Literaturgefluester

2017-12-09

Punschtrinken und neuntes Adventkalenderfenster

Filed under: Alltagsgeplauder,Textbeispiel — jancak @ 22:59
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Zu den Weihnachtsritualen gehört das jährliche Punschtrinken mit der Anna, wo wir regelmäßig auf den Spittelberg gingen. Dort durch den Adventmarkt streunten und dann meistens im Hof des Amerlinghauses einen Orangen- oder Ingwerpunsch tranken, der Alfred bevorzugte Feuerzangenbowle.

Jetzt wohnt die Anna aber in Harland und so sind wir am Nachmittag mit dem Bus nach St. Pölten gefahren und haben eine Weihnachtsmarktrunde gemacht.

Zuerst im Sparkassenpark, wo alles feierlich beleuchtet war und wir die Feuerzangenbowle probierten, die sehr köstlich schmeckte. Es war zwar ziemlich kalt, es waren aber überall Ofen aufgestellt, wo man sich wärmen konnte und dann sind wir noch auf den Rathausplatz gegangen, wo es traditoneller ist und wir schon einmal mit dem Karli waren. Da habe ich, kann ich mich erinnern Eierlikörpunsch getrunen, was ich wieder machte, der aber glaube ich, etwas anders schmeckte und weil das Punkschtrinken zum Advent passt, gibt es hier prompt das neunte Adventkalenderfenster und die Nika geht mit ihrem Freund  auch auf einen Weihnachtsmarkt, aber das passiert, glaube ich, erst später. Jetzt wird erst einmal die Mordsache aufgeklärt, weil es eigentlich eine Art Krimi werden sollte, obwohl ich keine Krimis schreiben kann.

„Mittwoch, 9. Dezember

Am Mittwoch prangte nicht zu übersehen, das Konterfei von Andrea Herbst auf der Gratiszeitung

„Wende in der Mordsache Kronauer? Hat Stieftichter ihren jahrelangen Peiniger erschlagen?, stand groß geschrieben und darunter teilte die Zeitung ihren Lesern mit, daß die Hausmeisterin Andrea Herbst, um halb sechs am letzten Montag das Haus betreten und an Veras Türe läuten gesehen habe. Slavica Miletevic hatte gerade den Boden aufgewaschen und so Gelegenheit gehabt, alles genau zu beobachten und das junge Mädchen, das eine große Sporttasche getragen hatte, war ihr aufgefallen, weil sie sich gewundert hatte, was ein so junges Mädchen in der Praxis einer Psychotherapeutin verloren habe?

„Aber die Welt wird immer verrückter und eigentlich wundere ich mich über gar nichts mehr!“, hatte die Frau noch hinzugefügt.

„Daß die Leute zum Zahnarzt gehen, ist selbstverständlich, aber ein so junges Mädchen sollte eigentlich keinen Therapeuten brauchen!“, hatte sie gedacht, die Achseln gezuckt und war mit ihrem Schrubber und dem Wasserkübel ein Stockwerk hinuntergestiegen, um dort weiterzuwaschen. Als sie in der Zeitung gelesenhatte, welche <patientin die Therapeutin behandelte, sei ihr erst Recht ein Schauer der Angst den Körper hinuntergeronnen und eigentlich wolle sie,  wenn sie ehrlich war, als Mutter von zwei Kindern, die oft genug allein in der Wohnung seien, nicht, daß solche Menschen im Haus ein- und ausgehen! Vorher habe sie sich nichts dabei gedacht! Aber jetzt würde sie immer Angst bekommen, wenn sie einkaufen oder in die Waschküche mußte und die Kinder allein waren! Wer weiß, was sonst noch für Leute zu der Therapeutin gingen und wenn die den Kindern auflauerten, sie verführten oder ihnen Gewalt antäten? Das wolle sie in ihrem Wohnhaus eigentlich nicht! Aber bei dem jungen Mädchen, das da die Praxis betreten hatte,  hatte  sie das nicht vermutet! Vor dem hatte sie sich nicht gefürchtet und nur „Armes Kinderl!“, gedacht. Dann hatte sie in den nächsten Tagen von dem Mordfall gelesen und sich an die Sporttasche erinnert, die das Mädchen über der Schulter hängen hatte. So ein Leuchter mit dem der Täter erschlagen worden war, hätte da sicher Platz gehabt! Sie hatte zwar keine verdächtige Geräusche aus der Wohnung gehört! das nicht, was sie auch nicht konnte, war sie doch zuerst in dem ersten Stock, dann in das Erdgeschoß hinuntergegangen und zuletzt in ihrer Wohnung verschwunden, so daß sie das junge Mädchen auch nicht das Haus verlassen gesehen hatte! Die Polizei, bei der sie ihre Beobachtung gemeldet hatte, hatte ihr das Foto von Adrea Herbst gezeigt und sie hatte sie sofort erkannt!

„Das ist sie gewesen!“, hatte sie ausgerufen! Die Gratiszeitung hatte wieder eine Schlagzeile und vermutete in Andrea Herbst die Mörderin ihres Stiefvaters.

„Hat Stieftochter ihren  Peiniger erschlagen?“, fragte sie in großen Lettern  und Nika schüttelte den Kopf, hatte sie doch gedacht, daß Peter Kronauer einem Schlaganfall erlegen war. So hatte es ihr die Schwester am Telefon gesagt und Harald, der sie wieder abgeholt hatte, hatte das auch bestätigt. Es war eindeutig ein Schlaganfall, wenn Peter Kronauer auch Spuren von diesem Leuchter im Gesicht hatte. Aber vielleicht war er darauf gefallen und Andrea Herbst hatte den Leuchter in Veras Praxis, den diese vorher noch nie gesehen hatte, gebracht? Das war eine Erklärung! So könnte es gewesen sein, dachte Nika, steckte die Zeitung in ihren Rucksack und stieg aus. Vielleicht hatte die Stieftochter ihr Trauma noch nicht bewältigt? Vielleicht ärgerte es sie auch, daß ihr Stiefvater, statt eingesperrt zu sein,  einfach einmal in der Woche zu einer Therapeutin ging? Das hatte sie in ihren vorigen Interviews so angedeutet! Das war die Erklärung und Ruth und Vera konnten aufatmen! Vera ihre Patienten weiter behandeln und Ruth hatte genug zu tun, sich mit dem Vater ihres Kindes zu einigen, beziehungsweise diesen loszuwerden und sie mußte in ihr Kostüm schlüpfen und damit auf die Mariahilferstraße hetzen.

„Hallo, Frau Magister, wie war es am gestrigen Feiertag? Gab es genug zu tun? Wie ich höre, kommen Sie mit Ihrem Job gut zurecht! Die Muttis und die Kinder sind zufrieden und loben sie sehr! Nur, daß Sie zuviel Süßigkeiten austeilen, habe ich ebenfalls gehört und darüber wollte ich mit Ihnen sprechen! Sie scheinen ein gutes Herz zu haben! Das ist an sich nicht schlecht! Da man aber sparsam sein und nicht übertreiben soll, merken Sie sich bitte, für jedes Kind ein Zuckerl, beziehungsweise ein Schokoladestückchen und die Erwachsenen bekommen das Prospekt! Das gilt auch für die alten Männer! Die Sandler und die Alkoholiker können Sie guten Gewissens irgnorieren, denn die kaufen ohnehin nicht bei uns und bitte keine Privatgespräche! Ihre Freunde treffen Sie am besten nach der Arbeit, wenn Sie dazu noch Energie haben und nicht dazwischen!“, mahnte Widerling Seidler sie, der wieder im Haus schien und sich ihr in den Weg stellte, als sie aus der Damengarderobe kam und ins Erdgeschoß wollte. Wer hatte sie verpetzt? Hatte vielleicht Rade Jovanovic sie verraten? Aber den hatte sie gestern genauso wenig wie Widerlich Seidler gesehen. Vielleicht war es eine der Verkäuferinnen gewesen oder ein Kaufhausdetektiv,  der sie am Montag mit Fatma Challaki sprechen gesehen hatte. Aber die war bald gegangen und am Feiertag waren weder sie, noch Hassan Arawani zu sehen gewesen. Nur die kleine Jessica Nikolic war gekommen und hatte, das stimmte, wieder tief in den Sack gegriffen und eine Handvoll Zuckerln herausgeholt. Dabei war sie also erwischt worden und sollte vorsichtiger sein, denn Jessica Nikolic war, wie sie sich selbst bezeichnete, eine Personaltochter! Kind einer alleinerziehenden Verkäuferin, die sich zu Hause langweilte. Deshalb war sie am Feiertag auf die Mariahilferstraße gekommen.  War aber, weil ihre Mutter Angst vor ihrem Chef hatte, nicht ins Kaufhaus, sondern zu Max Schröder gegangen, um für ihn einhzukufen  und im Haushalt zu helfen. Das konnte nicht verboten sein und ging Klaus Seidler nichts an. Also die Achseln zucken, Herrn Widerling anlächeln „Aye, Aye, Chef!“, antworten und treuherzig versprechen, das nächste Mal bei der Zuckerlverteilung nicht so großherzig zu sein!

„Wissen Sie, das ist ohnehin im Sinn der meisten Mütter,  die ihre Kinder vor dem Zahnarzt warnen und alten Männern habe ich auch nicht soviele Süßigkeiten gegeben! Nur vielleicht ein oder zweimal ist es mir passiert,  daß einer in meinen Sack greifen wollte, aber da werde ich jetzt streng sein und aufpassen!“, hatte sie geantwortet und „Wiederlich!“, gedacht.

„Eigentlich ist mein Job widerlich, wenn ich Herrn Widerlich anlügen muß, weil ich sowohl Jessica, als auch Max Schröder einen Nikolo und einen Krampus zuviel gegeben habe! Und das war alles, denn den FPÖ-Wählern, die vielleicht die Informationsträger sind, habe ich nichts gegeben und Hassan Arawani hat nichts aus meinem Sack genommen! Aber ich werde aufpassen und mich genau umschauen, wenn ich der kleinen Jessica wieder ein Zuckerl mehr gebe, was ich ganz ehrlich möchte, weil ich finde, da sich ein Weihnachtswichtel, das dem alten Max beim Einkaufen hilft, ein solches verdient hat! Aber heute ist sie in der Schule und wird vielleicht nicht kommen! Hassan Arawani ist nicht zu sehen und der alte Max ist auch nicht da! Also kann nichts passieren!“, hatte sie gedacht, als sie auf die Straße trat und sich umgesehen hatte. Dann war sie zusammengezuckt, als Klaus Seidler, der ihr gefolgt war, mit der Gratiszeitung vor ihrem Gesicht hin- und herwackelte und „Haben Sie das gelesen?“, fragte.

