Literaturgefluester

2017-05-29

Der Brief

Als Moritz Lichtenstern, den U-Bahnperron erreichte, war der Zug gerade abgefahren und der Bahnsteig fast gespenstisch leer. Beinahe, wie in einer Geisterstadt mochte es erscheinen, dachte er und schüttelte  über sich selbst und die von ihm gebrauchte Methapher den Kopf.

Denn das war jetzt vorbei. Er war nicht mehr Verlagsleiter, sondern schon fast zwei Jahre in Pension und mußte nicht mehr Manuskripte nach ihren Methapern und Verkaufsfähigkeit absuchen. Das brauchte er jetzt nicht mehr, sondern konnte sich entspannten. Seine Pension und sein Restleben genießen und das hatte er ganz ehrlich, vor fast zwei  Jahren, als er sich vom Verlag verabschiedet hatte und in den Ruhestand gegangen war, auch vorgehabt.

Ruhestand, wie das schon hieß, igitt und schauderhaft. Da konnte er sich nur schütteln und zittern, ob dieses Klischees, das er, als er sich noch lektorisch betätigt hatte, immer aus den Manuskripiten gestrichen hatte, obwohl das Zittern erwas war, was ihn in letzter Zeit bevorzugt überfallen schien und das ihn, wenn er wiederum ganz ehrlich war, auch berunrigte. Er schaute auf seine Hand, die immer noch den Brief umklammerte, den er vorhin, weil er eingeschrieben zu ihm gekommen war und er den gestrigen Tag nicht in seiner Wohnung verbrachte, vom Postamt abgeholt hatte und die zitterte auch ganz schön.

Zitterte stark und unnatürlich. Sowie völlig unnötig, denn er war jetzt nicht mehr allein auf dem Perron. War doch gerade eine junge Mutter mit einem Buggy, die Rolltreppe hinuntergekommen und hatte sich ein paar Meter neben ihn gestellt. Sie beugte sich zu ihrem Kind hinunter, um dessen Sonnenmützchen zurechtzuschieben und seine Nase zu schneuzen.

Das brachte ihm wieder zu dem Brief zurück und zu der Überraschung, die dieser in ihn ausgelöst hatte, was natürlich der Grund für das Zittern seiner Hände war und nicht etwa ein beginnender Parkinson, wie er insgeheim schon befürchtet hatte, weil sein Vater und sein Großbvatter auch an diesem Nervenleiden gelitten hatten und bei beiden war dann auch noch eine Demenz hinzugekommen, vor der er, der ehemalige Verlagsleiter und Germanist naturgemäß einen Bammel hatte, denn er wollte nicht, wie ein Idiot enden.

War festentschlossen etwas dagegen zu tun und hatte sich, als  ihn die Geschäftsführung vor eineinhalb Jahren in Pension geschickt hatte, um einen  Jüngeren den Verlag leiten zu lassen, fest vorgenommen, nun in seiner Bibliothek  der ungelesen Bücher zu beenden, den Urwald zu erforschen, auf Safari zu gehen,  Gedichte zu schreiben, etcetera.

Das was man sich, als rüstiger Pensionist eben bei der Verabschiedung vorzunehmen pflegt und jetzt, fast zwei Jahre später mußte er sich eingestehen, daß fast nichts davon passiert war.

Das heißt, einige Bücher hatte er natürlich gelesen und Gedichte hatte er ebenfalls geschrieben. Aber das war auch etwas, was ihn beunruhigen und an den Vater denken lassen könnte. Denn das, was da herausgekommen war, war nichts, was er im Starverlag durchgehen hätte lassen.

Absolut nichts davon, war er doch vor ein paar Nächten aus dem Schlaf geschreckt und da war ihm wirklich und wahrhaftig, die schöne Maid auf der grünen Wiese eingefallen, die sich die Äuglein nach dem ungetreuen Geliebten ausweinte.

Er hatte diesen Schwachsinn in seiner taumeligen Schlaftrunkenheit auch aufgeschrieben. Am nächsten Morgen natürlich zerrissen. Es hatte ihn aber mitgenommen, so daß er gestern einen Neurologen aufgesucht hatte, der ihn zwar  beruhigte, ihn aber dennoch den ganzen Nachmittag in rastloser Unruhe durch die Stadt getrieben hatte, so daß er den Postboten, der ihm die eingeschriebene Nachricht überbracht hatte, versäumte und er heute extra, was vielleicht auch ein erstes Demenzanzeichen war, das Postamt aufsuchen hatte müßen und das, was ihm die junge Angestellte mit sichtlichen Migrationshintergrund, dunklen Haaren und einer ebensolchen Brille übergeben hatte, hatte auch nicht gerade dazu beigtragen, ihn zu beruhigen, obwohl sich der Perron nach und nach füllte und sogar ein paar Scater, was natürlich streng veroten war, an ihn vorbeischlängelten. Das bewegte eine strenge Lautsprecherstimme zu einer Durchsage und die junge Mutter hatte das Taschentuch  eingesteckt und hielt ihrem Kind, es war offenbar ein Junge oder doch vielleicht ein kleines Mädchen, eine Rassel unter die Nasse und flötete mit verstellter Stimme betont babyhaft: „Bababa, schau, wie das rasselt mein süßer Kleiner!“

Ekelhaft, wie kindisch junge Mütter wurden, wenn sie sie mit ihren Kleinen beschäftigten. Trotz aller Emanzipation und Studium hatte sich das bis heute nicht verändert und rief in ihm ungute Erinnerungen an die eigene Mutter, Großmutter und ältere Schwester wach, die sich auch nicht entblödet hatten, mit dem kleinen Moritzi in einer idiotischen Kindersprache zu palavern. Und da wunderte man sich, daß die älteren Leute, bevor sie starben wieder in das Reich der Demenz und Verblödung hinüberglitten.

