Literaturgefluester

2018-03-14

Wenn Martha tanzt

Der 1967 geborene Tom Saller, der Medizin studierte und jetzt als Psychotherapeut tätig ist, führt in seinem bei „Ullstein“ erschinenen Debut sehr deutlich vor, wie ein Roman entstehen kann.

Seine Großmutter, die nach dem Krieg aus Pommern flüchten mußt,e ist gestorben und hat ihm einen Brief hinterlassen.

Dann gibt es noch die Bauhaus-Geschichte, die „Ullstein“ in einem Extraheftchen als Überblick und zum besseren Einstieg in die Geschichte zusammen mit einem Interview mit dem Autor, beilegte, die ihm irgendwann zu Ohren kam und ihn interessierte, so daß er die Wahrheit mit der Fiktion verknüpfte und eigentlich einen „phantastischen Roman“ daraus machte, in dem er einige Ereignisse miteinander verknüpfte und auch auf die entsprechenden Höhepunkte und Spannungsbögen dabei achtete.

Da ist einmal der Ich-Erzähler und das ist der Enkel der verstorbenen Großmutter, die ihm ein Tagebuch vererbte, weshalb er, um es zu versteigern, von Deutschland nach New York reist und wieder interessant, so ein Buch hatte ich schon vor kurzem in Hannes Köhler „Ein mögliches Leben“, da ist der Enkel mit dem Großvater nach New York geflogen, damit der seine Kriegserfahrungen nochmals aufleben kann.

Hier verkauft der Enkel, das Buch um fünfundvierzig Millionen und eine der Jurorinnen des Leipziger Buchpreises merkte in einem Interview an, daß es interessant ist, wieviele junge Menschen plötzlich über Erfahrungen schreiben, die sie gar nicht erlebt haben.

Ja, die Großmütter sterben und der Ich-Erzähler, ein Germanistikstudent, hat nicht viel über ihre Vergangenheit gewußt, hat sie ihm doch auf Fragen immer nur gesagt „Red nicht so viel, sonst wird dir das Hemd zu kurz“.

Jetzt entdeckt er, als er ihren Nachlaß ordnet, eine alte Kladde und in dieser Zeichnungen von Paul Klee, Wassily Kandinsky und einigen anderen.

Hey, was ist da los? So nimmt er Urlaub von seinem Studium, um Marthas Tagebucheintragungen zu literarisieren und da die Eintragungen erst zwanzig Jahre später beginnen, muß er den Anfang, Marthas Kindheit in Pommern, als Tochter eines Musiklehrers recherchieren. Die, der Mutter von der Großmutter, wie man Anfangs glaubt, wurde 1900 geboren und geht, als junges Mädchen noch im ersten Weltkrieg nach Weima,r um in dem berühmten „Bauhaus“, das von Walter Gropius gegründet wurde und das, die erste Kunstschule war, die schon damals gleichviel Frauen, als Männer aufgenommen hat, zu studieren.

Denn Martha hat eine besondere Gabe. Sie sieht und hört alles in Formen. So gibt es in dem Buch nach den einzelnen Abschnitten immer einen kleinen Kreis, ein kleines Dreieck und ein solches Quadrat und sie beginnt diese Fähigkeit dann mit ihren Körper auch als Ausdruckstänzerin zu verwirklichen.

Das dauert allerdings nicht sehr lang, denn es kommen ja bald die Nazis, die die Schule schließen wollen und so geht Martha 1924 mit einem Kind im Arm, die kleine Hedi, die eigentlich Hedwig heißt, obwohl sie Lydia heißen sollte, zu den Eltern zurück.

Da habe ich noch etwas ausgelassen, nämlich den väterlichen Freund der Familie, der eigentlich Marthas Vater ist und auch ein Bruder von Walter Gropius, was auch der Grund war, warum Martha auf der Schule aufgenommen wurde und dann gibt es noch eine Fotografin namens Ella, mit der Martha eine zarte lesbische Liebe beginnt und die später einen Nationalsozialisten heiratet.

Man sieht, Tom Saller läßt nichts aus, was sich literarisch verwenden läßt und es kommt noch phantastischer.

Denn das Buch ist in zwei Teilen geschrieben, den des Ich-Erzählers, der im September 2001 nach New York reist und dann die Tagebucheintragungen.