„Der Mordfall in der Praxis der Freundin Ihrer Schwester geht weiter! Die Stieftochter hat den Stiefvater mit einem Weihnachtsleuchter erschlagen! Wenn Sie mich fragen, ist es nicht schade, um den Kerl und eigentlich tut es mir viel mehr leid,  wenn die Kleine ins Gefängnis muß!“

„Muß sie wahrscheinlich nicht, weil sie mit Fünfzehn noch nicht straffähig ist und wenn Sie es nicht weitersagen, Herr Seidler, kann ich Ihnen verraten, was mir meine Schwester erzählt hat, die es von einem Journalisten hörte, der es von einem Polizeijuristen weiß! Peter Kronauer ist an einem Schlaganfall gestorben! Er hatte zwar Spuren von  diesem Leuchter auf der Stirn, ist aber wahrscheinlich bei seinem Sturz darauf gefallen! Die Stieftochter, die zur Zeit der Therapiestunde, offenbar die Praxis betreten hat, könnte höchstens den Leuchter auf das Klo gestellt haben! Das ergibt aber keinen Sinn und ist auch nicht so wichtig! Beziehungsweise habe ich keine Zeit darüber nachzudenken, muß ich doch meine Zettel verteilen und auf meine Süßigkeiten aufpassen, damit ich nicht zuviel vergebe, damit Sie nicht wieder mit mir schimpfen! Ich werde also sehr genau sein!“, versprach Nika hinterhältig, griff in ihren Sack und hielt eines der Prospekte einer älteren Dame hin, die begierig danach schnappte und keinen Krampus oder Nikolo von ihr haben wollte.

„Bis später also, Herr Seidler! Vielleicht sehen wir uns in der Kantine!“, versprach sie vage und überlegte, ob sie in einer stillen Minute ihre Schwester anrufen sollte, um sich zu erkundigen, was sie von dem Besuch von Kronauers Schwester in Veras Praxis hielt?“

Neugierig geworden.

Das 1. 5. und 7. Fenster gibt es hier, die vom 19. 25. 29. und 30. werde noch kommen,  vielleicht streue ich sogar zwischendurch wieder etwas ein und ein paar Schmankerl wird es am 13. und am 23. Dezember auch noch geben.

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2017-12-07

Anton Blitzsteins Geburtstag mit Nika-Lesung

Das GAV-Mitglied und Mondkalb- und Katzenzeichner Anton Blitzstein, den ich, glaube ich, durch den „Ohrenschmaus“, wo er immer einreicht und fast etwas gewonnen hätte, kennengelernt habe, aber nein, das war, glaube ich, schon vorher in einer seiner Ausstellungen, die er zum hundertsten Geburtstag des OWS gestaltet hat, hat mich zu seinem achtundfünzigsten Geburtstag eingeladen.

„Serviert werden selbstverständlich Leckereien aus der vegetarischen BlitzsteinKüche“, stand auf der Einladung und ich hatte, glaube ich, schon vor zwei Jahren eine, konnte da aber nicht kommen und habe daher nur das grüne Mousse gekostet, die es anläßlich einer anderen Ausstellung gegeben hat.

Diesmal hat es zwar auch eine Paralelleveranstaltung gegeben, nämlich das „Auge-Weihnachtsfest“, das zufäligerweise in dem Haus stattfindet, wo einmal Soma Morgenstern lebte.

Da ist diesmal nur der Alfred hingegangen, ich bin nach meiner fünf Uhr Stunde mit der  U4 nach Heiligenstadt hinausgefahren, wo Anton Blitzstein unweit des berühmten Karl Marx Hofes am zwölften Februarplatz, wie das jetzt heißt, auch in einem der schönen alten Gemeindebauten, eine Wohnung hat, die eigentlich eine Galerie mit Bett, beziehungsweise Eßtisch ist, in der alle seine Bilder hängen und ein Regal mit seinen schönen Keramikfiguren gibt es auch.

In der U-Bahn, bin ich neben einem Großvater und seinem Enkelsohn gesessen, die beide auch nach Heiligenstadt fuhren. Der Opa hat den Enkel, es war offenbar ein Erstklasser Rechnungen abgefragt. Hat dann wissen wollen, wie die Lehrerin heißt und, ob die Kinder aufstehen müßen, wenn die sie sie etwas fragt?

Nein, und die Kinder heute reden ihre Lehrer mit den Vornamen an. Dann wollte der Opa noch wassen, wann der Enkel, der offenbar bei ihm und der Oma übernachtete, schlafengehen würde?

„Um zwölf Uhr Mitternacht!“, war die Antwort.

„Das müssen wir der Oma erst beibringen!“, hat der Opa nach einer Pause gesagt.

Noch eine Pause. Dann kam vom Enkel: „Das war ein Scherz!“

So weit die kleine U- Bahn Leute Beobachtungs Anektodte. Mal sehen, in welchen meiner Bücher das einmal Einklang finden wird?

Dann habe ich schon bei Anton Blitzstein angeläutet, der mir am Montag sagte, daß er zwölf Leute eingeladen hat, aber nicht alle kommen würden.

Gekommen ist  nur eine Freundin und die vegetarische Küche hat sich  auch als ein thailändisches Huhn, also etwas nicht ganz Vegeetarisches entpuppt. Im Anschluß gab es noch einen Schokoladekuchen mit Zuckerglasur und ich habe Anton Blitzstein aus den zwei Büchern, die ich in der Handtasche hatte, der „Nika“, denn im Dezember trage ich in der Weihnachtstasche, die ich einmal von einer Klientin bekommen habe, den Adventkalender mit mir herum und dann das das Neue, aussuchen lassen, was er als Geschenk haben will. Er hat sich für das „Bibliotheksgespenst“ entschieden und die „Nika“ habe ich der Freundin, als die wissen wollte, was ich schreibe, gezeigt.

Darf ich ein Stück lesen!“, hat sie mich gefragt und hat dann laut den siebenten Dezember vorgelesen und voila, eröffnet sich meinen Lesern, als Überraschung heuer doch noch ein neues Adventkalenderfenster.

Den ersten und den fünften Dezember gibt es schon und hier also:

„Montag, 7. Dezember

Am Montag war der junge Syrier oder Iraker mit seiner grauen Decke wieder da und starrte Nika, als sie mit Sack und Mütze aus dem Kaufhaus kam, mit seinen traurigen Augen an, als wäre er nicht zwei Tage verschwunden gewesen. Für einen Einzigen, um genau zu sein. Am Samstag, als die Mariahilferstraße von Menschenmassen bevölkert war, hatte er gefehlt. Ob er am Sonntag hier gesessen war, hatte sie keine Ahnung. Denn da war sie nach ihrem süßen Frühstück in Jeans und Parka und ohne Weihnachtsmütze zum Hauptbahnhof gefahren. Hatte sich danach mit einer weißen Schürze dem Backen hingegeben. Als die Vanillekipferln und die Linzeraugen fertig waren und sie sich an das Kneten der Rumkugeln machte, läutete sie an der Tür. Sandra Winter war mit einem schüchteren jungen Mädchen, das ein hellblaues Kopftuch tief in die Stirn gezogen hatte, davor gestanden und hielt ihr einen kleinen Schokonikolaus entgegen.

„Kommt herein!“, hatte Nika aufgefordert, die beiden in ihr Wohn-und Arbeitszimmer gebeten, wo der Couchtisch gedeckt war und auf zwei Tellern Linzeraugen, Vanillekkipfern und schon einige Rumkugeln lagen und es in der Wohnung nach frischen Keksen duftete.

„Ich hole gleich Kaffee bot sie an!“ und nahm die Schürze ab.

„Du hast gebacken, fein!“, rief Sandra Winter erfreut. Fatma Challaki sagte nichts, sondern schob ihr Kopftuch ein Stückchen weiter in die Stirn und lächelte Nika schüchtern an.

„Sie sprechen schon ein bißchen Deutsch!“, hatte die sich erkundigt und Sandra nickte energisch.

„Natürlich, ist sie doch in Damaskus in die deutsche Schule gegangen und hat einen österreichischen Deutschlehrer gehabt, der mit seinen Schülerinnen Joseph Roths „Radetzkymarsch“ und Thomas Bernhards „Heldenplatz“ gelesen hat. Deshalb ist sie auch nach Wien gekommen, nachdem die IS ihren Bruder entführte. Sie spricht ein reineres Deutsch als ich, die ich meinen niederösterreichischen Dialekt nicht so leicht verbergen kann! Sie geht auch jeden Nachmittag auf die Nationalbibliothek und trifft sich dort mit einem Lehrer, um mit ihm über Literatur zu diskutieren und für eine ukarainische Germanistin, die in Odessa über Bertha von Suttner forscht, Material zu sammeln, das dort nicht zu bekommen ist.“

„Ich versuche es!“, sagte die junge Syrierin in tatsächlich reinen Deutsch, wurde ein bißchen rot  und setzte etwas lauter hinzu, daß sie der Freundin ihrer Freundin, die so nett sei, sie in ihrem Wohngemeinschaftszimmer schlafen zu lassen, bis es mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung klappte und sie einen Platz in einem Studentenheim bekommen würde, gern behillflich sei und sich als Dolmetscherin zur Verfügung stellen wolle.

„Dann kommen wir gleich morgen auf die Mariahilferstraße, besuchen die Weihnachtsfrau, lassen uns von ihr mit guten Gaben beschenken und Fatma kann sich um den traumatisierten Flüchtling, falls es ein solcher ist, ein wenig kümmern! Es laufen derzeit viele traumatisierte junge Männer und Frauen in der Stadt herum, die verzweifelt versuchen Asyl zu finden und die Vergangenheit loszuwerden! Da ich mich mit Fatma manchmal am Westbahnhof betätige, habe ich einiges mitbekommen! Morgen habe ich aber nicht viel Zeit, denn da muß ich auch zum Westbahnhof, den Zug um halb zwölf nehmen, denn der „Residenz-Verlag“ hat mich um zwei bestellt, um mich danach anusehen, ob ich eine geeignete Volontärin bin und sie mich ein paar Wochen in ihrem Verlagshaus schnuppern lassen! Das wäre gut für mich, da meine Eltern in der Nähe wohnen und ich mit dem Rad hinfahren kann! Fatma hätte dann auch mehr Platz! Der Verlag übersiedelt aber, habe ich gehört, nach Salzburg zurück! Also müßte ich bald schnuppern! Mal sehen! Es ist nicht so leicht für uns Geisteswissenschaftler! Das kannst du mir sicherlich bestätigen, obwohl du nur deine Dissertation fertigstellen mußt!“, hatte Sandra gesagt, sich ein Vanillekipferl in den Mund geschoben und „Köstlich, köstlich!“, aufgerufen.

„Du hast Talent zum Backen, liebe Weihnachtsfrau, wenn du keinen Platz als Assistentin findest und dich nicht auf der Mariahilferstraße prostiutieren willst, könntest du dich als Konditorin  versuchen!“, hatte sie gescherzt und mit verlegenen Blick auf Fatma schnell abgebrochen, die das mit der Prostitution nicht verstanden zu haben schien, denn sie hatte sich mit dem gleichen schüchternen Lächeln bedankt, dann ein wenig zögernd nach einer Rumkugel gegriffen und sie in den Mund geschoben. Ob sie der Rum, der dieser Süßigkeit den Namen gab, störte, eine gläubige Muslima durfte, wie Nika sich zu erinnern glaubte, keinen Alkohol trinken, ließ sich sich nicht anmerken. Griff aber nach keiner zweiten, sondern nahm nur noch ein Vanillekipferl und sagte ebenfalls „Das schmeckt sehr gut!“

Das war am Nikolaustag gewesen. Jetzt begann sich die Mariahilferstraße wieder zu füllen. Der Bursche mit der grauen Decke, starrte nach wie vor auf Sandras Weihnachtsmütze und weigerte sich immer noch in ihren Sack zu greifen. Widerlich Seidler war wieder in seinem Büro und hatte sich mit widerlichen Grinsen erkundigt, wie es ihr an ihrem ersten Samstageinsatz ergangen sei und ob sie sich an den süßen Nilkolausfigurene den Magen verdorben habe?