Er wollte sich das ersparen und war auch niemals ein Vater gewesen, der seinem oder seiner Kleinen mit einer idoitischen Rassel vor die Nasse herumgefummelt war. Denn er hatte keine Kinder,  dafür war er als aufstrebender Verlagsleiter immer zu sehr beschäftigt gewesen und Natalie mit der er nur drei Jahre verheiratet gewesen war, war mit dem Aufbau ihrer psychoanalytischen Praxis ebenso so beansprucht gewesen, daß sie das nie von ihm gefordert, sondern diesen Wunsch im Gegenteil stark abgewehrt hatte und jetzt, um wieder auf  das Zitterns seiner Finger zurückzukommen, war Natalie offenbar gestorben und hatte ihm diese Tatsache durch einen Notar mitteilen lassen. Hatte ihm durch diesen auch den Termin ihres Beräbnisses, das in Wien, in ihrer Heimatstadt stattfinden würde, bekanntgegeben und ihm noch ein Briefblatt beigelegt, auf dem sie sich, wie sie erstaunlich einsichtig schrieb, für alles, was sie ihm angetan hatte, entschuldigte und  noch mitteilte, daß ihre Schwester Mathilde, die unglückselige Zwillingsschwester, wie sie sie in den drei Jahren ihrer Ehe manchmal genannt hatte, eine Tochter hatte, die ihm erstaunlich ähnlich sehen sollte.

„Vielleicht solltest du daran bleiben, um nicht genauso schuldig, wie ich, die ich mich in den letzten Stadien meines Krebs befinde und daher Zeit ist, über mich und mein Leben nachzudenken, zu werden, lieber Moitz und entschuldige noch einmal, was ich dir und auch Mathilde, der ich ebenfalls geschrieben habe, antat“,, hatte in dem Brief gestanden und seine Hände zitterten stärker denn je und jetzt war es ganz sicher, daß es kein beginnender Parkinson war, der das veranslaßt, denn er hatte sich vor dreißig Jahren in die Verlagssekretärin Mathilde und nicht in die junge  Analytikerin Natalie verliebt, die gerade in der Tautenzienstraße ihre erste Praxis aufzumachen plante und hatte, wie er ihm  schmerzhaft einfiel und wofür er sich immer noch genierte, gar nicht bemerkt, daß sich Natalie im wahrsten Sinne des Wortes bei ihm eingeschlichen hatte. Denn er hatte wirklich und wahrhaftig erst bei seiner Hochzeit und durch seinen Trauschein mitbekommen, daß er Natalie und  nicht Mathilde Schmidt geheiratet hatte. Das heißt, der Standesbeamte hatte diesen Namen natürlich genannt.

„Fräulein oder Frau Dr. Natalie Schmidt!“ und als er sie nach der Tafel darauf ansprach, hatte sie aufgelacht und geantworte „Hast du das  nicht gewußt? Ach seid ihr Männer doch begriffsstützig!“

Und Mathilde, seine erste Liebe, die Verlagsseretärin, als die er sie im Starverlag  kennengelernt und sich in sie verliebt hatte, war  aus seinem Leben verschwunden. Wahrscheinlich war sie in seine Heimatstadt Wien zurückgekehrt, wie Natalie ihm bei einem weiteren Streit spöttisch hingeworfen hatte. Aber dort hatte er, der Feigling, der er war, sich nicht hingetraut, um sich bei Mathilde zu entschuldigen und ihr eingezustehen, daß er so blöd gewesen war, den Unterschied zwischen einer Natalie und einer Mathilde, die  eineiige Zwillinge waren, obwohl sie, wie er jetzt zum wissen glaube, sich charakterlich sehr unterschieden, nicht bemerkt hatte.

Er hatte es nicht bemerkt und Mathilde nicht wiedergesehen. Die Ehe mit Natalie hatte drei Jahre gehalten. Wahrscheinlich da er sich seinen Irrtum und seine Blödheit nicht eingestehen wollte. Dann hatte sie die Scheidung eingereicht, weil er ihr zu langweilig war und er die Leitung des Verlags übernommen und hatte jetzt erst wieder etwas von Natalie, beziehungsweise ihrem Tod gehört, die ihm zu ihrem Begräbnis einlud und ihn aufforderte  Kontakt zu ihrer Schwester aufzunehmen, um nicht so schuldbeladen, wie sie zu sterben und ein Foto von Mathildes Tochter Lily, die ihm angeblich sehr ähnlich sehen würde, hatte sie ihm auch geschickt, dachte er und hätte am liebsten nach dem Bildchen gegriffen, um es sich noch einmal anzusehen, was er aber, da jetzt gerade der U- Bahnzug einfuhr, nicht konnte. So atmete er nur tief durch, griff ein wenig fester nach dem Brief in seiner Hand und folgte dann der jungen Mutter in den U-Bahnzu nach, die den Buggy mit dem kleinen Söhnchen so schnell in den Waggon geschoben hatte, daß er gar nicht dazu gekommen war, ihr,  wie ein Kavalier der alten Schule, der er  war, zu helfen, obwohl er das gern gemacht hältte.

