Literaturgefluester

2009-06-27

3. Bachmann-Lesetag

Filed under: Uncategorized — jancak @ 17:01

Inzwischen bin ich mit Alfred nach Harland gefahren, um das Wochenende auf dem Lande zu verbringen.
Deshalb habe ich die Gregor Sandor-Lesung versäumt, da Alfred nach einer Abschiedsfeier eines Kollegen erst sehr früh am Morgen nach Hause kam und auch einen Teil der Satanik-Lesung, weil ich bei den Schwiegereltern Mittagessen war.
Habe aber alles nachgeholt und in der kurzen Mittagspause gab es einen Bericht über zwanzig Jahre Fall der Mauer, bzw. Was ist DDR-Literatur? – Was mich dazu veranlaßte, mir das Tellkamp-Portrait und einen Teil der Lesung aus dem Jahr 2004 noch einmal anzusehen. Es gab auch eine Einschätzung von Lektoren und Verlegern zu der Qualität der Texte, die der Meinung waren, das Niveau war diesmal sehr gering.
Da bin ich anderer Meinung, wahrscheinlich liegt es an meinem Literaturbegriff, der naturgemäß ein realistischer ist.
Ich bleibe dabei, der gestrige Lesetag mit den sehr vielen realistischen Texten war für mich der beste und die Texte haben mir gefallen, auch wenn natürlich nicht Herr Goethe oder Frau Bachmann am Lesepult saßen und Faust und Malina schon geschrieben sind!
Aber der kritische Ex-Juror hat ja auch etwas sehr Interessantes gesagt, da war einmal Jurek Becker und ist ohne Preis nach Hause gefahren und bei Josef Winkler habe ich das 1996 auch so erlebt.
Aber zurück zum letzten Lesetag, da gabs ja noch zwei Österreicherinnen, nämlich Andrea Winkler, die so etwas wie ein Jungstar ist, eine schöne junge Frau mit einer wunderbaren Sprache und sehr poetischen vielen Bildern. Ich habe mich aber, wie, ich glaube, es war Herr Mangold, gefragt, um was geht es da eigentlich?
Die Ich-Erzählerin liegt auf einer Wiese, hört Stimmen und läßt sich mit sehr wenig Handlung Bilderstereotype durch den Kopf treiben, spricht vom kleinsten Bahnhof der Welt und immer wieder von ihrer ausgesprochen wirklichen Hand. Irgendwie geht es auch um eine Trennung, aber sonst erfährt man nichts von dieser Welt, als diese zugegeben schönen Bilder in einer für meine Begriffe etwas antiquierten Sprache. Narzistische Allmachtsphantasien eines Schriftstellers hat es einer der Juroren genannt.
Das war dann bei Caterina Sataniks Debuttext „Leben ist anders“ etwas differenzierter, denn die ist auch Psychotherapeutin und Religionslehrerin und deren Heldin bewältigt die Trennung von ihrem Mann namens Wolf mit, wie es genannt wurde „gespielter Naivität“ und der Inanspruchnahme von Ratgeberliteratur.
Da wurden dann die Austriazismen angeprangert und Karin Fleischanderl meinte, daß Alltagssprache in einem literarischen Text künstlich sein muß, sonst hat sie keinen Bestand.
Das bitte, verstehe ich nicht und denke, die Sackerln und die Leiberln müßten in Klagenfurt schon standhalten, der Berliner Jargon tut es ja auch und da sind wir wieder bei dem Punkt, daß es Österreicher in Klagenfurt immer etwas schwer haben.
Dann gab es, wie erwähnt, noch Gregor Sander aus Berlin mit einer DDR-Geschichte, die am Meer und unter Fischen und Fischern spielt und Katharina Borns „Fifty fifty“ eine Abrechnung mit 1968, wie ich hörte oder auch eine Dreiecksgeschichte.
Eine Frau zwischen zwei Männern, einer ist ein berühmter Schriftsteller und die neunzehnjährige Tochter übersetzt seine Texte und kommt drei Jahre später mit einem zerrissenen Blusenkragen ohne Geld, aber schwanger zu den Eltern zurück.
„Wo ist die Gewalt?“, fragten die Juroren und empfahlen Katharina Born einen Lektor, der ihr die beiden Hunde hinausstreichen soll, die innerhalb von vier Seiten vorkommen.
Das waren die heurigen Lesetage. Ab fünfzehn Uhr kann man abstimmen, ich werde für Linda Stift votieren, die ja leider heuer diejenige war, die Pech hatte, obwohl mir ihr Text sehr gut gefallen hat, und dann Radfahren gehen.
In Klagenfurt gibt es um 16 Uhr ein Fußballmatch der Autoren. Aber diese Seite des berühmtesten Betriebsausflugs der Literatur geht mir ab, weil ich das Ganze ja nur virtuell erlebe. Wenn ich aber so in den Zeitungen lese, denke ich, daß ich vielleicht mehr, als die, die dort sind, mitbekommen habe.
In den Wörtersee kann ich natürlich nicht baden gehen, nur an der Traisen radfahren, vielleicht bis nach Herzogenburg, denn mir raucht der Kopf von soviel Intensiv-Literatur. Alfred hat zum Grillen eingekauft, so daß es noch gemütlich werden kann.
Morgen um elf gibt es die Preisverleihung und den neuen Preisträger, der, wie ich schätzen würde, Jens Petersen oder Ralf Bönt heißen wird.