„Die habe ich an die Kinder verteilt, Herr Seidler!“, hatte sie ein bißchen geschummelt und er hatte wieder blöd „Brav, brav!“, gesagt und sie erinnert, daß sie morgen mit einer starken Schicht rechnen könne.

„Morgen ist ein Feiertag, wir haben aber offen und da kommen die Leute nach dem Frühstück und stürmen unser Haus! Da können Sie sich auf einen großen Andrang einstellen, aber das sind Sie jetzt schon gewöhnt!“

„Ich hoffe es, Herr Seidler und werde mich bemühen!“, hatte sie gewantwortet und die Frage unterdrückt, ob sie ihn morgen sehen würde oder ob er den Feiertag zu Hause beziehungsweise in der Kirche verbringen würde? Sie fragte nicht, denn es war ihr egal oder eigentlich lieber, wenn er nicht in ihren Ausschnitt starrte. Das tat inzwischen Mister Trauma, aber er schien ins Leere und nicht auf ihren Busen zu schauen und da kamen schon Sandra und Fatma Challaki, die wieder das blaue Kopftuch tief in die Stirn geschoben hatte.

„Da sind wir, liebe Nika!“, wir haben uns verspätet. Die U-Bahn ist nicht gekommen und wenn ich ehrlich bin, habe ich auch verschlafen! Muß daher gleich weg, aber ihr kennt euch schon und Fatma kennt sich inzwischen auch gut in der Stadt aus und geht dann wieder in die Nationalbibliothek, um sich mit ihrem Deutschprofessor zu treffen!“

„Ich werde es versuchen!“, antwortete die junge Syrierin schüchtern, blickte auf den Deckenmann, der nun auch sie anstarrte und schien nicht recht zu wissen, ob sie stehenbleiben oder ihn ansprechen sollte?

„Vielleicht könntest du ihn fragen, ob er Arabisch versteht?“, ermunterte die forsche Sandra.

„Ich muß zu meinen Zug. Wir sehen uns am Abend und da kann ich vielleicht schon berichten, ob es mit dem Praktikum klappt oder ich in Wien weitersuchen muß!“, sagte sie und Nika setzte nögernd „Das wäre vielleicht hilfreich!“, hinzu. Fatma Challaki zog ihr Kopftuch noch ein bißchen gtiefer in die Stirn, biß sich auf die Lippen, dann machte sie einen Schrittt in seine Richtung und flüsterte ihm etwas zu.

„Hallo, Frau Weihnachtsfrau, hast du etwas Süßes für mich?“, fragte hingegen ein kleiner Mann. Die dazugehörende Mutter zog ihn weg und rief mit schriller Stimme „Du weißt doch, Dario, du sollst nicht soviel Süßes essen! Das ist schlecht für deine Zähne und der Zahnarzt muß dann bohren! Wir gehen in den Supermarkt! Da gibt es eine Saftbar und du magst sicher einen gesunden Gemüsesaft!“

Dario machte ein Gesicht, das deutlich zeigte,  daß er mit dem Vorschlag nicht einverstanden war. Konnte sich gegen die energische Mutterhand aber nicht wehren. Fatma Challaki schien von dem Deckenmann erstaunlicherweise eine Antwort bekommen  zu haben und sie sah in das schöne Gesicht eines Mannes mit Nikelbrille, das ihr bekannt erschien.Ehe ihr einfiel, wo sie es schon gesehen hatte, war er, der Jeans und eine schwarze Lederjacke trug, auf sie zugekommen  und wollte von ihr wissen, ob sie Nika Horvath sei?

„So ist es!“, antwortete sie erstaunt, weil sie ihn noch immer nicht einordnen konnte.

„Dann sind wir bald verschwägert!“, behahptete er mit scharfer Stimme und stellte sich als Joe Prohaska vor.

„Ich bin der Vater Ihrer noch ungeborenen Nichte und habe mir gedacht, meine künftige Schwägerin zu besuchen und mich zu erkundigen, was sie von der Idee Ihrer Schwester hölt, ihr Kind vaterlos aufzuziehen? Als Weihnachtsfrau dürften sie sich für Kinder interessieren und werden wissen, daß die Anwesenheit eines Vaters wichtig für eine gesunde Entwicklung ist! Das wollte ich übrigens Ihrer Schwester persönlich sagen! Aber sie hebt nicht ab und öffnet nicht die Tür, wenn ich bei ihr läute, sondern hat mir nur gemailt, daß ich sie nicht belästigen und nicht stalken soll, weil sie sich sonst bei irgendeiner Menschenrechtsorganisation über mich beschwert! Aber das werde ich vor ihr tun, denn ich habe schon einen Termin beim Jugendamt, das sicher meiner Meinung ist, daß es nichts mit Stalking zu tun hat, wenn ich mich um meine Tochter kümmern will!“

So das wars. Am 19. 25. 29. und 30. wird es noch ein Fenster geben und wer weiß, in welchen meinen Büchern, die „Nika, Weihnachtsfrau“ noch ein Kapitel hat, bekommt ein Buch von mir, wenn er sich bei mir meldet.

2017-12-05

Schreibgruppe und Adventkalender

Wieder einmal Schreibgruppe in der Krongasse und diesmal keine Romanszene aus einem Work in Pongreß, ist der Rohentwurf der „Unsichtbaren Frau“ ja fertig und soll am Montag beim Writerretreat in der Pramergasse überarbeitet werden, das „Bibliotheksgespenst“ ist erschienen und an die Gruppenmitglieder ausgeteilt, damit womöglich doch eine Leserunde auf dem Blog entstehen kann und „Besser spät als nie“ ist gerade auch beim Fertigwerden.

Bei allen  Texten habe ich Szenen  in früheren Gruppen geschrieben, heute aber themenlos und offen für alles, was da kommen mag und weil ja der fünfte Dezember ist, ist der kleine Weihnachtsstern, den mir die Ingrid beim Geburtstagsfest übergeben hat auf dem Tisch gestanden, zwei Wachsketzen, die ich mir einmal,  um meinen Geburtstagsgutschein bei der „Grünen Erde“ eintauschte und der Alfred der das ja nicht lassen kann, hat aufgetischt. Weintraubenstrudel, Räucherfisch vom Markt in St. Pölten hergerichtet, Baguette und Käsekugeln. Mandarinen, Schokoladestückchen, Wein und Käsekräcker haben die Gruppenmitglieder mitgebracht.

Eine schöne Adventstimmung also und dann hat Peter Czak  das Thema „Ooerloaded“ vorgeschlagen.

„Überladen!“, habe ich gedacht, weil ich ja nicht Denglisch sprechen will und zum Schreiben angefangen. Ohne Ziel und Plan nur von den schönen Wortspielereien, die Bodo Hhell diese Woche jeden Morgen in den „Gedanken für den Tag“ in Ö1 über mich ergießt, inspiriert.

Der untrige Test ist daraus entstanden, den Klaus Khittl dann kritisch wieder als Themenverfehlung anprangerte. Vielleicht oder vielleicht auch nicht, ist mir die schwarz blaue Zwangsbeglückung doch wirklich zuviel, während ich die Flüchtlingskrise, wie Robert Englhofer kritisch einwarf, ja eigentlich nicht für eine Überladung halte.

Es ist wie es ist, hat oder würde Erich Fried vielleicht sagen.

„Überladen – Overoladed – Überfluß

Der Tisch ist überladen und biegt sich von allen den guten Sachen, die auf ihn hinaufgeladen wurden. Brot, Käse, Fisch, Schikoladentorte. Es geht uns gut, wir werden für Ggenstände Geld ausgeben, das wir gar nicht haben, einen Kredit aufnehmen,  weil wir inzwischen längst verschuldet sind. Staatsverschuldet und Leben im Überfluß oder Überdrum. Besser ein Leben im Überdruss nach dieser Schmutzkübel Kampagne, die uns eine blau türkise Regierung beschert hat.

Türkis blau, statt schwarz blau, das klingt doch sicherlich viel besser und dagegen wird man auch nicht so leicht demonstrieren. Nicht mit den Schlüsseln rasseln, wie weiland vor siebzehn Jahren auf dem Ballhausplatz.

„Haider, Schüßel, drahts auch ham ihr Rüsseln!“ und wo bitte bleibt denn jetzt der Überfluß?

Denn über einen solchen wollten, sollten wir ja schreiben. Die Überladung erwähnen, die wie eine Hochleistungsrakete einschägt über uns, auf unseren Köpfen preasselt mit voller ganzer Wucht und  was bitte ist  hier jetzt überladen, aufgesetzt, überworfen?

Natürlich der Rechtsruck, den haben wir eindeutig aufgebrummt bekommen. Ist auf uns herabgefallen, hat uns heimgesucht  und jetzt können wir uns nicht mehr wehren vor all dem blau türkischen Übefluß und werden, wie man hören kann, auch sehr bald ein Heimatschutzministerium aufgebrummt bekommen, von dem ich noch immer keine Ahnung habe, wofür wir ein solches brauchen können?

Ich brauche es nicht. Die Heimat vielleicht schon, aber keinen Schutz oder ich schütze mich am liebsten selber vor allen Übergriffen, Mißbrauchserfahrungen und Überschwemmungen.

Vor allen bösen Geistern möchte ich mich gern bewahren, sie abwehren und mich nicht von ihnen überladen lassen. Keinen Heimatschutz und keine Zwangsbeglückung, wogegen ich gegen eine Ausweitung des Rauchverbotes in öffentlichen Räumen, als Nichtraucherin gar nichts habe oder besser,das ist mir eigentlich egal und denke nur, daß ich zwar keinen spzeliellen Heimatschutz, aber auch keine unbedingte Raucherlaubnis brauche. Auf die kann ich gern verzichten. Muß sie nicht haben und brauche mich von ihnen auch nicht um jeden Preis beglücken lassen.

Wehren wir uns also gegen jeden Overload, wie ich  auch nicht unbedingt, die englischen Sprachfloskeln in unserer schönen Sprache brauche. Mir genügt das Österreichische als Umgangssprache, da bin ich bescheiden.

Kann also überladen, überlasten, übergießen,  aufdrängen sagen und brauche zum Download, den ich gelegentlich auf meinem Computer betreibe, nicht unbedingt auch noch den Überfluß und, um bei den Wortspielen und der Farbenlehre zu verbleiben, die Überschüttung durch eine schwarz blaue Regierung, die  jetzt, um alle Abschreckungen zu vermeiden, sich verschämt blau türkis oder türkis blau benennt, aber höchstwahrscheinlich verjährter vorvorgestriger Wein in umgefärbten modisch aufgepääpelten neuen Schläuchen ist.“

Und dann, weil ja der fünfte Dezember ist und weil ich  auch dieses Jahr meinen weihnachtlichen Beitrag leisten will, kommen wir also zum Adventkalender oder zur „Nika, Weihnachtsfrau“ und da ist ja der fünfte Dezember besonders produktiv, hat da doch vor zwei oder wahrscheinlich schon vor drei Jahren da auch einmal eine Schreibgrußße stattgefunden, wo ich das Thema „Weihnachten, Advent oder Adventkalender“ vorgeschlagen habe.

