltsam seltsam, diese Episoden des sprachlosen Auseinandergelebthabens mit den unerfüllten Träumen des älteren Ehepaars.

Am Schluß sind die Beiden doch nach unten in die kleinere Wohnung gezogen, wo man keine Hunde haben darf, der Enkel ist geboren und Tickets nach Paris sind, offenbar als Zeichen für den Neubeginn auch aufgetaucht.

Eine sehr geheimnisvolle Geschichte aus dem fernen Japan, von einer in St.Pölten geborenen Achtunddreißigjährigen erzählt, die sich offenbar sehr poetisch in das Älterwerden hineingedacht hat.

Die reale Pensionierung die ich wohl auch bald erleben werde, ist weniger poetischer und natürlich ist es die Zeit für einen Neubeginn, wenn man noch die Kraft und die Gesundheit dazu hat und natürlich sollte man sich schon vorher Freunde gesucht und Hobbies aufgebaut haben, damit es zu keinen Pensionschock kommt.

„Der Ruhestand steht dir schlecht. Deine Frau hat besimmt die Schauze voll von dir“, steht noch am Buchrücken, wohl eine Drohung oder Warnung vor de „retired husband sydroms“ und  auch „Endlich Zeit. Er könnte nun das alte Radio reparieren oder die Plattensammlung ordnen. Doch, als er der jungen Mie begegnet, die ihm eine seltsames Angebot macht, beginnt er die Dinge anders zu sehen.“

2018-02-17

Stadt der Rebellion

Filed under: Bücher — jancak @ 11:59
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Nun kommt wieder ein Roman, der keiner ist, sondern der wahrscheinlich autobiografische Bericht über die ägyptische Revolution von 2011 des, wie im Klappentext steht, Essayisten und Filmemacher Omar Robert Hamilton, der, wie man ergooglen kann, 1984 geboren, Sohn einer ägyptisch palästinäsischen Mutter und eines breitischen Vaters ist, abwechselnd in London und in Kairo lebt und auch Mitbegründer eines Aktivisten und Medienkollektivs in Kairo, ist.

Ein sehr interessantes Buch also, das auf Englisch „The city always win“, heißt und 2017 erschienen ist, die deutsche Übersetzung von Brigitte Walitzek ist jetzt bei „Wagenbach“ erschienen.

Ein interessantes Buch,  nach außen in eine Romanform gekleidet, es gibt zwei Protagonisten, Khalid und Mariam, ein Liebespaar, das weil es die Revoltution auf Trab hält, nichtzu Liebe kommen, könnte man sagen, beziehungsweise im Klappentext nachesen.

Es ist in drei Teile geschrieben „Morgen – Heute – Gestern“ und das ist interessant, weil es eigentlich umgekeht läuft, der erste Teil erzählt die Geschehnisse von 2011, die Demonstrationen, die am Tahirplatz ablaufen, Khalid, der einen Vater in Amerika und auch palästänäesischen Wurzel hat, hat offenbar mit Freunden das Medienkollektiv gegründet. So machen sie Interviews mit Angehörigen von Märtyrern, die bei der Revolution verletzt oder getötet wurden, der Teil, der einundzwanzig Kapitel hat und in  Datum und Zeitangaben gesplittert ist, enthält auch Teewds und Mails, man sieht die neue Zeit und die neuen Medien, die Revolutionen erst ermöglichen, während Mariam, die Tochter einerÄrztin, mit ihrer Mutter vor Ort, die Verletzen betreut, sie im Gefängnis besucht und selber kaum Zeit hat zu essen und so immer dünner und dünner wird.

Handlung gibt es sogesehen keine oder eine kanpp eingestrete, die von den Vätern und den gescheiterten Ehen erzählt, in die wirkichen Ereignissen. Das Buch ist auch einem Cousin des Autors gewidmet, einem Aktivisten, der immer wieder verhaftet wurde und im Gefängnis sitzt.

