Literaturgefluester

2010-07-03

Zwei Jahre Literaturgeflüster

Filed under: Uncategorized — jancak @ 11:03

Es ist der 3. Juli, ich sitze in der Harlander Küche vor dem Schreibtisch, ein paar Telefonbücher auf dem Ikeasessel, damit ich beim Tippen keine Kreuzschmerzen bekomme, denn nachdem mir Alfred letzten Sonntag ein neues Kabel brachte, ist mir das Schanier auf der Seite, wo es angesteckt wird, abgebrochen, so daß ich mich aus Angst, daß das Gerät auseinanderfallen könnte, nicht mehr traue, meinen Laptop auf den Knien im Bett und auf der Terrasse, was meine bevorzugten Schreibhaltungen sind, zu benützen.
Ansonsten sind in Wien, NÖ und dem Burgendland die Ferien herangekommen. Zeit mit Sack und Kegel, das Kind kommt nicht mehr mit, aufs Land gehen. Die berühmte Sommerfrische ist es aber nicht, denn Morgen geht es zurück nach Wien und da bleibe ich die nächsten zwei Wochen, da sich Alfred am Mittwoch zehn Tage mit dem Karli auf in Richtung Ostpolen macht und die Beschreibung eines Wiener Sommers kann ja auch interessant für das Literaturgeflüster sein, das habe ich bisher noch nicht.
Dafür gibt es den zweiten Jahrestag, bin ich doch am 3. Juli 2008 von der damaligen Bachmannpreisberichterstattung und darüber, daß man seine Eindrücke gleich mittels Blog ins Internet stellen kann, face book und twitter gab es zwar sicher schon, war mir aber nicht bekannt, nur die Bachmannpreisberichte von Christiane Zintzen und Hella Streicher, sehr beeindruckt worden.
„Kann ich das auch und kostet das was?“, habe ich den Alfred am 3. Juli also gefragt, ins Blaue zu schreiben begonnen und keine Ahnung, was daraus werden wird?
Sehr viel, wie meine Leser wissen.
33.212 Aufrufe, 455 Artikel, 310 Kommentare und Akismet hat mich vor 1302 Spams geschützt. Die tägliche Aufrufzahl hat sich seit den Anfangstagen verdoppelt bis verdreifacht und liegt momententan im Durchschnitt zwischen sechzig und achtzig. Die Hundertermarke wird immer öfter erreicht und der 30. Oktober 2009 war mit 169 Aufrufen der bis jetzt beste Tag, obwohl mir schon bewußt ist, daß das oft Zufallstreffer sind, wer bei mir landet und da die ersten persönlich bekannten Stammleser und Anfeuerer inzwischen schon verschwunden sind, zum Teil aus Suchdiensten bestehen.
Wenn ich z.B. beim Nachhausegehen vom Jour fixe in der Grünangergasse, in die Abschiedsvorstellung des scheidenden Operndirektors gerate, der zu diesen Zweck Placido Domingo auftreten läßt und mich mit einem seiner Fans darüber unterhalte, habe ich in den nächsten Tag den Pacido Domingo Fanclub auf meiner Seite und kann wahrscheinlich nicht davon ausgehen, daß sich der für den Jour fixe der Buch Wien interessiert.
Trotzdem ist das Literaturgeflüster für mich eine sehr faszinierende und bereichernde Alltagsbeschäftigung und ich habe viel gelernt dabei. Schreiben nicht, denn das konnte ich schon, bevor ich 1960 in die erste Klasse der VS Halirschgasse gekommen bin und literarisch schreiben, so wie ich es verstehe, auch, denn das praktiziere ich seit 1973, aber sehr viel anderes.
Ich glaube auch nicht, daß ich mich dadurch mehr mit Literatur beschäftige, denn das tue ich seit zwanzig, dreißig Jahren sehr intensiv, aber sehr wohl bewußter. Das heißt, daß ich, wenn ich die Wahl zwischen zwei Veranstaltungen habe, vielleicht schon darüber nachdenke, welche für das Literaturgeflüster interessanter ist. Und es ist ein Blog über das literarische Leben der Eva Jancak, mein Brotberuf hat aber sicher viel dazu beigetragen, daß es ein persönliches Tagebuch geworden ist, in dem viel über mich zu finden ist.
Wenn es „Parsifal“ auf der Leinwand am Herbert von Karajan Platz zu sehen gibt, schreibe ich darüber, wenn es halbwegs literarisch passt. Die Frage, wie offen man im Internet sein darf, hat mich natürlich auch beschäftigt, denn da baumelt ja vor allem Amerika höchst ambivalent hin und her. Einerseits muß man, höre ich, bei face book, twitter ect. eingetragen sein, um nicht als langweilig zu gelten, wenn man aber ein Bild von sich von einer Faschingsparty mit einem Piratenhut und einem Plastikbecher in der Hand, wie das bei Parties eben ist, mit der Unterschrift „drunken sailer“ ins Internet stellt, bekommt man als mangelnde moralische Instanz keinen Job als Lehrerin.