Ein Jahr später und ein Monat früher sind es dann, während ich im November beim Nanowrimo meinen Adventkalender schrieb, die „Dämonen“ gewesen, die mich zu einer Skizze für meine Nika aus einer anderen  Perspektive veranlaßte und am fünften Dezember des gleichen Jahres bin ich in Bük im Bad gesessen, habe die anderen Badebesucher durch mein Geklapper gestört und den fünften Dezember als Service für meine Leser eingestellt.

Am dreizehnten Deuember wird es noch eine Vorform der „Nika“ geben, am siebzehnten Dezember 2015 war die Lesung im Readingbroom, am dreiundzwanzigsten dezember gibt einen „Bücheradventkalender“, am 19. 25. 29 und 30.Dezember wird es je ein Adventkalenderfenster geben.

Freunde laßt euch überraschen und das ist kein Overload, sondern ein Geschenk an meine Leser, um sie in das Weihnachten vor zwei Jahren, während der inzwischen ach so gefürchteten Flüchtlingskrise einzustimmen.

Ob Platz und Zeit ist ein weiteres Adventkalenderfenster sein wird, weiß ich noch immer nicht.

Ich habe aber noch ein paar meiner fünfzig selbstgemachten Exemplare. Wer eines haben will, um damit vielleicht seine Lieben zu Weihnachten überraschen oder auch zum  Selberlesen, kann es bei mir bestellen. Er kann mir aber auch eine Rezension für das „Literaturgeflüst“er oder ein anderes Medium  schreiben.

 

2017-11-14

Schreibgruppe und vierzehnter Nanowrimotag

Jetzt habe ich schon lange nichts mehr beim „Nanowrimo“ getan. Wenn man sich meine Kurve ansieht, so bin ich, mit ein bissel Schummeln, sehr gut voran, denn ich habe mit dem Schreiben ja schon Anfang September angefangen und in der letzten Oktoberwoche, die über zehntausend Worte, die ich damals hatte, strukturiert und umgeschrieben und mit cirka elftausend bin ich am ersten November gegangen, habe es dann am ersten Tag auf zwanzigstausend Worte hinaufgeschrieben und das folgende Wochenende, Freitag, Samstag, Sonntag auf vierunddreißigtausend Worte gebracht.

Dann war erst einmal Sense, denn drei sehr intensive Praxistage und dann die Buch-Wien und fast zehn Tage nichts geschrieben.

Da war meine Kurve erstmals hochhinauf und wurde dann immmer flacher und flacher oder ist beziehungsweise überhaupt gleichgeglieben.

Im Writersstudio war ich ja ziemlich in Schwung und die Handlung ist geflossen, dann am Sonntag nach dem Feedback hatte ich wieder nur eine vage Idee, die sich dann im Lauf der letzten Woche konkretisiert hat.

Denn das Ganze soll ja damit enden, daß die Regierung angelobt wird und Amanda bekommt ein Angebot im Literaturarchiv zu forschen. Jonathan lädt Slavenka nach Stockholm ein und beginnt mit ihr vielleicht ein Verhältnis. Die Regierugsbildung kommt vor, der Rückzug von Peter Pilz und Alfons Tratschke wird sich mit Jnathan Larsen anlegen und und und vielleicht vieles mehr.

Das habe ich mir in mein graues Büchlerin, das mir der Alfred in der Klee-Austellung in Lindau gekauft hat, hineingeschrieben. Dann aber auch vergessen, weil die letzte Woche war ja intensiv, das schlechte Gewissen nagte ein bißchen, aber es war  alles sehr genau geplant, obwohl sie auf dieser Autorenmesse  immer sagten, man soll täglich schreiben.

Das kann ich nicht, denn wenn ich eine halbe Stunde Zeit habe, komme ich nicht in den Text hinein und zwinge ich mich dazu, wird das, was dann entsteht sehr schlecht und ist eigentlich zum Wegwerfen.

Aber dieses Wochenende, wenn wir nach Harland fahren, habe ich  Zeit und da werde ich  den Schreibmarathon für mich nachahmen, vorausgesetzt, ich komme in den Stoff hinein und am Dienstag in der Schreibgruppe fange ich auch damit an, habe ich gedacht und weil ich ja, die letzte Slavenka Lily Szene, die ich im Writersstudio geschrieben hatte, ist noch nicht korrigiert, ich aber wußte, daß ich vom Morgen nach der Wahl schreiben wollte, habe ich mich entschlossen, das Thema „Wahl“ vorzuschlagen und mich schon den ganzen Tag gefreut, daß ich dann endlich ein paar hundert Worte weiterschreiben kann.

Da meine sechs Uhr Klientin nicht gekommen ist, habe ich gedacht ich setze mich hin, gehe meine Eintragungen durch, fange vielleicht zum Korrigieren an, um in den Stoff  hineinzukommen. Beim Schreibmarathon habe ich gelernt, daß man dazu die Morgenseiten benützen kann, aber ich war noch nicht richtig auf der Seite, hat schon die Doris Kloimstein geläutet und es war nichts damit.

Der Alfred hat von den übriggebliegenen Sachen vom Samstag einen Spinatstrudel gebacken. Die Doris hat eine Flasche Wein mitgebracht und Morzartkugeln, der Robert Englhofer Krapfen,  Peter Czak Bier und was zum Knabbern. Die Ruth ist nicht gekommen, weil sie eine andere Veranstaltung hatte, so war es eigentlich eine lukullische Schreibgruppe, ich versuche aber trotzdem immer zu strukturieren, habe das Thema vorgeschlagen, es gab keinen Gegenvorschlag und habe  zu Schreiben angefangen.

908 Worte sind es geworden. Eine sehr kurze Szene, wenn ich es so lassen sollte und beginnend mit dem Besuch bei Minister Basti bis zum Morgen nach der Wahl.

Ein bißchen wild und ungewordnet kann man sagen, ist es geworden. Die anderen haben  ihre Wahlvorschläge gebracht. Klaus Khittl wieder einen Vierzeiler, Peter Czak was vom Teufel, der wählen muß, welche Sorte Partydroge er für das Musikpublikum einfkaufen will und ich habe korrigiert und korrigiert….

Es gab aber auch ein intensives Gespräch über die politische Situation. Ich freue mich, daß meine Kurve wieder ein Stückchen nach oben gerutscht ist. Die nächsten zwei Tage wird wieder nichts weitergehen. Morgen, wenn im Writersstudio, die Zieleinlaufparty laufen wird, werde ich ins MUSA gehen und am Freitag, Samstag, Sonntag,  weiterschreiben. Hoffentlich komme ich in meinen Stoff hinein und werde weiter darüber berichten.

2017-09-06

Von der Muse zur Muße

Nach der Sommerpause heute wieder Schreibgruppe in der Krongasse, Peter Czak,  Klaus Khittl, respektive Gloria G, der Egelhofer und Ruth Aspöck waren da.  Doris Kloimstein hat kurzfristig abgesagt, weil sie sich in St. Pölten auf eine Ausstellungseröffnung vorbereiten mußte und der Peter hat die beiden Themen „Muse-Muße“ vorgeschlagen.

Ich hatte „unsichtbar“ im Koffer, weil ich ja mit meiner unsichtbaren Frau beginnen wollte, aber ich kann ja kombinieren und so ist folgendes herausgekommen:

„Muse – Muße!“, dachte Slavenka Jagoda und blickte auf das gelbe Post it-Notizzettelchen, das Lily Schmidt vorhin auf den Schreibtisch gelegt hatte.

Ob sie damit etwas anfangen könne?, hatte sie sie gefragt.  Slavenka hatte eifrig genickt und eilfertig „Natürlich, selbstverständlich!“ geantwortet und dabei geflunkert.

Was tut man denn nicht alles, um bei seinen Vorgesetzten, respektive Stipendiumsbetreuern, einen guten Eindruck zu machen? Man tut sehr viel. Ihr jedenfalls war es sehr wichtig, Lily, ihr Engagement und guten Willen zu beweisen. Dann war die zu ihrem Chef ins  Büro gerufen worden, weil der berühmte Starautor Jonathan Franzen, der heute Abend im Institut gemeinsam mit dem  ebenso anerkannten Daniel Kehlmann, eine Lesung halten sollte und sie war mit dem Zettel und dem Vorschlag mit diesen zwei Worten, ihre unsichtbare Frau auf ihre erste Blogtour zu schicken, in Lilys Arbeitszimmer zurückgeblieben.

Saß an  deren Schreibtisch, schaute den Zettel an und überlegte, wie das mit der Muse gehen könnte? Die Muse war die schöne Dame, die zu den Künstlern zu kommen pflegte, um sie sanft auf die Stirn oder auf den Hals zu küssen, damit diese ihre kreativen Kräfte entfalten konnten und der Welt ein noch nie dagewesenes Opus Magnum schenkten.

Nein, der Hals war es nicht, der dafür in Frage kam. Der war eher Graf Dracula vorbehalten, um die damit getroffenen Opfer zu Vampiren zu machen und es würde sicherlich nicht passen, wenn Jonathan Franzen und Daniel Kehlmann heute, als solche Monster ihre Doppelconference im österreichischen Kulturinstitut von New York halten würde, dachte Slavenka Jagoda und grinste jetzt schon etwas zuversichlicher vor sich hin.

Genauer gesagt, grinste sie ähnlich lausbubenhaft, wie es ihr Bruder Petr  im Plattenbau im weitentfernten Kosice zu tun pflegte, wenn der Vater ihn aufforderte, ihm doch in der Garage zu helfen oder für die Mutter den Mist in den Müllraum zu kippen.

„Muße, Papa, tief durchchatmen und entspannen!“, pflegte er ihm  frech zu antworten, was den Vater meistens ärgerte und er ihm schon einmal eine Ohrfeige angetragen und sie auch sicher ausgeteilt hätte, wäre die Mutter nicht rechtzeitig aus der Küche gestürzt, um ihren Liebling zu verteidigen.

„Muse  -Muße“, hatte Lilly Schmidt, die Kuratorin im New Yorker Kulturinstitut auf einen kleinen gelben Haftnotizzettel geschrieben und ihn ihr schnell hingehalten, bevor sie in Doktor Hartners Büro geeilt war, um mit Daniel Kehlmann und Jonathan Franzen, den berühmten Starautoren, die heutigen Lesung zu besprechen.

„Kannst du dir vorstellen, Slavenki, daraus einen Text für unseren Blog zu machen!“, hatte sie noch schnell hinzugefügt, bevor sie aus dem Zimmer eilte und dem schon ungeduldigen Dr. Hartner ein „Bin schon unterwegs! I am ready, Mister Franzen und coming soon!“, zuzurufen.

