Literaturgefluester

2017-05-18

Das Geheimnis

„Verdammt,  verdammt!“, murmelte Lily und starrte trübsinnig vor sich hin.

„Was hast du Darling? Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, erkundigte sich Philip, der ihr Lebensabschnittspartner seit genau zweieinhalben Jahren war und schaute sie besorgt an.

„Du schaust so grimmig drein! Gibt es Probleme mit dem Chef und deinem Institut? Aha, ich sehe, du hast einen Brief vor dir liegen! Post aus  Bloody old Europe bekommen? Ist es die Mama, die sich meldet und sich sorgt, ob sich das Töchterlein in dem so gefährlichen Manhatten auch warm genug anzieht, wenn es auf die Straße geht?

„Nein!“, antwortete Lily Schmidt, blickte auf ihre Uhr und stellte erleichtert fest, daß es knapp vor elf war, Zeit für Phil in die Redaktion zu gehen und sie für den Rest des Tages allein zu lassen, was gut war, denn sie wollte, konnte ihm nicht sagen, was in dem Brief stand, den sie von Tante Natalie aus dem schönen Berlin erhalten hatte. Konnte es noch nicht und mußte es vielleicht trotzdem bald tun, denn Phil der, freiberuflicher Reporter bei der New York Times war, hatte einen scharfen Blick und Tante Natalies Absenderstempel schon erkannt.

„Dr. Natalie Lichtenstern-Schmidt, Psychoanalytikerin!“, stand darauf zu lesen und Phil nickte befriedigt vor sich hin.

„Alles klar, der Brief kommt von der Tante! Was will die Gute denn von dir? Laß, wenn ich raten darf, sie nicht zu viel in deiner Seele herumklepmern, das tut nie gut!“,wollte er wissen, dann wandte er den Blick von dem Briefkuvert ab und sah sie noch einmal besorgt an.

„Ist alles in Ordnung? Kann ich dich alleine lassen? Du weißt, ich muß in die Redaktion, um elf Uhr dreißig ist Sitzung und wenn ich da nicht pünktlich bin- Aber ich verspreche, ich rufe so bald wie möglich an, um mich zu erkundigen, was das Tantchen von dir wollte und rate dir, wie du ihren Psychoanalytikerkrallen entkommen kannst!“, sagte er in seiner zuversichtlichen Art,  griff dann nach dem Handy, den Kopfhörern und seinen Rucksack und drückte ihr einen leichten Kuß auf die Stirn.

„Klar!“, antwortete Lily und bemühte sich ein zuversichtliches Lächeln auf ihre Lippen zu bringen.

„Klar, kannst du das, keine Sorge, ich muß den Brief erst lesen!“, behauptete sie. Presste diesen fester an sich, dann winkte sie ihm nach und wartete, bis er die Tür zu dem Loft, das sie in einer ehemaligen Fabrik bewohnten, geschlossen hatte.

„Klar kannst du das!“, hatte sie behauptet und damit gelogen. Denn nichts war in Ordnung, ganz und gar nicht. Denn der Brief, den die Tante, die Zwillingsschwester ihrer Mutter ihr aus Berlin gesendet hatte, war das absolut nicht gewesen und hatte sie so durcheinandergebracht, daß ihre Hände zimmterten und sie unwillkürlich zum Küchenkasten ging, um sich ein Glas Whisky einzugießen, denn sie brauchte jetzt etwas Starkes zur Aufmunterung und Beruhigung. Ein Gläschen Whisky on the Rocks, das Phil von einem Arbeitskollegen geschenkt bekommen hatte, wenn schon kein Rotwein im Hause war, den die Mutter, wie sie wußte, so gern am Abend trank, wenn sie sich  in der einsamen Position, in der sie sich befand, abend für abend in die Pizzerie, die es in ihrem Wohnhaus gab, begab, um sich dort von einem jiungen Kellner oder auch vom Chef des Hauses ein Glas Chianti servieren zu lassen. Das war eigentlich etwas, was beunruhigen und Anlaß zur Sorge geben könnte. Die Einsamkeit der Mutter, die wie sie fürchtete, in Wien ganz alleine war, weil sich ihre Tochter nach Abschluß ihres Studiums  nach New York geflüchtet hatte und ihre Zwillingsschwester Natalie in Berlin seit Jahrsn eine psychoanalyltische Praxis hatte. Mehr Verwandte gab es nicht, außer Moritz Lichternstern, dem geschiedenen Mannn der Tante, der aber längst aus ihrem Leben verschunden und daher eine Legende war, weil sie selber keinen Vater hatte, beziehungsweise den Namen desselben  nicht kannte, denn der war noch früher, als Moritz Lichtenstern aus der Tante Leben, aus dem der Mutter verschwunden, was heißt, das es ihn schon nicht gegeben hatte, als Lily mit ihrer Mutter in dem alten Zinshaus mit der Pizzeria in Margareten aufgewachsen war.

