Literaturgefluester

2017-06-27

Besser spät als nie

„Besser spät als nie!“, murmelte Mathilde vor sich hin, als sie ihre neue orange Jacke, die sie sich passend für die Reise und für Moritz Bus gekauft hatte, anzog,  nach dem Rucksack und der Reisetasche griff.

Aber noch war es nicht so weit, daß sie sich mit dieser in seinen Bus setzen und mit ihm in ein neues Leben starten würde.

Noch würde sie sich nur in das wahrscheinlich schon vor der Haustüre wartende Taxi setzen, als Ziel den Flughafen  nennen, dort mit Moritz zusammentreffen und mit ihm ein Flugzeug nach New York zu besteigen, um dort mit dem Töchterlein zusammentreffen, ihm seinen Vater vorzustellen und dann mit beiden, wie die Tochter ihr schon angekündigt hatte, im Kulturinstitut einen Österreichabend  zu erleben. Eigentlich ein großer Aufwand wegen einer Lesung nach New York zu fliegen, das hätte sie  im Literaturhaus oder im „Literarischen Quartier der Alten Schmiede“ einfacher haben können.

Aber das stimmte  nicht so ganz. So stimmte es nicht. Sie flog nicht zu einem Österreichabend nach New York, wo die Texte des berühmten Schriftstellerpaares Ernst Jandls und Friederike Mayerröcker, im Beisein der alten Dame und des österreichsischen Botschafters, von einem berühmten Schauspieler vorgetragen werden würden. Sie flog mit Moritz nach New York, um ihm endliche seine Tochter vorzustellen und das hatte sich die schon lang von ihr gewünscht.

Seit sie denken konnte und wußte, daß die anderen Kinder, die sie im Kindergarten und am Spielplatz traf, meistens einen Vater hatten, hatte sie sie nach dem ihren gefragt und sie hatte ihr nie eine Antwort gegeben.

Dreißig lange Jahre hatte sie geschwiegen und Moritz Existenz vor Lily geheim gehalten, bis Natalie gestorben war und vor ihrem Tod einen Brief an sie, Moritz und auch Lily geschrieben hatte, um dieses Geheimnis zu lüften.

Das war nun geschehen und es gab kein solches mehr. Lily hatte sie vor sechs Wochen angerufen und auf Natalies Begräbnis geschickt, wo sie Moritz getroffen hatteund der war vorgestern wieder gekommen, hatte mit ihr im Restaurant Blitzinger, das dem Hrdlicka-Denkmal am Albertina Platz gegenüber lag, ein Glas Wein getrunken und da hatte sie, ob es die Folge des Alkoholgenußes oder die Stimmung, beziehungsweise der Zug der Zeit war, wußte sie nicht so genau zu sagen, zugestimmt und war nach Hause gegangen, um mit Lily zu telefonieren und ihre Reisetasche zu packen.

Oder nein, es war nicht der Einfluß des Alkohols gewesen. Konnte es gar nicht sein, denn Erstens trank sie fast täglich ein Achterl oder auch zwei in der Pizzeria Venezia und Zweites hatte sie sich die orange Jacke, die genau zu Moritz Reisebus passte, schon einen Tag früher gekauft, so daß, das vielleicht der Grund war, daß sie ihr Glas erhoben, ihm tief in die Augen gesehen  und zugestimmt hatte.

„Ja, Moritz, ich will neu anfangen und mit dir, wenn wir erst von New York und der Lesung im Literaturinstitut zurückgekommen sind, mit deinem Bus zuerst nach Berlin fahren und dann, wenn du möchtest, auch ganz, um die Welt! Will mit dir neu anfangen und endlich unser Leben zusammengenießen und wenn wir auch der unglichen Umstände wegen, jetzt mehr, als dreißig Jahre versäumt haben, wollen wir uns trotzdem nicht hindern lassen und  neu beginnen, besser spät als nie!“

Dieser Satz lag auf ihren Lippen, als sie nach dem Schlüßel griff, um die Haustür abzusperren und  auf die Straße hinunterzugehen, um nach dem Taxis Ausschau zu halten.

Auf dem Gang stand Dusan Halkic, der bsonische Hausmeiste, der, wie sie wußte, mit Mehmet Kayan, der in der Pizzeria Venezia kellnerte und nebenbei Medienwaissenschaften studierte, in die Haupt- oder Untermittelschule gegangen war und kehrte den Boden auf.

Als er ihr mit ihrer organgen Jacke, dem grünen Rucksack und der schwarzen Reisetasche ansichtig wurde, hielt er damit  inne und schaute sie erstaunt an.

„Gehen Sie auf Reisen, Frau Schmidt?“, fragte er neugierig.

Sie nickte unbekümmert  und sah ihm freundlich an.

„So ist es, Dusan!“

Sie konnte ihn so nennen, kannte sie ihn doch schon seit seiner Kinderzeit und hatte ihm da auch öfter bei den Hausaufgaben geholfen.

„Ich fliege mit einem Freund oder besser mit dem Vater von Lily nach New York, damit sie ihn kennenlernen kann!“

„Aha!“, sagte er, stürzte sich auf seinen Besen und schaute sie, wenn möglich noch erstauner an.

„Ihre Schwester ist, glaube ich, gestorben!  Meine Mutter sagte mir, daß Sie vor kurem auf Ihrem Begräbnis waren und Mehmet erzählte mir auch von Ihrem Freund, der sie in die Pizzeria begleitet hat! Der ist Lilys Vater? Dann gratuliere ich sehr herzlich!“, sagte, schüttelte aber den Kopf, als würde er  nicht verstehen oder den Inhalt ihrer Botschaft nicht glauben können.

„Natrülich!“, dachte Mathilde und lächelte ein wenig.

War das auch nicht so einfach zu verstehen, daß sie nach dreißig Jahren Einsamkeit und sechs Wochen nach dem Begräbnis ihrer Zwillingsschwester plötzlich einen Freund und ihre Tochter Lily, die Vaterlose, als der er sie immer gekannt hatte, plötzlich einen solchen hatte. Gar nicht einfach zu verstehen war das und trotzdem stimmte es.

„Besser spät als nie!“, wiederholte sie daher freundlich und streckte ihm die Hand entgegen.

„Da fliegen wir zuerst zu Lily nach New York, damit sie ihren Vater kennenlernen kann und dann fahre ich mit Moritz nach Berlin, wo er beheimatet ist! Denn Du weißt vielleicht von deiner Mutter, die ja vor dir Hausmeisterin hier war, daß ich, bevor ich Lily bekommen habe, eine Zeitlang Verlagsangestellte in Berlin war. Da habe ich Moritz Lichtenstern,   Lilys Vater kennengelernt, aber der hat  meine Schwester Natalie geheiratet, so daß Lily ohne Vater aufgewachsen ist!“, sagte sie und bracht ab, weil sie sich vorstellen konnte, daß das für den Hausmeistersohn sehr unglaubwürdig klingen würde und er die Sache sicher nicht verstehen konnte.

„Ja?“,antwortete er auch nur und sah sie noch immer zweifelnd an.

„Ich verstehe!“, fügte er dann zwar hinzu, obwohl seinem Gesichtsausdruck anzumerken war, daß er das nicht tat.

„Dann darf ich Ihnen also gratuliere und zum Begräbnis iIhrer Schwester Beileid wünschen und, um Ihre Wohnung brauchen Sie sich während ihrer Abwesenheit keine Sorgen machen! Da werde ich  darauf schauen, daß keine Postwurfsendungen an Ihrer Türe hängen, die einem eventuellen Einbrecher Ihre Abwesenheit verraten könnten und ich werde auch sonst darauf achten, daß alles in Ordnung ist!“, versprach er ihr.

Sie nickte,  steckte  den Schlüßel in die Tasche, nahm die Reisetasche auf, bedankte sich bei ihm und wiederholte nocheinmal: „Besser spät als nie, Dusan, das verstehst du sicher, daß das das Beste ist und jetzt werde ich hinuntergehen. Das Taxi wartet vielleicht schon auf mich, am Flughafen Moritz und in New York meine Tochter Lily, die schon sehr gespannt auf ihren Vater ist und endlich nachholen möchte, was wir die letzten dreißig Jahre versäumten!

2017-06-22

Der Traum

Als Moritz Lichtenstern erwachte, war er sofort munter, obwohl ihm gleichzeitig, die vergangene Traumsequenz gefangenhielt und bildhaft klar vor Augen stand.

Er hatte von dem 2000 verstorbenen österreichischen Dichter, Ernst Jandl, geträumt, den er in seiner Eigenschaft, als Verleger  mehrmals auf Kongreßen und literarischen Colloquien begegnet war.

Im Traum war der Dichter noch am Leben, aber ungefähr so dement, wie sein Vater und sein Großvater, als sie gestorben waren und, wie offenbar er es insgeheim befürchtete, daß es auch bei ihm so kommen könnte, gewesen und hatte in einer betreuten Wohngemeinschaft gelebt.

Wenn er sich nicht irrte, war er sein Betreuer oder auch ein interessierter Besucher gewesen. Warscheinlich war das Letztere richtig. In seiner Eigenschaft, als Exverleger hatte er den dementen Dichter besucht, der ihm, wie er sich erinnern konnte, freundlich ansah und dann hatte er in seinen Texten gewühlt. Gewühlt oder geblättert, so genaukonnte er das nicht differenzieren. Konnte sich aber an eine Gedichtzeile erinnern, die er ihm vorgelesen hatte, als er beim Aufwachen war.

„Zwischen Erdberg und Brigittenau“, hatte der Text gehießen.

„Zwischen Erdberg und Brigittenau: Kindesmißbrauch, Haß, Gewalt, vergewaltigte Frauen, Liebe nicht oder doch vielleicht zwischendrin gestreut ein kleines Bißchen“.

Er war er mit dieser Verszeile auf den Lippen aufgewacht und hatte eine ganze Weile gebraucht, herauszufinden, ob die Zeile nun ein Text Ernst Jandls oder eine Eigenschöpfung war und damit endlich einmal, ein brauchbares Gedicht, das nicht kitschig war, sich nicht auf Herz und Schnmerz reimte und das er in seiner Eigenschaft, als kritischer Verleger, gelten lassen konnte?

Er mußte nachschauen, ob er wirklich ein Gedicht Jandls geträumt hatte oder, ob er dabei war, eine Wortschöpfung zu kreieren, mit der endlich einmal mit sich und seinem dichterischen Schaffen zufrieden war,“ dachte er, atmete  auf, schüttelte sich durch und stand auf, um im Pyjama in sein Arbeitszimmer hinüberzugehen und den Computer einzuschalten.