Lily würde mit den beiden also die heutige Abendveranstaltung besprechen, während sie einen Blogartikel schreiben sollte, in dem Amanda Siebenstern, ihre unsichtbare Frau, mit dem Kuß der Muse am Morgen aufwachen würde und danach in aller Muße und nicht in Eile ins weiße Haus zu Donald Trump zu stürzen, um ihm an dem Blitzkrieg in Richtung Norkorea zu hindern, den er heute in seinen Twitternews angekündigt hatte.“

Das wars der Beginn und der Einstieg in mein mögliches künftiges Opus Magnum. Die anderen haben auch ihre Texte zu diesem Tehma präsentiert und es wurde sehr viel darüber diskutiert, ob in einer zwanzigminütigen Schreibezeit wirklich ein literarischer Text entsteht oder, ob das nicht vielmehr  nur ein erster Entwurf sein kann, der noch bearbeitet werden muß.

Der Begriff „Sonntagspredigt“ wurde in die Runde gebracht  und die Frage aufgeworfen, ob Kunst nicht schwarz, negativ und an die Substanz gehen muß, um als solche zu gelten, was ich eigentlich inzwischen bestreiten würde.

Ein interessanter Einstieg in das Schreiben nach der Sommerpause  und ich habe mein neues Werk begonnen und bin gespannt, sowie erwartungsvoll, wie es mir dabei gehen wird.

2017-06-27

Besser spät als nie

„Besser spät als nie!“, murmelte Mathilde vor sich hin, als sie ihre neue orange Jacke, die sie sich passend für die Reise und für Moritz Bus gekauft hatte, anzog,  nach dem Rucksack und der Reisetasche griff.

Aber noch war es nicht so weit, daß sie sich mit dieser in seinen Bus setzen und mit ihm in ein neues Leben starten würde.

Noch würde sie sich nur in das wahrscheinlich schon vor der Haustüre wartende Taxi setzen, als Ziel den Flughafen  nennen, dort mit Moritz zusammentreffen und mit ihm ein Flugzeug nach New York zu besteigen, um dort mit dem Töchterlein zusammentreffen, ihm seinen Vater vorzustellen und dann mit beiden, wie die Tochter ihr schon angekündigt hatte, im Kulturinstitut einen Österreichabend  zu erleben. Eigentlich ein großer Aufwand wegen einer Lesung nach New York zu fliegen, das hätte sie  im Literaturhaus oder im „Literarischen Quartier der Alten Schmiede“ einfacher haben können.

Aber das stimmte  nicht so ganz. So stimmte es nicht. Sie flog nicht zu einem Österreichabend nach New York, wo die Texte des berühmten Schriftstellerpaares Ernst Jandls und Friederike Mayerröcker, im Beisein der alten Dame und des österreichsischen Botschafters, von einem berühmten Schauspieler vorgetragen werden würden. Sie flog mit Moritz nach New York, um ihm endliche seine Tochter vorzustellen und das hatte sich die schon lang von ihr gewünscht.

Seit sie denken konnte und wußte, daß die anderen Kinder, die sie im Kindergarten und am Spielplatz traf, meistens einen Vater hatten, hatte sie sie nach dem ihren gefragt und sie hatte ihr nie eine Antwort gegeben.

Dreißig lange Jahre hatte sie geschwiegen und Moritz Existenz vor Lily geheim gehalten, bis Natalie gestorben war und vor ihrem Tod einen Brief an sie, Moritz und auch Lily geschrieben hatte, um dieses Geheimnis zu lüften.

Das war nun geschehen und es gab kein solches mehr. Lily hatte sie vor sechs Wochen angerufen und auf Natalies Begräbnis geschickt, wo sie Moritz getroffen hatteund der war vorgestern wieder gekommen, hatte mit ihr im Restaurant Blitzinger, das dem Hrdlicka-Denkmal am Albertina Platz gegenüber lag, ein Glas Wein getrunken und da hatte sie, ob es die Folge des Alkoholgenußes oder die Stimmung, beziehungsweise der Zug der Zeit war, wußte sie nicht so genau zu sagen, zugestimmt und war nach Hause gegangen, um mit Lily zu telefonieren und ihre Reisetasche zu packen.

Oder nein, es war nicht der Einfluß des Alkohols gewesen. Konnte es gar nicht sein, denn Erstens trank sie fast täglich ein Achterl oder auch zwei in der Pizzeria Venezia und Zweites hatte sie sich die orange Jacke, die genau zu Moritz Reisebus passte, schon einen Tag früher gekauft, so daß, das vielleicht der Grund war, daß sie ihr Glas erhoben, ihm tief in die Augen gesehen  und zugestimmt hatte.

„Ja, Moritz, ich will neu anfangen und mit dir, wenn wir erst von New York und der Lesung im Literaturinstitut zurückgekommen sind, mit deinem Bus zuerst nach Berlin fahren und dann, wenn du möchtest, auch ganz, um die Welt! Will mit dir neu anfangen und endlich unser Leben zusammengenießen und wenn wir auch der unglichen Umstände wegen, jetzt mehr, als dreißig Jahre versäumt haben, wollen wir uns trotzdem nicht hindern lassen und  neu beginnen, besser spät als nie!“

Dieser Satz lag auf ihren Lippen, als sie nach dem Schlüßel griff, um die Haustür abzusperren und  auf die Straße hinunterzugehen, um nach dem Taxis Ausschau zu halten.

Auf dem Gang stand Dusan Halkic, der bsonische Hausmeiste, der, wie sie wußte, mit Mehmet Kayan, der in der Pizzeria Venezia kellnerte und nebenbei Medienwaissenschaften studierte, in die Haupt- oder Untermittelschule gegangen war und kehrte den Boden auf.

Als er ihr mit ihrer organgen Jacke, dem grünen Rucksack und der schwarzen Reisetasche ansichtig wurde, hielt er damit  inne und schaute sie erstaunt an.

„Gehen Sie auf Reisen, Frau Schmidt?“, fragte er neugierig.

Sie nickte unbekümmert  und sah ihm freundlich an.

„So ist es, Dusan!“

Sie konnte ihn so nennen, kannte sie ihn doch schon seit seiner Kinderzeit und hatte ihm da auch öfter bei den Hausaufgaben geholfen.

„Ich fliege mit einem Freund oder besser mit dem Vater von Lily nach New York, damit sie ihn kennenlernen kann!“

„Aha!“, sagte er, stürzte sich auf seinen Besen und schaute sie, wenn möglich noch erstauner an.

„Ihre Schwester ist, glaube ich, gestorben!  Meine Mutter sagte mir, daß Sie vor kurem auf Ihrem Begräbnis waren und Mehmet erzählte mir auch von Ihrem Freund, der sie in die Pizzeria begleitet hat! Der ist Lilys Vater? Dann gratuliere ich sehr herzlich!“, sagte, schüttelte aber den Kopf, als würde er  nicht verstehen oder den Inhalt ihrer Botschaft nicht glauben können.

„Natrülich!“, dachte Mathilde und lächelte ein wenig.

War das auch nicht so einfach zu verstehen, daß sie nach dreißig Jahren Einsamkeit und sechs Wochen nach dem Begräbnis ihrer Zwillingsschwester plötzlich einen Freund und ihre Tochter Lily, die Vaterlose, als der er sie immer gekannt hatte, plötzlich einen solchen hatte. Gar nicht einfach zu verstehen war das und trotzdem stimmte es.

„Besser spät als nie!“, wiederholte sie daher freundlich und streckte ihm die Hand entgegen.

„Da fliegen wir zuerst zu Lily nach New York, damit sie ihren Vater kennenlernen kann und dann fahre ich mit Moritz nach Berlin, wo er beheimatet ist! Denn Du weißt vielleicht von deiner Mutter, die ja vor dir Hausmeisterin hier war, daß ich, bevor ich Lily bekommen habe, eine Zeitlang Verlagsangestellte in Berlin war. Da habe ich Moritz Lichtenstern,   Lilys Vater kennengelernt, aber der hat  meine Schwester Natalie geheiratet, so daß Lily ohne Vater aufgewachsen ist!“, sagte sie und bracht ab, weil sie sich vorstellen konnte, daß das für den Hausmeistersohn sehr unglaubwürdig klingen würde und er die Sache sicher nicht verstehen konnte.

„Ja?“,antwortete er auch nur und sah sie noch immer zweifelnd an.

„Ich verstehe!“, fügte er dann zwar hinzu, obwohl seinem Gesichtsausdruck anzumerken war, daß er das nicht tat.

„Dann darf ich Ihnen also gratuliere und zum Begräbnis iIhrer Schwester Beileid wünschen und, um Ihre Wohnung brauchen Sie sich während ihrer Abwesenheit keine Sorgen machen! Da werde ich  darauf schauen, daß keine Postwurfsendungen an Ihrer Türe hängen, die einem eventuellen Einbrecher Ihre Abwesenheit verraten könnten und ich werde auch sonst darauf achten, daß alles in Ordnung ist!“, versprach er ihr.

Sie nickte,  steckte  den Schlüßel in die Tasche, nahm die Reisetasche auf, bedankte sich bei ihm und wiederholte nocheinmal: „Besser spät als nie, Dusan, das verstehst du sicher, daß das das Beste ist und jetzt werde ich hinuntergehen. Das Taxi wartet vielleicht schon auf mich, am Flughafen Moritz und in New York meine Tochter Lily, die schon sehr gespannt auf ihren Vater ist und endlich nachholen möchte, was wir die letzten dreißig Jahre versäumten!

2017-06-22

Der Traum

Als Moritz Lichtenstern erwachte, war er sofort munter, obwohl ihm gleichzeitig, die vergangene Traumsequenz gefangenhielt und bildhaft klar vor Augen stand.

Er hatte von dem 2000 verstorbenen österreichischen Dichter, Ernst Jandl, geträumt, den er in seiner Eigenschaft, als Verleger  mehrmals auf Kongreßen und literarischen Colloquien begegnet war.

Im Traum war der Dichter noch am Leben, aber ungefähr so dement, wie sein Vater und sein Großvater, als sie gestorben waren und, wie offenbar er es insgeheim befürchtete, daß es auch bei ihm so kommen könnte, gewesen und hatte in einer betreuten Wohngemeinschaft gelebt.

Wenn er sich nicht irrte, war er sein Betreuer oder auch ein interessierter Besucher gewesen. Warscheinlich war das Letztere richtig. In seiner Eigenschaft, als Exverleger hatte er den dementen Dichter besucht, der ihm, wie er sich erinnern konnte, freundlich ansah und dann hatte er in seinen Texten gewühlt. Gewühlt oder geblättert, so genaukonnte er das nicht differenzieren. Konnte sich aber an eine Gedichtzeile erinnern, die er ihm vorgelesen hatte, als er beim Aufwachen war.

„Zwischen Erdberg und Brigittenau“, hatte der Text gehießen.

„Zwischen Erdberg und Brigittenau: Kindesmißbrauch, Haß, Gewalt, vergewaltigte Frauen, Liebe nicht oder doch vielleicht zwischendrin gestreut ein kleines Bißchen“.

Er war er mit dieser Verszeile auf den Lippen aufgewacht und hatte eine ganze Weile gebraucht, herauszufinden, ob die Zeile nun ein Text Ernst Jandls oder eine Eigenschöpfung war und damit endlich einmal, ein brauchbares Gedicht, das nicht kitschig war, sich nicht auf Herz und Schnmerz reimte und das er in seiner Eigenschaft, als kritischer Verleger, gelten lassen konnte?