„Frag mich nicht, Lily!“, hatte sie auf ihre Fragen immer sehr energisch geantwortet.

„Du hast keinen Vater und wir brauchen ihn auch nicht, weil ich versuche, so gut es geht, ihn dir zu ersetzten und du weißt ja deine Kindergartenfreundinnen haben auch oft keine Väter, weil die ihren Müttern davon gelaufen sind, was ich dir hiermit erspare!“

„Wie der Mann von Tante Natalie!“, hatte die vorwitzige Volksschülerin einmal gefragt, die diese Nachricht von der Großmutter gehört hatte, aber sofort verstummte, als sie den eisigen Blick der Mutter sah, mit dem die darauf reagierte.

„Genau, Schätzchen und das will ich dir ersparen! Deshalb frage nicht! Woher weißt du das überhaupt von Tante Natalie?“, setzte sie dann hinzu und Lily hatte aufgeseufzt, weil sie schon weise befürchtete, daß die Antwort, ein Besuchsverbot bei der Großmutter einbringen könnte, denn die Mutter, das hatte sie schon als Kind geahnt, verstand sich weder gut mit ihrer Mutter noch mit ihrer Zwillingsschwster.

Die Großmutter war dann auch gestorben, noch bevor sie ihre Matura abgeschlossen hatte und so hatte sie nie mehr etwas von der Tante in Berlin und dem entlaufenen Onkel gehört, denn die Mutter sprach nicht mehr davon und auch nach ihrem Vater hatte sie nicht mehr gefragt, obwohl sie, das konnte sie nicht leugnen und nicht bestreiten, sehr neugierig auf ihn war und schon daran gedachte hatte, ob sie nicht einen Detetktiv engagieren solle, der ihr dieses Geheimnis lüften sollte.

Und jetzt war das offenbar durch den Brief geschehen, der zwar den Praxisstempel ihrer ihr sehr unbekannten Tante trug, aber ihr eigentlich von einem Notar abgeschickt worden war.

„Sehr geehrte Frau Schmidt! Im Auftrag meiner Mandantin, die letzte Nacht im christlichen Hospitz, in Lichtenwalde gestorben bin, übersende ich Ihnen diesen Brief hatte er förmlich geschrieben und als sie ihn aufgerissen hatte, lag darin ein Bild eines braunhaarigen lockigen Mannes, der eine Lederjacke und eine Brille trug, der, wie sie von dem Hochzeitsbild der Tante, das ihr die Großmutter einmal gezeigt hatte, erkannte, jener Moritz Lichtenstern war.

„Das ist dein Vater!“, hatte die Tante in ihrer energischen Psychoanalytikerinnenhandschrift darunter geschrieben. „Wenn deine Mutter auch ihr Geheimnis in ihr Grab mitnehmen will, werde ich, die ihr offenbar vorausgehen werde, es lüften und dich informieren. Denn Geheimnisse, liebes Kind, habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, tun nicht gut und machen nur Probleme! Also sollst du es wissen und auch, wenn du dich das fragst, warum deine Mutter ihr  so böse auf mich war und keinen Kontakt  zu mir wollte und auch dich nicht in mein Leben lassen wollte!“

„Aha!“, dachte Liliy und ihre Finger zitterten jetzt so stark, daß der Brief mit dem Bild auf den Boden gefallen war.

„Aha!“ und nocheinmal nach der Whiskyflasche gegriffen, um sich ein zweites Glas einzuschenken. Das brauchte sie jetzt und tat ihr gut und Phil war  auch nicht mehr hier und konnte daher nicht sehen, daß seine große starke Liliane, die er doch so bewunderte, gerade dabei war, sich aus der Welt zu trinken.

Aber vorher bückte sie sich gehorsam, um den Brief und das Bild aufzuheben und da bemerkte sie, daß der vorsorgliche Notar ihr den Patenzettel beigelbt hatte.

„Nach kurzen schweren Leiden und tapferen Kämpfen!“ stand darauf zu lesen und nichts von einer treusorgenden Schwester, auch nichts von der Nichte oder war es jetzt die Tochter Liliane, die diese hinterlassen hatte. Auch der geschiedene Ehemann war nicht darauf vermerkt, dafür aber das Datum, das, wie Lily trotzdem sich ihr Kopf schon etwas benommen anfühlte, klar erkannte, schon übermorgen, am Wiener Zentralfried Hof stattfinden würde, wo sich, wie sie wußte, die Grabstatt ihrer Großeltern befand.