In New York wird das Buch von einer alten Dame um fünfunfvierzig Millionen ersteigert und am Abend im Hotel ruft die junge Assistentin an und lädt den Enkel zum Abendessen in ein Hotel, das den Twintowern gegenüberliegt, ein. Ahnen wir schon den weiteren Verlauf der Handlung?

Noch nicht so ganz, denn die alte Dame, die dort wohnt, lädt den Erzähler erst zum Sherry ein, nennt ihn dann einen Betrüger, denn sie ist Martha, also hundertundein Jahr alt und ihre Tochter Hedi ist 1945, als sie fliehen mußten in der berühmten „Gustloff“, über die auch schon Günter Grass geschrieben hat, untergegangen.

Sie erzählt ihm, den weiteren Teil der Geschichte, die er schon von den Tagenbücher und von Wolfgangs Briefen, das ist der väterliche Freund, wußte.

Martha ist mit dem Kind in das Haus der Eltern zurückgegangen, zog ihr Kind auf, gründete eine Tanzschule und mußte  nach 1945 fliegen. Sie mußte das überfüllte Schiff aber verlassen, die Tochter blieb und ertrank auch nicht wirklich, sondern flüchtete auf ein anderes, das hat die Großmutter dem Enkel schon erzählt.

So waren Marthas Schuldgefühle unnötig, die nach Amerika emigirierte, sie schickt mit einem Brief, den Enkel aber trotzdem weg, was ein Glück für ihn ist, denn noch im Flugzeug stellt sich heraus, die Twintowers werden von den Flugzeugen angegriffen, fallen auf das Hotel und die Hundertjährige kommt bei dem Anfschlag um.

Der Erzähler kann den Brief erst später lesen, erfährt noch die letzten Details, die ich jetzt nicht spoilern will und wir haben eine phantastische Geschichte gelesen, die entstehen kann, wenn jemand einen Brief im Nachlaß seiner Großmutter findet.

Alles andere ist Fiktion und geschickte Verknüpfung, man kann aber über die Bauhausgeschichte in dem kleinen beigelegten Büchlein nachlesen und hat wieder etwas gelernt.

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2016-06-28

Jeder stirbt für sich allein

Filed under: Bücher — jancak @ 00:05
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Von Rudolf Ditzen, respektive Hans Fallada, 1893-1947, habe ich schon einiges gelesen, beziehungsweise in den Schränken gefunden.

Das erste war „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“, das habe ich wie „Bauern, Bonzen und Bomben“ eher langatmig und schwer zu verstehen, gefunden.

Von „Kleiner Mann, was nun?“, das jetzt von „Aufbau“ wieder aufgelegt wurde, habe ich sogar die „Rororo-TB-Ausgabe Nr 1, von 1950 und dann habe ich Anfang des Jahres noch eine Liebesgeschichte von ihm gelesen, die habe ich nicht gefunden, sondern in einer der nicht mehr bestehenden Buchhandlungen auf der Wiederner Hauptstraße, um zwei oder drei Euro gekauft.

„Jeder stirbt für sich allein“, kurz nach dem Krieg geschrieben und vom späteren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher in Auftrag gegeben, wurde vor kurzem, zum ersten Mal vollständig von „Aufbau“ wieder aufgelegt und ein großer Erfolg geworden.

Jetzt ist es zu mir gekommen und ich kann nur bestätigen, es ist der beste Fallada, den ich gelesen habe.

Lang ist es auch, siebenhundert Seiten, einige davon sind aber Anhang, aber flotter und packender geschrieben, als das, was ich bisher von ihm gelesen habe und es geht um ein brisantes Thema.

Johannes R. Becher soll ihm die Unterlagen eines wahren Falles gebracht und den Widerstandsroman in Auftrag gegeben haben, wogegen sich Fallada erst einmal wehrte.

Ein Ehepaar  Hampel, beide um die fünfzig, eine Berliner Arbeiterfamilie, die Postkarten gegen Hitler schrieben, in Häuser legten und dafür hingerichtet wurden, hat es gegeben. Fallada machte einen spannenden Roman daraus, in dem es auch noch einige Seitenstränge gibt, die eigene Geschichten sind.

Ob sich das Ganze wirklich so zugetragen hat, weiß ich nicht. Fallada schreibt im Vorwort, daß er sich gar nicht sosehr mit den realen Fakten, um besser erfinden zu können, beschäftigt hat und er hat erfunden, beziehungsweise geschrieben und es wirkt auch so, als hätte es ihm Spaß gemacht.