Er mußte nachschauen, ob er wirklich ein Gedicht Jandls geträumt hatte oder, ob er dabei war, eine Wortschöpfung zu kreieren, mit der endlich einmal mit sich und seinem dichterischen Schaffen zufrieden war,“ dachte er, atmete  auf, schüttelte sich durch und stand auf, um im Pyjama in sein Arbeitszimmer hinüberzugehen und den Computer einzuschalten.

In den vielen Bänden Literaturlexika, die es in seinen Regalen gab, konnte er auch nachsehen, un den Urheber seiner Wortschöpfung ausfindig zu machen.

Aber eigentlich hatte er Mathilde anrufen und ihr mitteilen wollen, daß es soweit war und er  nach dem Frühstück mit seinem Bus losfahren und sich von ihr die Antwort abholen wollte, ob sie mit ihm zuerst nach New York zu Lily fliegen und dann mit dem Bus nach Berlin und wenn sie wollte, mit ihm neuanfangen und durch die ganze, halbe oder auch nur einen kleinen Teil der Welt fahren würde und das Gedicht konnte er ihr statt eines Osterei, das  höchstwahrschein ohnehin  ein wenig kindisch wäre, als Geschenk mitbringen, dachte er, stellte das Lexikon mit dem Buchstaben „J“ wieder in sein Regal zurück und begab sich in sein Bad, um sich dort zu waschen und zu rasieren. Sich für die Reise nach Wien zurechtzumachen.
Und er fühlte sich zum ersten Mal seit langen, wie er mit Erstaunen festellte, befreit und ruhig, als hätte er die Schatten der Vergangenheit, die ihn seit Jahren quälten, nun doch ein bißchen hinter sich gelassen.

2017-06-19

Vergangenheitsbewältigung

Auch Mathildes Hände zitterten, als sie, nachdem sie sich von Moritz verabschiedet hatte, in ihre Wohnung gegangen war und als erstes in ihr Schlafzimmer ging, wo auf dem kleinen Schminktischchen vor dem Fenster, in einer kleinen Vase mit der längst vertrocknenen Valentinsrose stand.

Sie nahm sie hoch, sah sie an und schüttelte den Kopf. Daneben lag der Brief, den ihr Natalie durch ihren Anwalt geschickt hatte. Der Partezettel lag in ihrer Handtasche. Sie war, weil es Lily wollte und nicht aus eigenem Antrieb zu dem Begräbnis gegangen, hatte dort Moritz getroffen, mit ihm in der Pizzeria zwei Gläser Rotwein getrunken und energisch den Kopf geschüttelt, als Gusiseppe-Mehmet sie neugierig angesehen hatte und von ihr wissen wollte, ob der elegante Herr, der Freund der Signora sei?

Das nein, das nicht, das war völig ausgeschlossen. Wenn sie Berlin damals nicht so überstürtzt verlassen hätte, wäre er bald ihr Chef geworden oder auch nicht, denn da hätte sie ihn wahrscheinlich geheiratet und, um eine gute Mutter zu werden, für die nächsten Jahre den Verlag verlassen. Also ihr verhinderter Ehemann oder ihr Schwager. Ihr Exschwager natürlich.

Alles was er wollte, aber das ging, den jungen Kurden und Medienstudenten  nichts an und Moritz wollte in sechs Wochen wiederkommen und mit ihr mit einem orangen Bus, dessen Bild er ihr gezeigt hatte, durch die Welt reisen und sie wußte nicht, ob sie das wollte, merkte, das ihre Finger noch immer zitterten und dachte „Das ist doch verrückt!“

Vollkommen verrückt! Stellte die Vase wieder auf das Kosmetiktischchen und setzte sich auf den Sessel, der davor stand. Jetzt konnte sie wenigstens nicht umfallen und ihre Gedanken ordnen oder Lily anrufen , die sicher wissen wollte, ob die Mutter auf dem Begräbnis gewesen war?

Sie war dort gewesen, hatte Moritz wiedergetroffen und von Natalie einen Brief bekommen, in dem sie sich bei ihr entschuldigt hatte. Egentlich war es ein netter Brief gewesen, den die Schwester ihr geschrieben hatte, ein um Verzeihung bittender und versöhnlicher. Die Schwester war in der letzten Phase ihres Krebses in sich gegangen, hatte sich entschuldigt und Mathilde wußte auch hier nicht, ob sie verzeihen wollte?

Einer Toten darf man nichts Schlechtes nachsagen, mußte ihr verzeihen! So hieß es doch, so hatte sie es in der Schule und auch sonst im Leben gelernt, aber auch da wußte sie nicht, ob sie das wollte. Oder doch, sie wollte es nicht!

Deshalb hatte sie der Schwester auch keine Rose in das Grab nachgeworfen, weder die vertrockenete, die ihr Moritz vor fast einunddreißig dreißig Jahren schenkte, bevor die Schwester ihn ihr gestohlen hatte, noch eine  neu gekaufte. Sie war blumenlos auf den Friedof gekommen und auch nur, weil sie Lily versprochen hatte, das zu tun und sie verzieh Natalie nicht,  das war sicher, denn es war  wirklich infam gewesen, was die getan hatte und Moritz würde das von ihr auch nicht fordern. Ganz egal, ob sie in sechs Wochen  mit ihm und seinen Bus nach New York fahren würde oder nicht.

Aber mit einem Bus konnten sie nicht übers Wasser reisen. Damit konnten sie  höchstens nach Berlin fahrenund die Orte des damaligen Geschehens wieder aufsuchen. Aber Lily wollte ihren Vater kennenlernen. Hatte das  schon angedeutet, daß sie das auf jeden Fall tun würde.

„Ganz egal, ob du damit einverstanden bist oder nicht Mutter!“, hatte sie  versichert und sie war auch einverstanden. Hatte nichts dagegen und sollte Natalie für ihren Mut der letzten Stunde, die Sache doch noch aufzuklären, eigentlich dankbar sein. War es aber nicht. Nein, sie würde weder ihr, noch den Eltern  verzeihen, dachte sie erneut und merkte, daß sich ihre Finger ineinander verkrampften.

„Laß, das Math!“, dachte  sie.

„Laß dir Zeit!“ und zuckte noch einmal zusammen, als sie bemekrte, daß sie die Abkürzung verwendet hatte, die Natalie immer gebraucht hatte, wenn sie sich über sie lustig machen hatte wollen, was, wie sie sich ebenfalls erinnerte, sehr häufig vorgekommen war, denn Natalie hatte keine Gelegenheit ausgelassen, auf ihre Vormachtstellung hinzuweisen.

Einmal, daran konnte sie sich jetzt  erinnern und es trieb ihr vor Scham immer noch das Blut in den Kopf, so daß sie sicher so rot geworden war, wie es ihr damals passierte, war es besondern arg gewesen. Sie mußten zehn, elf oder zwölf Jahre alt gewesen sei. Es war ein Sonntag gewesen und sie waren im Wohnzimmer, um den Tisch bei der Nachmittagsjause Kuchen gesessen. Die Großeltern, die damals noch lebten, waren auf Besuch gekommen und hatten für jede von ihnen ein Geschenk mitgebracht. Sowohl sie, als auch Natalie hatten eine Schachtel Katzenzungen  bekommen, was Natalie, als sie sich schon darüber freuen wollte,  zu einem spöttischen Lächeln und der bissigen Bemerkung „Siehst du, Math, du bist gar nicht so benachteiligt, wie du immer behauptest, du bekommst doch auch etwas geschenkt!“, veranlaßt hatte. Dabei hatte sie laut und höhnisch aufgelacht, was ihr das Blut in die Wangen getrieben hatte, so daß sie um ihre Gefühlsanwallung zu verbergen das Zimmer verlassen hatte und aufs Klo gelaufen war.

Dort hatte sie, als sie ihr Geschäft erledigt hatte, versucht sich zu beruhigen,  hatte sich die Tränenspuren aus dem Gesicht gewischt, die Haare gekämmt und die Hände gewaschen und war mit dem Vorsatz ins Zimmer  zurückgegangen, sich bei den Großeltern besonders zu bedanken und ihnen zu sagen, wie sehr sie sich über ihr Geschenk freue, weil Katzenzungen ihre Lieblingssüßigkeit seien.

Es war aber wieder einmal, schlimmer als gedacht gekommen, hatte sie in ihrer Wut doch nicht bemerkt, daß ein Teil ihres Kleides in der Unterhose stecken beblieben war, was Natalie, die das natürlich sah, erst recht zum Lachen und zum Ausspruch „Zieh dich doch erst ordentlich an, Math, bevor du dich über uns beschwerst, könnte doch die Großmutter denken, daß du dich nicht benehmen kannst und svchlecht erzogen bist !“, was ihr sofort wieder das Blut auf die Wangen getrieben und ihr die Katzenzungen, wie sie sich erinnern konnte, so sehr verleideten, daß sie nie wieder welche gegessen hatte.

„Laß das, Math und zieh dich ordentlich an, sonst könnte die Großmutter denken, du kannst dich nicht benehmen!“, hatte Natalie gesagt und sich vor Lachen geschüttelt. Dann war sie aufs Gymnasium gegangen, hatte Medizin studiert und ihr in Berlin Moritz weggeschnappt und sie sollte sich beruhigen, verzeihen und die Vergangenheit ruhen lassen, um zu zeigen, daß sie gut erzogen war?

Aber  nein,  nichts davon, sie würde es nicht lassen und auch nicht verzeihen,  dachte  Mathilde nun entschloßen, atmete tief durch und stand auf, um ins Vorzimmer hinausgegangen war, den Mantel auszuziehen und die Schuhe abzulegen und sich dann ins Bad begeben, um sich für die Nacht zurechtzumachen.

„Laß das Math!“, hatte Natalie gesagt und immer darauf hingeweisen, daß sie nur Gast in ihrem Zimmer war, geduldeter Gast bei ihren Eltern war, weil sich die nur ein Kind leisten konnten und das Zimmer deshalb ihr gehörte und jetzt war sie übergeblieben, hatte aber jetzt schon lange ein Zimmer und sogar eine Wohnung für sich allein.

Hatte dies schon über dreißig Jahre und war heute Moritz wiederbegegnet, der mit ihr in sechs Wochen mit einem orangen Bus durch die Welt reisen wollte, während Natalie gestorben war und sich infolgedessen niemals mehr über sie lustig machen konnte. Die Vergangenheit war vorbei und das Leben ging weiter.  Sie konnte, wenn sie wollte, mit Moritz von vorne anfangen. Konnte Natalie verzeihen oder aber auch ihr auf ewig böse sein. Konnte auch den Zipfel ihres Nachthemdes in ihre Unterhose stecken und auch wieder Katzenzungen essen.  Natalie würde niemals mehr darüber lachen und sie wußte nur nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, aber auch da konnte sie sich Zeit lassen und mußte das noch nicht heute entscheiden.

Schneeflockentreiben

Moritz Lichtenstern hatte sich, nachdem er sich angezogen, rasiert, gewaschen und seinen Morgenkaffee getrunken hatte, an das Fenster gestellt, sah den glitzernden Schneefloscken zu,  die vor seinem Fenster tanzten und schüttelte den Kopf.

