Literaturgefluester

2009-12-30

Bitterfotze

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:03

Bitterfotze, der 2007 in Schweden und 2009 auf Deutsch erschienene Bestseller, der 1974 geborenen Maria Sveland ist ein interessantes Buch oder auch nicht, denn das Buch habe ich ja nicht, sondern in den letzten Tagen von der Hörbuchstimme Tanja Fornaro vorgelesen bekommen, was für mich auch eine interessante Erfahrung ist.
Die Dreißigjährige ausgebrannte bitterfotzige Sara, Mutter des zweijährigen Sigge, setzt sich an einem Jännermorgen in ein Flugzeug, um für eine Woche nach Teneriffa zu fliegen und sich dort von ihrem Ehealltag und vom Muttersein ihres geliebten Kindes zu erholen. Im Gepäck hat sie Erica Jongs „Angst vorm Fliegen“, den in den Siebzigerjahren geschriebenen Bestsellerroman, einer berühmten Feministin und sinniert vor sich hin.
Eine Woche, beziehungsweise sechs CDs lang über ihr ganzes in den Siebzigerjahren in Schweden begonnenes Leben, tut sie das. Der Roman ist flott erzählt, beziehungsweise geschrieben, manchmal klingt er lehrbuchhaft und dozierend. Manchmal wirkt Sara selbstbewußt, dann wieder unsicher und so dumm, daß man sich wundern könnte, daß das eine in den Siebzigerjahren in einem so fortschrittlichem Land Geborene erzählt.
Sara ist jedenfalls ausgebrannt und erschöpft vom Muttersein, nimmt deshalb Auszeit und alle wundern sich, daß sie das tut.
Das Flugangstmädchen, das neben ihr im Flugzeug sitzt und wahrscheinlich auch die Rentner und die Pärchen in dem Hotel, in dem sie wohnt und eine Woche lang, die Leute um sie herum scharf beobachtet. Der Gatte Johan wundert sich am wenigstens darüber und ihr Therapeut hat sie in diesen Urlaub geschickt und so geht er dahin, Saras Monolog durch ihr dreißigjähriges Leben. Durch die unglückliche Ehe ihrer Eltern, die Mutter stand immer mit den Rücken zu den Kindern vor der Abwasch oder packte diese auf das alte rote Fahrrad, um sie in die Kindertagesstätte zu transportieren. Der Vater trank und brüllte und war, obwohl ihn Sara haßte, eigentlich da, als sie mit vierzehn, die erste Nacht bei einem Einundzwanzigjährigen verbrachte, um sie von dort abzuholen und er kam auch in den Park, als Sara sich verfolgt fühlte, trotzdem litt Sara unter dem Streit der Eltern und freute sich, als sie sich endlich, als sie schon achtzehn war, zur Scheidung entschlossen.
Sara war ein starkes Mädchen, hatte frühzeitig Sex und wurde von den Gleichaltrigen als Hure beschimpft, weil sie zu knutschen anfing und sich nicht verführen ließ.
Sie hat auch den besten Johan verführt und in einem gelben Regenmantel geheiratet und wollte ihren über alles geliebten Sigge. Dann war sie aber doch sehr allein, weil der Geliebte gerade dann seine Inszenierungen irgendwo außerhalb machen mußte, als Sigge geboren wurde, einen Kaiserschnitt gab es auch und das Stillen klappte nicht, was die Stilltanten im Spital nicht verstanden und so sitzt Sara zwei Jahre später in dem Hotel in Teneriffa, hat Schuldgefühle, was sie für eine schlechte Mutter ist und sinniert über die schlechten Lehrer, die den Mädchen einredeten, unfähig für Mathematik und Physik zu sein, bzw., daß in den Schulbüchern deshalb keine weiblichen Dichterinnen stehen, weil es die nicht gibt, bzw. unwichtig sind.
Sara macht ihr Abitur, geht nach Stockholm zum Studieren und arbeitet als Reporterin, wo sie die jahrhundertlange Unterdrückung der Frau am eigenen Leib erfährt. Dann gibt es noch einige Bücher, die sie in ihre Woche Auszeit begleiten, eines ist von Susanne Brogger „Und erlöse uns von der Liebe“, bzw. „Verzweiflung über Kleinfamilie“.