Übermorgen gab es im Kulturinstitut eine größere Veranstaltung, da konnte sie nicht weg und es wäre ihr auch ein wenig unpassend erschienen, zum Begräbnis einer Tante zu fliegen, die sie eigentlich nicht gekannt hatte. Da wäre ein Besuch der Mutter, um ihr dieses Brief zu zeigen, schon passender, aber auch das mußte sie sich abschminken. Sie hatte Dienst im Instutut und bekam so schell wohl auch keinen passenden Flug.

Aber anrufen konnte sie sie, die, wie ihr jetzt einfiel, sich gerade von einer Lungenentzündung erholte. Ihr von dem Begräbnis erzählen und  ihr den Brief vorlesen und das würde sie auch tun, weil, wie die psychoanlalytische Tante richtig geschrieben hatte, Geheimnisse nichts brachten und nur unnötige Probleme verursachten. So atmete sie durch, nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Whiskyglas. Dann suchte sie nach ihrem Handy und tippte die Nummer ihrer Mutter ein.

„Hallo, Mama!“, sagte sie, nachdem die sich meldete, dann kurz entschloßen mit schriller Stimme und einem hohen pfeifenden Ton.

„Hast du gewußt, daß Tante Natalie gestorben ist und übermorgen, um fünf am Zentralfriedhof begraben wird. Leider haben wir da eine große Veranstaltung, so daß ich nicht hinkommen kann! Ich will aber, daß du das für mich tust! Bitte, Mama, sie ist doch deine einzige Schwester, bitte Mama, tue es für mich!“ wiederholte, sie mit ihrer schrillen alkoholgeschwängerten Stimme und wunderte sich nicht, daß die Mutter aufgelegt hatte und auch nicht darüber, daß sie der Mutter zwar von dem Begräbnis, aber nichts von dem Brief der Tante und dem Bild des ihr unbekannten Ex-Onkels, der eigentlich ihr Vater sein sollte, erzählt hatte, obwohl das ja der eigentliche Grund ihres Anrufs war.

2017-05-08

Die Stipendiatin

Es war ein stürmischer Tag, der Himmel leicht bedeckt, Wolken waren zu sehen, so als würde es jederzeit zu regnen beginnen. Keine gute Aussichtslage, um die Fenster iherer kleinen Wohnung zu putzen. Die Hauswirtschaftslehrerein, des Institutes für höhere Frauenberufe, das sie einmal, es war schon länger her, besucht hatte, würde es ihr wohl energisch davon abraten.

Frau Professor Hödelmoser war aber nicht anwesend und höchstwahrscheinlich schon längst in Pension, wenn vielleicht nicht sogar gestorben und sie für sich selbst verantwortlich.

Für sie und ihre Fenster und Hauswirtschaft war nicht ihr Hauptberuf. Nicht der Brotberuf, sondern nur ihr Hobby oder nennen wir es besser, Notwendigkeit ihre Wohnung in Schuß zu halten. Aufzuräumen, kochen und heute hatte  sie sich vorgenommen, die Fenster zu putzen, obwohl das Wetter nicht das beste war.

Aber sei es wie es war. Sie hatte es sich vorgenomme oder sagen wir, sie hatte es in ihrem Kalender eingetragen und da sie es gewohnt war, ihre Aufgaben diesbezüglich kontinuierlich abzuarbeiten, um solcherart ihren Tagesplan zu erfüllen, schaute sie nur noch einmal prüfend durch die Terrassentür auf den kleinen Garten.

Dann ging sie auf das Klo, wo der rote Plastikkübel aufbwahrt wurde, trug ihn in die Küche und drehte das Warmwasser auf. Ein paar der älteren Geschirrtücher aus dem dafür vorgesehenen Küchenregal nehmen. Ein Wasserschwämmchen vorbereiten und dann den vollgefüllten Plastikkübel zum Küchenfester tragen.

Damit wollte sie beginnen. Dann die Terrassentür, die sich im Wohnzimmer befand. Dann gab es noch das Schlafzimmer, das auf die kleine Straße auf der gegenüberliegenden Seite hinausführte und das war interessant. Darauf freute sie sich besonders, bei ihrer Haushaltsarbeit, war sie doch nur im Nebenberuf Hausfrau, im Hauptberuf aber Schriftstellerin oder Autorin.

