Literaturgefluester

2008-10-24

Ins Ohr

Filed under: Uncategorized — jancak @ 07:14

Bei dieser Erzählung von Evelyn Grill (Suhrkamp 2002), handelt es sich, um eine ins Telefon gebrüllte Provinzgeschichte, um Alter, Verzweiflung und Vergänglichkeit einer verschmähten Frau.
So wird die zweiundfünfzigjährige Elfriede Schweiger am zwanzigsten Hochzeitstag von ihrem Gatten, dem Hofratsarschloch und Veterinär Walter verlassen, der sich von ihr angeödet, ins Mühlviertel zurückziehen und ihr nur noch die Wäsche zum Bügeln vorbeibringen will.
Das reizt die verschmähte Elfriede zu Lachkrämpfen, hat sie doch gerade ihr letztes juristisches Examen bestanden und bricht zu neuen Ufern auf.
Reist zuerst also mit ihrem Sohn Mandi an den Nil und versucht ihn während der Kreuzfahrt durch eine vermeintliche Friseurin „entjungfern“ zu lassen, was aber schief zu gehen scheint.
Danach begibt sie sich von ihrer Mutter, als Sekretärin unterstützt, in die eigene Anwaltskanzlei, um nach deren Tod, endlich in die ersehnten sexuellen Freiheiten aufbrechen zu können, in die sie sich stürzt.
Zuerst fällt sie also in die Arme eines St. Pöltner Autohändlers, der sie mit der schönen Liebeslyrik fremder Dichter reizt, aber die Schimpfkanonanden, nachdem sie ihre Kanzlei nicht aufgeben und ihn beim Autohandel unterstützen will, selbst verfasst.
So schmiegt sie sich in sein zurückgelassenes Hemd, erlebt in diesen wilde Liebesgefühle, während sie es durch den Bad Ischler Notar und Zwangsneurotiker Theodor Dimitropoulos entweiht, der ihr Filzpatschen schenkt, mit ihr Schachspielen will und sie außerdem noch mit seinen recht rechten politischen Ansichten zur Verzweiflung bringt.
So pendelt die schöne Elfriede unentschlossen zwischen Steyr, St. Pölten und Bad Ischl hin- und her, fürchtet sich vor dem Älterwerden, beginnt zu trinken und schleppt sich von einer Blasenentzündung in die nächste, während sie kocht und bügelt, ihren Liebhabern die herrlichsten Menues bereitet, sowie einen Prozeß nach dem anderen gewinnt.
Trotzdem oder gerade deshalb wird diese Superfrau von ihren beiden Liebhabern, dem Älteren und dem Jüngeren, weidlich ausgenützt.
Sie verläßt sie auch immer wieder, läßt sich von ihren SMS und Anrufen, in denen es von „Hasilein“ und „Schatzilein“ geradezu wimmelt, aber immer wieder verführen. So muß sie sich ihre Christbaumengeln, die sie gar nicht benötigt, selbst bezahlen und kann nur Trost in den Telefongesprächen mit einer unbekannten Stimme finden, in deren offenes Ohr sie ihre Hoffnung schildert, ihren Sohn Mandi, der sein ungeliebtes Volkswirtschaftsstudiumstudium aufgegeben hat, um in Linz Jus zu studieren, in fünf Jahren zuerst als Konzipient und schließlich als Partner in ihre Kanzlei aufzunehmen, während ihr St. Pöltner Wolf per e-mail ankündigt, in ihrer Wohnung seine Websites zu erstellen, der Notar fleht sie an, sich neuerdings mit ihr zu versöhnen, während das Hofratsarschloch an der Türe trommelt.
Eine wahrhaft virtuose Provinzgeschichte in der Thomas Bernhard von einer weiblichen Stimme mit weiblichen Saraksmus übertroffen wird und die mir dennoch ein wenig zu nahe geht.
Zuviel weibliche Härte höchstwahrscheinlich, obwohl ich mich zu erinnern glaube, daß ich das Buch vor Jahren, als es im Radio besprochen wurde, einer Klientin empfohlen habe, die gerade von ihrem Mann verlassen wurde.
Also eine interessante Erzählung von einer starken Stimme aus der Frauenbewegung, das in seinem Sarkasmus Mut machen kann und das sich deshalb, hervorragend zum fünfzigsten, sechzigsten oder auch siebzigsten Geburtstag schenken läßt.
Jetzt habe ich diese Erzählung, zu deren Lesen, ich durch meinen Namensartikel, der übrigens die meisten Leser und Leserinnen gefunden hat, besprochen, bevor ich mich zu meiner Neurotraumatologischen Begutachtungsfortbildung in die allgemeine Unfallsversicherungsanstalt aufmachen will.
Ansonsten gibt es zu vermelden, daß Petra Ganglbauer den „Novembernebel“ besprochen hat und ins Netz stellen wird.
Unter gangway.net soll man die neue Rezension bald lesen können.
Und als neues Lesefutter habe ich noch zwei Bücher zum Türkeischwerpunkt, nämlich „Oberkanankengeil“ von Osman Engin und „Heim.at“ Gedichte, eine türkische Migrations- Antholologie, herausgegeben von Yeliz Dagevir, neue österreichische Lyrik, 2004, als x-ten Frankfurt Nachtrag unter meinen Büchern entdeckt.

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