Literaturgefluester

2010-04-04

Crazy

Filed under: Uncategorized — jancak @ 20:39

„Axolotl Roadkill“ ist mehrmals mit Benjamin Leberts „Crazy“, verglichen worden, denn da hat ein Sechzehnjähriger vor elf Jahren auch ein aufregendes Debut hingelegt, bzw. ist ihm mit einem autobiografischen Roman, wo der Ich-Erzähler auch noch Benjamin Lebert heißt, die literarische Sensation gelungen.
1999 wurde auch der Amadeus, damals noch zu Libro gehörend, auf der Mariahilferstraße eröffnet und da gab es ein Magazin, wo über die literarischen Wunderkinder der Saison berichtet wurde.
Rosemarie Poikarov war mit ihrem „Eine CD lang“ auch dabei. Auf diese Weise hat sich mir der Name Benjamin Lebert eingeprägt und bei diesem Stattersdorfer Flohmark vor eineinhalb Jahren habe ich mir „Crazy“, gekauft und zunächst vergessen. Die Diskussion, ob es Helene Hegemann, wie Benjamin Lebert gehen wird, ließ es mich hervorholen.
Der 1982 geborene hat inzwischen noch drei andere Romane geschrieben, war 2009 auf der Leipziger Buchmesse, an der New York University kreative Schreibkurse gegeben und das Lübecker Literaturtreffen gegründet und „Crazy“, sieht aus, hab ich mir gestern gedacht, als ich es zum Lesen herausholte, wie ein Jugendbuch und ist wahrscheinlich nicht so sehr mit „Axolotl Roadkill“ zu vergleichen oder doch, behandelt es ja die autobiografischen Adoleszenzprobleme eines Jugendlichen, aber schon elf Jahre alt und Drogen kommen darin nicht wirklich vor, Sex und Alkohol schon.
Benjamin Lebert erzählt also mit großen Witz, Wärme und Selbstironie von der Schwierigkeit des Erwachsenwerdens und von einem halbseitiggelähmten Spastiker, der schlecht in Mathematik ist und von seinen Eltern nach Schloß Neuseelen in ein Internat gesteckt wird, damit er endlich die achte Klasse und das Abitur schafft und der sich, obwohl er Sehnsucht nach seiner Mutter hat, vor die Klasse stellt und sich mit „Hallo Leute, ich bin ein Krüppel!“, vorstellt.“
Er bekommt ein Zimmer mit Janosch Schwarze, dem er die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt und von diesem die Antwort bekommt, daß es eben „crazy ist“ und freundet sich mit den anderen Gescheiterten, Abgeschobenen, wie dem fetten Felix, Florian, den alle Mädchen nennen, den bettnässenden mutistischen Troy und den dünnen Felix an.
Gemeinsam bestehen die sechs, während der Mathematiklehrer Bejamin schikaniert, ein Schuljahr lang die tollsten Abenteuer, während sie über den Sinn des Lebens philosophieren und Gespräche über Gott führen.
So wird zum Beispiel lang und breit Benjamins zweite Nacht in diesem Internat beschrieben, wo die sechs mit ihren Ängsten und Zweifeln über die Feuerleiter, Bierdosen in den Pyjamas versteckt, in den Mädchenstock klettern und Benjamin von der betrunkenen Marie entjungfert wird. Das zweite große Abenteuer ist die „Flucht“ aus dem Internat und die Fahrt nach München, wo sie ein Striplokal besuchen und Benjamin zum Helden wird, weil er der Striperin einen Zehnmarkschein in den Slip steckt. Im Bus nach Rosenheim werden sie von einem alten Mann und Ex- Internatsschüler in die Fittiche genommen und von diesem mit dem Striplokalbesitzer, der auch Lebert heißt, am nächsten Morgen zurückgebracht.
Sie lesen auf der Fahrt Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ und kaufen sich billige Zigarren, weil richtige Männer das tun. Außerdem gibt es noch die Alltagsprobleme, Benjamins Eltern trennen sich, die Schwester ist lesbisch und am Ende des Schuljahres erhalten die Eltern vom Direktor einen Brief, daß sie ihren Sohn abholen sollen, weil er leider unfähig ist und zu oft am Mädchengang gesehen wurde. Benjamin verläßt also die Freunde seines Lebens, mit denen er Blutsbrüderschaft geschworen hat, um in Zukunft bei seinem Vater zu wohnen und eine Sonderschule zu besuchen, die keine großen mathematischen Ansprüche stellt und die Aussicht das weitere Leben im Rollstuhl zu verbringen, eröffnet ihm die Krankengymnastin auch…
Es ist ein witzig geschriebenes Buch, so nimmt der dicke Felix, auf der „Flucht“ nach München einen ganzen Rucksack voller Süßigkeiten mit und läßt sich in dem Striplokal einen Schweinsbraten servieren, ein wenig unrealistisch, denn 1999 mußten sicher keine Sechszehnjährigen nach München „flüchten“, wenn sie das Leben leben wollten und verglichen mit „Axolotl Roadkill“ wahrscheinlich „harmlos“, obwohl es auch viel Verzweiflung erzählt. Benjamin beispielsweise von Janosch wissen will, was eine Behinderung ist und wie es ist, die linke Seite zu spüren?
„Auch nicht viel anders als die rechte“, antwortet der, „denn das Leben ist crazy!“
Bei der Hegemann Debatte habe ich gehört, daß der Ruhm Benjamin Leberts inzwischen verschwunden ist oder sich das Feuilleton nicht mehr für ihn interessiert und es stimmt auch sicher, daß andere Sechzehnjährige Ähnliches erleben und wenn sie es aufschreiben, nicht damit gehört werden, weil sie keine so berühmten Väter oder Großväter haben und viele schreiben es nicht auf, weil sie es nicht können und manche Sechzehnjährige werden sich in dem Buch auch wiederfinden.
Ich habe es interessant gefunden, ob es mit dem von Helene Hegemann zu vergleichen ist, weiß ich nicht.

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