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2017-05-26

Angekommen

„Angekommen!“, dachte Slavenka Jahoda und schaute ein wenig trübsinnig vor sich hin. Ließ den Kopf mit den kurzgeschnittenen rötlich gefärbten Haaren durch das kleine Atelier gleiten, in das Doktor Hartner sie vorhin geführt und die Türe dann hinter sich geschlossen hatte.

„Dann laß ich Sie allein, damit Sie auspacken und sich in Ihrem neuen Reich ein wenig heimisch fühlen können!“, hatte er, der wohl zwanzig oder waren es schon dreißig Jahre, älter als sie war, zu ihr gesagt und sie dabei wohlwollend väterlich durch seine viereckige Brille angesehen.

„Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Jahoda!“

Er hatte wirklich diese Form gewählt, obwohl sie im Institut gelernt hatte, daß das schon längst veraltet war und man im Deutschen und sicher auch im Österreichischen, jede Frau ab achtzehn, als solche anszusprechen und sie hatte ihren vierundzwanzigsten Geburtstag schon vor zwei Monaten gefeiert, noch bevor sie gewußt hatte, daß ihr Stipendiumsantrag bewilligt worden war und sie den Monat Mai und den Juni, als Stipendiatin am Institut für höhrere Studien verbringen und über den Einfluß von Blogs aufs den Literaturbetrieb forschen würde können.

Das war ihre Dissertation, die sie am Germanistischen Institut von Bratislava schrieb und nach dem das Stipendiuum bewilligt worden war, hatte sie ihren Rucksack und ihre Reisetasche gepackt, war mit dem Bus hierhergefahren und von Doktor Stefan Hartner, der ihr Stipendiumsbetreuer war, in der Bibliothek des Institutes empfangen worden, der sie in das kleine Atelier, das den Stipendiaten zur Verfügung stand, hinaufbegleitet hatte und sie dann wieder in die Bibliothek hinunter bestellt hatte.

„Treffen wir uns in einer Stunde in der Bibliothek, damit wir alles Weitere bresprechen können! Ist Ihnen das recht?“, hatte er wieder in seiner väterlich umständlichen Art gesagt und sie hatte energisch genickt, wobei ihr die frischgewaschenen Haare ins Gesicht gefallen waren, ihm beim Schließen der Türe zugesehen und ließ den Blick nun über das Zimmerchen gleiten, das für die nächsten zwei Monate das ihre sein würde.

Ein Bett, ein Schrank ein Schreibtisch, zwei Sesseln und eine Badezimmernische mit einer WC-Muschel und einer Duschkabine. So weit nicht weiter aufregend und von dem Studentenzimmer, das sie in Bratislava bewohnte, nicht wirklich zu unterscheiden und zu Hause in Kosice, wo sie mit ihren Eltern und ihren zwei Geschwistern in einem dieser heruntergekommenen sozialistischen Plattenbauten aufgewachsen war, war es auch nicht schöner gewesen.

So weit so gut und nicht wirklich aufregend. Also die Tasche und den Rucksack auspacken, die T-Shirts und die Jeans in den kleinen Kasten räumen, den Laptop auf den Schreibtisch stellen und die mitgebrachten Bücher auf das Regal räumen, das sich über dem Bett auch noch befand.
Dort hatte vorher nur ein Stadtplan von Wien gelegen, den ihr Dr. Hartner oder ein anderer Institutsmitarbeiter vorsorglich hingelegt hatte, damit sie sich auskennen und in der Stadt zurechtkommen würde. Jetzt standen ihre Bücher da, obwohl sie die für ihre Dissertation  nicht besonders brauchte, denn sie wollte ja das Internat erforschen, beziehungsweise, die literarischen Blogs, die es in diesem gab und darüber gab es noch nicht viel Printliteratur und auch noch nicht sehr viele Dissertationen.

Und um das zu verändern war sie auch hergekommen, obwohl ihr Bratislaver Doktorvater Dr. Jan Prochazka zuerst den Kopf geschüttelt hatte, als sie ihm von ihrem Plan erzählt hatte. Das war ihm zu modern erschienen und er hatte wohl auch nicht wirklich geglaubt, daß Blogs einen Einfluß auf den Literaturbetrieb haben könnten, dann hatte sie ihm die dreitausend Artikel des Blogs, der Eja Augustin gezeigt, in denen die das literarische Lebens Wien der letzten zehn Jahre beschrieben und belebt hatte und er hatte einlenkend  „Wenn Sie glauben, Kollegin!“, gesagt.

Er hatte das altmodische Wörtchen „Fräulein“ nicht dabei verwendet, obwohl er sicherlich nicht fortschrittlicher, als Dr. Hartner war oder doch. Sie durfte ihm nicht unrecht tun, hatte er ihr doch vorgeschlagen, sich um ein Erasmus-Stipendium zu bewerben, damit sie nach Wien fahren und am Orte des Geschehens forschen könne, obwohl sich die dreitausend Blogartikel der Eja Augustin im Netz befanden. Aber Dr. Prochazka las, wie er selber eingestand, keine Blogs. Dafür fehlte ihm die Zeit. Sie waren ihm wohl auch zu unwichtig und sie hatte auch nichts dagegen nach Wien zu fahren und sich die Orte des Geschehen von denen, die Bloggerpionierin immer schrieb, selber anzuschauen und hatte auch schon ausgemacht sich mit ihr in der „Alten Schmiede“, sowie im „Literatuhaus zu treffen“ und in die Bibliothek des Doktor Hartners wollte sie auch kommen, um sie kennenzulernen.