War es doch schon Ende Februar und er hatte eigentlich gedacht, der Winter wäre vorbei. Der Frühling würde bald anbrechen und er konnte seinen orangen Kleinbus aus der Garage nehmen und mit ihm…

Ja was wollte er damit? Durch die Welt fahren, Afghansitan, Pakistan, aber auch China und Indien hatte er bereisen wollen, als sie ihm vor zwei Jahren  mit einer Gedichtgesammlung in Pension geschickt hatten, weil man ihn im Verlag nicht brauchte. Damals war ihm auch die Idee mit dem Kleinbus und der Weltreise gekommen, wenn er sich nicht irrte, war es Egon, der  Lyriker und ein guter Freund von ihm war, gewesen der ihn auf diese Idee brachte und er hatte sie für gut gefunden und sogar schon erste diesbezügliche Pläne gemacht. Das war zwei Jahre her und seither war nur  in Wien und auf Natalies Begräbnis gewesen, hatte das Bild von dem Bus  auch Mathilde gezeigt und sie gefragt, ob sie mit mitkommen werde?

„Laß uns abhauen, neu beginnen und die Welt anschauen!“, hatte er gesagt und sie hatte ihn verwirrt anblickt, den Kopf geschüttelt, nach dem Glas Wein gegriffen, das ihr der junge Kellner mit den dunklen Locken, der, wenn er sich nicht irrte, eine Kurde oder Türke war, obwohl er mit einem italienischen Namen gerufen wurde, hingestellt hatte, es hochgehoben und „Laß mir Zeit, Moritz!“ geantwortet.

„Ich fürchte, ich kann nicht so schnell begreifen, ist doch soviel passiert und das, was mir Natalie geschrieben hat und durch ihren Anwalt schickte, hat mich auch sehr verwirrt!“

Er hatte genickt,  verständnisvoll nach ihrer Hand gegriffen „Natürlich!“, geantwortet und behauptet,  daß er das  verstehe und ihr selbstverständlich Zeit lassen würde. Jede Zeit der Welt, die sie brauchte, daß er aber gern seine Tochter  kennenlernen würde und da er  schon fast zweiundsiebzig war, hatte er vielleicht diese Zeitfülle  nicht mehr und so schlage er vor, daß sie sich sechs Wochen Zeit lassen sollten und er in der Karwoche wieder kommen würde, um sie nach ihrer Entscheidung zu fragen.

Da hatte sie wieder genickt und war wahrscheinlich froh über diesen Aufschub gewesen, denn sie hatte geantwortet „Gut, Moritz, machen wir das so!“ und  noch hinzugefügt, daß sie froh über Natalies Brief wäre, sich über das Wiedersehen freue und Lily sicher gerne ihren Vater kennenlernen würde.

„Denn weißt du!“, hatte sie gesagt.

„Sie hat in der Pubertät eine sehr rebellische Phase gehabt und,  um jeden Preis deinen Namen herausbekommen und mit dir in Kontakt treten wollen! Aber was sollte ich ihr sagen? Daß ihr Vater, der Ehemann ihrer Tante Natalie ist, wollte ich ihr nicht verraten und so ist diese Zeit sehr schwierig für uns gewesen, wollte ich sie doch nicht enttäuschen und wußte auch, daß jedes Kind seinen Vater braucht, aber da bei uns die Verhältnisse so schwierig lagen-!“, sagte sie und brach ab.

„Natürlich, Mathilde!“, hatte er geantwortet und wieder nach ihrer Hand gegriffen.

„Ich fürchte, ich bin selber schuld an dieser Geschichte, weil ich ein solcher Trottel war!“

Sie hatte den Kopf geschüttelt, ihre Hand der seinen entzogen und hinzugefügt, daß Lily, weil sie sich nicht an ihren Vater wenden konnte, sogar Kontakt mit ihrer Großmutter aufgenommen und sich mit ihr angefreundet hatte.

„Aber die konnte ihr die Antwort auch nicht geben, hatte sie ja keine Ahnung, daß du ihr Vater bist! Sie scheint aber Schuldgefühle gehabt zu haben, hat sie sich doch, um Lily mehr als, um mich damals gekümmert!“, sagte sie und brach wieder ab, was ihn, wie er sich erinnern konnte, ratlos und unsicher machte, war es doch wirklich eine äußerst verrückte Geschichte, in die er durch Natalie hineingeraten war und Mathilde hatte sie  in doppelter Ausführung erlebt.

„Da war ich von Natalie  schon längst wieder geschieden!“,hatte er so nach einer Weile hinzugefügt.

„Denn weißt du, unsere Ehe hat nur drei Jahre gedauert und sie war eigentlich gar nicht, als solche zu bezeichnen, hatte ich doch seit der Erkenntnis an meinem Hochzeitstag, daß ich, ohne es zu merken, die falsche Frau geheiratet habe, Schwierigkeiten aus ihr wieder herauszukommen und brachte es nicht zusammen, gleich wieder die Scheidung einrzureichen, weil ich im Verlagt, bei meiner Familie und meinen Freunden nicht, als Vollidiot dastehen wollte. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst!“, sagte er und jetzt war er es, der sein Glas erhob, sie hilflos ansah und den Kopf schüttelte.

„Warum hast du mir  nie  davon geschrieben, daß du Lilly bekommen hast! Das hätte mich wahrscheinlich eher zu einer Entscheidung veranlaßt?“, fügte er in der selben Hilflosigkeit hinzu und war über ihre schüchterne Antwort, daß sie das nicht gekommt hatte, nicht verwundert.

„Natürlich!“ antwortete er.

„Die Schuld liegt eindeutig bei mir! Ich hätte nicht so blöd sein dürfen, mich von Nataie auf der Straße ansprechen und verführen lassen, weil sie damit recht hatte, daß ihr trotz eurer vordergründlichen Ähnlichkeit sehr verschieden seid und ich den Irrtum merken hätte müßen!“, sagte er und dann noch, daß er keine andere Entschuldigung hätte und sie auf diese Art und Weise dreißig Jahre ihres Lebens verloren hätten, die sie jetzt durch Natalies Brief wieder gut machen könnten.

„Und ich wünsche mir sehr, wir würden das tun und könnten mit oder ohne meinen Bus neu anfangen! Was meinst du, Mathilde? Es war doch damals zwischen uns allles in so schöner Ordnung und  hat so gut begonnen und ich weiß nicht, ob du es mir glaubst, daß ich damals die schönsten Zukunftspläne in diese Valentinsrose steckte-! Aber ich weiß schon, du wirst mir antworten, daß es meine Schuld ist, daß es nicht weiter ging!“, wiederholte er, brach wieder ab und war froh, daß sie den Kopf schüttelte und sagte, daß sie die Rose noch habe und sie oben in ihrer Wohnung in einer Vase stünde.

„Sie hat meine überstürtzte Flucht nach Wien überlebt“, sagte sie fast mädchenhaft schüchtern mit geröteten Wangen, lud ihn aber nicht ein, in ihre Wohnung mitzukommen und das Beweisstück anzusehen, sondern verabschiedete sich von ihm und er war in sein Hotel gegangen, hatte die Nacht dort geschlafen, war am nächsten Tag, wie geplant nach Berlin zurückgefahren und jetzt stand er  vor seinem Fenster, sah dem winterlichen Treiben der Schneeflocken zu und überlegte, daß es noch sechs Wochen bis zur Karwoche waren, wo er wieder mit den Bus nach Wien fahren und sich Mathildes Enscheidung abholen konnte. Bis dahin mußte er warten, daß heißt er konnte nach New York telefonieren und Lily, seine Tochter, anrufen.  Hatte das auch schon  getan und mit ihr einen vagen Besuch nach Ostern vereinbart.

„Entweder mit oder ohne deine Mutter!“, hatte er gesagt.

„Ich komme auf jeden Fall dich besuchen und möchte dich kennenlernen, würde am liebsten aber deine Mutter dabei haben, ich hoffe du verstehst das!“, hatte er gesagt und sie war einverstanden gewesen und hatte salopp „Natürlich, Pa, auf die paar Wochen kommt es auch nicht mehr an!“, geantwortet, was ihn wieder daran erinnerte, daß er vielleicht nicht mehr so viel Zeit hatte. Er stand knapp vor seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag. Sein Vater war fünfundsiebzig, der Großvater knapp achtzig geworden und beide waren zu ihrem Todesdatum senil, beziehungsweise dement gewesen oder wie man diesen Zustand sonst noch nennen konnte.

„Alzheimer Deasease!“, hatten es die Ärzte genannt und er hatte den heimlichen Verdacht, daß es bei ihm auch so kommen konnte. Hielt das Zittern seiner Finger, das ihm morgens manchmal quälte,auch für Parkinson. Schüttelte dann wieder den Kopf, nannte sich einen Träumer und Hypochonder und war zu feig noch  einmal zum Arzt zu gehen und diese Diagnose feststellen oder dementieren zu lassen.

Der Vater und der Großvater waren beide an Demenz verstorben und er war von seinem Verlag, zu dessen Leiter er es nach der Scheidung von Natalie sehr bald gebracht hatte, pensioniert worden, hatte sich auf Anraten seines Freundes Egon einen Bus gekauft, um damit um die Welt zu reisen und es bisher nicht getan, weil es Reisewarnungen für Länder, wie Afghansitan, Pakistan oder Syrien gab und er nicht so einfach nach Italien oder Frankreich reisen fahren hatte wollen und es ihm, als der Idiot, der er offensichtlich mit oder ohne Alzheimer und Parkinson war,  nicht einfiel, das Naheliegenste zu tun und mit  Bus nach Wien zu Mathilde zu fahren, aber  in der Karwoche würde er das tun! Das hatte er sich fest vorgenommen, dachte er und merkte mit Befriedigung, daß es zu schneien aufgehört hatte.

2017-06-17

Schwesternliebe

Zwei Wochen nach Mathildes Besuch bei Dr. Heumüller, sie war gerade dabei ihre neue kleine Wohnung zu beziehen und sich bei Zuschitzky einzuarbeiten, der Prospekt über die freien Abteibungsmöglichkeiten, die ihr die Ärztin mitgegeben hatte, lag immer noch auf ihrem Schreibtisch, denn sie konnte sich nicht entscheiden, sie wollte das Kind von Moritz und wollte es gleichzeitg auch nicht, weil es ohne jeden Zweifel unverantwortlich war, ein Kind ohne Vater und ohne Liebe aufzuziehen, denn das hatte sie an sich und ihren eigenen Eltern gesehen, daß das nicht gut war und nicht gut gehen konnte, kam ein Büttenbrief aus Berlin der Natalies Absender trug.

„N. Schmidt und M. Lichtenstern geben sich die Ehre am 14. 5. zu ihrer Hochzeit in die Nikolas Kapelle, in das Standesamt von Lichtenberg und zum anschließenden Festempfang in das Seehotel Stern einzuladen!“

„Ich hoffe, du bist mir nicht bös, Schwesterlein, aber ich habe mich in deinen Verleger verliebt!“, hatte Natalie mit  spitzer Hand dazugeschrieben.

Mathilde war in Tränen ausgebrochen und hatte fast spontan wieder zu Dr. Heumüllers Abtreibungsfolder gegriffen, das Ambulatorium am Fleischmarkt wurde dasehr empholen. Von wegen Schwesterlein? Was sollte dieser Unsinn?