Im zweiten Teil im „Heute“, der wenn ich es recht verstanden habe, 2013, spielt, für einen oder eine, die die Revolution nicht hautnah miterlebte, sind die sich überschlagenden Mitteilungen verwirrend, es gibt zwar im Anhang ein Sach- und Personenregister, aber keine Zeittafel und so dauert es auch etwas länger, bis man versteht, daß das buch rückwärts erzählt oder das gestern eigentlich, das Scheitern der „Gegenwart“ in der das Buch geschrieben wurde, darstellt, während das „hoffnungsvolle Morgen“ längst längst vorüber ist, haben die Wahlen stattgefunden, die Muslimbrüderschaft hat die Herrschaft übernommen oder die Revolutionäre verraten und das ist in dem Teil, in Schlagzeilen und Mails mit Datumangeben zu lesen

„5.  Dezember: Mutmasslich sechs Tote beim Präsidentenpalast“ etwa oder „24 Juni: schiitische Männer in  Giza gelyncht. Musii schweigt.“

„Mohamed Mursi“ liest man im Personenregister  „wurde als Vorsitzender der „Freiheits-und Gerechtigkeitspartei“ von den Muslimbrüder wieder begründet, im Juni 2012 zum Staatspräsidenten gewählt und im Juni 2013 durch einen Militärputsch wieder abgesetzt.“

Die Revolution ist vorbei, die Demonstrationen gehen aber weiter und im dritten Teil dem „Gestern“, ist Abdal  Fatah al Sisi, „der 2013 den Militärputsch  gegen Mohammed Mursi anführte“, schon Staatspräsident und man kann überall im Land oder in der“ Stadt der Rebellion“ Sisi Masken und Sisi Souveniers kaufen. Es gibt Demonstrationen gegen die neuen Demonstrationsgesetze, alle fürchten sich vor Verhaftungen und ein Teil der Freunde ist schon in den Polizeistationen und Gefängnissen verschwunden und werden von den noch Freigebliebenen gesucht.

Ein interessanter Bericht, der einer, das Beschäftigen mit einer schon wieder gescheiterten Revolutionen, wie das die Revolutionen, trotz Internet, You Tube und Twitter, das es heute gibt, leider offenbar immer an sich haben, schmackhaft machen kann.

2011 ist ja schon länger vorbei, das Leben hat sich seither gewandelt und die Nachrichten vom arabischen Frühling wurden  längst von der IS und der Flüchtlingskrise abgelöst, so ist es wahrscheinlich gut und wichtig sich in die „Stadt der Revolution“ zu vertiefen und ich habe mich ja in der „Wiedergeborenen“ ein bißchen damit beschäftigt und die „Literatur im Herbst“ hat es einmal auch getan.

„Das Buch erweckt die gescheiterte Revolution in den Straßen von Kairo zum Leben, in all ihren jugendlichen Mut und naivenOptimismus“ hat der Nobelpreisträger J. M Coetze am Buchrücken geschrieben und Richard Ford meinte; „Ein bewegender klarer und schlauer Roman über politische Unschuld und Angstlisgkeit“, wie geschrieben, ich halte das Buch für kein Roman, habe mir beim Lesen auch etwas schwer getan,  aber wichtigen Nachhilfeunterricht in der jüngeren Geschichte bekommen, auch wenn es eigentlich sehr traurig ist, daß sich auch der arabische Frühling wieder nur in den Winter zurückdrehte.

2017-11-04

Murmelbrüder

Da habe ich wieder einmal den Beweis bekommen, daß es gut ist, eine zweites Buch eines Autors, einer Autorin zu lesen, wenn einer das Erste nicht so gefallen hat.

Denn „Chiru“ der Roman der 1972 in Sardinien geborenen Michela Murgia habe ich ja eher altmodisch gefunden und konnte mich mit dem Frauenbildm das dort präsentiert wird, nicht begeistern.