„Angekommen!“, dachte Slavenka Jahoda also noch einmal und verstaute auch den Rucksack und die schwarze Reisetasche in den kleinen Kasten. Jetzt mußte sie nur noch ein SMS nach Hause schicken, damit die Mutter und der Vater sich keine Sorgen um sie zu machen brauchten.  Die Geschwister waren nicht zu Hause, verbrachte der Bruder Petr doch auch ein Forschungssemester an der University von Massachusetts und die Schwester studierte Medizin in Bratislava.
Dann vielleicht das T-Shirt wechseln, da das blaukarierte mit dem sie hergefahren war, schon einen leicht zerdrückten Eindruck mache, also das weiße mit den lustigen roten Punkten erneut aus dem Kasten nehmen und dann rasch ins Badezimmer huschen, um sich die rote Haarpracht zu frisieren, damit sie vor Dr. Hartner und Eja Augustin  keinen schlechten Eindruck machte und dann hinuntergehen in die Bibliothek, die Bloggerin kennenlernen und mit Dr. Hartner besprechen, wie er sich ihre Stipendiumszeit vorstellte.

2017-05-20

Grenzverkehr

Wir leben in Zeiten der offenen oder schon wieder geschlossenen Grenzen, wie man merken kann, wenn man beispielsweise im März nach Leipzig zu der Messe fährt oder, wie ich das im Vorjahr mit dem Alfred machte zu einem Kabarettbesuch nach Salzburg.

Denn seit wir in der EU sind, gibt es ja den Schengenraum und so kann man, was damals sehr gepriesen wurde, innerhalb Europas ungehemmt die Grenzen passieren, kann von Deutschland nach Österreich oder Holland fahren und natürlich selbstverständlich auch umgekehrt und das Schöne ist, man muß auch kein Geld mehr wechseln, braucht den Schilling nicht mehr in DM, Gulden oder Lira tauschen und erspart sich so die Umtauschgebühr.

„Fein!“, könnte eine EU-Gegnerin, wie ich es eigentlich bin, sagen und den ungehemmten Grenzverkehr mit der Erinnerung an die finsteren Zeiten beginnen, als die Zwölfjährige im VW-Käfer  ihrer Eltern mit ihnen nach Deutschland und, ich glaube, auch Holland und nach England zu Onkel Alois und Tante Margret fuhr und  ein vielleicht schlecht aufgelegter Grenzbeamter den Vater das ganze Auto von vorne bis nach hinten ausräumen ließ.

Sehr fein, zum Glück gibt es das alles nicht mehr und man kann ungestört herumreisen und  seine Einkäufe machen. Braucht den eingekauften Wecker oder die Flasche Wein, nicht mehr im Hut oder im Büstenhalter verstecken, wie ich als Schülerin einmal, als Schreckgeschiche von einer Lehrerin erzählt bekommen habe, wie ich mich erinnern kann.

Fein, sehr fein sogar, doch dann kam das Jahr 2015 und die Flüchtlingskrise, die Grenzen wurden von den syrischen Flüchtlingswellen überschwemmt, die Wogen des Unmuts und die schlechte Stimmung schwellte hoch, die Angst kam auf und als wir im Jänner darauf, wie schon erwähnt nach Salzburg reisten, also gar keine Grenze passierten, standen am Bahnsteig, die Grenzbeamten oder Polizisten und ließen sich von denen, die nach Rosenheim oder München weiterfahrenwollten, die Pässe zeigen und zwei Monate später auf der Fahrt zur Leipziger messen, mußten wir zwar keinen Pass herzeigen, die deutsche Grenze aber im Schritttempo passieren und überall standen Grenzer und schauten in das Auto.

Das hat sich, wie man täglich in den Nachrichten hören kann, inzwischen noch verschlimmert. Die Grenzen sind trotz Schengenraum wieder zu, vorübergehend aus Angst von den Flüchtlingsmassen überrollt und verschluckt zu werden verschlossen und dann kam Ruths siebzigster Geburtstag und wir machten uns auf mit unseren Rädern den Bodensee zu umrunden, weil wir ja zehn Jahre früher mit ihr und ihrer Radkarawane von Ybbs nach Regensburg gefahren sind, wo  auch eine Grenze im Schenkgenraum unkontrolliert zu überwinden war.

Und der Bodensee hat, da zu  drei Ländern gehörend, ja auch seinen kleinen oder großen Grenzverkehr und eines davon liegt nicht einmal im Schengenraum und so fuhren wir die letzte Woche lustig von der einen Grenzen zu der anderen.

Passierten sie mit dem Schiff am Rhein gleich mehrmals, weil dieses von Station zu Station zwischen der Schweiz und Deutschland eifrig hin- und herpendelte, wobei sich auch die Frage stellte, wie man seine Konsumation bezahlen soll?

„Nehmen Sie Franken?

„Selbstverständlich!“

Und auf dem Schiff wurde auch darauf Rücksicht genommen mit welchem Geld man zahlte, in der Schweiz, Schaffhausen, Rorschach, etcetera sollte es dann anders sein.

Da kostete das Bier, die Bratwurst und der Kaffee neunzehn Franken und das Wechselgeld betrug selbstverständlich einen Franken, weil man muß ja nicht in Euro zahlen und später wurde auch in Franken retourniert mit dem höflichen Bedauern des Kellners, der Kellernerin, der oder die vielleicht, um ihr Trinkgeld fürchtet, daß es der Chef „Leider, leider!“, so wünschen würde.

