Literaturgefluester

2017-04-29

Franz Werfel-Stipendium und Schmidt-Dengler Lesung

Im Literaturhaus gibt es derzeit ein dichtes Programm, nämlich die Jubiläustagung zu „25 Jahre Franz Werfel-Stipendium“, mit einer Tagung zum Thema „Literatur als Erotik“, die schon am Donnerstag angefangen hat und bis Samstag weitergeht.

Das „Franz-Werfel-Stipendium“ richtet sich an ausländische Hochschullehrer, die zu österreichischer Literatur forschen und wird von Konstanze Fliedl betreut und am Donnerstag, während ich im Rathaus war, hat es mit einer Veranstaltung mit Gustav Ernst, Robert Menasse, Anne Cotten und Lydia Mischkulnig unter der Leitung von Daniela Strigl begonnen. Also sehr hochkarätig. Eine Ausstellung dazu gibt es auch und am Freitag ist es dann mit den Referaten der Stipendiaten weitergegangen. So hat Graziella Predoiu aus Rumänien über Leopold von Sacher Masochs „Venus im Pelz“ gesprochen. Dann folgte ihr Jan Budnak aus Tscheien und der stellte die deutschmährische Moderne am Beispiel einer Geschichte von Franz Schmamann vor, die mich stark eine der Erzählungen von Mela Hartwig erinnert hat.

Ein Mädchen geht über ein Feld um einer Zwangsheirat zu entgehen, wird dabei von einem Gendarmen vergewaltigen, kann sich nur durch Totschlag retten, traut sich aber nicht, um nicht der Schande und dem Spott ausgelieftert zu werden, das zu erzählten. so wird sie zum Tod verurteilt.

Vahidin  Preljevic aus Bonien-Herzegowina, kam dann wieder nach Österreich zurück und beschäftigte sich mit der Josefine Mutzenbacher, die ja Felix Salten zugeschrieben wird. Er meinte, aber daß die Urheberschaft nicht bewiesen wäre, Salten hätte das abgestritten, Schnitzler hat einmal geschrieben „Das kann nur der Salten geschreiben“ haben,  Karl Kraus wurde auch vermutet und ich fragte mich, warum es eigentlich so sicher ist, daß das ein Mann geschrieben hat. Vielleicht ist es wirklich eine „Wiener Dirne“ oder wie man heute sagen würde, eine Sexarbeiterin gewesen.

Dann gab es eine Pause und da entdeckte ich, daß am Büchertisch ein Haufen der Büchlein die bei den Wiener Vorlesungen entstanden sind, zur freien Entnahme auflagen.

So zum Beispiel eines von Edward Timms, den ich ja erst vorige Woche hörte über „Karl Kraus und der Kampf ums Recht“ und eines von Sigurd Pauöl Scheichl „Zur Aktualität von Karl Kraus  „Letzte Tage der Menschheit“, aber auch einige von Ruth Klüger. So habe ich mir meine Tasche vollgestopft.

Es ging dann noch weiter mit Jean Bertrand Miguoue aus Kamerun, der über die „Erotik des Wortes. Dchtung als Form des Voyeurismus am Beispiel von Altenberg, Kafka und Musil“ referierte und ein Büchlein über Peter Altenberg hat es auch gegeben.

Dann kam Gabor  Kerekes aus Ungarn, der zeigte welche österreichischen Bücher wann in Ungarn aufgelegt wurden und wie wenig erotisch die Literatur in Ungarn zur Zeit des Stalinismus war.

Dann ging es weiter am Nachmittag, ich mußte aber in den BÖP, denn da gab es ein Verlagspsychologentreffen. So habe ich einige Vorträge, aber auch die Präsentation der Publikation zu „25 Jahre Franz Werfel-Stipendium“ versäumt. Die ist aber aufgelegen, als ich am Abend wiederkam, denn da hat es nicht nur ein Buffet, sondern vorher die neunte „Schmidt-Dengler-Lesung“ gegeben, die diesmal Peter Nadas gehalten hat, den ich ja erst vor ein paar Wochen im Literaturmuseum hörte.

Er stellt seine noch nicht auf Deutsch erschienenen Memoiren „Aufleuchtende Details“ vor und ganz besonders spannend war es, daß auf einmal die Anna „Hallo, Mutter!“, sagte, da sie mit ihrer Freundin Anna Linder, die ja Literaturwissenschaftlerin ist, gekommem ist, um sich den Vortrag anzuhören.

Am Samstag wurde es dann morderner und zwar ging es mit Christina Spinei aus Rumänien weiter, die über Ingeborg Bachmann, beziehungsweise Hans Weigels sogenannten Schlüsselroman „Die unvollendete Symphonie“  ihre Beziehung zu Paul Celan referierte.