In den vielen Bänden Literaturlexika, die es in seinen Regalen gab, konnte er auch nachsehen, un den Urheber seiner Wortschöpfung ausfindig zu machen.

Aber eigentlich hatte er Mathilde anrufen und ihr mitteilen wollen, daß es soweit war und er  nach dem Frühstück mit seinem Bus losfahren und sich von ihr die Antwort abholen wollte, ob sie mit ihm zuerst nach New York zu Lily fliegen und dann mit dem Bus nach Berlin und wenn sie wollte, mit ihm neuanfangen und durch die ganze, halbe oder auch nur einen kleinen Teil der Welt fahren würde und das Gedicht konnte er ihr statt eines Osterei, das  höchstwahrschein ohnehin  ein wenig kindisch wäre, als Geschenk mitbringen, dachte er, stellte das Lexikon mit dem Buchstaben „J“ wieder in sein Regal zurück und begab sich in sein Bad, um sich dort zu waschen und zu rasieren. Sich für die Reise nach Wien zurechtzumachen.
Und er fühlte sich zum ersten Mal seit langen, wie er mit Erstaunen festellte, befreit und ruhig, als hätte er die Schatten der Vergangenheit, die ihn seit Jahren quälten, nun doch ein bißchen hinter sich gelassen.

2017-06-19

Vergangenheitsbewältigung

Auch Mathildes Hände zitterten, als sie, nachdem sie sich von Moritz verabschiedet hatte, in ihre Wohnung gegangen war und als erstes in ihr Schlafzimmer ging, wo auf dem kleinen Schminktischchen vor dem Fenster, in einer kleinen Vase mit der längst vertrocknenen Valentinsrose stand.

Sie nahm sie hoch, sah sie an und schüttelte den Kopf. Daneben lag der Brief, den ihr Natalie durch ihren Anwalt geschickt hatte. Der Partezettel lag in ihrer Handtasche. Sie war, weil es Lily wollte und nicht aus eigenem Antrieb zu dem Begräbnis gegangen, hatte dort Moritz getroffen, mit ihm in der Pizzeria zwei Gläser Rotwein getrunken und energisch den Kopf geschüttelt, als Gusiseppe-Mehmet sie neugierig angesehen hatte und von ihr wissen wollte, ob der elegante Herr, der Freund der Signora sei?

Das nein, das nicht, das war völig ausgeschlossen. Wenn sie Berlin damals nicht so überstürtzt verlassen hätte, wäre er bald ihr Chef geworden oder auch nicht, denn da hätte sie ihn wahrscheinlich geheiratet und, um eine gute Mutter zu werden, für die nächsten Jahre den Verlag verlassen. Also ihr verhinderter Ehemann oder ihr Schwager. Ihr Exschwager natürlich.

Alles was er wollte, aber das ging, den jungen Kurden und Medienstudenten  nichts an und Moritz wollte in sechs Wochen wiederkommen und mit ihr mit einem orangen Bus, dessen Bild er ihr gezeigt hatte, durch die Welt reisen und sie wußte nicht, ob sie das wollte, merkte, das ihre Finger noch immer zitterten und dachte „Das ist doch verrückt!“

Vollkommen verrückt! Stellte die Vase wieder auf das Kosmetiktischchen und setzte sich auf den Sessel, der davor stand. Jetzt konnte sie wenigstens nicht umfallen und ihre Gedanken ordnen oder Lily anrufen , die sicher wissen wollte, ob die Mutter auf dem Begräbnis gewesen war?

Sie war dort gewesen, hatte Moritz wiedergetroffen und von Natalie einen Brief bekommen, in dem sie sich bei ihr entschuldigt hatte. Egentlich war es ein netter Brief gewesen, den die Schwester ihr geschrieben hatte, ein um Verzeihung bittender und versöhnlicher. Die Schwester war in der letzten Phase ihres Krebses in sich gegangen, hatte sich entschuldigt und Mathilde wußte auch hier nicht, ob sie verzeihen wollte?

Einer Toten darf man nichts Schlechtes nachsagen, mußte ihr verzeihen! So hieß es doch, so hatte sie es in der Schule und auch sonst im Leben gelernt, aber auch da wußte sie nicht, ob sie das wollte. Oder doch, sie wollte es nicht!

Deshalb hatte sie der Schwester auch keine Rose in das Grab nachgeworfen, weder die vertrockenete, die ihr Moritz vor fast einunddreißig dreißig Jahren schenkte, bevor die Schwester ihn ihr gestohlen hatte, noch eine  neu gekaufte. Sie war blumenlos auf den Friedof gekommen und auch nur, weil sie Lily versprochen hatte, das zu tun und sie verzieh Natalie nicht,  das war sicher, denn es war  wirklich infam gewesen, was die getan hatte und Moritz würde das von ihr auch nicht fordern. Ganz egal, ob sie in sechs Wochen  mit ihm und seinen Bus nach New York fahren würde oder nicht.

Aber mit einem Bus konnten sie nicht übers Wasser reisen. Damit konnten sie  höchstens nach Berlin fahrenund die Orte des damaligen Geschehens wieder aufsuchen. Aber Lily wollte ihren Vater kennenlernen. Hatte das  schon angedeutet, daß sie das auf jeden Fall tun würde.

„Ganz egal, ob du damit einverstanden bist oder nicht Mutter!“, hatte sie  versichert und sie war auch einverstanden. Hatte nichts dagegen und sollte Natalie für ihren Mut der letzten Stunde, die Sache doch noch aufzuklären, eigentlich dankbar sein. War es aber nicht. Nein, sie würde weder ihr, noch den Eltern  verzeihen, dachte sie erneut und merkte, daß sich ihre Finger ineinander verkrampften.

„Laß, das Math!“, dachte  sie.

„Laß dir Zeit!“ und zuckte noch einmal zusammen, als sie bemekrte, daß sie die Abkürzung verwendet hatte, die Natalie immer gebraucht hatte, wenn sie sich über sie lustig machen hatte wollen, was, wie sie sich ebenfalls erinnerte, sehr häufig vorgekommen war, denn Natalie hatte keine Gelegenheit ausgelassen, auf ihre Vormachtstellung hinzuweisen.

Einmal, daran konnte sie sich jetzt  erinnern und es trieb ihr vor Scham immer noch das Blut in den Kopf, so daß sie sicher so rot geworden war, wie es ihr damals passierte, war es besondern arg gewesen. Sie mußten zehn, elf oder zwölf Jahre alt gewesen sei. Es war ein Sonntag gewesen und sie waren im Wohnzimmer, um den Tisch bei der Nachmittagsjause Kuchen gesessen. Die Großeltern, die damals noch lebten, waren auf Besuch gekommen und hatten für jede von ihnen ein Geschenk mitgebracht. Sowohl sie, als auch Natalie hatten eine Schachtel Katzenzungen  bekommen, was Natalie, als sie sich schon darüber freuen wollte,  zu einem spöttischen Lächeln und der bissigen Bemerkung „Siehst du, Math, du bist gar nicht so benachteiligt, wie du immer behauptest, du bekommst doch auch etwas geschenkt!“, veranlaßt hatte. Dabei hatte sie laut und höhnisch aufgelacht, was ihr das Blut in die Wangen getrieben hatte, so daß sie um ihre Gefühlsanwallung zu verbergen das Zimmer verlassen hatte und aufs Klo gelaufen war.

Dort hatte sie, als sie ihr Geschäft erledigt hatte, versucht sich zu beruhigen,  hatte sich die Tränenspuren aus dem Gesicht gewischt, die Haare gekämmt und die Hände gewaschen und war mit dem Vorsatz ins Zimmer  zurückgegangen, sich bei den Großeltern besonders zu bedanken und ihnen zu sagen, wie sehr sie sich über ihr Geschenk freue, weil Katzenzungen ihre Lieblingssüßigkeit seien.

Es war aber wieder einmal, schlimmer als gedacht gekommen, hatte sie in ihrer Wut doch nicht bemerkt, daß ein Teil ihres Kleides in der Unterhose stecken beblieben war, was Natalie, die das natürlich sah, erst recht zum Lachen und zum Ausspruch „Zieh dich doch erst ordentlich an, Math, bevor du dich über uns beschwerst, könnte doch die Großmutter denken, daß du dich nicht benehmen kannst und svchlecht erzogen bist !“, was ihr sofort wieder das Blut auf die Wangen getrieben und ihr die Katzenzungen, wie sie sich erinnern konnte, so sehr verleideten, daß sie nie wieder welche gegessen hatte.

„Laß das, Math und zieh dich ordentlich an, sonst könnte die Großmutter denken, du kannst dich nicht benehmen!“, hatte Natalie gesagt und sich vor Lachen geschüttelt. Dann war sie aufs Gymnasium gegangen, hatte Medizin studiert und ihr in Berlin Moritz weggeschnappt und sie sollte sich beruhigen, verzeihen und die Vergangenheit ruhen lassen, um zu zeigen, daß sie gut erzogen war?

Aber  nein,  nichts davon, sie würde es nicht lassen und auch nicht verzeihen,  dachte  Mathilde nun entschloßen, atmete tief durch und stand auf, um ins Vorzimmer hinausgegangen war, den Mantel auszuziehen und die Schuhe abzulegen und sich dann ins Bad begeben, um sich für die Nacht zurechtzumachen.

„Laß das Math!“, hatte Natalie gesagt und immer darauf hingeweisen, daß sie nur Gast in ihrem Zimmer war, geduldeter Gast bei ihren Eltern war, weil sich die nur ein Kind leisten konnten und das Zimmer deshalb ihr gehörte und jetzt war sie übergeblieben, hatte aber jetzt schon lange ein Zimmer und sogar eine Wohnung für sich allein.

Hatte dies schon über dreißig Jahre und war heute Moritz wiederbegegnet, der mit ihr in sechs Wochen mit einem orangen Bus durch die Welt reisen wollte, während Natalie gestorben war und sich infolgedessen niemals mehr über sie lustig machen konnte. Die Vergangenheit war vorbei und das Leben ging weiter.  Sie konnte, wenn sie wollte, mit Moritz von vorne anfangen. Konnte Natalie verzeihen oder aber auch ihr auf ewig böse sein. Konnte auch den Zipfel ihres Nachthemdes in ihre Unterhose stecken und auch wieder Katzenzungen essen.  Natalie würde niemals mehr darüber lachen und sie wußte nur nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, aber auch da konnte sie sich Zeit lassen und mußte das noch nicht heute entscheiden.

Schneeflockentreiben

Moritz Lichtenstern hatte sich, nachdem er sich angezogen, rasiert, gewaschen und seinen Morgenkaffee getrunken hatte, an das Fenster gestellt, sah den glitzernden Schneefloscken zu,  die vor seinem Fenster tanzten und schüttelte den Kopf.