Da trägt die Briefträgerin, Eva Kluge, 1940, als Frankreich gerade kapitulierte, Post in das Haus Jabloskistraße 55, in dem oben am Dach eine alte Jüdin, dann ein frühpensionierter Gerichtsrat, eine Nazifamilie und das Ehepaar Quangel wohnt, beide Arbeiter, er bei der Arbeitsfront, sie bei der NS-Frauenschaft, der einzige Sohn im Feld und auch das nicht mehr, denn Eva Kluge bringt die Todesnachricht.

Ein Schlag für die Mutter, der darauf ein zorniges „Du mit deinen Führer!“, zu Otto Quangel, einem Möbeltischler, entfährt.

Das ist die Wende beziehungsweise der Auftakt, denn Otto Quangel fängt zuerst zu denken und dann zu schreiben an.

Die Frau, des wortkargen Mannes unterstützt ihn dabei und bevor sie das tun, entledigen sich beide ihrer NS-Positionen.

Eva Kluge tut das auch, tritt aus der Partei aus und flüchtet aufs Land, denn sie hat einen widerlichen Ehemann, den Enno Kluge und einen Sohn, der ihr bei der SS Schande machte und das ist schon die Nebengeschichte.

Denn da geht es auch, um zwei kleine Gauner, den Spitzel Backhausen und den arbeitsscheuen Enno, der aber ein Pechvogel ist, denn er ist ausgerechnet beim Arzt, um sich wieder einmal krank schreiben zu lassen, als dort eine dieser Karten „Mutter, Hitler hat dir deinen Sohn ermordet!“, eingeworfen wird und die Sprechstundenhilfe ist ohnehin spitz auf ihn, holt die Polizei und verdächtigt ihn.

Kommissar Escherich, ein alter Hase, erkennt zwar sofort den Irrtum, ist aber selber in Bedrängnis, denn sein Gestapo-Vorgesetzter macht großen Druck und will sich nicht seiner Polizeiarbeit, mit Fähnchen, die Standorte, wo die Karte gefunden werden, denn das Berlin zwischen 1940und 1942 ist so verängstigt und jeder etwas zu verbergen, daß fast alle Karten sofort abgeliefert werden,  zu markieren und so den Täter einzukreisen.

Er braucht einen schnellen Erfolg, so zwingt er den feigen Enno zu einer Unterschrift und treibt ihn schließlich in den Selbstmord. Diese Stelle gefällt mir weniger, aber sonst glaube ich, daß Fallada ein ausgezeichnetes Bild über das Leben der kleinen Leute in den Berlin, wo alle „Heil, Hitler!“, sagen mußten und es keinen Widerstand gegeben durfte, gelungen ist.

Es gibt den Widerstand doch, er ist aber leise und leider unwirksam und die Gestapo ist roh und verkommen, die Söhne bringen ihre Väter in die Psychiatrie und lassen sie niederspritzen und jeder beraubt und bespitzelt jeden.

Die Quangels haben aber zwei Jahre Glück und können ihre Karten ziemlich unbemerkt niederlegen, bis ihnen Fehler passieren und der Kommissar dank seiner Fähnchen entdeckt, daß der Täter in der Jablonskistraße wohnen muß.

So werden Otto und Anna verhaftet, Trudel Herweg, die frühere Braut des gefallenen Ottos, eine aufrechte Arbeiterin wird auch noch in den Fall verwickelt, sie erwischt den Fastschwiegervater beim Karten auslegen und ihr nunmehriger Ehemann wird auch noch mit einem Koffer eines ehemaligen Widerstandkämpfers entdeckt.

Lange wird dann noch die Zeit im Gefängnis, die Verhöre, bis zum Urteil, beschrieben.

Fallada ist wahrscheinlich ein eher umständlicher Schreiber, hat aber selber angemerkt, daß ihm damit sein bestes oder wieder ein gutes Buch gelungen ist, das ich zum Lesen sehr empfehlen kann, denn man bekommt ein ausgezeichnet Bild darüber, wie es damals gewesen war, so daß man besser versteht, warum das alles geschehen konnte und sich keiner wehrte.