Aber dennoch, trotzdem ein kleiner oder großer Greznverkehr und ein erhabenes Gefühl von dem Schiff in Gottlieben auszusteigen, in der Konditorei wo es die guten Hippen gab, einzukehren und da wurde, wenn ich recht informiert bin, der Euro auch in Franken umgerechnet und danach die vier Kilometer auf dem schönen Uferweg an Radfahren und Joggern zuerst vorbei und dann ungeheuert durch die Schweizer Grenze nach Konstanz gegangen, wo wir drei Nächte im schönen City-Hotel übernachteten.

Ein kleiner oder großer Grenzverkehr und wenn man, wie beispielsweise es Erika Kronabitter  einmal tat, in Feldkirch wohnt, hat man die Franken immer in der Tasche, denn der Weg nach Lichtenstein ist ja nicht weit und dort wohnen vielleicht die Kinder, ist der Arbeitsplatz oder man trifft sich beispielsweise zum Muttertag mit der Tochter im Kunsthaus, um dort ein Schälchen Kaffee zu trinken und den dann in Euro oder auch in Franken zu bezahlen.

Ein großer und ein kleiner Grenzverkehr und auch ein schöner Urlaub. Eine schöne Radrundfahrt im Dreiländereck am Dreiländersee und dann wieder nach Hause und die Nachrichten aufzudrehen, um vom Schließen der Greznen, dem Bauen der Grenzzäune und dem Flüchtlingsstop zu hölren und man weiß, der Urlaub ist zu Ende. Man ist wieder da und die Regierung hat sich während der schönen Urlaubszeit zufälligerweise auch umgebildet und Neuwahlen ausgerufen.

2017-05-05

Eine unerwartete Aufforderung

„Bitte sehr, Signora, Signore!“, sagte Guiseppe, drehte, wie nur er es zu tun verstand, an seiner weißen Serviette und stellte die beiden Rotweingläser vor sie ab.

Vor sie und Moritz Lichternstern, der den Kellner freundlich anlächelte, sich bei ihm bedankte, dann sein Glas erhob und ihr zuprostete.

„Auf uns, laß es dir schmecken, Mathilde!“, sagte er und lächelte sie so an, wie er es vor über dreißig Jahren in Berlin getan hatte. Vor dreißig Jahren und neun Monaten, um genau zu sein, in den Räumen des Starverlags, wo er nach Abschluß seines Literaturstudiums gerade eingetreten war und sie auch erst seit ein paar Monaten, als Sekretärin tätig gewesen war.

„Wohl bekomms!“

So waren sie einander damals auch in den kleinen Buschenschenken an der Spree gegenübergesessen, hatten sich angelächelt, einander zugeprostet, den Wein genossen und sie, die mit ihren fast dreißig Jahren ja kein wirklich junges Mädchen mehr gewesen war, hatte sich in ihn verliebt und war damals wahrscheinlich genauso rot geworden, wie es ihr jetzt passierte.

Der Unterschied war nur, daß sie damals wahrscheinlich weiß getragen hatte oder fröhliche Farben. Ein leichtes Kleid mit Blumenmuster, während sie heute schwarz gekleidet waren. Sie in einem Kostüm, er im korrekten schwarzen Anzug, der trauernde Witwer und die traurige Schwester, obwohl beides  nicht stimmte und zumindestens was sie betraf, erstunken und erlogen war.

Sie trauerte nicht um Natalie, die vor zwei Wochen einem Krebsleiden erlegen war. Gar nicht und keine Spur. Nicht die Bohne und hatte allen Grund dazu. Die Schwester war ihr piepegal, auch wenn sie, wie sie auf dem Partzettel gelesen hatte, ihrem schweren Leiden tapfer erlegen war, kümerte sie das nicht und sie säße jetzt nicht hier in einem schwarzen Kostüm, das sie zuletzt beim Begräbnis ihrer Mutter getragen hatte, hätte Lilly sie nicht so gedrängt und regelrecht unter Druck gesetzt, doch zu dem Begräbnis zu gehen.

„Bitte Mama!“, hatte sie gesagt und ihre Stimme hatte versöhnend geklungen.

„Tu es mir mir zu liebe, ich weiß, daß du dich mit Tante Natalie nicht verstanden hast! Sie ist aber deine Zwillingsschwester und soll man nicht vergeben und verzeihen?“, hatte das Töchterlein geflötet und sie hatte nachgegeben, das Kostüm aus dem Kasten geholt und war mit zitternden Knien und sehr gegen ihren Willen auf den Zentralfriedhof gefahren. Denn sie wollte nicht vergeben und verzeihen. Würde das nie tun und hatte solcher Art der begnadenten Psychoanalytikerin keine Rose in den Sarg geworfen. Sie hatte ihr auch keinen Kranz bestellt, sondern war nur Lily wegen, die nach Töchterart vergeben und versöhnen wollte und noch keine Ahnung hatte, daß das vergebliche Mühe war und nie und niemals geschehen würde, auf den Friedhof gefahren.

Daß sie hier Moritz treffen würde, den sie dreißig Jahre nicht gesehen hatte, hatte sie da noch nicht gewußt, obwohl sie es sich denken hätte können oder eigentlich auch nicht, war er doch, wie sie einmal gehört hatte, von Natalie längst geschieden und er trug, wie sie sehen konnte, auch keinen Ring an seinem Finger seiner schönen Hand.