War es doch schon Ende Februar und er hatte eigentlich gedacht, der Winter wäre vorbei. Der Frühling würde bald anbrechen und er konnte seinen orangen Kleinbus aus der Garage nehmen und mit ihm…

Ja was wollte er damit? Durch die Welt fahren, Afghansitan, Pakistan, aber auch China und Indien hatte er bereisen wollen, als sie ihm vor zwei Jahren  mit einer Gedichtgesammlung in Pension geschickt hatten, weil man ihn im Verlag nicht brauchte. Damals war ihm auch die Idee mit dem Kleinbus und der Weltreise gekommen, wenn er sich nicht irrte, war es Egon, der  Lyriker und ein guter Freund von ihm war, gewesen der ihn auf diese Idee brachte und er hatte sie für gut gefunden und sogar schon erste diesbezügliche Pläne gemacht. Das war zwei Jahre her und seither war nur  in Wien und auf Natalies Begräbnis gewesen, hatte das Bild von dem Bus  auch Mathilde gezeigt und sie gefragt, ob sie mit mitkommen werde?

„Laß uns abhauen, neu beginnen und die Welt anschauen!“, hatte er gesagt und sie hatte ihn verwirrt anblickt, den Kopf geschüttelt, nach dem Glas Wein gegriffen, das ihr der junge Kellner mit den dunklen Locken, der, wenn er sich nicht irrte, eine Kurde oder Türke war, obwohl er mit einem italienischen Namen gerufen wurde, hingestellt hatte, es hochgehoben und „Laß mir Zeit, Moritz!“ geantwortet.

„Ich fürchte, ich kann nicht so schnell begreifen, ist doch soviel passiert und das, was mir Natalie geschrieben hat und durch ihren Anwalt schickte, hat mich auch sehr verwirrt!“

Er hatte genickt,  verständnisvoll nach ihrer Hand gegriffen „Natürlich!“, geantwortet und behauptet,  daß er das  verstehe und ihr selbstverständlich Zeit lassen würde. Jede Zeit der Welt, die sie brauchte, daß er aber gern seine Tochter  kennenlernen würde und da er  schon fast zweiundsiebzig war, hatte er vielleicht diese Zeitfülle  nicht mehr und so schlage er vor, daß sie sich sechs Wochen Zeit lassen sollten und er in der Karwoche wieder kommen würde, um sie nach ihrer Entscheidung zu fragen.

Da hatte sie wieder genickt und war wahrscheinlich froh über diesen Aufschub gewesen, denn sie hatte geantwortet „Gut, Moritz, machen wir das so!“ und  noch hinzugefügt, daß sie froh über Natalies Brief wäre, sich über das Wiedersehen freue und Lily sicher gerne ihren Vater kennenlernen würde.

„Denn weißt du!“, hatte sie gesagt.

„Sie hat in der Pubertät eine sehr rebellische Phase gehabt und,  um jeden Preis deinen Namen herausbekommen und mit dir in Kontakt treten wollen! Aber was sollte ich ihr sagen? Daß ihr Vater, der Ehemann ihrer Tante Natalie ist, wollte ich ihr nicht verraten und so ist diese Zeit sehr schwierig für uns gewesen, wollte ich sie doch nicht enttäuschen und wußte auch, daß jedes Kind seinen Vater braucht, aber da bei uns die Verhältnisse so schwierig lagen-!“, sagte sie und brach ab.

„Natürlich, Mathilde!“, hatte er geantwortet und wieder nach ihrer Hand gegriffen.

„Ich fürchte, ich bin selber schuld an dieser Geschichte, weil ich ein solcher Trottel war!“

Sie hatte den Kopf geschüttelt, ihre Hand der seinen entzogen und hinzugefügt, daß Lily, weil sie sich nicht an ihren Vater wenden konnte, sogar Kontakt mit ihrer Großmutter aufgenommen und sich mit ihr angefreundet hatte.

„Aber die konnte ihr die Antwort auch nicht geben, hatte sie ja keine Ahnung, daß du ihr Vater bist! Sie scheint aber Schuldgefühle gehabt zu haben, hat sie sich doch, um Lily mehr als, um mich damals gekümmert!“, sagte sie und brach wieder ab, was ihn, wie er sich erinnern konnte, ratlos und unsicher machte, war es doch wirklich eine äußerst verrückte Geschichte, in die er durch Natalie hineingeraten war und Mathilde hatte sie  in doppelter Ausführung erlebt.

„Da war ich von Natalie  schon längst wieder geschieden!“,hatte er so nach einer Weile hinzugefügt.

„Denn weißt du, unsere Ehe hat nur drei Jahre gedauert und sie war eigentlich gar nicht, als solche zu bezeichnen, hatte ich doch seit der Erkenntnis an meinem Hochzeitstag, daß ich, ohne es zu merken, die falsche Frau geheiratet habe, Schwierigkeiten aus ihr wieder herauszukommen und brachte es nicht zusammen, gleich wieder die Scheidung einrzureichen, weil ich im Verlagt, bei meiner Familie und meinen Freunden nicht, als Vollidiot dastehen wollte. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst!“, sagte er und jetzt war er es, der sein Glas erhob, sie hilflos ansah und den Kopf schüttelte.

„Warum hast du mir  nie  davon geschrieben, daß du Lilly bekommen hast! Das hätte mich wahrscheinlich eher zu einer Entscheidung veranlaßt?“, fügte er in der selben Hilflosigkeit hinzu und war über ihre schüchterne Antwort, daß sie das nicht gekommt hatte, nicht verwundert.

„Natürlich!“ antwortete er.

„Die Schuld liegt eindeutig bei mir! Ich hätte nicht so blöd sein dürfen, mich von Nataie auf der Straße ansprechen und verführen lassen, weil sie damit recht hatte, daß ihr trotz eurer vordergründlichen Ähnlichkeit sehr verschieden seid und ich den Irrtum merken hätte müßen!“, sagte er und dann noch, daß er keine andere Entschuldigung hätte und sie auf diese Art und Weise dreißig Jahre ihres Lebens verloren hätten, die sie jetzt durch Natalies Brief wieder gut machen könnten.

„Und ich wünsche mir sehr, wir würden das tun und könnten mit oder ohne meinen Bus neu anfangen! Was meinst du, Mathilde? Es war doch damals zwischen uns allles in so schöner Ordnung und  hat so gut begonnen und ich weiß nicht, ob du es mir glaubst, daß ich damals die schönsten Zukunftspläne in diese Valentinsrose steckte-! Aber ich weiß schon, du wirst mir antworten, daß es meine Schuld ist, daß es nicht weiter ging!“, wiederholte er, brach wieder ab und war froh, daß sie den Kopf schüttelte und sagte, daß sie die Rose noch habe und sie oben in ihrer Wohnung in einer Vase stünde.

„Sie hat meine überstürtzte Flucht nach Wien überlebt“, sagte sie fast mädchenhaft schüchtern mit geröteten Wangen, lud ihn aber nicht ein, in ihre Wohnung mitzukommen und das Beweisstück anzusehen, sondern verabschiedete sich von ihm und er war in sein Hotel gegangen, hatte die Nacht dort geschlafen, war am nächsten Tag, wie geplant nach Berlin zurückgefahren und jetzt stand er  vor seinem Fenster, sah dem winterlichen Treiben der Schneeflocken zu und überlegte, daß es noch sechs Wochen bis zur Karwoche waren, wo er wieder mit den Bus nach Wien fahren und sich Mathildes Enscheidung abholen konnte. Bis dahin mußte er warten, daß heißt er konnte nach New York telefonieren und Lily, seine Tochter, anrufen.  Hatte das auch schon  getan und mit ihr einen vagen Besuch nach Ostern vereinbart.

„Entweder mit oder ohne deine Mutter!“, hatte er gesagt.

„Ich komme auf jeden Fall dich besuchen und möchte dich kennenlernen, würde am liebsten aber deine Mutter dabei haben, ich hoffe du verstehst das!“, hatte er gesagt und sie war einverstanden gewesen und hatte salopp „Natürlich, Pa, auf die paar Wochen kommt es auch nicht mehr an!“, geantwortet, was ihn wieder daran erinnerte, daß er vielleicht nicht mehr so viel Zeit hatte. Er stand knapp vor seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag. Sein Vater war fünfundsiebzig, der Großvater knapp achtzig geworden und beide waren zu ihrem Todesdatum senil, beziehungsweise dement gewesen oder wie man diesen Zustand sonst noch nennen konnte.

„Alzheimer Deasease!“, hatten es die Ärzte genannt und er hatte den heimlichen Verdacht, daß es bei ihm auch so kommen konnte. Hielt das Zittern seiner Finger, das ihm morgens manchmal quälte,auch für Parkinson. Schüttelte dann wieder den Kopf, nannte sich einen Träumer und Hypochonder und war zu feig noch  einmal zum Arzt zu gehen und diese Diagnose feststellen oder dementieren zu lassen.

Der Vater und der Großvater waren beide an Demenz verstorben und er war von seinem Verlag, zu dessen Leiter er es nach der Scheidung von Natalie sehr bald gebracht hatte, pensioniert worden, hatte sich auf Anraten seines Freundes Egon einen Bus gekauft, um damit um die Welt zu reisen und es bisher nicht getan, weil es Reisewarnungen für Länder, wie Afghansitan, Pakistan oder Syrien gab und er nicht so einfach nach Italien oder Frankreich reisen fahren hatte wollen und es ihm, als der Idiot, der er offensichtlich mit oder ohne Alzheimer und Parkinson war,  nicht einfiel, das Naheliegenste zu tun und mit  Bus nach Wien zu Mathilde zu fahren, aber  in der Karwoche würde er das tun! Das hatte er sich fest vorgenommen, dachte er und merkte mit Befriedigung, daß es zu schneien aufgehört hatte.

2017-06-17

Schwesternliebe

Zwei Wochen nach Mathildes Besuch bei Dr. Heumüller, sie war gerade dabei ihre neue kleine Wohnung zu beziehen und sich bei Zuschitzky einzuarbeiten, der Prospekt über die freien Abteibungsmöglichkeiten, die ihr die Ärztin mitgegeben hatte, lag immer noch auf ihrem Schreibtisch, denn sie konnte sich nicht entscheiden, sie wollte das Kind von Moritz und wollte es gleichzeitg auch nicht, weil es ohne jeden Zweifel unverantwortlich war, ein Kind ohne Vater und ohne Liebe aufzuziehen, denn das hatte sie an sich und ihren eigenen Eltern gesehen, daß das nicht gut war und nicht gut gehen konnte, kam ein Büttenbrief aus Berlin der Natalies Absender trug.

