Literaturgefluester

2010-04-18

Christine

Filed under: Uncategorized — jancak @ 11:03

„Christine – Die Geschichte eines mongoloiden Mädchens“, von Anna Gollner, 1981 bei Jungbrunnen erschienen, zeigt sehr anschaulich, wie sich die Zeiten ändern und was alles in dreißig Jahren passieren kann. So heißt, das ja nicht mehr Mongolismus, was im Nachwort von Univ.- Prof. Andreas Rett beschrieben wurde und auch sonst scheint einiges, was die Kärntner Bäuerin, Anna Gollner beschreibt, unvorstellbar und ich hoffe, daß es so nicht mehr passiert.
Es beginnt im Jahre 1962 an einem strahlend heißen Sommertag. Anna Gollner ist einundvierzig Jahre alt, Großmutter und zum sechsten Mal schwanger. Sie fühlt sich schwach und schlecht, der Arzt kann nicht helfen, die Kinder aber freuen sich und so wird am 11. November Christine mit Schlitzaugen, ganz kurzen Fingerchen und fast keinen Hals geboren. Die Mutter ist ahnungslos, der Chefarzt fragt bei der Visite „Sagen Sie, Sie altes Mutterl, haben alle Ihre Kinder bei der Geburt solche Schlitzaugen gehabt?“ und antwortet auf ihre Verneinung „Ja, dann, liebes Mutterl, wirst auch mit dem Wutzerl mit viel Geduld Liebe und Freude erleben!“
Anna Gollner bleibt trotz ihrer anderen Kinder ahnungslos, als die kleine Christine mit elf Monaten noch nicht sitzen kann und geht erst zum Hausarzt, als sie den Unterschied am Kind einer Frau sieht, mit der sie entbunden hat, in die Grazer Kinderklinik, wo der Arzt ins Nebenzimmer ruft „Herr Kollege, wollen Sie ein ganz entzückendes kleines Mongi sehen?“
Beide untersuchen und sagen zu der Mutter „Das Kind ist organisch vollkommen gesund. Sie schaffen es schon noch! Die Nächsten bitte!“, so daß die Mutter, die Aufnahmeschwester fragen muß, was „Mongi“ bedeutet und an die Wochenzeitschrift, die sie bezieht, mit Rückporto die Frage stellt, was das denn ist?
Mit der Antwort geht sie zum Hausarzt, der sich wundert, wie sie das herausbekommen hat „Oh, diese Frauen!“ und antwortet, daß alles was jetzt passiert, von ihrer Liebe, Geduld und Förderung abhängt, so daß die Bäuerin mit dem Kind zu turnen beginnt, damit es doch noch zum Gehen kommt.
Es kommt zu einem weiteren Schicksalsschlag, der kleine Ludwig, fällt vom Tennenboden, so daß er ein Jahr lang im Gipsbett liegt und sie ihn in den Stall schleppen muß, wenn die Kälbchen kommen und ihm ansonsten das Lesen und das Schreiben beibringt.
Das kleine Wunder kommt, als sie mit der kleinen Christine nach Wolfsberg einkaufen fährt, da kommt eine Ausländerin auf sie zu und schickt sie zu Herrn Dr. Wurst, der einmal im Monat im Jugendamt Beratungen macht, denn „Er helfen allen armen Gind!“
Detail am Rande, dabei handelt es sich um jenen Kinderarzt, der 1944 der jüngste Arzt des Großdeutschen Reiches war, später in Klagenfurt die Heilpädagogik aufbaute, zum Papst der Kinderheilkunde und 2000 zu siebzehn Jahre Haft verurteilt wurde, weil er einen ehemaligen Schützling zum Mord an seiner Frau Hilde angestiftet haben soll, 2007 entlassen wurde und 2008 in einem Wiener Pflegeheim achtundachtzigjährig gestorben ist.
Die kleine Christine wird jedenfalls von Dr. Wurst bestens betreut und gefördert und kommt mit sieben Jahren in ein Sonderkinderheim nach Klagenfurt und später in eine Vorschulklasse im Pius Institut in Bruck, wo sie von der siebzigjährigen Tante Anna betreut wird, erst in vier oder fünf Wochen besucht werden darf und sich die Mutter später über die Hintertüre in das Kloster schleicht und dort ihr Kind „strafsitzen“ sieht. Christine verlernt durch die überforderte Tante Anna Fähigkeiten, die sie schon erlernt hatte, z.B. das selbständig Anziehen und fängt zu mocken an. Dennoch fälllt Anna Gollner aus alles Wolken, als sie die Fürsorgerin ein paar Tage vor Ende der Sommerferien fragt, ob sie schon einen Platz für Christine hätte, weil sie nicht wußte, daß das Heim sie für völlig förderungsunfähig erklärte und nicht mehr behalten will. Christine soll vom Schulbesuch befreit werden, macht aber einen Test beim Bezirksinspektor, den sie besteht und trotzdem nur deshalb wieder in eine Schule kommt, weil die Mutter zufällig hört, daß es in Wolfsberg eine Sonderschule gibt, nur das ist dreiundreißig Kilometer vom Wohnort der Familie entfernt. Wie soll die Mutter Christine dorthin bringen? Einen Fahrtendienst scheint es noch nicht gegeben zu haben, so daß ihr Mann ihr dort eine Wohnung mietet und sie unter der Woche mit Christine, Ludwig und dem Pflegekind Andrea dort wohnt und im Prethal eine alte Nachbarin den Haushalt macht. Der Schulbesuch ist trotzdem ein Erfolg, eine junge Lehrerin kümmert sich um Christine, sie lernt fast das ganze Alphabet und beginnt zu häkeln. Es kommen noch ein paar Schilderungen von Christines Frühreife und den Mühen der Mutter, sie von mißbrauchenden Männern fernzuhalten und den mühsamen Besuchen bei Zahnärzten und die Schilderungen einer Blindarmoperation, wo die Ärzte nicht auf den Rat der Mutter hören und sie dann den Schaden mit der weggerissenen Bauchbinde ausbaden kann.
Schließlich kommt Christine in eine Beschäftigungswerkstätte der Lebenshilfe, ist zu Ende des Buches neunzehn Jahre alt und wie auf der Rückseite steht „Nach den Maßstäben ihrer Behinderung gemessen – ein vollwertiger Mensch!“
Andreas Rett hat, wie erwähnt, das Nachwort geschrieben, das Vorwort stammt von Dr. Martha Kyrle, der damaligen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Kinderhilfe, die meint, daß sich die UNICEF entschlossen hat, mit der Unterstützung an diesem Buch, um mehr Verständnis für das behinderte Kind zu werben und ihm viele verständnisvolle und aufgeschlossene Leser wünscht.
Es ist wahrscheinlich interessant, das Buch mit Ludwig Lahers „Einleben“ zu vergleichen und es bleibt zu hoffen, daß man sein Buch in dreißig Jahren nicht mit genausogroßem Kopfschütteln lesen oder überhaupt erstaunt sein wird, daß es damals solche Kinder, die dann wahrscheinlich auch wieder anders heißen werden, gegeben hat.
Trotzdem ist der Fund aus dem offenen Bücherkasten, zur rechten Zeit gekommen, denn ich korrigiere „Mimis Bücher“ gerade in der Endphase, habe die Anna dafür geworben, es auf fachliche Fehler durchzusehen und mir auch den Infotext zu schreiben. Während ich korrigiere, wird die „Heimsuchung“ langsam fertig, so gibt es schon das Umschlagbild und den Klappentext habe ich auch geschrieben.

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