Freie Übersetzerin konnte man ihre Brotberufstätigkeit auch nennen und solcherart hatte sie, um ein Stipendium angesucht, um das sogenannte „Joseph Roth-Stipendium“, das für die literarische Übersetzungsarbeiten vorgesehen war und ein diesbezügliches Symposium hatte sie gestern und vorgestern im hiesgen Literaturhaus auch besucht. Deshalb war trotz des ungeeigneten Wetters nur heute Zeit für ihre Hausarbeit und zweitens war es interessant, beim monotonen Fensterputzen, das sie schon in der Haushaltungssschule nicht besonders leiden hatte könne, auf die kleine Straße hinauszusehen und das vor ihr liegende Alltagsleben zu beobachten.

Für eine Schriftstellerin oder freiberufliche Autorin war das, wie sie in diversen Schreibseminaren gehört und erfahren hatte, ganz besonders interessant. Hobbyautorin wollte sie sich nicht nennen. Fand sie doch diese Bezeichnung für nicht besonders stimmig, obwohl, wenn sie sich nicht irrte, der Typ in dem rotbraun gestreiften Wollpullover mit dem berühmten drei oder war es schon ein Fünftagebart, dem sie gestern am Buffettisch gegenübgestand, dafür gehalten hatte.

Ein wenig verächtlich hatte er sie gemustert oder war das nur ihr persönlicher hypersensibler und übertriebener Eindruck, da sie sich von ihm ein wenig abgelehnt und nicht für voll genommen, gefühlt hatte?

Mag sein, sie wußte das nicht so genau und hatte sich nun auch entschlossen, die nicht so sehr geliebte Hausarbeit zur Steigerung der Motivation  mit dem Schlafzimmer fenster zu beginnen. Dann gab es noch das sich nebenan befindende kleine Arbeitszimmer, das auch auf die Straße hinausführte.

Damit würde sie weitermachen und sich dann erst danach dem Küchenfester und der Terrassentüre widmen, dachte sie voll gewollter Euphorie, schnappte Plastikkübel, Wettexschwämmchen, sowie die drei Geschirrtücher und stellte den Kübel auf das kleine Tischchen ab, das sich unter dem Schlafzimmerfenster befand. Dieses aufgemacht, auf einen kleinen Schemel gestiegen und hinausgeschaut.

Draußen war es ruhig. Nur bei der Gerageneinfahrt des gegenüberliegenden Hauses, in dem sich eine Notariatskanzlei befand, stand eine Dreiergruppe, zwei Männer und eine Frau, die sich gestikulierend miteinander unterhielt und dicht vor ihrem nun geöffneten Fenster ging eine ältere Dame  mit einem Dackel vorüber, die skeptisch zu ihr hoch und in ihr Zimmer schielte.

Aufgeatmet oder aufgeseufzt und dann entschlossen das Wettex-Schwämmchen in das inzwischen schaumangereicherte Wasser getaucht. Auf den Schemel gestiegen, mit der ungeliebten Hausarbeit beginnen und dabei mit ihren Gedanken weitermachen und solcherart sich daran zu erinnern, was der Typ mit dem rotbraungestreiften Pullover gestern zu ihr sagte, der sie offenbar für eine Hobbyautorin gehalten und dabei den wunden Punkt getroffen hatte.

Denn sie war zusammengezuckt, hatte abwehrend ihr Rotweinglas erhoben und versucht sehr energisch mit empörter Stimme: „Ach, nein, Sie irren sich, ich bin eine Stipendiatin und habe sogar schon Joseph Roth übersetzt!“, zu antworten.

Was, wie sie leider merken mußte, bei ihm nicht sehr viel Eindruck machte, denn er hatte mit der weißen Plastikgabel nur in seinen Teller auf dem sich einige Jourgebäcksemmerln, zwei Schnitzelstücken und ein paar gebackene Champignons und Emmentaler, die es am Fingerfoodbuffet gegeben hatte, herumgeschoben. Dann hatte er auf und sie angesehen, sowie gefragt, ob sie seine Schnitzelstücke wolle, was bei ihr zu weiterer Abwehr geführt hatte.

„Nein, danke, die müssen Sie schon selber essen! Sie können sie ja, wenn Sie es hier nicht schafen, zum morgigen Frühstück verzehren!“, gekontert, was ihm wieder empört zu haben schien. Denn er hatte sein Herumstochern unterbrochen, die Plastikgabel hochgehalten und skeptisch in ihre Richtung geschaut.