„N. Schmidt und M. Lichtenstern geben sich die Ehre am 14. 5. zu ihrer Hochzeit in die Nikolas Kapelle, in das Standesamt von Lichtenberg und zum anschließenden Festempfang in das Seehotel Stern einzuladen!“

„Ich hoffe, du bist mir nicht bös, Schwesterlein, aber ich habe mich in deinen Verleger verliebt!“, hatte Natalie mit  spitzer Hand dazugeschrieben.

Mathilde war in Tränen ausgebrochen und hatte fast spontan wieder zu Dr. Heumüllers Abtreibungsfolder gegriffen, das Ambulatorium am Fleischmarkt wurde dasehr empholen. Von wegen Schwesterlein? Was sollte dieser Unsinn?

Natalie hatte sich ihr gegenüber nie, wie eine Schwester verhalten. Von Anfang an war sie an der Seite der Eltern gewesen, wenn sie beispielsweisen vor ihrer Geburtstagstorte stand, die Kerzen ausgeblasen hatte, die Eltern umarmt „Vielen Dank, Papa und Mama!“, gerufen und sich am Gabentisch nach ihren Geschenken umgesehen hatte. Und sie war im Hauskleid dabei gestanden, hatte sich die Tränen verkniffen und höchstens nur ganz leise „Ich habe auch Geburtstag!“ vor sich hingeflüstert.

„Was willst du?“, hatte Natalie da, die sich gerade mit der neuen Puppe oder dem neuen schönen Kleid, das auf ihrem Gabentisch lag, beschäftigte, ausgerufen.

„Du weiß doch, Math, daß sich die Eltern nur ein Kind leisten können und nur eines haben wollten. Ein Kind ist genug! Du weiß doch auch, daß man in China nur ein solches haben darf oder lernt ihr das nicht in eurer Hauptschule, daß da die Einkindpolitik herrscht. Das Zweite in den Mistkübel geschmissen wird und die Eltern eine Strafe bekommen, weil sie nicht besser aufgepasst haben! Und ich kann nichts dafür, daß ich eine halbe Stunde früher auf die Welt gekommen bin und so das eine Wunschkind bin! So ist das einmal! in China wärst du stillschweigend in den Mistkübel geschmissen worden und hättest dich nicht beschweren können! Aber jetzt bist du, weil wir nicht im kommunistischen China sind, da! Darfst auch bleiben und zur Schule gehen, hast genug zu essen und zu anziehen, schläfst in meinem Zimmer! Warum willst du dich da beklagen? Sei doch bitte so nett und stör mir nicht die Geburtstagsparty! Du kannst ohnehin von meiner Torte ein Stück essen und den Kakao mit der Schlagsahne gibt es auch für dich!“

„Das ist gemein!“, hatte sie manchmal, wenn sie ganz, ganz mutig war und sich die Tränen nicht verkneifen konnte, gemurmelt. Aber das hatte auch nicht viel genützt. Dann hatte höchstens die Mutter aufgeseufzt, eine Tafel Schokolade oder ein Päckchen Mannerschnitten vom Gabentisch genommen und es ihr hingehalten.

„Du weißt doch, Mathilde, daß wir nicht so viel Geld für zwei Gabentische verdienen und uns nicht zwei Kinder leisten können, da der Papa  Bankangelstellter ist und ich nur Hausfrau bin! Wir wünschen dir aber natürlich alles Gute zum Geburtstag! Du bist  mitgemeint! Aber das Geld für zwei Puppen haben wir nicht! Natalie läßt dich, wenn du sie schön bittest, sicher damit spielen und ein Stück von der Torte gibt es natürlich auch!“

Von wegen! Hatte die Mutter da eine Ahnung gehabt? Oder sie hatte wahrscheinlich schon, aber sie war ihr egel gewesen. Sie fühlte sich im Recht und Natalie hatte sich das ihre ganz selbstverständlich, egoistisch und selbstbewußt genommen und sie natürlich nicht mit ihrer Pupppe spielen lassen. Sie hatte das Gymnasium besucht und studiert, während sie nach der Pflichtschule in den Haushalt der Zavrics geschickt wurde und ihr die Eltern verkündeten, daß sie jetzt alt genug wäre, auf den eigenen Beinen zu stehen und sie sie bitte in Ruhe lassen sollen.

Aber das hatten weder sie noch Natalie getan. Sie war, wie ein trotziges Kind, das sein  Recht, um jeden Preis erzwingen wollte, jedes Jahr zu den Geburtstagen und zu Weihnachten in die Neubaugasse gegangen, hatte dort jedes Jahr den genervten Blick der Eltern, Natalies Verachtung, die „Bist du schwer von Begriff, Math!“, gesagt und nebenbei hingeworfen hatte, wie schön oder schwer es auf der Uni sei und sie sich zur Psychoanalytikerin ausbilden lassen würde, geerntet, sowie jedes Jahr eine Tafel Schokokolade und ein Stück von der Geburtsagstorte oder den Weihnachtskeksen bekommen. Solange, bis sie aufgab, sich in Berlin beim Starverlag, um eine Stelle, als Sekretärin beworben hatte und das bei ihren, wie sie dachte, Abschiedsbesuch, den Eltern mitteilte.

„Ich gehe als Verlagssekretärin nach Berlin!“, hatte sie gesagt. Die Eltern hatten desinteressiert zugehört. Der Vater „Wie du meinst!“, geantwortet. Aber Natalies Augen hatten, was sie erst gar nicht so gemerkt hatte, aufgeblitzt, sie hatte „Ach wirklich?“, gefragt und hinzugefügt, daß sie sich vielleicht auch dort niederlassen und ihre Praxis aufmachen sollte.

Sie hatte das nicht ernst genommen, ihre Koffer gepackt und war losgefahren. Aber wieder drei Monate später. Sie hatte sich gerade in Moritz verliebt, läutete es an ihrer Tür und Natalie stand mit einer kleinen Reisetaschen draußen und wollte bei ihr ein paar Tage übernachten.

Warum hatte sie da nicht „Nein!“, gesagt und der Schwester verächtlich hingeworfen, daß sie die eigentlich nicht wäre, weil sich die Eltern nur ein Kind leisten konnten und daher auch nur für eines Geschenke hatten und ihre Wohnung hatte auch nur Platz für eine Person. Natalie solle das einsehen und sich ein Hotelzimmer suchen, als Psychoanalytikerin verdiene sie sicherlich genug, daß sie sich das leisten könne!

Sie hatte das nicht getan, sondern stillschweigend die Couch für Natalie hergerichtet und dann war sie noch so blöd gewesen, ihr zu sagen, daß sie  keine Zeit mehr hätte, weil sie sich mit einem Verlagskollegen, um halb acht in der Richterschen Weinstube treffen würde und dort war Natalie, um acht oder halb neun frisch fröhlich aufgetaucht, hatte Moritz angeschmachtet und ihn von ihrer Praxis erzählt, die sie sich in Berlin einrichten würde. Da war sie auch noch nicht argwöhnlich gewesen. Denn Moritz hatte nicht den Eindruck gemacht, als würde er sich von Natalie einfangen lassen. Sie mußte sich aber irgendwo verkühlt haben. War am nächsten Tag krank gewesen und die nächsten drei Tage nicht in den Verlag gegangen. Da hatte sie sich schon gewundert, daß Moritz nicht anrief, um sich nach ihr zu erkundigen, war aber zu schüchtern gewesen, ihn selber anzurufen. Und, als sie das doch tun wollte, war Natalie die, sich ihre Reisetasche, während sie mit Fieber im Bett gelegen hatte, abgeholt und verschwunden war, wieder zurückgekommen und hatte ihr mitgeteilt, daß sie sich in Moritz verliebt hätte und von ihr scheinheilig wissen wollte, ob sie ihr böse sein?

Sie war das natürlich. Selbstverständlich und kein Zweifel. Zornig auf die Schwester und au Moritz, den Verräter, der sich so einfach von ihr einfangen und sich ihr auspannen ließ und konnte wieder nichts dagegen machen, als ihre Stelle kündigen und nach Wien flüchten.

Sie hatte Moritz nicht mehr gesehen, denn als sie in den Verlag gekommen war, um Dr. Bereder ihre Entscheidung mitzuteilen, war der nicht dort gewesen und Dr. Bereder hatte ihr etwas von seiner plötzlichen Familienangelegenheit  gesagt, die ihn nach Wien geführt hätte und sie dabei fragend angesehen.

Sie hatte ihn nicht mehr wieder gesehen, war nach Wien und zu den Zawrics zurückgefahren, die ihr die kleine Wohnung vermittelt hatten, hatte bei Zuschinsky im Verlag zu arbeiten angefangen, von Dr. Heumüller erfahren, daß sie schwanger sei und dem Papa doch die freudige Mitteilung machen solle und jetzt bekam sie seine Hochzeitsanzeige von Natalie geschickt und konnte es ihm nicht sagen.

Sie konnte es nicht, auch wenn Natalie und auch Gisela Zawric sicherlich den Kopf darüber schütteln würden. Sie konnte es nicht und sie konnte das Kind, das kleine Mädchen, das es werden würde, wie ihr der Ultraschall verraten hatte, nicht abtreiben. Denn sie war nicht so herzlos, wie ihre Eltern, hielt nichts von Chinas Einkinderpolitik und hatte sich schon, als kleines Mädchen immer eine große Famile gewünscht. Eine heile Welt hatte sie sich da vorgestellt, die ganz anders war, als das, was sie erlebt hatte. Viele, viele Kinder, denen sie alle eine liebevolle Mutter war und sich auch Zeit für das zweite, dritte, vierte nehmen würde. Selbstverständlich und eine schöne Hochzeit hatte sie sich in den Kindertagen, wenn sie einsam  und geduldet in Natalies großen schönen Kinderzimmer in ihrem Klappbett lag, ausgemalt, mit einem weißen Kleid, einem Schleier, roten Rosen, Luftballons, vielen Geschenken, Brautjungfern und was sonst noch so alles dazugehörte.

Daß  der Bräutigam Moritz war, hatte sie damals noch nicht gewußt und es sich nicht vorstellen können. Sie hatte sich aber ganz ehrlich, ganz heimlich immer vorgestell, daß der Vater sie an den Altar führte und die Mutter und die Schwester ihre Treuzeugen waren und hatte das Schwesternliebe genannt. Das war ein schöner Traum gewesen, der spätestens jetzt zerplatzte, weil auf der Vermählungsanzeige  Natalies Name, wenn auch nur mit einem „N.“ und ohne Doktortitel, wie sie eseigentlich vermutet hätte, stand. So daß sie sich energisch und unter Tränen wieder zur Ordnung zurückrief. Denn was machte es, daß da N. Schmidt statt Dr. med. Natalie, Psychoanalytikerin stand? Gar nichts machte das.