Jetzt hat mir „Wagenbach“ die  2014 erschienene „Geschichte aus Sardinien“, Roman steht bei „Wikipedia“, ist aber keiner, geschickt und ich bin hingerissen. Denn diesmal hat mich der etwas altmodische Touch, der im Somme 1985 spielenden Handlung nicht gestört und kann mir vorstellen, daß es in den kleinen sardischen Dörfern dort so war und vielleicht noch immer so ist.

Die Erzählung ist eine Parable auf menschliche Geschehen, wo n uns ja Ehrgeiz, Haß, Eifersucht, etcetera antreiben und zu so manchen veranlaßen, was man vielleicht nachher bereut.

Michela Murgia zeigt das meisterhaft an der Figur des zwölfjährigen Maurizio, der von seinen Elter,n die Sommer über immer zu den Großeltern nach Crabas geschickt wird. Nur das Cover des Taschenbuches ziert einen schon älteren Jüngling, was ein wenig stören könnte.

Dort erlebt Maurizo, der sonst während des Jahres immer abseits alleine spielt, ein Jugendlleben.

„Wir haben schon zusammen gespielt,“ definiert Michela Murga solche Fundamente von Männerfreundschaften. Denn er fühlt sich im Städtchen mit seinem „Wir-Gefühl“ geborgen.

Die Großmutter sitzt des Abends mit den Frauen und der anderen Dorfgemeinschaft vor dem Haus und erzählt Geschichten von den Vampirinnen. Das sind Frauen, denen die Kinder während der Geburt oder später gestorben sind und die sich nun die Geister der anderen holen und des Tages robbt Maurizio mit Giulio, dem Sohn des Polizisten und Franco durch die Abwasserkanäle, um die Geheimnisse des Städtchens zu ergründen.

Sie finden Ratten, jagen sie als brennende Fackeln auf den Baum des Priesters. Grillen nennen sie das, denn sie sind in dem katholischen Städtchen alle eifrige Messdiener und dann trifft die Katastrophe ein und die Dorfgemeinschaft beginnt sich zu entzweien.

Und, wie immer beginnt allles mit einem guten Zweck. Der greise Bischof will etwa sGutes stiften und schenkt Crabas eine neue Kirche und einen neuen Pfarrer, was die Eifersucht des Alten herausfordert und Franco, der etwas außerhalb des Städtchens im anderen Teil der Gemeinde lebt, kommt nich mehrt zum ministerieren und zu den Spielen der Freunde.

„Wir schließen ihn aus!“, verkündet Giulio großspurig, was Maurizio noch nicht so ganz versteht .Inzwischen werden Maurizios Eltern, weil sie zu wenig  verdienen, landflüchtig und wandern nach Ferrara aus, lassen den Buben aber bei Großeltern zurück, so daß der nun ebenfallls als Meßdiener, das Geschehen zu Ostern hautnahm miterleben kann. Denn da gibt es immer eine große Prozession.

Falsch, denn jetzt gibt es zwei und es wird sehr köstlich geschildert, wie die nun rivalisierenden Stadtteile mit den Madonnenstatuen aufeinander zugehen und die eine Seite, der anderen „Heilige Jungfrau bete für uns!“, zuruft. Wenn Worte töten könnten…..

Und wenn man schon an die Katastrophe glaubt und den Kopf schüttelt, daß sich eine Gemeinde wegen so einer Kleinigkeit auf ewig verfremden kann, macht Michela Murgia einen Spannungsbogen und hat wohl auch das Schreiben einer spannenden Geschichte studiert, den Franco zieht die Leine. Die Madonnen werden irgenwie ausgetauscht und ziehen in die falsche Kirche zurück. Der Bischof ist zufrieden und rät nur das nächste Mal aus praktischen Gründen vielleicht mit weniger Madonnen auszukommen und was das beste an der Sache ist, Franco kehrtzu den Spielen der „Murmelbrüder“ zurück und geht mit ihnen Vögel fangen.

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