„Ach, wirklich, Sie sind Stipendiatin, ich hätte Sie für eine Hobbyautorin gehalten?“, hatte er gesagt, was sie jetzt noch  so empörte, daß sie tief mit ihrem Schwämmchen in das warme Schaumwasser tauchte und damit energisch über die Schlafzimmerfensterscheibe fuhr.

„Fleißig, fleißig, passen Sie nur auf, daß es nicht zu regnen beginnt!“, hörte sie die Stimme des nächsten vorüberschlendernden Passanten zu ihr sagen, was wieder an ihrer Kompentenz und ihrem Selbstbewußtsein nagte und sie noch einmal enegisch den Kopf schütteln ließ.

Jetzt fuhr sie energisch mit dem Schwämmchen über die Fensterscheibe. Gestern hatte sie in ihrer Handtasche gekramt und dem Dreitagebarttypen ihre letzte Publikation entgegengehalten, das zu ihrem Bedauern noch nicht übersetzt war. Weder auf Ukrainisch, Polnisch oder sogar in das jetzt ungeliebte Russisch, hatte sie bis jetzt ein literarischer Übersetzer gefunden, der ihre Sommererzählung in seine Landessprache übertragen wollte. Das hatte nur einmal ein bosnischer Stipendiat mit einem ihrer früheren Bücher versuchen kommen und dann darauf vergessen oder war das dafür eingereichte Stipendium nicht zutandegekommen?

Sie wußte es nicht, hatte aber gestern den ungläubigen Typen energisch ihr Buch entgegengestreckt und ihm erklärt, daß das ihre letzte Veröffentlichung wäre.

„Wollen Sie sich sie ansehen!“, hatte sie etwas provokant gefragt. Er hatte aber nur abwehrend den Kopf geschüttelt und noch einmal mit aller Skepsis „Ach, wirklich?“ gesagt.

Dann hatte er mit einer weiteren Bewegung das Buch von sich gewiesen und mit erhobener Plastikgabel vor ihrem Gesicht herumgewackelt, was die neben ihr stehende Übersetzunerkollegin, die wenn sie sich nicht irrte, aus dem schönen Tschechien kam, zu der irnonischen Bermerkung veranlaßte, daß das eine sehr chacharakteristische  Handbewegung sei.

„Richtig!“, hatte sie verärgert gekontert. Das Buch wieder in ihre Tasche gesteckt und sich den Gemüsestäbchen auf ihrem Teller gewidmet.

„Sehr richtig, daran kann man die angewandte Psychologie studieren! Literatur interessiert den Herren offenbar nicht! Sind Sie auch ein Autor oder kommen Sie nur wegen des Buffets hier!“, hatte sie provokant in dem Versuch ihn zu ärgern gefragt und in ihrem Restärger, der vielleicht noch von gestern vorhanden war, war es ihr gelungen, die Fesnterscheibe trocken zu wischen und zu regnen hatte es auch noch nicht angefangen.

„Geschaft, geschafft!“, dachte sie befriedigt, machte das Fenster wieder zu, schnappte Kübel und Geschirrtücher und begab sich damit nebenan in das kleine Arbeitszimmer, wo auf dem Schreibtisch der Computer stand und auch die Arbeit lag, mit der sie, um das Stipendium angesucht hatte, von dem zwar noch nicht ganz klar war, ob sie es bekommen würde?

Für eine Hobbyautorin hielt sie sich aber trotzdem nicht und auch nicht für eine solche Übersetzterin, hatte sie doch sogar ein schon ein paar bisher unbekannte Arbeiten von Joseph Roth ins Englische übersetzt und drei Bücher waren von ihr auch erschinen, so daß sie größere Hoffnung hegte, das Stipendium zu bekommen. Das hatte eigentlich auch Frau Professer Wirr-Lechner, die das Symposium geleitet hatte,  gemacht, während der Typ im rotbraunen Pullover gestern noch immer skeptisch schaute, dann mit der Gabel in seine Schnitzelstücke fuhr,  sein Weinglas hob und sich in weiterer Folge der tschechischen Kollegin zuwandte und von ihr wissen wollte, was sie schon übersetzt hatte und, wie ihr das Symposium gefallen würde?

Sie wandte sich jetzt mit voller Inbrunst ihrem Arbeitszimmerfenst zu und bemerkte mit Befriedigung, daß die Dreierpersonengruppe, die vorhin in der Garageneinfahrt gestanden  hatte, inzwischen verschwunden war. Vielleicht hatte sie sich in die Notariatspraxis begeben, vielleicht in ihre Wohnungen oder ins nächste Wirts- oder Cafehaus gegangen. Sie wüßte es nicht. Es hatte sie auch nichts anzugehen, obwohl, sowohl für Hobby-, als auch für die sogenannten professionellen Autoren, die kleinen Alltagsbeobachten, wie sie auch von der Frau Professor gehört hatte, sehr wichtig waren.