Die verhasste Schwester würde  Moritz heiraten. Die Eltern standen, als glücklich Einladende auf dem teuren Büttenbillet und sie hatte von der schadenfrohen Natalie zwar eine Einladung bekommen, die sie ihr aber sicher nur geschickt hatte, um sie zu ärgern und von Moritz war kein Wort der Entschuldigung gekommen. Er war stillschweigend aus ihrem Leben verschwunden.  Hatte ihr nicht einmal erklärt, warum er ihr am Valentinstag eine langstielige teure Rose verehrte und drei Monate später Natalie heiratete, obwohl sie sein Kind in ihrem Bauch trug. Gut, das wußte er nicht. Konnte es nicht wissen, denn sie hatte ihm nichts davon geschrieben und würde es auch Natalie und ihren Eltern nicht verraten, damit die sie nicht auslachen und den Kopf über ihre Naivität schüttelten und das Kind würde sie trotzdem bekommen. Moritz Kind, von dem er nie eine Ahnung haben würde, denn sie würde natürlich nicht zu seiner Hochzeit fahren, dachte sie entschloßen und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann gab sie sich einen Ruck, griff sowohl nach dem Büttenbillet, als auch zu dem Abtreibungsfolder, nahm beides in die Hand und begann beides langsam und sorgfältig in hunderttausend kleine Schnipsel zu zerreißen.

Eine Frau auf Reisen

Lily hatte sich,  den Brief immer noch in der Hand, auf einen der Barhocker, den es vor ihrer kleinen Eßtheke im Küchenbereich ihres Lofts gab, gesetzt und starrte nachdenklich vor sich hin.

Die schulterlangen dunkelbolonden Haare fielen ihr unfrisiert ins Gesicht. Vor ihr stand der Becher mit Kaffee, auf der  Eßtheke lag ihr Handy und auf dem hatte sie vorhin einen Anruf von Slavenka Jagoda bekommen, die ihr mitteilte, daß sie gut in N.Y angekommen sei und ihr kleines Atelier, das es im Dachgeschoß des Instituts gab, bereits  bezogen hatte. Sie würde sie treffen und kennenlernen, wenn sie sich aufgerafft und angezogen hatte und ins Institut zu ihrer Arbeit fuhr.

Slavenka Jagoda, die dreiundzwanzigjährige Slavistin und Germanistin aus der Slowakei, die ein dreimonatiges Praktikum unter ihrer Leitung, im Kulturinstitut antreten würde.

Sie war also voll beschäftigt, sie einzuleiten und einzuführen und ihr auch die Schön-und Besonderheiten von N.Y zu zeigen, so daß sie abgelenkt war und  keine Zeit hatte, länger  an den seltsamen Brief, des seltsamen Rechtsanwalts von der seltsamen Tante, die eigentlich gar keine war, zumindestens hatte sie sie nie richtig kennengelernt, weil die Mami sie ja haßte, wie der Teufel das Weihwasser, was sie jetzt erst richtig verstand.

„Wui, da hatte sie  einen richtigen Roman erlebt oder könnte,, wenn sie nur literarisch genug begabt wäre, einen solchen darüber schreiben. Eigentlich zwei oder drei wahrscheinlich. Eine ganze Serie, wie das jetzt  im Bereich des Joung Aldults gang und gebe war und die Kids und die Fans sich darum rißen, denn die Großeltern hatten, weil sie nur ein Kind statt der bekommenen Zwillinge haben wollten, die ihr unbekannte Tante, der Mutter vorgezogen, die nur so weit mitlaufen lassen, daß es in der Schule nicht auffiel und das Jugendamt nicht antanzte und der hatte dann noch, als sie sich von ihren jugendlichen Traumen so weit emanzipiert hatte, daß es ihr gelungen war, von ihrer Haus- und Kindermädchentätigkeit bei den Zawriks auszureißen und sich in Berlin als Verlagssekretätrin zu etablieren, Tante Natalie, die inzwischen Psychoanalytikerin, wohl eine besondere Perfidie des Schicksals, geworden war, ihren Vater weggenommen, ihn statt ihr gehreiratet und der Dodel, so könnte man wohl sagen, hatte gar nicht gemerkt, daß er drei Monate später eine Natalie statt eine Mathilde geheiratet hatte, während, die nach Wien zurückgekehrt war und von ihrer Frauenärztin oder Arzt erfuhr, daß sie Mutter wurde.

Man könnte wahrlich einen Roman darüber schreiben und sie könnte es auch versuchen, war sie doch begabt, hatte  Literaturwissenschaften studiert, war Kuratorin im österreichischen Kulturinstitut in New York und einen Blog führte sie auch, in dem sie  ihre Gedanken und auch Skizzen in die Welt hinauszuschickte.

Und da hatte sie auch vor oder sogar schon damit begonnen, eine unsichtbare Frau zu erfinden, die ob dieses Umstandes keine Grenzen kannte und sich daher  nächtens in die Schlafzimmern von Donald Trump oder Wladimir Putin einfinden konnte, um ihnen die Leviten zu lesen.

Eine köstliche Idee war das und die erste Geschichte, die allerdings, weil jeder klein anfangen muß, statt vom US- Präsidenten nur vom österreichischen Außenminister Sebastian Kurz handelte, war schon geschrieben. Nur hatte ihre Heldin, ihre unsichtbare Frau noch keinen Namen oder vielleicht doch.

Wenn sie ehrlich war, konnte sie nicht leugnen, daß ihr vorhin, als die das Telfonat mit Slavenka Jagoda beendete, gedacht hatte, daß das ein schöner Name für ihre Protagonistin wäre.

Slavenka Jagoda, die Germanistin und Slavistin, die in Kosive in der Ostlowakei geboren wurde, in Bratislava Deutsch studierte und jetzt drei Monate Praktikantin in N.Ywar. Das war doch eine Frau auf Reisen und sie konnte ihre Heldein so oder auch natürlich anders nennen, damit die ihr noch unbekannte Slavenka, sie nicht klagen konnte. Sie konnte sie sich aber als Vorbild nehmen, um ihrer Protagonistin einen realistischen Background zu geben und da konnte sie sie immer noch Jelena Jasenska oder, wie auch immer nennen.

Da konnte sie sich Zeit lassen, sich das in Ruhe zu überlegen, mußte sich nicht treiben und hetzen,  wo sie doch eigentlich zu beschäftigt war, über so etwas Unwichtiges nachzudenken, hatte sie doch andere Sorgen.

Sie mußte sich anziehen und ins Institut fahren. Aber vorher mußte sie noch die Mami anrufen und ihr von dem Brief des verrückten Anwalts erzählen. Sie fragen, ob sie auch einen solchen bekommen hatte und sich erkundigen, ob das mit ihrem Vater und das ihr der von der jetzt verstorbenen Tante weggeschnappt worden war, stimmte?

Mußte fragen, ob sie auf das Begräbnis geben würde?. Sollte eigentlich selber nach Wien fliegen, um den unbekannten Vater kennenzulernen. Aber „Stop, halt, Lily reiß dich zusammen, bleib am Boden der Realität, sei nicht so schnell, dein Vater ist, wenn dich die Tante richtig informiert hat, Leiter des Starverlags in Berlin gewesen und, als solcher vor einiger Zeit in Pension gegangen. Er ist auch in Berlin wohnhaft und von ihrer unbekannten Psychoanalytikerin-Tante, die eigentlich, wenn man es recht betrachtete, eher eine Psychopoathin war und eine  gewissenlose Person, eine Borderlinepersönlichkeit höchstwahrscheinlich, seit siebenundzwanzig Jahren geschieden.“

Höchstwahrscheinlich wußte der, wenn er nicht auch einen Brief vom Anwalt bekommen hatte, gar nichts von der Tante Begräbnis, wußte er doch auch nicht von der Existenz einer Tochter.

Also sollte sie nach der Mami vielleicht ihn anrufen und „Hallo, Papi, ich bins, dein unbekanntes Töchterlein! Hast du nicht Lust mich in N.Y. zu besuchen, da ich leider aus Termingründen, weil ich  einen Blog beretreibe, im Institut kuratiere und auch Slavenka Jagoda in ihr Praktikum einführen muß, nicht nach Wien zum Begräbnis fahren kann, um dich kennenzulernen!“

Shit, halt aus, nichts davon und brav am Boden bleiben. Nur nicht schon wieder übertreiben! Die Mutter hatte ihr früher, als sie noch pubertierend und aufbgehrend  nach ihrem Vater verlangte und mehr von ihm wissen wollte, das ohnehin immer vorgeworfen, daß sie viel zu ungeduldig sei.

Also würde sie sich auch heute bezähmen, sich an den Riemen reißen, ins Schlafzimmer gehen, die Jeans und einen Pulli aus dem Kasten nehmen, die Jacke anziehen. Vorher aber die Mami anrufen und dazu veranlaßen auf das Begräbnis zu gehen, damit sie ihr berichten konnte, ob sie dort ihren Papi getroffen hatte und Slavenka Jagoda würde sich auch noch anrufen und sich mit ihr im Institut um elf verabreden, damit sie sie kennenlernen und herausfinden konnte, ob sie ein gutes Vorbild für die Heldin ihres Blogromans abgab.

2017-06-16

Die Verwechslung

Am nächsten Tag hatte Mathilde Halsschmerzen, sich krank gemeldet und war zum Arzt gegangen, während sich Natalie auf Praxissuche an die ihr angegebenen Adressen machte und auf der Tautenzienstraße zusammenuckte, war sie doch gerade in Begriff in Moritz Lichtenstern, den jungen, an sich bedeutungslosen Lektor hinauzulaufen, in dem sich ihre noch farblosere Schwester anscheinend so verliebt hatte, daß sie ihre gestrigen Anwesenheit so durcheinanderbrachte, daß sie heute  mit Fieber und mit Halsschmerzen aufgewacht war, dachte die Psychoanalytikerin in ihr und lächelte verächtlich.

Dann zuckte sie aber zusammen, hatte er sie doch gesehen und rief  überrascht „Du bist es, Mathilde, ich habe gedacht, du liegst krank im Bett und habe mir schon überlegt dich, wenn ich mit der Arbeit fertig bin, zu besuchen!“ und schmachete sie genauso an, wie er gestern in der Richterschen Weinstube Mathilde angeschmachtet hatte, was der in ihrer Gegenwart unangenehm gewesen war und sie  zum Lachen brachte.

Es machte sie sogar so sehr vergnügt, daß sie versuchte ein kränkliches Gesicht zu machen und eine krächezende Stimme vorzutäuschen und ihn damit genauso schmachtetnd musterte, wie es das Gänschen Mathilde getan hatte.

