Literaturgefluester

2011-05-16

Mondscheintarif

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:04

Das nächste Chick Lit aus dem Schrank, Ildiko von Kürthys „Mondscheintarif“, das mir einen verlängerten Sonntagvormittag in der Badewanne bescherte, erfüllt sein Klischee schon auf den ersten Blicken.
Das Titelbild halb rosa und blau, Meer mit rosa Himmel und einem halben Sonnen- bzw Mondscheibe in der Mitte. Im Buch gibt es, wahrscheinlich für die Analphabeten, viele rosa-graue Bilder, der Epilator ist zu sehen, auf einer Seite bin ich richtig erschrocken, da schminkt in der Buchmitte, die Protagonistin auf zwei kleinen Bildchen ihre Lippen rosa vor dem Spiegel. Das Buch entnahm ich dem Impresso, ist eine eine einmalige Sonderausgabe vom Juli 2005 und möglicherweise ein Preisausschreiben, sind doch immer ein paar Worte rosa angestrichen. Nur so eine Idee von mir, weil ich sonst keine Erklärung für die rosa Strichchen hätte, die angestrichenen Worte haben mir aber keinen Sinn ergaben.
„Happy birthday, Tante Hilde“, steht noch vor der ersten Seite rosa, was ebenfalls nicht erklärt wird, dann beginnts auf Seite sieben mit zwei Füßen.
„Der Fuß ist eine weitgehend unerschlossene weibliche Problemzone… So könnte ein Artikel in einer Frauenzeitschrift anfangen. … Ich heiße Cora Hübsch!“
Los gehts an einem Samstagnachmittag um 17.17 und schließt um 00.01. Dazwischen erzählt die dreiunddreißigjährige Cora, eine Fotografin, die Möbel für einen Katalog fotografiert, ihre Geschichte, bzw. weiß sie nicht, wie sie sich verhalten soll.
Samstagnachmittag und sie hat noch kein Date. Interessant herauszubekommen, wie sie es schafft auf ihrem Balkon bis 00.01 angerufen zu werden. Sie erwartet aber etwas Bestimmtes, nämlich den Anruf von Dr. med Daniel Hofmann und den lernte sie vor drei Wochen und drei Tagen vor der Türe einer Damentoilette kennen, als sie mit ihrer schönen und erfolgreichen Freundin Jo als Beiwerk bei einem Filmempfang war und sich während die Preisträger vorgestellt wurden, langweilte. So ist sie zwischendurch an dem schon vorbereiteten Buffet vorbei, aufs Klo gegangen und wollte, als sie von der Klofrau erfuhr, daß sie nicht mitessen darf, einen Teller mit Hummern und Austern für sie holen. Nur landete sie mit dem vollen Teller sinnigerweise auf Dr. Hofmanns Brust, wurde von seiner schönen Begleiterin, einer Schauspielschülerin namens Ute oder Carmen, angeschrieen und mit Klage bedroht. Als sie sich am nächsten Morgen beschämt krankschreiben lassen will und deshalb zu ihrem Allgemeinmediziner geht, ist Dr. Hofmann sein Vertreter, der ihr Einlagen verordnet. Sie schreibt ihm ihre Telefonnummer auf den Rezeptblock „Rufen Sie mich an, wenn Sie auch meine guten Seiten kennenlernen wollen!“, blöderweise hat sie aber Jos Telefonnummer erwischt, Handies hat es, als der Roman geschrieben wurde, offenbar noch nicht gegeben, nur Anrufbeantworter, so sitzt Cora wartend vor dem ihren, bis Jo anruft und erzählt, „Stell dir vor, da ist mir etwas Seltsames passiert!“
