Literaturgefluester

2010-02-16

Andrea Winkler Lesung

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:02

Heute eine Sprachakrobatin in der alten Schmiede. Andrea Winklers Lesung aus „Drei, vier Töne, nicht mehr“.
Kurt Neumann hat wieder eingeleitet. Vorher hat er auf den Zsolnay Lektor Herbert Ohrlinger gewartet, mit dem war ich einmal in einer Jury für das Nachwuchsstipendium, 1992, da hat sich Andrea Winkler nicht beworben und ich ihren Namen noch nicht gekannt. Es war sehr voll im Schmiedemuseum. Gerade noch den letzten Platz bekommen, vor mir ist Friedrich Achleitner gesessen und hat auf eine Frau gewartet.
„Drei, vier Töne, nicht mehr“, ist der dritte Prosaband, der 1972 in Freistadt geborenen Autorin.
„Arme Närrchen“ und „Hanna und ich“, erschienen vorher, dann gibts noch ein Buch über die „Poetologischen Denkwege zu Friederike Mayröcker“.
Andrea Winkler ist eine, hat Kurt Neumann erklärt, die die Sprache nicht als Transportmittel für beliebige Botschaften benützt, sondern als Substanz dessen, was sich Menschen mitteilen können. Sprache als Welt, Welt als Sprache. Etwas, was ich schon wußte, habe ich mir im Vorjahr ja die Bachmannlesungen angehört und in meiner Parodie darauf, ein bißchen die Winklerische Sprache benützt. Es ist mir natürlich nicht gelungen, aber ich wußte, was mich erwartet und Christiane Zintzen war in ihren Blog auch ganz sicher, daß kein Juror an der Dame Winkler vorbeigehen kann. Wie wir inzwischen wissen, konnte man, aber das mit der Sprachkünstlerin stimmt, obwohl ich keine Freundin der bloßen Worträusche bin.
„Drei, vier Töne, nicht mehr,- elf Rufe“, hat Andrea Winkler dazugelesen und erklärt, daß sie aus der Textsammlung den ersten und den letzten Text lesen wird. Dann ist es losgegangen, das Erzählen, in dem das Erzähler-Ich von einem „Palais mit einer Freitreppe und Rosenstöcken an beiden Seiten spricht“, einen Dialog mit einem Du führt und immer „Bretter aus einen Kasten nehmen will, um daraus ein Floß zu bauen und auf Reisen zu gehen“ und „Das bin ich nicht, das ist mein Zorn, das ist meine Angst!“, ist auch immer wieder vorgekommen. Immer wieder diese Sätze eingebettet in viele andere, sehr melodisch und sehr schön, ohne Sinn und Handlung, ohne Geschichte und Weltgeschehen, wie ich schon von Klagenfurt wußte und es auch nicht erwartete, obwohl es einer realistischen Schreiberin natürlich fehlen muß. Igendwo verwandelte sich der Dialog zu einem Monolog, das Floß, die Bretter und das Palais blieben da und ich dachte, das ist jetzt ein langer Text oder ist es schon der zweite?, als Andrea Winkler mit „Ein Buch das langsam verklingt“ zum Ende kam.
Dann folgte ein Gespräch über das gewaltigen Sprachmonument, das Katja Gasser mit der Frage einleitete „Was heißt hier erzählen?“ und klagte, daß sie in einer Umgebung lebt, die die großen geschlossenen Texte, handfeste Prosa und gewaltige Jahrhundertromane fordert, aber das gibt es hier nicht. Aber gibt es einen Erzählanlaß?
„Doch!“, antwortete Andrea Winkler und lächelte fein.
„Den Satz, sehen Sie dahinten ein Palais?, hat mir ein Freund erzählt!“, sprach von einem Ich, das sich nicht festhalten lassen will und beantwortete die Frage, was und wieviel Wirklichkeit, die Kritiker in ihre Prosa hineininterpretieren und, wie sie mit dem Vorwurf umgehen würde, daß es keine handfeste Prosa ist?, daß sie es nicht nicht anders kann und Kurt Neumann beeilte sich zu erklären, daß Andrea Winklers politische Botschaft, das Bewußtsein der Spracheingebung ist und ich dachte, daß man beides versuchen sollte, die Handlung und die schöne Sprache, was vielleicht nicht so einfach ist, sonst wäre es schon geschrieben….
Der Wartholzer Siegertext von 2008 trägt übrigens diesen Titel, woran man sehr gut sehen kann, wie literarisches Arbeiten passiert. Eine Geschichte der späteren Textsammlung in Wartholz vorgetragen und gewonnen, eine andere 2009 in Klagenfurt und damit übergeblieben.
„Es hat mir sehr gefallen, obwohl es nicht das Meine ist!“, hat Thomas Northoff im Zeitschriftensaal erklärt und ich schließe mich ihm an. Natürlich ist es schön in der Sprache gebadet zu werden und sich mit wortgewaltigen Sätzen bewerfen zu lassen, auch wenn ich anders schreibe, das zwar realistischer, aber nicht so sprachgewaltig ist. Es ist schon ein Dilemma mit der Literatur, daß die Gewalt in der Winklerischen Prosa aber fehlt, ist positiv und bezüglich der Plagiatsdebatte ist noch etwas geschehen.
Es wurde in der letzten Woche ein zweiter Plagiatsskandal entdeckt und das ist wohl ein wirklicher und zwar hat Piper am 10. 2. den Krimi „Döner for one“ von Jens Lindner vom Markt genommen. Im Dezember ist das Buch erschienen, am 27. 12. hat es ein Blogger besprochen und dabei entdeckt, daß es mit anderen Personen „Einmal ist keinmal“ von Janet Evanovich nacherzählt. Er hats den Verlagen gemeldet und auf Jens Lindners Homepage gibt es eine Stellungnahme, die mich an den „Wilden Rosenwuchs“ erinnert, obwohl das kein Plagiat ist, denn das Buch wurde 2006 geschrieben und Jens Lindner kennt es sicher nicht.
Hat aber, wie er schreibt, seine Texte immer wieder zurückbekommen, dann eine Leseprobe mit dem Evanovich Plot an eine Agentin geschickt, die wollte das ganze Manuskript, er hatte keines und auch keine Zeit es zu schreiben, so hat er den Roman als Grundlage genommen und Piper hat gleich angebissen….
Bei mir war es eine schwedische Erfolgsautorin mit einer Schreibblockade, die in einem Verlagsregal, das abgelehnte Manuskript einer verstorbenen Maria Schneider entdeckt und es mitnimmt, um die Ideen der Autorin aufzugreifen, aber keine Zeit hat, so daß sie es nur auf Schwedisch übersetzt…

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1 Kommentar »

  1. […] die (junge) österreichische Literatur interessiere. (Hier gibt es einen interessanten Einblick: Eva Jancak vom Literaturgeflüster | Rezension bei […]

    Pingback von [In my Mailbox] #2 « Im Labyrinth der Buchstaben – Mein Leben als Leserin — 2010-08-29 @ 05:37 | Antwort


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