„Grüß dich, Mathilde!“, hatte er gesagt, sich über ihre Hand gebeugt und, wie ein Charmeur einen leichten Kuß darauf gedrückt. Dann war er nicht von ihrer Seite gewichen, nebenan waren sie in der ersten Reihe in der Aufbahrungshalle gesessen, denn die berühmte Psychoanalytikerin und begnadete Frau, wie sie sich ihre Schwester immer vorgestellt hatte, war offenbar doch nicht so beliebt gewesen, da sie und Moritz die einzigen Trauergäste waren.

Das stimmte wohl nicht so ganz und war erlogen, rief sie sich jetzt selbst zur Ordnung zurück. Das war natürlich nicht der Grund. In Berlin trauerten wahrscheinlich, die ehemaligen Patientien, aber Natalie hatte darauf bestanden, in Wien im Grab der Eltern bestatten zu werden und da sie schon dreißig Jahre in Berlin lebte und dort ihre Praxis hatte, waren ihre Freunde eben dort und der Weg von Berlin nach Wien war lang. Nur Moritz hatte ihn genommen, obwohl er von Natalie geschieden war und Lily, ihre Nichte lebte in  New York, war dort Kuratorin am österreichischen Kulturinstitut und konnte auch nicht kommen. Deshalb hatte sie sie überredet hinzugehen. Hatte regelrecht  darum gebettelt. Und sie hatte nachgegeben und war Moritz in der Aufbahrungshalle in die Arme glaufen. War während der Trauerworte des Pfarrers neben ihm gesessen, hatte mit ihm dem Sarg gefolgt und, als sie sich anschließend verabschieden wollte, war er auch an ihrer Seite geblieben, hatte sie angesehen und gefragt, ob sie nicht ihr Wiedersehen feiern wollten?

„Wir haben uns lange nicht gesehen, Mathilde!“, hatte er gesagt und dazu gefügt,“Ich habe dich nicht vergessen und oft an dich gedacht!“ und dann von ihr wissen wollen, wie es ihr ginge.

„Geht es dir gut, Mathilde?“, hatte er gefragt. Sie hatte genickt und gelogen und dann noch einmal genickt, als er sie fragte, ob sie nicht ein Glas Wein trinken wollte und dann noch einmal gelogen und war mit ihm mit der Straßenbahn in die Pizzeria Venezia, ihrem Stammlokal, wo sie nun schon fast dreißig Jahren jeden Abend ihr Gläschen trank, gefahren, wo sie Guiseppe, der in Wahrheit Mehmet hieß und türkischer Kurde und kein Italiener war, anstarrte, denn in den Jahren, wo er hier bediente, war es noch nie vorgekommen, daß sie Begleitung in das Lokal gekommen war. Da war sie immer allein gewesen und er hatte sie wohl für eine einsame alte Frau gehalten. Ließ sich seine Verwundertung aber nicht ansehen, sondern hatte sie sofort angelächelt und „Ist das Ihr Gatte, Signora?“, gefragt.

Er hatte das wohl selbst nicht geglaubt, dennn dann hätte er ihn wohl kennen müßen und sie hatte auch energisch den Kopf geschüttelt „Der Gatte meiner Schwester!“, geantwortet und auf ihr schwarzes Kostüm und seinen dunklen Anzug gezeigt.

„Beim Begräbnis haben wir uns getroffen!“, hatte sie noch hinzugefügt und Guiseppe hatte einsichtsvoll  genickt. War dann verschwunden, um zehn Minuten später mit den beiden Achterln Valpolilcella wiederzukehren, mit denen sie nun ansteißen und Moritz schaute sie lang und tief und eigentlich unverschämt an, wie sie dachte. Aber ehe sie ihm das sagen konnte, hatte er sein Glas zurückgestellt, in seine Anzugstasche gegriffen und von dort ein Foto herausgeholt, das er ihr unter die Nase hielt und auf dem sie verblüfft, einen orangen Kleinbus erkannte, der auf einer staubigen Straße entlangfuhr.

„Das ist mein Freund und little helper, mit ihm bin ich von Berlin hergefahren, Mathilde, um Natalie die letzte Ehre zu erweisen, wie das so schön heißt. Aber um ehrlich zu sein, auch dich zu treffen! Denn du weißt ja sicher, daß meine kurze Ehe ein Irrtum war und ich längst bereute, dich damals verlassen zu haben! Aber du weißt vielleicht auch, Fehler kann man wiedergutmachen, soll es auch, wenn man schon über siebzig ist und von seinem Verlag, für den man  noch ein paar jahre tätig sein wollte, in Pension geschickt wurde. Ein paar Jahre habe ich noch Zeit,  ihn zu verändern! Deshalb habe ich mich gefreut, dich heute zu treffen! Wenn ich ich ehrlich bin, habe ich darauf gewartet! Bin eigentlich mehr wegen dir, als wegen Natalie nach Wien gefahren und jetzt sind meine Wünsche in Erfüllung gegangen, ich sehe dich seit dreißig Jahren wieder“, sagte er und wollte wohl noch etwas dazusetzen, wurde aber von Guiseppe unterbrochen, der mit den Speisekarten auf sie zugekommen war, sie vor sie hinlegte und sich erkundigte ob sie etwas essen wollten?

„Später vielleicht!“, antwortete Moritz, schlug die Karte auf und steckte das Foto in seine Jackentasche zurück. Dann hob er noch einmal sein Glas und sah sie an.