2016-04-29

Die Wahrheit sagen

Der, 2008 in Prag erschienene „Brutale Roman über die Liebe zum Leben“ des 1969 geborenen, tschechischen Autors, Josef Formanek, wurde jetzt doch ins Deutsche übersetzt und mir von einem Literaturbüro zugesandt und erzählt auf etwa vierhundersiebzig Seiten, die Begegnungen eines Autors oder Journalisten, mit dem Namen Josef, der sehr mißtrauisch ist und manchmal eine etwas derbe Sprache hat, mit einem alten Mann, der viel Geld besitzt, in einer Hütte über einer Müllhalde lebt, den Müll sorfältig sortiert und ihn nach einer Frau namens Sophie fragt, der ihm sein Leben erzählt, damit er es aufschreiben kann.

1924 wurde der, Bernhard Mares mit Namen in einer Wiener Straßenbahn geboren, die Mutter wickelte ihn in die Jacke eines Fahrgastes ein, stieg aus und trug ihn zur nächsten Kirche, um ihn mit Namen versehen, dort abzulegen. Gefunden wurde er vom Pfarrer und vom Küster, die sich in einer rührenden Szene rührig hilflos um den Kleinen kümmern und ihn dann zur Schwester des Küsters aufs Land schicken. Die kümmert sich auch um ihn, wird aber von einer eifersüchtigen Freundin angezeigt, so kommt die Fürsorgerin, holt wie bei bei Erich Hackl, den Kleinen ab, um ihn ins Waisenhaus zu stecken. Die Schwester geht darauf ins Wasser und der Kleine verwaist noch einmal, weil sie ihn jetzt ja nicht besuchen kann.

Trost findet er in einem gestohlenen Wildwestbüchlein, als er ein anderes Buch klauen will, wird er noch der Oberin überrascht, die ihn unter die Schenkel greift und in die Badewanne steckt. Er will ins Priesterseminar, wird aber dort, weil unehelich hinausgeschmissen. So geht er in seine „Heimat“ Österreich, gerät nach Krems/Stein in eine unbezahlte Bäckerlehre und als er dort ein SS-Werbeplakat, es ist das Jahr 1942, mit einem Soldat mit ausgestreckten Arm und mit „Komm in deine Familie!“ oder so, sieht, meldet er sich freiwillig.

Wird nach Russland und an die Front gefahren, sieht der Ermordung der Juden in einem Dorf, die in einen Friedhof getrieben werden, zu, sieht seine Kameraden sterben und die russische Armee sich nähern.

Um Uniformen abzuholen wird er nach Mauthausen geschickt, dort sieht er die jüdische Gefangene Sophie Runbinstein, verliebt sich in sie, beziehungsweise sieht er in ihr das Mädchen seiner Träume.

So freundet er sich mit dem Unterscharführer Mold an und Sophie gibt sich, um gerettet zu werden ihm hin. Er befreit sie und einige andere Frauen auch und nimmt ihr das Versprechen ab, jeden Mittwoch in einem Park in Krems auf ihn zu warten.

Dann gerät er in das Gefangengenmassaker von Krems-Stein und wird schließlich Dolmetscher der roten Armee.

Er trifft Sophie wieder, wird Zeuge ihrer Vergewaltigung durch die Russen und will einen, der das tat erschießen, läßt es aber, als der ihm die Geschichte seiner Mutter erzählt. Für die Russen soll er in Wien bei den Amerikanern dolmetschen, dafür wird das Gastgeschenk gestohlen und als sich die Amerikaner auch Mädchen bringen lassen, wird er von dem, bei der er einmal in Krems wohnte, als SS-Mann enttarnt, wird gefangengenommen, von Nation zu Nation gereicht, bis er an einen verständnisvollen tschechischen Offizier gerät, der ihn entläßt.

Er fährt in die Tschechei zurück, geht zuerst zum Militär, macht dann kurzfristig bei der Kommunistischen Partei Karriere, erlebt dort, wie die Wahlen gefälscht werden und hat Angst als ehemaliger SS-Mann verhaftet zu werden. So kommt es zu einem Fluchtversuch, er wird verhaftet, für Jahre in Gefängnisse gesteckt, wo er sich zwischen „die Wahrheit sagen“, Rebellion und für Verrücktgehalten werden, hin- und her hantelt. Er wird zwischendurch entlassen, nimmt Kontakt zu Sophie auf, die verheiratet ist und schreibt beziehungsweise bekommt von ihr auch Liebesbriefe.