Nun ich bin fast siebenundfünfzig Jahre alt und habe, glaube ich, 1980 das erste Mal am Volksstimmefest gelesen und in der Volksstimme veröffentlicht und mich als realistische Schreiberin immer sehr für das Sozial- und Gesellschaftskritische interessiert und ehrlich bin ich auch, also werde ich über meine politischen Ansichten und über das linke Wort am Volksstimmefest berichten, aber auch über meine anderen Lesungen und über mein Schreiben.
Was ich in das Literaturgeflüster fast täglich stellen werde, habe ich am 3. Juli 2008 sicher nicht gewußt. Der Alfred hat mir auf meine Frage „Da kannst du auf die Bücher, die du liest und interessante Veranstaltungen hinweisen!“, geantwortet und, das ist es auch geworden.
Bin ich ja eine, die auch nach siebenunddreißig Jahren intensiver Beschäftigung mit der Literatur, die Faszination daran nicht verloren hat. Fan bin ich keiner und war das nie und so habe ich der alten Dame am Karajanplatz, als sie mir sagte „Alle wären wegen dem Domingo da!“, geantwortet, daß ich wegen dem „Parsifal“ gekommen bin, das geht mir auch so mit der Literatur.
Kein Fan von Ken Follet, Nick Hornby, John Irving, Stehenie Meyer, Friederike Mayröcker…, aber ich gehe zu Andrea Winkler in die alte Schmiede, höre die Bachmannpreisberichterstattung und bin im November im Amerlinghaus, wenn die Exilliteraturpreise vergeben werden, falls es das noch gibt.
Und ich schreibe natürlich und da, das habe ich schon 2008 erwähnt, ist das Internet ein wahrer Segen und schade, daß ich nicht dreißig Jahre jünger bin. Sonst will ich das nicht, aber da wäre das ein Vorteil, denn als ich 1973 mit dem literarischen Schreiben begonnen habe, war ich sehr allein und als mir Monika Jensen und Gerhard Kette 1978, als ich ihnen „Die Einladung zum Tee“ vorgelesen habe, sagten, daß ich schlecht schreibe, sie mir aber auch nicht sagen können, wie das besser geht, hat das nicht viel geholfen.
Ich habe es inzwischen gelernt, natürlich, aber, obwohl ich bald in den Arbeitskreis schreibender Frauen kam und dort Marie Therese Kerschbaumer kennenlernte und etwas später in die GAV, war, wie man richtig schreibt, für mich ein großes Geheimnis, das die heutigen Zwanzigjährigen, die schreiben wollen, nicht lange haben. Die schauen ins Internet, zum Autorenhausverlag, zu schriftsteller-werden.de, texte und tee, dem Blog von Thomas Wollinger oder geben sich das Bachmannpreislesen und wenn sie zum Literaturgeflüster kommen, erfahren sie auch einiges übers Schreiben, denn ich gebe immer aktuelle Schreibberichte, weil es das ist, was ich mir damals sehr gewünscht hätte.
Vier Bücher sind seit dem 3. Juli 2008 von mir erschienen. („Radiosonate“, „Haus“, „Sophie Hungers“, „Heimsuchung“) und können im Literaturgeflüster und bei www. jancak.at angeschaut, bzw. die Schreibberichte mitverfolgt werden.
„Mimis Bücher“ liegt beim Alfred zur Formatierung oder, wie man das nennt und jetzt soll es wieder losgehen mit dem großen Roman.
In meinen Regalen stehen inzwischen zweiundzwanzig Digitalbücher, wie ich sie gern nenne, die „Hierarchien“ und zwei Fachbücher übers Stottern und, daß ich wahrscheinlich mehr geschrieben habe, als die meisten Autoren, die beim Bachmannpreis lesen, ist mir auch klar. Mit dem Selbstbewußtsein hapert es noch immer, aber da hat mir das Literaturgeflüster sehr geholfen und ich glaube auch beim präzisen Schreiben und in der Schärfe der Formulierung. Wenn man fast täglich einen Artikel schreibt, der nicht sehr lang sein soll, muß man präzis sein, das habe ich gelernt und auch mit An- und Untergriffen höflich umzugehen.
Ich finde es sehr schade, daß meine kritische Stimme, Frau Heidegger seit Weihnachten verschwunden ist, denke aber auch, es muß nicht sein, jemanden schlechtes Schreiben vorzuwerfen, wenn man merkt, daß es ihm wichtig ist. Denn was ist schon schlechtes Schreiben? Das von James Joyce, Joanne Rowling, Stephenie Meyer, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek?