„Nach meiner Pension habe ich mir vorgenommen eine Weltreise zu machen! Mit dem Bus wollte ich durch Europa zu fahren. Aber wie soll ich das allein, als einsamer Mann? Das wäre wohl nicht ganz das Richtige!“, sagte er, brach ab, griff er noch einmal in die Tasche, holte das Foto erneut heraus und legte es vor sie auf die Speisekarte, die sie gerade aufgeschlagen hatte, um sich einen Insalata Mista zu bestellten, schaute sie tief an und sagte, sie glaubte nicht richtig zu hören und ihn falsch zu verstehen „Lass uns abhauen! Einfach wegfahren und das Leben genießen, Mathilde!“

Seine Augen glänzten dabei, als er ihre Hand berührte. Sie wurde aber, wie sie befürchtete, rot, machte eine abwehrende Bewegung und schüttelte auch, wie sie sich später zu erinnern glaubte, den Kopf.

2017-05-02

Schreibgruppe: Sucht

Annika Bühnemann gibt schon seit einiger Zeit Tips, beziehungsweise Anregungen für ihre im Juni geplante Challenge „Zehn Geschichten in dreißig Tagen“ zu verfassen.

Eine davon lautet: „Beschreibe eine Szene, in der ein Abhängiger seiner Sucht nicht nachgehen kann. Achte auf Emotionen + Gefühle“ und das hat mir sehr gefallen, umsomehr da ich mit manchen Anregungen, beispielsweise mit der „Wie es wäre wenn ein Kaninchen, die Weltherrschaft übernehme?“, nicht so viel anfangen kann, obwohl es etwas Ähnliches höchstwahrscheinlich schon gibt.

Und da ich ja letzten Dienstag mit dem „Frühstück“ fertig geworden bin und eigentlich noch nicht so schnell mit meiner nächsten Depressionsgeschichte anfangen will, habe ich mir ja sozusagen zwei Monate für Studien und Recherche vorgenommen und da auch schon die erste Challenge-.Geschichte: „Schreibe eine enthusiastische Szene über Hausarbeit“ geschrieben, wenn die auch erst nächste Woche, wenn wir schon auf der Bodensee-Radfahrt sein werden, erscheint.

Es gibt da auch noch eine dritte Schreibanregung mit einem Bild mit einem Bus und der Aufforderungen. „Lass uns abhauben“- Emils Augen glänzten. „Einfach wegfahren und das Leben genießen!“

Und gestern am ersten Mai habe ich mir auch schon ein paar Gedanken darüber gemacht, wie es mit meiner Geschichte gehen könnte?

Da sehe ich ja immer eine Frau in der Pizzeria an der Straßenecke sitzen, wenn ich von der „Alten Schmiede“ nach Hause gehe und da habe ich mir gedacht, daß sie Mathilde Schmidt heißen könnte, ihr dann eine Tochter namens Lily, die in New York lebt, angedichtet und gedacht, daß die Tochter wollen könnte, daß sie zum Begräbnis ihrer Tante, beziehungsweise Schwester Natalie gehen soll und dort trifft sie deren Ex-Mann und Lilys Vater Moritz Lichtenegger wieder und dem habe ich eigentlich die Sucht anhängen wollen.

Dann habe ich mich aber entschlossen, Mathilde Schmidt, 65, die einmal Verlagssekretärin war und die ihr Achterl immer in der Pizzeria Venezia trinkt, eine solche, beziehungsweise eine Lungenentzündung zu verpassen und mir das, als Thema für die heutige Schreibgruppe gewünscht, die sehr klein gewesen ist, nur die Ruth und Peter Czak waren da, es ist aber trotzdem ein sehr intensives Schreiberlebnis geworden, das ich hier als erste oder zweite Challenge-Geschichte vorstellen will:

„Sie hatte von einem Glas Rotwein geträumt, von einem herrlichen Valpolicella aus der Toscana, den ihr Guiseppe, der Kellner im „Venezia“ extra empfohlen hatte.

„Wir haben  heute ein spezielles Tröpferl, Signora!“, hatte er geflüstert, die Flasche hochgehalten, an der weißen Serviette mit der er vorschriftsmäßig ihren Hals umschlungen hatte, gewischt und ihr die rote Flüßigkeit in das Glas geschenkt.

„Buon Appetito, Signora!“, hatte er  noch gewünscht, die Speisekarte zugeschlagen, um, die von ihr gewünschte Pizzastange mit Prosciutto und Mozarella in der Küche in Auftrag zu geben und sie hatte nach dem Glas gegriffen „Grazie, Guiseppe!“, ebenfalls geflüstert, dann den guten Saft getrunken und getrunken….

Und danach aufgewacht mit einem krächzenden Hals und einem brennenden Gefühl im Kopf und als sie sich an die Stirne griff, war die naß vor Schweiß und der excellente Valpolicella war verschwunden und nie dagegwesen. Auf dem Nachtkästchen neben ihrem Bett stand nur auf dem Stövchen, der russische Tee mit Hong und Zitrone, den ihr die Frau von der Volkshilfe, die derzeit jeden Morgen und jeden Abend zwanzig Minuten nach ihr schaute, vorsorglich hingestellt und sie daran erinnert hatte, daß sie davon trinken könne, bis sie morgen um halb neun wieder kommen würde, um neuen Tee zu kochen und ihr das Frühstück zu bereiten.