„Unterschätzen Sie die nicht, liebe Kollegen und haben Sie, das kann ich nur wirklich raten-„, hatte sie gesagt, „-immer einen Bleistift und ein Notizbuch bei sich, um sich diese Beobachten aufzuschreiben und vielleicht später für eine Erzählung oder ein Gedicht verwenden zu können!“

Ein guter Rat, natürlich klar und gar nichts dagegen einzuwenden und auf ihrem Arbeitszimmerschreibtisch, befand sich auch ein Notizzettelblock und eine ehemalige Kaffeepulverdose mit Bleistiften und Kugelschreibern. Sie hatte aber trotzdem keine Zeit dafür, mußte sie doch ihre Hausarbeit beenden. Das Fenster fertig putzen, bevor es zu regnen begann, hatte sie sich vorgenommen und da, wie sie sehen konnte, schon die ersten Tropfen vom Himmel fielen, blieb ihr auch nicht mehr sehr viel Zeit dafür.

2017-05-04

Zwei Monate Schreibvorbereitung und Blogbuster-Preis

Wie geht es weiter mit meinem Schreibcampprojekt? Zur Erinnerung, da stelte ich mir ja schon seit ein paar Wochen die Frage, was mache ich, wenn ich mit meiner „Bibliotheksgespenstgeschichte“ fertig bin?

Da gibt es ja die Idee über eine Frau zu schreiben, die jeden Abend in einer Pizzeria ein Gläschen Wein trinkt, ich habe da auch ein bißchen was aufgeschrieben, einen Moritz Langenegger oder Lichtenstern dazu erfunden. Dann gedacht, ich könnte über zwei ungleiche Zwillingsschwestern schreiben, eine Idee die ich vor Jahren schon einmal hatte, aber wirklich befriedigt hat mich das nicht, denn ich habe ja schon so oft über depressive Frauen geschrieben, „dröflzig“ würde es mein Kritiker Uli nennen und das wäre dann auch nichts Neues.

Also die Idee mit Geschichten anzufangen, mit Studien und Recherchen, denn die Idee ein paar Tage lang durch die Stadt herumzulaufen, sowohl ein wenig Sightseeing zu betreiben, einukaufen, aber auch Ideen und Notizen zusammeln habe ich schon lange.

Vorige Woche bin ich mit dem „Frühstück“ fertiggeworden und dann gab es einige literarische Veranstaltungen und nicht wirklich Zeit mit meinen Ideen zu beginnen. Auch zum Fensterputzen, das Ritual, das ich seit einigen Jahren habe, wenn ich mit einer Geschichte, fertig bin, bin ich noch nicht wirklich gekommen.

Das habe ich für morgen Freitag vor, denn da habe ich nur eine Stunde, also Zeit für mich und meine Recherchen und als ich die Idee hatte, vielleicht mit ein paar Kurzgeschichten anzufangen, die hatte ich ja schon vor einem Jahr einmal, als ich die „Berührungen“ geschrieben habe, da war ich nicht ganz sicher, ob ich da jetzt „Wurfgeschichten“ oder einen „Roman“ schreiben wollen,  bin sehr bald beim Roman gelandet und jetzt bin ich auf Annika Bühnemann Schreibchallenge „10 Geschichten in drei Tagen gestoßen“, die sie in Juni mit anderen machen will.

Das passt perfekt, da mitzumachen, habe ich gedacht oder vielleicht doch nicht so ganz, denn noch ist es ja Anfang Mai  und ich bin nicht der Typ da ein Monat zu warten.

Aber Annika Bühnemann bereitet ihre Geschichten auch vor und ich kann ja schon im Mai damit beginnen, habe ich gedacht und mir vorgenommen im Mai und Juni ein sogenanntes „Schreibcamp“ zu veranstalten, also möglichst noch nicht an meiner Geschichte von der Mathilde Schmidt zu schreiben und dann in vier bis sechs Wochen damit fertig zu sein, sondern erst danach beginnen und dazwischen Stoff und Ideen sammeln oder diesbezügliche Kurzgeschichten verfassen.

Das erste Mal habe ich schon vor Ostern von diesen Ideen und meiner Strohwitwenschaft geschrieben, die ich habe, wenn der Alfred  mit dem Karli nach Amerika fährt, da hat sich dannn die Ruth gemeldet, mir von einem Folder über die „Kunst im öffentlichen Raum“ erzählt und mir vorgeschlagen, die dann aufzusuchen und darüber zu schreiben.