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2 Kommentare »

  1. Eva in die Jury!!!
    Ich würd mir das als Autor ja sehr überlegen, ob ich dort lesen wollte, um einer selbstgefälligen Jury als Themengeber für selbstdarstellerische Diskussionen zur Verfügung zu stehen.

    Kommentar von Otto — 2009-06-28 @ 11:50 | Antwort

  2. Ja, das würde ich schon sehr gern, da das dort Lesen für mich nicht mehr in Frage kommt und das würde ich psychisch wahrscheinlich auch nicht aushalten. Da nehm ich vorher Valium habe ich vor ca fünzehn Jahren zu einer befreundeten Ärztin gesagt, weil ich ja sicherlich noch mehr kritisiert würde, als Linda Stift, da ich ja nicht so eine schöne Sprache habe. Aber ich nehme keine Psychopharmaka, so geht es also nicht und daß ich gerne in der Jury wäre, habe ich schon 1996 gedacht, als ich mir die Show live gegeben habe.
    Mich lädt aber sicher keiner ein und ich wäre auch ein Kontrast, was meinen Preisvergabe-Kommentar schon vorweg nimmt und die, die mich kennen, auch wissen.
    Denn ich würde nicht kritisieren, weil mir ja sehr viel gefällt, ich offen für vieles bin und wahrscheinlich beruflich bedingt, geduldig zuhöre und vor allem weiß, wie sehr Kritik verletzen kann!
    „Das ist aber jetzt literarisch nicht gelungen!“, würde ich sicher nicht sagen und auch nicht, daß eine Alltagssprache künstlich stilisiert sein muß, wenn man sie in Klagenfurt vortragen will!
    Aber ich habe natürlich auch meinen Geschmack und zum Beispiel Schwierigkeiten mit der l`art pour l`art oder der experimentellen Literatur, also dem, wie ich nicht schreibe.
    Da würde ich dann sagen „Das sind wunderschöne Bilder, aber um was geht es eigentlich, nur auf der Wiese liegen ist vielleicht zu wenig?“
    So würde ich als Kritikerin sicherlich zu lau, zu gefällig, zu psychotherapeutisch sein und daher ist es „gut“, daß ich nicht eingeladen werde und meinen Senf weiterhin im Literaturgefluester verspritzen kann, ohne Valium nehmen zu müssen.
    Aber lieber Otto, schreib mir noch schnell, wie du gestimmt hättest und was du von den Preisträgern hältst?

    Kommentar von Eva Jancak — 2009-06-28 @ 12:32 | Antwort


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