„Ich habe fürchterliche Halschmerzen und etwas Fieber und bis deshalb beim Arzt gewesen, der mir heiße Wickel, Lutschtabletten und drei Zage Bettruhe verordnet hat! Aber jetzt-„, sagte sie und sah ihm noch ein bißchen tiefer in die Augen,“-jetzt ist es schon viel besser!“ und ließ keinen Zweifel daran, daß es er und seine Anwesenheit war, der diese Gesundwerdung in ihr verursachte. Der Ahnungslose hatte es geglaubt und hörte auch nicht auf, sie weiterhin für ihre Schwester zu halten, was sie, obwohl sie solche Verwechslungen aus ihren Kindertagen gewohnt war, wieder etwas ärgerte.

War sie doch Dr. med Natalie Schmidt, die Psychoanalytikerin und keine verhuschte Hauptschülerin, die sich zur Verlagssekretärin hinaufgearbeitet und ihr ganzes Leben darunter gelitten hatte, im Schatten ihrer Schwester zu stehen. Sie war, das hatte man ihr immer wieder gesagt und sie hatte auch nie die Spur eines Zweifels daran empfunden, die Strahlendere, Gebildetetere, Elegantere, trug auch ein Designerkostüm und hochackige Stöckelschuhe, während die Schwester sicher mit flachen Tretern, Jeans und einem mausgrauen Pullover zum Arzt gegangen war und der angebliche Verliebte merkte es nicht oder merkte er es vielleicht schon und wollte nur die Prächtigere, Schönere, als Freundin haben. Was auch ohne Lehranalyse leicht zu verstehen war, daß niemand ein graues Mäuschen wollte und so war es eigentlich klar, daß er sie verliebt anblinzelte und keinen Unterschied zwischen ihr und ihrer Schwester bemerkte oder diesen gekonnt verdrängte.

„Sind doch die Männer alle blöd oder die Seele ist ein sehr sehr weites Land, mit vielen Tiefen und Unebenheiten!“, we es ihr Lehranalytiker Dr. Gubinger ihr immer gepredigt hatte, dachte sie, versuchte ein heiseres Husten.  In ihren Augen blitzte schon der Schalk.

Sollte er bekommen, was er wollte. Sie würde mitspielen, weil es Spaß machte, der verhärmten Schwester, die sie haßte, sich ihr das aber nicht zu sagen traute, eines auszuwischen. Wenn er so blöd war, sie für Mathilde zu halten, obwohl sie zwar so aussah, aber ganz anderes gekleidet war und einen anderen Backround hatte, würde sie mitspielen und die Schwester war selber schuld, daß sie sie gestern nicht hinausgeworfen hatte und auch noch so blöd war, ihr die Adresse, der Weinstube zu nennen, in der sie sich mit ihrem Liebsten traf. Dann hatte sie das zwar bereut und sich so darüber geärgert, daß sie krank geworden war und nicht in ihren Verlag konnte und das Schicksal spülte ihr ausgerechnet in der Tautenzienstraße, wo sie  auf Nuummer 112 eine eventuelle Praxis besichtigen wollte, ihren Liebsten über den Weg.

„Fein!“, sagte der und drückte sie an sich, wieder ohne zu bemerken, daß es ein ganz anderes Parufm war, daß sie verwendet, beziehungsweise war sie sicher, daß Mathilde überhaupt kein solches in ihrem Bad stehen hatte.

„Sehr fein, dann können wir, da ich für heute fertig bin und nicht mehr in den Verlag brauche, das ein wenig feiern! Dich Gesundfeiern, Liebste, was hältst du davon? Daß ist doch sicher besser, wenn du mich nach Haus begleitetest und dich bei mir auskurierst, als wenn du das allein in deinem Stübchen tust!“

„Sehr gut, ausgezeichnet!“, hatte Natalie gedacht und konnte sich auch später nicht daran erinnern, daß sie Schuldgefühle dabei empfunden hatte. Sie hatte stattdessen wieder nur gedacht „Selber schuld, wenn du so blöd bist und jetzt warte ich darauf, daß du erkennst, daß ich nicht Mathilde bin und mache dabei meine diesbezüglichen Studien der menschlichen Seele, die ich dann Dr. Gubinger schicken kann!“

„Gern!“, antwortete sie schmachtend, versuchte dabei ihre Stimme heister klingen zu lassen, griff sich an den Hals und hüstelte etwas. Vielleicht war wirklich eine Schauspielerin an ihr verloren gegangen und sie hatte nach ihrer Matura auch kurz daran gedacht, sich im Reinhardt-Seminar anzumelden, dann aber doch das Medizinstudium vorgezogen und so würde sie eben in ihrer Freizeit spielen und dabei ihre psychoanalytischen Erfahrungen machen und es war auch nichts dabei. Denn wenn sie mit ihm in seine Wohnung ging, konnte nichts passieren. Da das graue Mäuschen sicherlich in seinem Zimmer lag, Salbeitee inhalierte, Lutschtabletten schluckte und wohl gar nicht auf die Idee kam, ihren Moritz anzurufen. Es wäre nur schwierig geworden, wenn er ihr Mathildes Wohnung vorgeschlagen hätte. Das machte er aber nicht. Er dachte nur an sich, wie die Männer eben waren und so hustete sie noch einmal schaute dabei aber spöttisch und unternehmungslustig vor sich hin und dachte „Nun denn, schauen wir uns an, wohin das führt und wie blöd die Männer sind!“

Mathildes Entscheidung

Als Mathilde nach Hause gekommen war, fühlte sie sich schlecht. Sie konnte sich gar nicht erinnern, wie sie von Dr. Heumüllers Praxis in ihre kleine Wohnung gekommen war, die sie in Wien seit einigen Wochen  bewohnte.

Die Zawriks, das konnte sie nicht leugnen, waren ihr behilflich gewesen und hatten ihr die Wohnung, die zufällig in dem Haus, in dem sie ihr Geschäft hatten, gerade leerstand, vermittelt, als sie überstürzt und verheult aus Berlin zurückgekommen war und bei ihnen, weil sie nicht gewußt hätte, an wen sie sich sonst wenden sollte, zu ihren Eltern wollte sie nicht gehen, alles andere als das und wäre auch nicht sicher gewesen, ob die sie nicht hinausgeschmissen  hätten, geläutet, etwas von einer plötzliches Kündigung gestammelt und gefragt hatte, ob sie ein paar Nächte bei ihnen schlafen könne, bis sie eine Wohnung gefunden habe.

„Natürlich!“, hatte Gisela Zawrik, die irgendwie so etwas, wie eine Ersatzmutter für sie war, zu ihr gesagt, ihr den Koffer aus der Hand genommen, die Türe aufgemacht und sie an sich gedrückt.

„Natürlich kannst du das, Mathilde, jederzeit!“, um sich danach vorsichtig zu erkundigen, ob es im Starverlag nicht geklappt hätte?

„Das hat doch so zuversichtlich geklungen und du bist so gerne hingefahren!“, fügte sie noch verwundert hinzu.

Natürlich und das hatte es auch. Die Arbeit im Verlag war schön gewesen und Dr. Bereder, der Verlagsleister war  über ihre plötzliche Kündigung sehr verwundert gewesen.

„Das kommt so plötzlich, Kindchen und dabei hätte ich gedacht, Sie hätten sich mit Dr. Lichtenstern angefreundet!“, hatte er erstaunt gesagt und sie hatte den Kopf geschüttelt und  ihm mit fast irren Augen und verzweifelter Stimme geantwortet daß Dr. Lichtenstern sich mit ihrer Schwester verlobt hatte.

„Dann kann ich es  verstehen! Das tut mir sehr leid, soll ich vielleicht mit Moritz reden?“, hatte der alte Herr darauf verstört geantwortet und verlegen ihre Hand ergriffen, was sie ihm energisch verbeten hatte.

„Das  nicht, nein, das werde ich schon mit ihm selber abmachen!“

Sie wolle nur schnellstens nach Wien zurückfahren, ob er das verstehe?

Er hatte verstanden und ihr keine Schwierigkeiten gemacht. So hatte sie auch die Wohnung gekündigt, ihren Koffer gepackt, die Rose, die ihr Moritz  am Valentinstag so zuversichtlich und mit verliebten Augen überreicht hatte, hineingepackt, obwohl sie sich schon im Zug deswegen Vorwürfe machte und sich schwor sie in Wien sofort in den nächsten Mistkübel zu werfen. Aus den Augen aus dem Sinn, denn es gab keinen Moritz mehr für sie, seit Natalie vor zwei Tagen so selbstbewußt in ihrer Wohnung aufgetaucht war und ihr mitgeteilt hatte, daß Sie sich mit ihm verlobt habe.

„Ich hoffe, das ist dir recht und stört nicht deine Pläne?“, hatte sie noch scheinheilig hinzugefügt.

„Denn damals in der Weinstube, als ich ihn kennenlernte, hatte ich fast den Eindruck, du wärst iń ihn verliebt!“

Was hätte sie da anders tun sollen, als den Kopf schütteln und bestätigen, daß das natürlich nicht so war. Ob sie der Schwester alles Glück gewünscht hatte, daran konnte sie sich nicht erinnern. Oder nein, das hatte sie nicht getan. Denn das wäre gelogen gewesen und unehrlich und verlogen war sie nie. So hatte sie nur den Kopf geschüttelt, Dr.Bereder und die Wohnung gekündigt. Hatte die ersten Tage bei den Zawriks und später in der eigenen Wohnung übernachtet und sich wieder eine Stelle bei einem Verlag gesucht. Dr. Bereder hatte ihr ein vorzügliches Zeugnis ausgestellt und auf die Frage ihres jetzigenn Verlegsleiters Dr. Zuschitzky  hatte sie geantwortet, daß es Familienverhältnisse waren, die sie veranlaßten Berlin zu verlassen und wieder nach Wien zurückgezukehren, obwohl sie die Eltern nicht aufgesucht hatte und sie auch zu Weihnachten nicht mehr besuchen würde. Das war aus und vorbei. Und kaum, daß sie die neue Stelle in dem neuen Verlag angetreten hatte, war ihr ständig schlecht. Sie mußte sich zusammenreißen, um nicht um und in Ohnmacht zu fallen und sich  ständig übergeben und als ihr Dr. Heumüller, in  deren Praxis sie die argwöhnisch schauenden Kollegen geschickt hatten, vor ein paar Stunden mitteilte, daß sie schwanger sei, hatte sie sie erstaunt angesehen.