1969 wird er entlassen, geht nach Deutschland, wird dort Taxifahrer, führt ein Restaurant, kommt zu Geld und fängt ein Verhältnis mit seiner zweiten Liebe, der alten Hure Gitty an, dann fliegt er nach Südamerika, um nach seiner Mutter zu suchen, deren Grab er findet, an dem er sich betrinkt und in einer bizarren Szene eine Begnung mit einem Denkmal hat.

Die Mutter war Jüdin, also ist der SS-Mann auch ein solcher, was wieder die Bizarrtheit des Lebens zeigt, geht er nach Tschechien zurück, bezieht das Haus bei der Müllhalde, beginnt nach Sophie zu suchen und dem Schriftsteller Josef Formanek, oder Pepi wie er ihn nennt, sein Leben zu erzählen.

Das Buch, das manchmal ein wenig langatmig wirkt, ist zweigeteilt. Die Lebensgeschichte des Bernhard Mares, wechselt sich mit den Reisen, die er mit Formanek macht und dessen Leben ab.

So geht der nach dem  Tsunami von 2005 nach Indonesien, um dort zu helfen und ein Trinker ist er auch

Es wird in dem Buch, um die Wahrheit und wie sie manchmal scheinen kann, viel philosophiert, aber auch geflucht und wahrscheinlich auch geflunkert.

Am Ende stirbt der alte Mann, in seinem vierundachtzigsten Lebensjahr, aber nicht in Wien, wie ihm eine Wahrsagerin prohezeite, sondern im Zug nach Hamburg, auf dem Weg in ein Waisenhaus, das er mit seinem Geld unterstützte und zwischen den elf Kapiteln, gibt es immer mehr oder weniger lange fett gedruckte Motti, die ans Straßenbahnfahren erinnern.

„An alle, die noch im Wagen sind: Nächste Station! Wie sie heißt? Das ist ein Geheimnis!“, lautet eines davon.

Das Buch ist mit „Habis, Herbst 2008 datiert“.

„aus.gelesen“ hat es schon gelesen und auf der Rezension kann man auch einen Link zur Leipziger Buchmesse finden, wo Josef Formanek am Stand der Tschechen gelesen hat und gehofft wird, das das Buch bald eine deutsche Übersetzung findet.

Das ist jetzt geschehehen. Es ist nicht das erste Buch über den Holocaust, aber eines, das zeigt, wie verwinkelt das Leben und wie schwer es wahrscheinlich manchmal mit der Wahrheit ist, denn „der Mensch denkt, das Schicksal lenkt“, heißt es ja auf Seite 468.

2016-01-31

Die Banalität des Guten

Ein Gegenzitat zu Hannah Arendts „Banalität des Bösen“, die in diesem Buch, auch dem 1942 in Wilna hingerichteten Feldwebel Anton Schmid gedachte, der dort versuchte, dreihundert Juden das Leben zu retten.

Der 1963 in St. Pölten geborene Manfred Wieninger, der sich nach seiner „Marek Miert Krimi-Reihe“ zunehmend mit Verfolgung und Widerstand in NÖ beschäftige, das Lager, um den Viehofener See entdeckte und das Buch „Faustpfand“ geschrieben hat, sowie 2013 den „Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und Exil“ erhalten hat, hat darüber, wie ich dem Impressum entnehme, schon 2014 einen „Roman in Dokumenten“ im Verlag der „Theodor Kramer Gesellschaft“ herausgegeben, der am 21. Jänner im Bezirksmuseum Brigittenau präsentiert wurde.

Von Feldwebel Schmied habe ich aber  schon im Jahr 2014 durch Ö1 und das „Radio für Zeitgenossen“ erfahren und das Lesen des sehr gut dokumentierten Buches, ob es wirklich ein Roman ist, darüber kann man diskutieren, ist auch sehr interessant.

Wurde Anton Schmid, der mit seinem Bärtchen ein wenig an Hitler erinnern kann und ein offensichtlich sehr lebensfreudiger Mann war, wie man den abgebildeten Fotografien entnehmen kann, doch 1900 in Wien geboren und hatte in der Brigittenau ein Elektrogeschäft.