Gut, habe ich gedacht, aber mit der ersten Geschichte schon letzten Samstag begonnen, denn da gibt ja Annika Bühnemann im Zuge ihres Projekts per Twitter Tips und Schreibanleitungen und die Idee „Eine Szene über die Hausarbeit“ zu schreiben hat mir gleich gefallen.

Da könnte ich dann über mein Fensterputzen schreiben, habe ich gedacht, da ich aber sehr schnell und ungeduldig bin, es nicht geschafft, solange auszuharren und darauf zu warten, sondern gleich nach dem „Franz Werfel-Symposium“, losgeschrieben, weil ich mich da über einen Mann geärgert habe, der mir nicht glauben wollte, daß ich schon über vierzig Jahre schreibe.

Ein bißchen könnte die Verärgerung auch von meinen Leser Uli stammen, der sich ja freut, mich Hobbyautorin zu nennen, also war da schon eine namenlose Erzählerin, die ihre Fenster putze, sich über ihre Erlebnisse am Literaturhausbuffet ärgerte und die erste Geschichte, „Die Stipendiatin“ war geschaffen, die jetzt erst als zweite oder dritte erscheinen wird.

Denn als ich am ersten Mai vom Maiaufmarsch zurück war und nicht recht wußte, was ich jetzt machen soll? Hbe ich mein schwarz-rotes Notizbüchlein aufgeschlagen und mir meine Notizen bezüglich Mathilde Schmidt durchgelesen. Da habe ich dann gedacht, daß sie eine fünfunddreißigjährige Tochter namens Liy hat, die in New York im österreichischen Kulturinstitut arbeit und die ruft an und will von ihr, daß sie zum Begräbnis ihrer Tante, Beziehugsweise Schwester Natalie geht.

Das könnte der Anfang oder  dasEnde sein. Dazwischen liegt die Geschichte der Zwillingsschwestern oder die der Eltern, die überfordert waren, als sie plötzlich Zwillinge hatten, obwohl sie nur einen Namen für eine Tochter, ein Kinderzimmer hatten und überhaupt nur ein Kind wollten.

So ist Mathilde mitgelaufen, hat sich immer im Schatten ihrer Schwester gefühlt, die aufs Gymnasium durfte, Medizin studierte, zu Weihnachten die Geschenke, den Balletunterricht, die Sprachreise, etcetera bekam, während für Mathilde kein Geld dafür da war und sie gerade nach der Hauptschule eine Bürolehre machte.

Sie hat es dann geschafft, Verlagssekretärin zu werden und hat dann dort, in Berlin vielleicht, den jungen Verlagsangestellten Moritz Lichtenstern kennengelernt und sich ihn verliebt.

Dann ist ihre Schwester aufgetaucht, hat ihn ihr weggeschnappt und ihn geheiratet. Mit ihm, der später Verlagsleiter wurde in Berlin gelebt, während Mathilde nach Wien zurückgegangen ist, ihre Tochter Lily gebar von der Moritz nichts wußte, woanders gearbeitet hat und jetzt fünfundsechzig ist, einsam und schon lange in Pension. Lily in New York und sie geht jeden Abend in die Pizzeria, die sich in dem Haus, in dem sie wohnt befindet und trinkt dort ein Glas Wein oder zwei, die  ihr der Kellner Guiseppe, der eigentlich Mehmet heißt, türkischer Kurde ist und Medienwissenschaft studiert, serviert.

Jetzt ist die Schwester, die sie seither nicht mehr gesehen hat, in Berlin gestorben, sie will aber in Wien begraben werden und Lily will, daß Mathilde zum Begräbnis geht.

„Bitte, Mama!“

Dort sieht sie Moritz wieder, mit dem sie in die Pizzeria ein Glas Wein trinken geht und er könnte ihr, der auch schon in Pension ist und in Berlin lebt, das Bild von einem orangen Kleinbus zeigen, ihr in die Augen schauen und „Lass und abhauen. Eingach wegfahren und das Leben genießen!“, sagen.

„Wie geht es weiter?“, hat Annika Bühnemann unter diesen Schreibimpuls geschrieben und das könnte der Anfang oder das Ende der Geschichte sein. Der Anfang vielleicht, dann kommt die oben zitierte Geschichte und am Schluß fährt sie mit ihm nach Berlin oder fliegt nach N.Y zu Lily, um ihr zu sagen, daß er ihr Vater ist.