„Aber nein, das ist nicht möglich!“

„Haben Sie denn nicht-?“, hatte die Frauenärztin gefragt und sie hatte den Kopf schütteln müßen.

„Doch, das schon und ich bin in Moritz auch verliebt gewesen! Aber jetzt hat er sich mit meiner Schwester verlobt und da kann ich doch nicht-!“

„Aha!“, hatte die Ärztin geantwortet, geseufzt und wohl an ihr volles Wartezimmer gedacht und an die anderen Patientinnen, die jetzt warten mußten, weil sie sich wahrscheinlich mit der jungen Frau jetzt länger unterhalten mußte.

„Dann sollte Sie dem Papa, die freudige Nachricht mitteilen oder werden Sie vielleicht–?“ hatte sie gefragt und nach dem Folder gefriffen, der über die Möglichkeit der  Abtreibung bis zur zwölften Schwangerschaftswoche informierte.

„Nein!“, hatte sie gestammelt und danach, wie sie sich jetzt doch erinnern konnte, die Praxis fluchtartig verlassen, so daß die Ordiantionshilfe erleichtert, die nächste Patientin aufrufen hatte können.

„Das werde ich nicht, da werde ich schon einen Brief an Moritz schreiben!“, dachte sie, als sie Türe geschlossen hatte und Platz vor ihrem kleinen Schreibtisch nahm. Sie hatte sogar in die Lade gegriffen, wo die Kuverts und das Briefpapiert lagen und beides herausgenommen. Dann saß sie vor dem leeren Briefbogen, starrte darauf und schüttelte den Kopf.

Nein, das konnte und würde sie nicht tun! Sie konnte nicht an Moritz schreiben, daß sie ein Kind von ihm erwartete. Konnte ihm nicht mitteilen, daß sie Mutter würde. Konnte ihm höchstens zur Hochzeit gratulieren. Aber auch das würde sie nicht tun, weil sie  nicht so unehrlich und verlogen,wie die Schwester war und nicht wirklich wollte, daß er mit Natalie glücklich war,  sondern das Kind allein zur Welt bringen. Moritz sollte niemals etwas davon erfahren, daß er Vater wurde und den Kontakt zu Natalie und ihren Eltern würde sie jetzt auch abbrechen. Sie hatte lange gebraucht, bis sie begriffen hatte, daß sie das tun sollte. Aber jetzt war das aus und endgültig vorbei.

2017-06-15

Ein verpatzter Valentinstag

Es war Valentinstag, wie unschwer an den roten Nelken, die mit einem kleinen ebenso gefärbigen Valentinsherz umbunden waren,  zu erkennen war, die in den kleinen weißen Vasen auf den Tischen standen und Guiseppe hatte ihr, als er ihr das obligatorisch Gläschen Valpolicella auf den Tisch gestellt hatte, noch  extra ein ein kleines, in rotes Stanniolpapier verpacktes Schokoladeherz dazu gelegt.

„Für Sie Sgnora!“, hatte er gesagt und sie angelächelt, bevor er die Speisekarte vor sie ausgebreitethatte und sich erkundigte, ob sie schon wisse, was sie essen wolle?

„Wir haben ein ausgezeichnetes Bruschetta oder wünschen Sie einen Salata mista!“, fragte er.

Sie überlegte und entschied sich für das in Olivenöl geröstete Weißbrot mit der Tomatengarnitur und Guiseppe, von dem sie nicht sicher war, wie gut er wirklich Italienisch konnte, nickte zufrieden.

„Va bene, Guido, unser Koch wird sich freuen, Sie haben einen ausgerzeichneten Geschmack, Signora, dann komme ich gleich mit der Vorspeise. Bis dahin wünsche ich einen schönen Valentinstag oder besser Abend, denn den Tag haben Sie wahrscheinlich schon gehabt!“, smalltalkte er, klappte die Speisekarte wieder zu und sie nickte, während  sie ihm zusah, wie er die leeren Gläser vom Nebentisch abservierte.

Einen schönen Valentinstag oder Abend, wie lange hatte sie das schon nicht gehabt? Die letzten Jahre waren die ihren eher Routine gewesen und nur am Abend hatte Guiseppe sie in der Pozzeria mit einem solchen Herzchen erfreut, daß sie sich als Nachspeise aufheben und statt eines Dessert nach der Bruschetta verspeisen würde, während sie, wenn sie so nachdachte, nur ein einziges Mal in ihrem Leben einen richtigen Valentinstag erlebt hatte. Damals in Berlin vor mehr als dreißoig Jahren, als sie dort im Starverlag gearbeitet hatte, um von ihrer unerfreulichen Vergangenheit und Familiensituation wegzukommen und dort sehr bald den jungen Lektor Moritz Lichtenstern kennenlernte, in dem sie sich verliebte.

Es war wohl das erste und wahrscheinlich auch das einzige Mal gewesen, daß sie sich verliebte, obwohl sie damals gar nicht mehr jung gewesen war, aber das Leben vorher war, auch wenn sie durchaus Männerbekanntschaften gehabt und mit ihnen auch das eine oder das andere Mal ausgegangen war, eher unerfreulich gewesen, in Wien, wo ihr die ungerechte Bevorzugung Natalies, gegen die sie sich nur  schlecht wehren hatte können, im Nacken gesessen hatte. Hatte sich deshalb wahrscheinlich nicht so recht enthalten und frei fühlen können, wie sie sich erinnerte, als sie ihr Glas hochhob, um einen Schluck Wein zu trinken.

Sie konnte selber nicht so genau sagen, was sie damals daran gehindert hatte, sich frei zu fühlen und sich zu verlieben, wie das normal gewesen wäre und die meisten anderen so taten.

Aber die ersten zwanzig oder dreißig Jahre ihres Lebens waren für sie sehr hart gewesen. Die ersten fünfzehn war sie, wie sie es empfunden hatte, immer im Schatten Natalies gestanden. Dann hatten sie die Eltern nach der Beendigung der Pflichtschule in einem Geschäftshaushalt, als Mädchen für alle gegeben, mit der Begründung, daß sie sich eine weitere Ausbildung nicht eisten konnten und sie jetzt alt genug wäre, auf eigene Beinen zu stehen.

So hatte sie mit Fünzehn, wo sie das doch noch gar nicht war, erwachsen sein müßen und auf die drei kleinen Kinder der berufstätrigen Frau Zawric, die mit ihrem Mann die kleine Elektrofirma führte, aufpassen und den Haushalt schupfen und sich daneben, weil sie Natalie ja nicht den Vorzug lassen hatte wollen, auch noch in einer Handelsakademie angemeldet und es in Fernkursen dort bis zur Matura gebracht.

Das hatte naturgeemäß länger gedauert und so war die bevorzugte Schwester, die das scheinbar nicht verstanden hatte, schon mit ihrem Medizinstudium fertig, als sie endlich die Matura schaffte.

Dann hatte sie den Zawrics gekündigt, was die Eltern eher gleichgültig zur Kenntnis genommen hatten, von denen sie eigentlich sicher war, daß sie sie gar nicht bei der Weihnachtsfeier haben wollten und nur zu höflich waren, um sie direkt hinaufzuschmeißen und „Was willst du hier, wir haben doch nur eine Tochter!“, zu sagen. Sie war wahrscheinlich, wie das die Psychoanalytiker nennen würden, aus verletzten Stolz oder, um es ihnen doch zu beweisen hingegangen und hatte wahrscheinlich auch aus diesem Grund  stolz erzählt, daß sie sich in Berlin für die Stelle einer Verlagssekretärin beworben hatte.

„Wie du meinst!“, hatte der Vater, wie sie sich erinnern konnte, uninteressiert gesagt, was sie wahrscheinlich bewogen hatte, besonders begeistert „Auf jeden Fall!“, zu antworten, so daß sogar Natalie, die gerade von der Lehranalyse erzählte, die sie demnächst beendet würde, intereressiert aufgeblickt und „Berlin soll eine interessante Stadt sein, vielleicht sollte ich da meine Praxis aufmachen!“ hinzufügte und sie hatte, wie sie sich eingestehen mußte, das nicht ernst genommen. Hatte sich im Gegenteil sogar gefreut, damit die bevorzugte Schwester, die breitspurig von ihrer Lehranalyse berichtet und damit alle Bewunderer auf ihrer Seite gehabt hatte, endlich mit etwas beeindrucken zu können. Sie hatte also Natalies Ausruf nicht ernst genommen und bald darauf vergessen. War doch anderes viel wichtiger gewesen. Sie hatte ihre Koffer gepackt, war nach Berrlin gezogen, hatte dorr vom Verlag eine kleine Garconniere vermittelt bekommen,  hatte Moritz kennenglertn und sich in ihm verliebt. Ob sie das den Eltern und Natalie geschrieben hatte, wußte sie gar nicht mehr. An Natalie hatte sie eigentlich nicht geschrieben, den Eltern wahrscheinlich eineKarte in dem Bestreben, daß man das als Tochter so tut. Eine Karte miit ihrer Adresse und ihnen wahrscheinlich auch mitgeteilt, daß sie gut in Berlin angekommen sei und ihr die Arbeit im Verlag gefalle. Von Moritz hatte sie mit Sicherheit nichts geschrieben. Htte sie da doch wahrscheinlich intuitiv  ein Gefühl abgehalten Natalie nicht zu tief in ihre Karten blicken zu lassen, denn bei den wenigen Malen, wo sie mit Natalie auf einem Fest oder einer Veranstaltung, der Hochzeit eines Verwandten, der auch sie eingeladen hatte, , gewesen war, war es schon vorgekommen, daß Natalie sich auf die jungen Männer, die vielleicht auf sie ein Auge geworfen hatten, gestürzt und sie ihr ausgepannthatte und Natalie, die Zwillingsschwester, hatte ihr nicht nur  bloß gesehen, wie ein Ei dem anderen. Sie war im Gegenteil immer viel Akttraktiver, Eleganter, Teuerer, Gepflegter, etcetera gewesen. Sie war die Gymnasiastin und spätere Medizinstudentin, während die mitlaufende zweite Tochter zuerst in der Haptschule und später Mädchen für alles war und das interessierte die jungen Männer natürlich nicht zu sehr, wie mit Natalie über Sigmund Freund zu diskutieren oder ihr vorzuschalgen, daß sie sie analysieren solle.

Kein Wort von Moritz also zu Natalie, da war sie sich sicher. Die Schwester war aber, wie ein Wunder trotzdem gerade am Valentinstag vor dreißig oder wahrscheinlich schon einunddreißig Jahren aufgetaucht. Hatte an ihrer Tür geläutet, sogar bei ihr übernachten wollen, weil sie, wie sie sagte nach Berlin gekommen war, um sich hier nach einer Praxis umzusehen und auf diese Art und Weise hatte sie auch Moritz kennengelernt.