Natalie hatte sich ihr gegenüber nie, wie eine Schwester verhalten. Von Anfang an war sie an der Seite der Eltern gewesen, wenn sie beispielsweisen vor ihrer Geburtstagstorte stand, die Kerzen ausgeblasen hatte, die Eltern umarmt „Vielen Dank, Papa und Mama!“, gerufen und sich am Gabentisch nach ihren Geschenken umgesehen hatte. Und sie war im Hauskleid dabei gestanden, hatte sich die Tränen verkniffen und höchstens nur ganz leise „Ich habe auch Geburtstag!“ vor sich hingeflüstert.

„Was willst du?“, hatte Natalie da, die sich gerade mit der neuen Puppe oder dem neuen schönen Kleid, das auf ihrem Gabentisch lag, beschäftigte, ausgerufen.

„Du weiß doch, Math, daß sich die Eltern nur ein Kind leisten können und nur eines haben wollten. Ein Kind ist genug! Du weiß doch auch, daß man in China nur ein solches haben darf oder lernt ihr das nicht in eurer Hauptschule, daß da die Einkindpolitik herrscht. Das Zweite in den Mistkübel geschmissen wird und die Eltern eine Strafe bekommen, weil sie nicht besser aufgepasst haben! Und ich kann nichts dafür, daß ich eine halbe Stunde früher auf die Welt gekommen bin und so das eine Wunschkind bin! So ist das einmal! in China wärst du stillschweigend in den Mistkübel geschmissen worden und hättest dich nicht beschweren können! Aber jetzt bist du, weil wir nicht im kommunistischen China sind, da! Darfst auch bleiben und zur Schule gehen, hast genug zu essen und zu anziehen, schläfst in meinem Zimmer! Warum willst du dich da beklagen? Sei doch bitte so nett und stör mir nicht die Geburtstagsparty! Du kannst ohnehin von meiner Torte ein Stück essen und den Kakao mit der Schlagsahne gibt es auch für dich!“

„Das ist gemein!“, hatte sie manchmal, wenn sie ganz, ganz mutig war und sich die Tränen nicht verkneifen konnte, gemurmelt. Aber das hatte auch nicht viel genützt. Dann hatte höchstens die Mutter aufgeseufzt, eine Tafel Schokolade oder ein Päckchen Mannerschnitten vom Gabentisch genommen und es ihr hingehalten.

„Du weißt doch, Mathilde, daß wir nicht so viel Geld für zwei Gabentische verdienen und uns nicht zwei Kinder leisten können, da der Papa  Bankangelstellter ist und ich nur Hausfrau bin! Wir wünschen dir aber natürlich alles Gute zum Geburtstag! Du bist  mitgemeint! Aber das Geld für zwei Puppen haben wir nicht! Natalie läßt dich, wenn du sie schön bittest, sicher damit spielen und ein Stück von der Torte gibt es natürlich auch!“

Von wegen! Hatte die Mutter da eine Ahnung gehabt? Oder sie hatte wahrscheinlich schon, aber sie war ihr egel gewesen. Sie fühlte sich im Recht und Natalie hatte sich das ihre ganz selbstverständlich, egoistisch und selbstbewußt genommen und sie natürlich nicht mit ihrer Pupppe spielen lassen. Sie hatte das Gymnasium besucht und studiert, während sie nach der Pflichtschule in den Haushalt der Zavrics geschickt wurde und ihr die Eltern verkündeten, daß sie jetzt alt genug wäre, auf den eigenen Beinen zu stehen und sie sie bitte in Ruhe lassen sollen.

Aber das hatten weder sie noch Natalie getan. Sie war, wie ein trotziges Kind, das sein  Recht, um jeden Preis erzwingen wollte, jedes Jahr zu den Geburtstagen und zu Weihnachten in die Neubaugasse gegangen, hatte dort jedes Jahr den genervten Blick der Eltern, Natalies Verachtung, die „Bist du schwer von Begriff, Math!“, gesagt und nebenbei hingeworfen hatte, wie schön oder schwer es auf der Uni sei und sie sich zur Psychoanalytikerin ausbilden lassen würde, geerntet, sowie jedes Jahr eine Tafel Schokokolade und ein Stück von der Geburtsagstorte oder den Weihnachtskeksen bekommen. Solange, bis sie aufgab, sich in Berlin beim Starverlag, um eine Stelle, als Sekretärin beworben hatte und das bei ihren, wie sie dachte, Abschiedsbesuch, den Eltern mitteilte.

„Ich gehe als Verlagssekretärin nach Berlin!“, hatte sie gesagt. Die Eltern hatten desinteressiert zugehört. Der Vater „Wie du meinst!“, geantwortet. Aber Natalies Augen hatten, was sie erst gar nicht so gemerkt hatte, aufgeblitzt, sie hatte „Ach wirklich?“, gefragt und hinzugefügt, daß sie sich vielleicht auch dort niederlassen und ihre Praxis aufmachen sollte.

Sie hatte das nicht ernst genommen, ihre Koffer gepackt und war losgefahren. Aber wieder drei Monate später. Sie hatte sich gerade in Moritz verliebt, läutete es an ihrer Tür und Natalie stand mit einer kleinen Reisetaschen draußen und wollte bei ihr ein paar Tage übernachten.

Warum hatte sie da nicht „Nein!“, gesagt und der Schwester verächtlich hingeworfen, daß sie die eigentlich nicht wäre, weil sich die Eltern nur ein Kind leisten konnten und daher auch nur für eines Geschenke hatten und ihre Wohnung hatte auch nur Platz für eine Person. Natalie solle das einsehen und sich ein Hotelzimmer suchen, als Psychoanalytikerin verdiene sie sicherlich genug, daß sie sich das leisten könne!

Sie hatte das nicht getan, sondern stillschweigend die Couch für Natalie hergerichtet und dann war sie noch so blöd gewesen, ihr zu sagen, daß sie  keine Zeit mehr hätte, weil sie sich mit einem Verlagskollegen, um halb acht in der Richterschen Weinstube treffen würde und dort war Natalie, um acht oder halb neun frisch fröhlich aufgetaucht, hatte Moritz angeschmachtet und ihn von ihrer Praxis erzählt, die sie sich in Berlin einrichten würde. Da war sie auch noch nicht argwöhnlich gewesen. Denn Moritz hatte nicht den Eindruck gemacht, als würde er sich von Natalie einfangen lassen. Sie mußte sich aber irgendwo verkühlt haben. War am nächsten Tag krank gewesen und die nächsten drei Tage nicht in den Verlag gegangen. Da hatte sie sich schon gewundert, daß Moritz nicht anrief, um sich nach ihr zu erkundigen, war aber zu schüchtern gewesen, ihn selber anzurufen. Und, als sie das doch tun wollte, war Natalie die, sich ihre Reisetasche, während sie mit Fieber im Bett gelegen hatte, abgeholt und verschwunden war, wieder zurückgekommen und hatte ihr mitgeteilt, daß sie sich in Moritz verliebt hätte und von ihr scheinheilig wissen wollte, ob sie ihr böse sein?

Sie war das natürlich. Selbstverständlich und kein Zweifel. Zornig auf die Schwester und au Moritz, den Verräter, der sich so einfach von ihr einfangen und sich ihr auspannen ließ und konnte wieder nichts dagegen machen, als ihre Stelle kündigen und nach Wien flüchten.

Sie hatte Moritz nicht mehr gesehen, denn als sie in den Verlag gekommen war, um Dr. Bereder ihre Entscheidung mitzuteilen, war der nicht dort gewesen und Dr. Bereder hatte ihr etwas von seiner plötzlichen Familienangelegenheit  gesagt, die ihn nach Wien geführt hätte und sie dabei fragend angesehen.

Sie hatte ihn nicht mehr wieder gesehen, war nach Wien und zu den Zawrics zurückgefahren, die ihr die kleine Wohnung vermittelt hatten, hatte bei Zuschinsky im Verlag zu arbeiten angefangen, von Dr. Heumüller erfahren, daß sie schwanger sei und dem Papa doch die freudige Mitteilung machen solle und jetzt bekam sie seine Hochzeitsanzeige von Natalie geschickt und konnte es ihm nicht sagen.

Sie konnte es nicht, auch wenn Natalie und auch Gisela Zawric sicherlich den Kopf darüber schütteln würden. Sie konnte es nicht und sie konnte das Kind, das kleine Mädchen, das es werden würde, wie ihr der Ultraschall verraten hatte, nicht abtreiben. Denn sie war nicht so herzlos, wie ihre Eltern, hielt nichts von Chinas Einkinderpolitik und hatte sich schon, als kleines Mädchen immer eine große Famile gewünscht. Eine heile Welt hatte sie sich da vorgestellt, die ganz anders war, als das, was sie erlebt hatte. Viele, viele Kinder, denen sie alle eine liebevolle Mutter war und sich auch Zeit für das zweite, dritte, vierte nehmen würde. Selbstverständlich und eine schöne Hochzeit hatte sie sich in den Kindertagen, wenn sie einsam  und geduldet in Natalies großen schönen Kinderzimmer in ihrem Klappbett lag, ausgemalt, mit einem weißen Kleid, einem Schleier, roten Rosen, Luftballons, vielen Geschenken, Brautjungfern und was sonst noch so alles dazugehörte.

Daß  der Bräutigam Moritz war, hatte sie damals noch nicht gewußt und es sich nicht vorstellen können. Sie hatte sich aber ganz ehrlich, ganz heimlich immer vorgestell, daß der Vater sie an den Altar führte und die Mutter und die Schwester ihre Treuzeugen waren und hatte das Schwesternliebe genannt. Das war ein schöner Traum gewesen, der spätestens jetzt zerplatzte, weil auf der Vermählungsanzeige  Natalies Name, wenn auch nur mit einem „N.“ und ohne Doktortitel, wie sie eseigentlich vermutet hätte, stand. So daß sie sich energisch und unter Tränen wieder zur Ordnung zurückrief. Denn was machte es, daß da N. Schmidt statt Dr. med. Natalie, Psychoanalytikerin stand? Gar nichts machte das.

Die verhasste Schwester würde  Moritz heiraten. Die Eltern standen, als glücklich Einladende auf dem teuren Büttenbillet und sie hatte von der schadenfrohen Natalie zwar eine Einladung bekommen, die sie ihr aber sicher nur geschickt hatte, um sie zu ärgern und von Moritz war kein Wort der Entschuldigung gekommen. Er war stillschweigend aus ihrem Leben verschwunden.  Hatte ihr nicht einmal erklärt, warum er ihr am Valentinstag eine langstielige teure Rose verehrte und drei Monate später Natalie heiratete, obwohl sie sein Kind in ihrem Bauch trug. Gut, das wußte er nicht. Konnte es nicht wissen, denn sie hatte ihm nichts davon geschrieben und würde es auch Natalie und ihren Eltern nicht verraten, damit die sie nicht auslachen und den Kopf über ihre Naivität schüttelten und das Kind würde sie trotzdem bekommen. Moritz Kind, von dem er nie eine Ahnung haben würde, denn sie würde natürlich nicht zu seiner Hochzeit fahren, dachte sie entschloßen und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann gab sie sich einen Ruck, griff sowohl nach dem Büttenbillet, als auch zu dem Abtreibungsfolder, nahm beides in die Hand und begann beides langsam und sorgfältig in hunderttausend kleine Schnipsel zu zerreißen.

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