Das weiß ich noch nicht so genau, das könnte aber die dritte oder vierte Challenge-Geschichte werden, denn die zweite und die, die als erste veröffentlicht ist, habe ich schon am Dienstag, auch zu einen von Annika Bühnemanns Schreibimpulsen geschrieben.

Da ging es, um eine „Szene, in der „Ein Abhängiger seiner Sucht nicht nachgehen kann“ und da habe ich der Mathilde Schmidt eine Lungenentzündig angedichtet. Sie liegt in ihrem Fieber in ihrer Wohnung und kann nicht zu Guiseppe in die Pizzeria Venezia hinuntergehen und nicht ihr Glas Rotwein trinken.

Ob ich die Geschichte in meinem Roman verwenden kann, weilß ich noch nicht so genau, denn ich bin ja noch nicht so weit. Will ich ja die nächsten zwei Monate ein „Schreibcamp“ also sowetwas wie ein selbstzuerkanntes Stipendium machen und ob dann ein Roman daraus wird, will ich ja eigentlich erst im Juli in der Sommersfrische in Harland bei St. Pölten entscheiden, die ja wahrscheinlich wieder nur aus verlängerten Wochenenden bestehen wird.

Ich bin aber, das habe ich schon geschrieben, sehr schnell und ungeduldig und Annika Bühnemanns Schreibimpulse scheinen auch goldeswert zu sein, denn das gibt es noch einen, den ich brauchen könnte, nämlich den von der jugendichen Figur, die herausfindet, daß ihre Eltern gar nicht ihre Eltern sind“ und das könnte Lily sein, die herausgefunden hat, daß Moritz Lichtenstern ihr Vater ist und die daraufhin ihre Mutter anruft und sie auf das Begräbnis zwingt.

Für alle die jetzt verwirrt sind, diese Geschichte ist noch nicht geschrieben und auch die nicht mit dem Bus. Das habe ich mir eigentlich für den Freitag, wenn ich mit dem Fensterputzen fertig bin vorgenommen, diese zwei Geschichten zu schreiben und gleich oder erst später zu veröffnetllichen, da wir ja inzwischen noch mit der Ruth und den Rädern um den Bodensee fahren und dafür habe ich schon ein bißchen vorgeschrieben.

Es ist aber erst Donnerstagnachmittag, ich sitze da und habe Zeit zwischen meinen Stunden. Was mache ich da? Da werde ich ganz kribbelig und zum Fensterputzen sind eineinhalb Stunden zu wenig, da fange ich erst am Freitag an, aber die Geschichten könnte ich schon vorschreiben und dann gleich oder später veröffenlichen….

Mal sehen, wie es sich ergibt, meine Leser können gespannt sein und sich, wenn sie wollen darauf freuen. Das erhöht die Suspense und ich habe erst einmal damit begonnen meine Romanideen ein bißchen genauer vorzustellen und auch  ein bißchen zu erklären, wie das mit dem zwei Monaten Schreib- und Ideencamp“ sein wird über das ich sicher noch berichten werde.

Ja und eine Romanvorbereitungsidee hatte ich ja auch noch.

Da will ich ja, bevor ich zu schreiben anfange, das „Longlist-Lesebuch“ des „Blogbuster-Preises“, des „Preises der Literaturblogger“, den Tobias Nazemi ins Leben gerufen hat, durchlesen und da kann ich jetzt auch gleich den stolzen Preisträger der Veranstaltung verkünden, der heute im Hamburger-Literaturhaus vergeben wurde und dort konnte, ich wegen meiner sechs Uhr Stunde genausowenig hin, wie in die „Alte Schmiede“, wie ich es eigentlich vorhatte.

Aber der Preis wurde zum Glück im Internet übertragen, es gab einen Livestream, so daß ich  verraten kann, ein Torsten Seifert hat mit seinem B. Traven-Roman oder Biografie, den er auch schon im Eigentverlag veröffentlicht hat, das war bei diesen Preis nicht ausgeschlossen, gewonnen.

Die anderen zwei Shortlistkanditaten, wie die vierzehn von der Longlist und die zweihundertfünfzig, die bei den fünfzehn Literaturbloggern einreichten, sind, wie üblich übrig geblieben.

Aber ich kann ja in meinen zweimontigen Schreibcamp dank Annika Bühnemann und ihrer Challenge auch ein kleines Experiment wagen und, wie es fast scheinen könnte, meinen nächsten Roman oder einen kleinen Teil davon in Kurzportionen veröffentlichen.

Könnte ja sein, daß ein Literaturblogger oder ein anderer Interessierter mich entdeckt.

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