„Voila, Signora, Sie schauen so grimmig drein, ist etwas mit dem Valpolicella nicht in Ordnung?“, wollte jetzt Guiseppe erschrocken von ihr wissen, als er ihr die gerösteten Brotscheibben auf den Tisch stellte.

„Doch, doch!“, antwortete sie rasch.

„Ich habe nur an etwas nicht so Angenehmens gedacht!“

Er nickte und schlug ihr vor, dann doch rasch an etwas Erfreulicheres zu denken.

„Denn an einem Valentinstag soll man doch fröhlich sein und sich freuen oder irren ich mich da und Sie sind anderer Meinung?,“ fragte er in seiner freundlichen Art und sie  antwortete genauso rasch „Doch, natürlich!“ und dachte bei sich, wenn das nur so einfach wäre.

Das war es aber nicht. Denn sie hatte den Valentinstag vor dreißig oder schon einunddreißig Jahren mit Moritz allein, in der kleinen Weinstube, die es zwei Straßen vom Verlagshaus gab, verbringen wollen und war mit ihm auch in einer der kleinen Nische gesessen. Er hatte ihr, daran konnte sie noch genau erinnern, eine langstielige und sicher sehr teue Rose, an die ein ebensorotes goldenes Valentinsherz geheftet war, wie es hier an den Nelken steckte, zum Rendezvous mitgebracht, hatte sie sie ihr überreicht, dabei tief in die Augen geblickt „Für die schönste aller Frauen!“ oder ein ähnliches Kompliment gemurmelt, das sie gerne hörte und auch glaubte und dann war auf einmal Natalie aufgetaucht, die sie in ihrer Wohnung glaubte, hatte sich neben sie gesetzt, sich, als Schwester vorgestellt und alles war aus und anders gewesen.

Denn ab da hatte Natalie das Wort an sich gerissen, hatte von sich und ihrer gerade abgeschlossen Lerhanalyse  und davon erzählt, daß sie sich nun in Berlin bei ihrer Schwester, das hatte sie wirklich so dahingelogen, niederlassen wolle, Moritz tief in die Augen geblickt und sich bei ihm erkundigt, welchen Bezirk er ihr  empfehlen würde und Moritz, das konnte sie nicht leugnen, war über die Unterbrechung gar nicht so sehr erfreut, sondern eher irritiert und gestört gewesen. Er hatte Natalie zwar höflich, wie es seiner Art entsprach geantwortet. Sie war aber gänzlich sicher gewsen, daß Natalie keine Bedrohung für sei und er sich nichts aus ihr mache und ein paar Wochen später war alles aus und anderes gewesen, obwohl es die langstielgige und ínzwischen vertrockente Rose noch gegeben hatte. Sie hatte in einer Vase in ihrerm Zimmer gestanden und sie hatte sie auch mitgenommen, als sie noch einmal ein paar Wochen später, Berlin fluchtartig verlassen hatte.

„Wie schmeckt die Bruschetta, Signora?“, wollte Guiseppe jetzt von ihr wissen, als er gekommen war, um den leeren Teller  abzuservieren. Da hatte sie schon nach dem Schokoladeherzchen gegriffen, es ausgepackt, im Mund zergehn lassen und das rote Staniolpapier auf den Teller gelegt.

„Die Schokolade schmeckt sehr gut!“, sagte sie entschlossen, um sich von dem schweren Thema endgültig abzulenken und Guiseppe nickte, griff in seine Kellnerschürze, um noch ein rotes Herzchen auf den Tisch zu legen und „Für Sie, Signora, damit Sie nicht mehr traurig sind, denn schöne Frauen sollen am Valentinstag Freude haben und nicht weinen!“, hinzufügte, bevor er sich erkundigte, ob sie noch ein Glas Wein wünsche?

Sie nickte, fühgte aber entschlossen hinzu, daß er ihr danach die Rechnung bringen solle. War sie doch nicht  in der richtigen Stimmung länger die rote Nelken und die roten Herzchen anzusehen und Guiseppe, der ja eigentlich Mehmet hieß, von einem schönen Valentinstag schwärmen zu hören.

2017-06-06

Schreibgruppe: Denkmäler

Heute abend wieder Schreibgruppe und mit Ausnahme des Roberts der ja einen Achillessehnenriß hat, sind auch alle gekommen und ich hatte wieder vor eine Szene beziehungsweise eine Challenge-Geschichte zu schreiben, die dann ab Juli ein Roman werden wird.

Da hatte ich ja schon gestern, die mit dem Unvorhersehbaren geschrieben und hatte da noch drei, vier Schreibimpulse, die ich als Thema einbringen wollte.

Da ist mir aber dann die Ruth zuvor gekommen und hat als Thema Denkmäler vorgeschlagen, wahrscheinlich als Referenz auf unsere Erkundungen bezüglich öffentlichen Raum und ich habe gedacht, macht ja nichts, denn ich hatte  ohnehin vor, daß sich die Mathilde mit dem Moritz am Albertinaplatz vor dem Hrdlicka-Denkmal trifft.

Dem Peter Czak schien das Thema gar nicht recht zu sein und er hat sich dann auch als ein Denkmalgegner erwiesen, dabei ist die Doris Kloimstein gerade dabei eines zu errichtet, das im September einer Kindergartenpädagogin gewidmet, in St. Pölten aufgestellt werden wird.

Klaus Khittl hat mit den Wörtern gespielt und mir eine Themenverfehlung vorgeworfen, was ja auch stimmt, denn mir war das Thema  nur Mittel zum Zweck und ich habe auch schon lange beschlossen, die Schreibabende, wenn es gerade passt, meiner Romanentstehung zu widmen und habe auch schon mehrmals geschrieben, daß ich gerade das äußerst kreativ und spannend finde.

Die Ruth hat dagegen überraschend nicht zu unserem öffentlichen Raum sondern über Kriegerdenkmäler geschrieben und nun voila das „Zusammentreffen auf dem Albertinaplatz“.

Einen eigenen Hrdlicka-Denkmal -Text gibt es ja auch schon und denn werde ich, wenn sie stattfindet und wir dorthin gehen, bei unserer Veranstaltung im nächsten Jahr vortragen.

„Das Hrdlicka-Denkmal am Albertinaplatz ist ein sehr berühmtes und auch umstrittenes Monument, des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka, der damit dem dritten Reich und der da stattgefundenen Judenverfolgung etwas dagegen setzten wollte.

„Ein sehr berühmtes Denkmal!“, dachte Mathilde und erinnerte sich an den Widerstand, der zu Zeiten seiner Errichtung durch die Kronenzeitung ausgerufen wurde. Damals war sie eine alleinerziehende Mutter der halbwüchsigen pubertierenden Lily gewesen. Heute war die Tochter längst erwachsen und Kuratorin am österreichischen Kulturinstitut in New York.

Alfred Hrdlicka gestorben und der Stein des Anstoßes, der den Boden aufreibende Jude, der von den Touristen oft nicht als solcher erkannt wurde, so daß sie sich daraufsetzten und die Ruhe des Ortes störten, war inzwischen mit Stacheldraht umhüllt worden, so daß niemand die weihevolle  Stimmung des Gedenkens untergraben konnte.

Es gab, wie Mathilde sah, als sie den Platz betrat, vor dem sich schon ein paar Japaner mit  ihren Handies und Kameras aufgestellt hatten, um die drei Stelen der Erinnerung für das Fotoalbum oder die Facebookseite festzuhalten, auch sonst keine Sitzgelegenheit auf dem großen Platz.

Keine Bank zum Ausruhen und Verweilen, so daß es vielleicht gar keine so gute Idee gewesen war, sich mit Moritz hier zu treffen.

Aber dieser hatte, als er sie am Morgen angerufen hatte, ihr vorgeschlagen, sich mit ihm um zwei hier zu treffen, um alles Weitere zu besprechen. Und sie war zu baff oder auch zu einfallslos gewesen, einen anderen Ort vorzuschlagen. Hatte sie doch ganz ehrlich nicht einmal gewußt, ob sie ihm treffen und was ihm als Antwort geben sollte.

„Laß uns abhauen und irgendwo neu anfangen, Mathilde!“, hatte er bei Natalies Begräbnis zu ihr gesagt und ihr sein Handy mit dem Schnappschuß von seinem Reisebus hingehalten und sie war zu baff gewesen, irgendwas darauf zu antworten.

Er hatte ihr die Ratlosigkeit von der Nasenspitze abgesehen, ihr beruhigend zugelächelt und sanft ihre Hand gedrückt.

„Keine Sorge, Mathilde, du kannst dir Zeit lassen und dir alles in Ruhe überlegen. Ich wollte dich nicht überfallen!“, hatte er zu ihr gesagt und hinzugefügt, daß er jetzt erst einmal nach Berlin zurückfahren und seine Koffer packen werde.

Das war vor sechs Wochen gewesen.Sechs Wochen in denen sie Zeit hatte, nachzudenken und heute um halb neun, hatte er sie angerufen und sie, um sich ihre Antwort anzuhören, hierher auf den großen Platz, zu dem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, bestellt.

Wollte ihre Antwort hören, die sie noch immer nicht wußte, obwohl sie in den letzten Wochen Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken und sie auch Lily angerufen hatte, um sich mit ihr darüber zu unterhalten. Aber die hatte ihr auch keinen Rat geben können. Hatte sie stattdessen nach ihrem Vater gefragt, denn Natalie mußte in ihrer Todesstunde, die Reue überkommen haben. Jedenfalls hatte sie durch einen Notar einen Brief an Lily geschickt, in dem sie ihr mitteilte, daß Moritz ihr Vater war.

„Einen schönen Nachmittag, Mathilde!“, hörte sie jetzt hinter sich seine dunkle Stimme, sah ihn auftauchen, sich vor sie stellen und ihr eine kleine rose und eine kitschige kleine Souvenierschachtel in der sich sicher Sisy-Taler oder Mozart-Kugeln befanden, hinzuhalten.

„Schön, daß du gekommen bist! Du bist sehr pünktlich! Hast du lange auf mich gewartet?“, fragte er und ließ ihren Blick über das „Tor der Hölle“ und den Stacheldraht umwickeltenStraßenwaschenden Juden  schweifen. Dann schien auch er zu realisieren, daß es auf den berühmten Platz keine Sitzgelegenheit zu geben schien, den er drehte sich noch einmal um und deutete auf den Schanigarten, den es vor dem Augustinerkeller gab hin, berührte ihr Hand und sagte leise „Komm, laß uns dort Platz nehmen, Mathilde! Ich lade dich gerne auf einen Kaffee oder ein Glas Rotwein ein!“

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