Da gehen die Meinungen auseinander und beim Bachmannpreis wird inzwischen sehr beklagt, daß die, die dort lesen und zu siebzig Prozent vom Leipziger Literaturinstitut kommen, handwerklich gutes Mittelmaß haben, bzw. sich von der Riesenmaschine. de, ihre Chancen ausrechnen lassen und den Text so konstruieren, daß sie gewinnen, obwohl man später von der sachlichen Seelenlosigkeit spricht.
Das kann es auch nicht sein und ich habe diese Schwierigkeiten nicht, denn ich interessiere mich seltsamerweise immer noch sehr für das Schreiben der anderen und da hat sich im letzten Jahr durch den leselustfrust Blog und natürlich durch die offenen Bücherkästen mein Leseverhalten verdoppelt. Da ich mir, das, was mich interessiert, nehme, lese ich mehr und man findet ja Verschiedenes in den Kästen. Rose Ausländer, Alberto Moravia, Sebastian Fitzek, ect. und seit ich fast jedes Buch, das ich lese, bespreche, lese ich genauer, was, wie ich denke, von Vorteil ist.
Der Beitrag ist schon sehr lang und ich habe noch immer nicht mein neues Romanprojekt erwähnt, von dem ich, als ich vorige Woche einen Tag herumgefahren bin, gleich die erste Szene geschrieben habe.
„Der Absturz“ kann es heißen und ich habe einiges aufnotiert, was sich an das Bisherige anschließt, die Fritzi Jelinek mit dem weißhaarigen dementen Großvater und einiges Aktuelle, wie den Flugzeugabsturz bei Smolensk. Habe eine Mappe mit sehr intensiven Mails, die sich verwenden lassen und habe, als mir Sonntagabend der Kopf rauchte und ich nicht so motiviert, wie Cornelia Travnicek nach all den Lesungen war, sondern eher niedergeschlagen, nochmals im James N. Frey geblättert und zunächst wieder einmal gedacht „Ich kann es nicht!“
Gestern habe ich mir noch einmal das Autorenhausprojekt von 2008 „Ein Roman in einem Jahr“ herausgenommen und sehr viel Brauchbares darin gefunden, was vielleicht hilft, mir diesmal wirklich viel Zeit zu lassen.
„Mimis Bücher“ habe ich fast manisch vor mich hingeschrieben. Das soll sein und war auch gut, aber ich habe natürlich meine Schwächen und da mir noch immer niemand mehr, als „Ist nicht gut!“ oder gelangweilt „Sehr schön!“ sagt, wenn ich ihm meine Bücher hinhalte, muß ich mich selbst am Schopf nehmen und „Stop!“, rufen, wenn ich mich zu schnell wiederholen will, was sicher eine Gefahr und eine Schwäche ist.
Also im nächsten halben Jahr wirklich viel Zeit lassen, einige Handlungsfäden habe ich ja aufnotiert, aber damit immer wieder durch die Stadt laufen, Schauplätze ansehen, Gespräche aufnotieren und wahllos Skizzen, Szenen, ect. zusammenschreiben und das Ganze erst später zusammenbasteln, kann vielleicht wirklich helfen weiter zu kommen. Und natürlich an der Sprache arbeiten, ein bißchen mehr Andrea Winkler Ton kann nicht schaden, das habe ich mir gestern Nacht im Bett gedacht und das habe ich auch vor zu verwirklichen.
Meine Leser können beobachten, wie mir das gelingt, sie können auch ruhig über meine Sprachmelodie schimpfen, sich aber auch für sich selber etwas mitnehmen und aus den Fehlern lernen. Über ein aufmunterndes Wort und eine konstruktive Kritik freue ich mich, wenn ich sie bekomme.
In diesem Sinne also wieder „Alles Gute zum Geburtstag, Literaturgeflüster!“, der Sekt, der noch vom Silvester übergeblieben ist, ist eingekühlt, bzw. steht er neben mir am Schreibtisch und so stoße ich mit mir selber an…
P.S. Und weil ich am Donnerstag bei einer psychologischen Fortbildung im Sigmund Freud Museum war, war ich nicht auf der Demonstration gegen Fremdenhaß und Asylpolitik, sondern bin nur kurz über den Ballhausplatz gegangen.

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3 Kommentare »

  1. weiterhin alles gute! ich stoße immer wieder – absichtlich – auf die seite und staune über das wiener literaturleben, viele grüße o. p. zier

    Kommentar von O. P. Zier — 2010-07-04 @ 15:32 | Antwort

  2. Ja das Wiener Literaturleben ist sehr vielfältig und faszinierend, vielen Dank, freut mich, daß du mich liest

    Kommentar von jancak — 2010-07-04 @ 18:36 | Antwort

  3. glückwunsch zum zweijährigen! vor allem auch zu ihrer disziplin im bloggen kann ich als regelmäßige (wenngleich oft kritische) leserin sowie gelegenheitsbloggerin nur gratulieren.

    Kommentar von consens — 2010-07-06 @ 14:35 | Antwort


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