In Teneriffa geht Sara spazieren, macht ihre Beobachtungen als Single im Pensionistenhotel und eine sehr starke Erfahrung mit der Fitnesstrainerin, bevor sie entdeckt, daß sie vielleicht schwanger ist und mit ihrem fast ausgelesenen Buch, an der Seite des Flugangstmädchens wieder nach Stockholm, zu Johan und ihrem Sigge fliegt. Ein paar starke Sprüche bzw. dozierende Erkenntnisse über den Sinn des Lebens bzw. Unterschied zwischen Mann und Frau begleiten sie dabei.
Es ist ein interessantes Buch über die Erkenntnis, daß die Emanzipation der Frau im emanzipierten Schweden, bei den jetzt Dreißigjährigen doch nicht so gelungen ist, wie man vielleicht glaubte, weil ich mir beim Hören, öfter dachte, das weiß man doch alles schon und mich auch wunderte, daß die starke Sara in dieselben Fallen tappte und ihrem Johan nicht widerspricht und auch sehr interessant, daß am Buch und CD-Cover eine glückliche Mutter mit Kind aus den Fünzigerjahren abgebildet ist und noch viel mehr, daß ich das Hörbuch von meiner 1984 geborenen Tochter geschenkt bekommen habe, die das Buch offenbar von einer ihrer Freundinnen bekam. Und in den Siebzigerjahren, ein paar Jahre später, als Maria Sveland geboren wurde, wurde ich im Bund demokratischer Frauen feminisiert und habe das mit skandinavischen Büchern wie „Wie vergewaltige ich einen Mann“ von Märta Tikkanen oder Gerd Brantenberg „Die Töchter Egalias“ getan.
Sind die jetzt Dreißigjährigen also fortschrittlich oder rückschrittlich? Wahrscheinlich beides, wie das berühmte Glas Wasser, denn offenbar hat das Buch, wie eine Welle eingeschlagen und Diskussionen ausgelöst, die ich schon für überwunden glaubte, andererseits herscht in ihm eindeutig ein sehr lockerer Ton, was sich für mich darin ausdrückt, daß sich alle mit „du“ anreden. Die Stewardess die Fluggäste, die Stilltanten die Mütter, usw.
Das ist im Schwedischen vielleicht so, aber auch in der deutschen Übersetzung und irgendwo habe ich gelesen, daß es ein Buch über den Feminismus der Siebzigerjahre ist.
Interessant, wie das die jungen Frauen empfinden und die, die ihre Kinder freiwillig mit Kaiserschnitt auf die Welt bringen und für mich als 1953 Geborene, interessant zu hören, was eine einundzwanzig Jahre jüngere Frau, von den Siebzigerjahren denkt und wie sie ihre Sozilisation erlebte.
Interessant auch, den Roman von der eigenen Tochter geschenkt bekommen zu haben und auch die Hörbucherfahrung, die für mich etwas eher Unpraktisches ist. Denn ein Buch ist ein Buch, ist ein Buch…
Man kann es die Badewanne mitnehmen, es an- und unterstreichen, was ich, seit dem ich über alle Bücher, die ich lese, schreibe, ja sehr viel tue.
Am Schluß der Hinweis, was mich am Scheitern der Frauenrevolution von 1970 am meisten traurig macht, nämlich, daß der von Elfriede Haslehner und anderen gegründeten Wiener Frauenverlag zuerst zu einer Milena wurde und nun überhaupt keiner mehr ist. Dann, daß soviele Frauen mehr oder weniger freiwillig einen Kaiserschnitt über sich ergehen lassen, während ich 1984 eine relativ schöne Hausgeburt hatte und den tollen Mann, der die Rechtschreibfehler verbessert, mich in der EDV berät, die Fotos ins Literaturgeflüster stellt, sehr gut und viel kocht, was nicht nicht nur Cornelia Travnicek verwundert hat, habe ich auch!

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