„Damit Sie etwas zum Erfrischen haben, Frau Schmidt!“, hatte sie ebenfalls fürsorglich gesagt. Dann hatte sie ihre Jacke und ihre Tasche genommen und war gegangen. Hatte sie mit ihrem Fieber, der Lungenentzündung und dem krächzenden Hals zurückgelassen und sie hatte auf die Uhr geschaut und  wehmütig gedacht, daß das die Zeit war, wo sie jeden Abend in die Pizzeria Venezia, die sich in ihrem Wohnhaus befand, hinunterzugehen pflegte, um sich bei ihrem Lieblingskellner Guisellpe, der, wie sie vermutete, in Wahrheit Mehmet hieß und kurdischer Türke war, ein Glas Valpolicella und dazu einen Insalata mista oder eine Prosciutto Mozarella- Pizzastange zu bestellen.

Wie sie das seit fast dreißig Jahren tat, seit es die Pizzeria an der Ecke ihres Hauses gab. Am Abend ging sie hinunter, setzte sich in das Lokal, um eine Kleinigkeit zu essen und ein Glas Rotwein zu trinken oder auch zwei.

Jeden Abend, seit fast dreißig Jahren. Nur heute ging das nicht. Gestern und vorgestern war sie auch nicht dort gewesen, denn da plagte sie eine hinterlistige Lungeentzündung, die ihr ihr Hausarzt Dr. Wolfgruber diagnostiziert hatte. Antibiotica und Penecelin verordnete und ihr die Frau von der Volshilfe schickte, die ihr ihr Bett machte, Tee kochte, die verordneten Medikamente verabreichte und sehr freundlich war.

Sie servierte ihr Kamillentee oder russischen mit Zitrone, aber keinen Rotwein. Dafür hatte sie kein Verständnis und schien, wie sie aussah auch eineAntialkoholikerin zu sein, die nur den Kopf schütteln würde, wenn sie von ihren Gelüsten wüßte.

Von ihren geheimen Gelüsten und den Schweißperlen, die sich jetzt auf ihrer Stirn gesammelt hatten. Denn jetzt war es schon drei oder sogar schon fünf Tage her, daß sie bei Guiseppe in der Pizzeria Venezia gewesen war, wie sie das schon seit fast dreißig Jahren regelmäßig jeden Abend tat. Ob sie ihm abging und er sie vermißte? Aber vielleicht hatte Dr. Wolfgruber, der seine Praxis auf der anderen Straßenseite hatte, ihm Bescheid gegeben oder die Frau von der Volkshilfe hatte ihn informiert, daß sie an einer Lungenentzündung litt und  die nächsten Tage oder vielleicht Wochen ausfallen würde.

„No problema!“, würde der wohl mit einem strahlenden Lächeln seiner weißen Zähne antworten.

„No problema, Signora!“ und ihr alles Gute wünschen. Aber gut war es nicht, wie sie merkte, als sie nach nach ihrer Stirne griff und dann mit einer verzweifelten Bewegung zu dem Stövchen, dessen Kerze längst aufgegangen war und die Tonkanne befühlte, in dem sich der von der Frau von der Volkshilfe angepriesene heiße Tee mit Zitronensaft und Honig befinden sollte, der ihr so gar nicht schmeckte.

Überhaupt nicht tat er das, wenn man von einem wunderbaren Tröpfchen, einem Valpolicella aus der Toscana geträumt hatte oder war es ein Chianti, den ihr Guiseppe angepriesen hatte und sie mußte in ihrem Bett und in ihrem Fieber ausharren,  konnte nicht hinuntergehen und sich von ihm das edle Tröpchen servieren lassen.

Brachte es nicht zusammen, ihre Kräfte reichten dazu nicht aus. Auch wenn sie sich nicht genieren würde, im Nachthemd, die drei Stockwerke bis zur Pizzeria Venezia hinunterzusteigen. Als Stammgästin die sie ja seit fast dreißig Jahren war, konnte sie sich das sicher leisten. Sie konnte aber nicht. Ihre Kräfte reichten nicht dazu aus.

Das hatte sie schon gestern ausprobiert und war nicht weitgekommen. Sie konnte nicht einmal in das Vorzimmer zu ihrem Festnetzanschluß hinauswanken, um Guiseppe anzurufen und sich von ihm das edle Tröpferl heraufbringen lassen. Konnte und schaffte es nicht, obwohl ihre Sucht mit allen Sinnen danach lechzte.

Denn jetzt war es, wie sie auf ihrer Uhr ersah, schon weit nach Mitternacht. Die Pizzeria Venezia würde geschlossen sein und Guiseppe-Mehmet nach Hause in die Gemeindewohnung im fünfzehnten Bezirk, wo er mit seinen Eltern und seinen Schwestern lebte, gegangen sein und sie mußte im Trockenen bleiben. Konnte sich nur den Schweiß von der Stirne wischen, der sicher von ihren Entzugserscheinungen und nicht von der Lungenentzündung herkam.

Sich sich mit einem kalten abgestandnenen Zitronentee begnügen, der ihr, wie sie sicher war, nicht schmecken würde. Mußte ausharren und würde bis die Frau von der Volkshilfe morgen, um halb neun wieder kam, dachte sie verzweifelt und ihre Stiirn war naß vor Schweiß und ihre Hände zitterten, als sie jetzt doch nach der Teekanne griff, um sich von den Zitronentee in die bereitstehende Tasse einzuschenken.

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