Die Ungarin Edit Kiraly referierte über die „Kussschule“ in Andreas Okopenkos „Lexikonroman“.

Dann kam die Polin Anna Dabrowska und referierte über das Erotische in Semier InsayifsRoman „Faruq“, den ich nicht gelesen habe, so daß ich über seine Erotik nicht viel sagen kann, ich kenne den 1995 geborenen Sohn eines Irakers und einer Österreicher, eher als Literaturvermittler, hat er ja den „Siemens-Literaturpreis“ organisiert und hat in der „Gesellschaft für Literatur“ auch eine Jugendschreibwerkstatt.

Nach der Mittagspause ging es weiter mit Clemens J. Setz, da referierte die Polin Mart Wimmer über die „Frequenzen“ Indigo“ und „Die Liebe in Zeiten des Mahlstädter Kindes“ und da schieden sich die Geisgter, wurden einige Stellen in Setz Werk ja als kitsch gefunden und das war, soweit ich mich erinnern kann, mein Eindruck bei dem Erzählband, der ja den „Leipziger Buchpreis“ gewonnen hat, auch, während ich von der „Stunde zwischen Frau und Gitatte“ sehr begeistert war und diesem „verrückten“ Buch gern den dBp gegeben hätte und erotisch ist der Monsterroman, glaube ich, auch ganz schön.

Dann ging es noch um Ann Cottens Erzähltband, der „Schaudernde Fächer“ und um Paula Köhlmeiers „Maramba“, das ich ja einmal im „Wortschatz“ gefunden habe und weil wir bei den Bücherfunden bin, kann ich gleich erwähnen,  daß am Samstag, was mich ganz besonders freute, Luigi Reitans „Flucht in der Literatur – Flucht in die Literatur“, die „Wiener Vorlesung“ vom 15. März 2016, das heuer in Leipzig vorgestellt wurde, auflag.

Das wars dann schon für das allgemeine Publikum, dann gab es noch Kaffee und die Reste vom gestrigen Buffet und ein paar gute Erdbeerwürfeln, ich habe mich mit ein paar Besuchern unterhalten, meine Bücher hergezeigt, über mein Schreiben erzählt, während es für die Stipendiaten zum Strategiegespräch über die künftigen Themen ging und dann gab es für sie, glaube ich, noch einen Heurigenbesuch, während ich nur sagen kann, daß es eine sehr sehr interessante Tagung war, obwohl das Thema Erotik wahrscheinlich zu weit und zu hoch gegriffen war.

Es ist nicht alles nur erotisch, aber das ist ein Thema, das wahrscheinlich alle anspricht und wie man sieht, hat die österreichische Literatur sehr viel davon zu bieten.

Von Franz Werfel, ein ziemlich zeitgleich mit Leo Perutz in Prag geborener deutschsprachiger Dichter, der aber, wie Manfred Müller, am Dienstag in der „Gesellschaft für Literatur“ erzählte, nicht so viel, wie Perutz oder Kafka gelesen werden würde, habe ich übrigens „Das Lied der Bernadette“ und den „Veruntreuten Himmel“  gelesen.

Die vierzig Tage des Musa Dagh“ warten noch auf mich.

 

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2016-03-16

Literaturfluchten

Bei den „Wiener Vorlesungen“, diesen seit über zwanzig Jahren im Rathaus stattgefindenden Gespräche über beinahe jede Art von geistigen Thema, die von Prof. Hubert Christian Ehalt initiert werden und zu denen ich manchmal gehe, gibt es jetzt auch eine „Wendelin Schmidt- Dengler Vorlesung“, die mit dem Verein „Neugermanistik Wien“, dessen Vizepräsidentin Aleandra Millner ist, veranstaltet wird, die den Vortrag des italienischen Germanistikprofessors Luigi Reitani, der über Hölderlin forschte „Flucht in der Literatur – Flucht in die Literatur“ auch moderierte.

In Zeiten, wie diesen ein interessantes Thema und „Wendelin Schmidt Dengler Vorlesungen“ hat es, glaube ich, auch schon in der „Gesellschaft für Literatur“ gegeben und interessant für mich war auch, daß der Stadtsenatsitzungssaal mit den Wiener Bürgermeisterbildern ziemlich leer war, als ich in erreichte.

Ich war schon öfter im großen Festsaal und da habe ich dann kaum einen Platz bekommen, aber jetzt fand ich einen locker in der zweiten Reihe und habe hier Christel Fallenstein und ihren Mann zum ersten Mal seit ihren Schlaganfall, den sie im Sommer hatte, wiedergetroffen. Es war auch Wolfram Huber da, Frau Schmidt-Dengler, Herbert J. Wimmer und andere Interessierte.