Er war verheiratet, seine Tochter Gerta oder Gertrude, der er aus Wilna viele Briefe schrieb, wurde 1921 geboren, 1940 wurde er in die Wehrmacht eingezogen, zum Feldwebel ernannt, auch davon gibt es im Buch einige Fotos in der Wehrmachtsuniform und in Wilna stationiert, wo er eine „versprengte Sammelstelle“ und einen Tapezierbetrieb mit jüdischen Zwangsarbeitern leitete.

Dort versuchte er Juden, die in Willna zu Hauf erschossen wurden, gefälschte Papiere zu vermitteln und aus dem Krisengebiet zu schmuggeln, wurde dabei aber verraten und 1942 erschossen.

Das, was man in „Wikipedia“ auf einer Seite nachlesen kann, erweckt nun Manfred Wieninger mit vielen Details und Originalbelgen, Briefen, Zeugenaussagen, sowie den schon erwähnten Fotos, zum Leben.

Es beginnt mit zwei englischen Gedichten für Anton Schmid, dann wird von der Hinrichtung und dem Brief des Gefängnispfarrer an Frau Steffi, von  der Kindheit, bis wiederum dem Ende, 1942 und dem, was danach geschah erzählt.

Zwei der von Anton Schmid Geretteten, waren der jüdische Schriftsteller Hermann Adler und seine Frau Anita. Hermann Adler, der in Würzburg an einer Sonderschule Lehrer war, mußte nach der Machtübernahme in die Tschechoslowakei fliehen und kam über Polen und Lemberg nach Litauen, seine Frau Anita stammte aus Wien.

Auch der Lebensweg der Beiden, die 2001 sowie 1997 in Basel gestorben sind, wird genau und detailreich geschildert, so daß man sich von den damaligen Geschehnissen ein sehr gutes Bild machen kann und in den Briefen Anton Schmids an seine Frau und seine Tochter erfahren kann, wie es damals gewesen sein mag.

„Es geht mir gut!“,, schreibt er immer wieder und erwähnt die Schnitzel und die Schweinebraten, die ihm seine Kameraden kochten. Er schickte auch sehr viele Würste und Fleischwaren nach Wien und schreibt immer wieder, wie gerne er nach Hause kommen würde, schreibt von Urlauben, die offenbar nie zustanden kamen und versteckte während dieser Zeit in seiner Dienstwohnung Juden, stattetete sie mit falschen Papieren aus und ließ sie damit auch in der Kompanie arbeiten.

Hermann und Anita Adler wollte er auch in seinem Dienstwagen nach Wien zu seiner Frau bringen, ein Plan, der offenbar nicht zustande kam.

Die Familie ließ, nach dem sie vom Tod Anton Schmids erfuhr, eine Seelenmesse lesen, wurde dabei aber offenbar von Hausparteien beschimpft und eine Fensterscheibe wurde eingeschlagen.

Es gab dann sehr bald, nämlich 1968, einen Spielfilm im ZDF.

Es scheint auch andere Bücher über Anton Schmid zu geben, die Sendung „Diagonal“ hat sich, glaube ich, auf ein solches bezogen und ein Weg beziehungsweise, ein Gemeindebau ist in Brigittenau, ein Bezirk von Wien, auch nach ihm benannt, sowie in Deutschland eine Kaserne, die es aber offenbar nicht mehr zu geben scheint.

Manfred Wieninger ist mit Christiane M. Papst, der das Buch auch gewidmet ist, 2002 nach Vilnius gefahren, hat dort gemeinsam mit einer Dolmetscherin das Militärgefängnis, wo Anton Schmid hingerichtet wurde und das jetzt ein Wohnhaus ist, besucht und mit einem Zeitzeugen gesprochen. Auch nach dem Grab wurde gesucht, das sich aber „heute leider nicht mehr lokalisieren ließ“.

Ein wirklich interessantes Buch mit sehr vielen Briefen und Dokumenten, das ich zu lesen sehr empfehlen kann.