Professor Ehalt leitete ein und erwähnte dabe,i daß Wendelin Schmidt Dengler der ständige fellowship, wie er ihn nannte, in über dreißig Vorlesung referiert oder mitdiskutiert hat. Alexandra Millner stellte dann den Professor vor, der derzeit das italienische Kulturinstitut in Berlin leitet und der begann mit Dante und Vergil seine Ausführungen.

Daß man eine literarische Vorlesung zum Thema Flucht der „Odyssee“ widmen kann, hattte ich schon im Gespräch mit Matrthias Fallenstein festgestellt, aber Professor Reitani zeigte auf, daß die ganze Menschengeschichte beginnend mit Adam und Eva und der Heiligen Familie, auf der Flucht vor Vertreibung war.

Man kann aber auch aus dem Leben in die Literatur fliehen, das hat Hölderin dann getan, dem ein großer Teil des Vortrags gewidmet war und manche Flüchtlingsgruppen haben sich am Abend hingesetzt und weil sie von der Flucht nichts mehr wissen wollen, sich der Literatur gewidmet und sich Geschichten vorlesen lassen oder die erfunden.

Das ist übrigens eine Idee für meine „Greif- und Wurfgeschichten“, denn die Frage tauchte in der Diskussion natürlich auf, ob man in Zeiten, wie diesen sich überhaupt mit Kunst und Kultur beschäftigen, ( beziehungsweise auf Weltreise) gehen kann?

Der Professor sagte ja und erzählte von Diskussionen in den Berliner Theatern, die derzeit darüber reden, ob man in Zeiten, wie diesen Schiller oder Goethe oder vielleicht nur Stücke über Flüchtlinge spielen darf und soll und vorher ist er noch die Geschichte  hinaufgegangen. 1927 hat Joseph Roth „Flucht ohne Ende“ geschrieben, die er sehr ausführlich referierte. Er zitierte auch die „Todesfuge“, die dann eine Dame nicht im Zusammenhang mit dem Thema Flucht sehen wollte. Aber auch im ersten Weltkrieg gab es Flüchtlingsströme, im zweiten ebenfalls und Vertreibungen und jetzt schwappt die Flüchtlingswelle über das Mittelmeer zu uns her, bringt uns durcheinander und die Politiker dazu von Obergrenzen und geschlossennen Flüchtlingswegen zu diskutieren.

Hier endeten die Ausführungen von Professor Reitani, während ich da ja noch das LL-Buch von Jenny Erpenbeck  anführen kann oder meine Flüchtlingstrilogie, von der der zweite Teil wahrscheinlich nächste Woche kommen kann.

Im Internet gibt es Initiativen wie „Blogger für Flüchtlinge“, mit verschiedenen Anthologien, Literaturzeitschriften widmen sich diesen Thema, es gibt „Preise für Exilliteratur“ und und ich fand es äußerst spannend, das Thema von ganz unten von Vergil, Dante und der Odyssee her zu diskutieren, denn das ganze Leben ist Flucht und natürlich kann man sich auch in die innere Emigration begeben, in die Literatur flüchten und, daß die das zu einem Teil auch ist, habe ich mir schon gedacht.

Eine sehr schöne „Wendelin Schmid Dengler Vorlesung“ mit einem sehr wichtigen, allumfassenden Thema. Alexandra Millner hat noch Albert Drach angefügt und der Professor darüber referiert, daß man manchmal nicht oder nur mit sehr viel Distanz über seine Flucht sprechen kann.

Auch das ist psychologisch sehr verständlich und das Thema Flucht macht, wie man derzeit überall sehen und hören kann, auch sehr viel Angst und da kann es vielleicht durchaus hilfreich sein, die mit Literatur zu bewältigen, wobei es wahrscheinlich ganz egal ist, ob man das nun mit Jenny erpenbeck, Feridun Zaimoglu oder Dante und Vergil, etcetera tun, das ist wahrscheinlich Geschmack- und Bildungssache und weil der Professor Joseph Roth schon so intensiv  erwähnte, meine Fatma Challaki hat in der deutschen Schule in Damaskus mit ihrem österreichischen Deutschlehrer  den „Radetzkymarsch“ gelesen und das dann  in der Wiener Nationalbibliothek wiederholt, wo sie Professor Eberhard kennenlernte und die Kreise schließen sich.

Und ich werde meine Anna Augusta Augenstern vielleicht ihrem Psychiater „Fluchtgeschichten“ erzählen lassen, die meine „Berührungen“ eventuell in neuen Schwung bringen, während Luigi Reitani noch erwähnte, daß es angesichts der derzeitigen Umstände wichtig ist, sich mit  Klassikern zu beschäftigen.

Wendelin Schmidt Dengler wäre aber wahrscheinlich ebenfalls mehr in der Gegenwartsliteratur verblieben.

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