 

2015-04-21

Lesetheateraufführung Irmgard Keun

Filed under: Veranstaltungen — jancak @ 22:07
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Eigentlich habe ich ja heute in die Hauptbücherei zur Präsentation des Kafka-Buchs, das für den Leipziger Sachbuchpreis nominiert war, gehen wollen und gestern doch in die „Alte Schmiede“ zu Robert Streibel und Erich Hackl, dann habe ich aber gesehen, daß in der Hauptbücherei Marlene Schachinger ihre bei „Septime“ erschienene Anthologie präsentiert und Ruth Aspöck, die ich angerufen habe, um ihr zu erzählen, daß sie im „Literaturmuseum“ in einer Endlosschleife zu sehen ist, sagte mir, daß am Dienstag im Literaturhaus ihre Lesetheateraufführung zu Irmgard Keuns „Nach Mitternacht“ stattfindet und als ich am Montag in die Hauptbücherei gekommen bin, streckte mir Ottwald John das diesbezügliche Flugblatt entgegen und erzählte mir stolz, er hätte am Sonntag der Warteschlange vor dem „Literaturmuseum“ etwa hundert solche Zettel verteilt.

Also umdisponiert, obwohl ich Irmgard Keun schon gelesen und bereits wieder vergessen habe, denn in den Siebzigerjahren hat sich die brave Psychologiestudentin in der Otto Bauer Gasse, die Zeitschrift „Emma“ gekauft und da wurde die 1905 geborene und 1982 verstorbene Irmgard Keun wiederentdeckt, ihre Bücher wieder herausgegeben, die ich mir kaufte, eines davon oder mehrere sind auch als Fortsetzungen in der Zeitschrift „Frau“ erschienen, die meine Mutter ja regelmäßig gelesen hat.

Inzwischen ist die Keun wieder vergessen, Ruth Aspöck war aber im Sommer in der Schriftstellerwohnung in Venedig, die einmal Anita Pichler gehört hat und hat da „Nach Mitternacht“ entdeckt, sie hatte seltsamerweise noch nie etwas von der Schriftstellerin gehört, war aber begeistert und bereitete eine Lesetheateraufführung mit Ottwald John, Christa Nebenführ, Andrea Pauli, Birgit Schwaner und Helga Golinger vor und brachte eine sehr genaue Einführung in das Leben der Autorin, die einem nichtjüdischen Bürgerhaushalt entstammte, Stenotypistin war und dann wahrscheinlich mit „Gilgi eine von uns“ begonnen hat, einen aufmüpfigen neuen Frauenroman zu schreiben, den die Nazis, als sie an die Macht kamen verboten haben, so daß sie nach Ostende fliehen mußte, dort in den Kreis der Emigranten aufgenommen wurde, mit Joseph Roth befreundet war, den Krieg dann versteckt bei ihren Eltern unter falschen Namen überlebte, „Nach Mitternacht“ ist in einem Exilverlag erschienen, dann gibt es noch „Das kunstseidene Mädchen“, „Das Mädchen mit dem die Kinder nicht verkehren durfgten“ und und und.

Wie geschrieben, die meisten Romane habe ich gelesen und schon wieder vergessen und war so überrascht über den frechen Ton, in dem sich die junge Frau über die Nationalsozialisten lustig machte und die Geschichte eines jungen naiven Mädchens namens Sana erzählt, die von der neuen Zeit und der Politik überrascht wird, obwohl sie sich eigentlich nur für die Liebe und das Leben interessiert.

Die Politik kommt ihr aber in die Quere und ihr Freund Franz wird von einem Denuzianten als Kommunist vernadert, als er  um zu heiraten einen Zigarettenladen aufmachen will, als er aus dem Gefängnis freikommt, bringt er den Verräter um und muß mit ihr nach Mitternacht nach Rotterdam fliehen.

Das Literaturhaus sehr voll, Erika Brunngraber, Frau Widhalm, die literarisch interessierte Dame, die ich in der „Gesellschaft für Literatur“ kennenlernte, Christian Katt, den ich schon vorher beim Bücherschrank, in dem einiges sehr interessantes zu finden war, getroffen habe, Ingeborg Reisner, die selbst ein Buch geschrieben hat, Werner Grüner und und und.

Die Ruth hat einen Teil ihrer Edition mitgebracht, die man sich gegen Spenden nehmen konnte, es gab nachher wieder Gespräche und Wein und eine junge Frau, die sich für das Lesetheater zu interessieren scheint, wurde von allen Seiten angeworben und es istauch eine interessante Sache, denn die Keun, ist inzwischen wieder sehr vergessen, hat aber einen wirklich interessanten frischen Ton, obwohl sie das Leben dann offenbar selber nicht so frisch fröhlich schaffte, sondern dem Alkohol und den Tabletten zugegriffen hat und auch mehrere Jahre in geschlossener Spitalsbehandlung war.

 

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