Cora schafft es auch Dr. Hofmann mit der richtigen Verzögerung zurückzurufen. Sie hat da einen Hausfreund, der sie berät, wie lange man einen Mann warten lassen muß, geht mit epilierten Beinen und dem richtigen Minikleid mit ihm essen. Dafür hat sie beim Italiener ein Katzentischchen bekommen, wie gut, daß Dr. Hofmann dort Stammgast ist, für den der schöne Tisch, den sie eigentlich wollte, bereitsteht. Sie hat auch Karteikärtchen mit den richtigen Gesprächsthemen in der Handtasche, dann fahren sie mit getrennten Taxis nach Hause. Dr. Hofmann hat sie aber ein paar Tage später in seine Wohnung eingeladen. Mit Schluckauf kommt sie dort an, der erst vergeht, als er meint, daß er ohnehin zu einem Patienten muß, das nennt sich nach Viktor Frankl paradoxe Intention und wirkt so gut, daß Cora, wenn sie wollte, in seinem Schlafzimmer landen hätte können, aber eine gute Frau macht sich rar und trifft sich erst ein paar Tage später, bei einem Fest eines Schönheitschirurgen, mit ihm, der selbst nicht so schön, aber reich und erfolgreich ist, so daß sich auch in seinem Nobelschuppen das Buffet biegt. Die Beiden fahren aber in Dr. Hofmanns Wohnung und haben schönen Sex und nun die Frage an Big Jim, den harmlosen Freund Coras, wie lange soll sie warten, darf sie oder muß er anrufen, damit sie sich nichts vergibt? So vergehen die Stunden an diesem Samstagabend. Cora macht sich schön, spricht mit der Nachbarin, die zum zweiten Mal schwanger wird und in Coras Wohnung, die schöne Vase aus China zerbricht, weil ihr Rüdiger nicht begeistert darauf reagierte. Die Traumfrau Jo kocht Spaghetti und bringt eine Flasche Champus mit und als Cora doch anruft, ist Dr. Hofmann nicht zu Hause. Was tut man in diesen Fällen? Den Christbaum, der noch von Weihnachten am Balkon liegt, ohne Schuhe im Park entsorgen, blöd nur, daß Cora dort ihren Daniel mit Ute Koszlowski oder Carmen Händchen haltend trifft.
Ach du liebe Scheiße, vorher hat sie Jo oder Jim noch gestanden, daß sie von Daniel gern „Meine Liebste!“, genannt werden will, nur die Männer sind so einfallslos, aber jetzt ist ohnehin alles aus und Cora Hübsch die „dämmlichste, unattraktivste, dümmste Nuß und Kuh!“, die sich nur noch in den klassischen Trennungsphasen üben kann. Oder nicht, denn auf dem Heimweg muß sie beim Italiener vorbei, wo alle Pärchen Händchen halten und Weißwein trinken. Da trifft sie Ute, trinkt mit ihr ein Mineralwasser, um von ihr zu erfahren, daß sie lesbisch ist und nur mit Daniel ausgeht, damit ihre Karriere als Schauspielerin nicht gefährdet ist.
In Wahrheit ist Daniel schwer in Cora verliebt, das hat er Ute gerade im Park erzählt und auch, wie sehr es ihm imponierte, daß Cora, am letzten Montag oder war es Mittwoch, nicht mit ihm ins Bett gegangen ist.
„Wow!“ und nun nichts als zum Telefon! Wem wunderts, daß sich um 00.01 Dr. Hofmann meldet und „Na endlich, Cora, meine Liebste!“, sagt.
Ildiko von Kürthy wurde 1968 in Aachen geboren, lebt in Hamburg, ist oder war Redakteurin beim Stern und alle ihre Bücher wurden Bestseller.

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2 Kommentare »

  1. über die farben & bilder in den von-kürthy-büchern bin ich auch schon gestolpert … ich bin ja eigentlich ein klein bisschen verliebt in die farbigen seitenzahlen. aber wörter im fließtext, soweit ich mich erinner, sind bei den zwei ausgaben, die ich zuhause rumstehen habe, nicht bunt… man kann es ja auch als aufgabe à la kühlschrankmagnetenpoesie sehen. 😉

    Kommentar von s. — 2011-05-16 @ 10:32 | Antwort

  2. Ja, natürlich und es hat mich auch nicht aufgeregt, höchstens habe ich mir gedacht, ein bißchen kindisch ist das schon.
    Jetzt lese mich quer durch den Gemüsegarten und bin mit meinen fast sechzig Jahren für die wahrscheinlich geplante Zielgruppe auch schon zu alt.
    Ich brauche keine Bildchen und keine rosa Farben, hatte einen vergnüglichen Vormittag in der Badewanne und lese das nächste Kürthy Buch, wenn ich wieder eines finde und die vielleicht ein bißchen anspruchsvolleren Bücher, die schon auf meiner Liste stehen, gelesen sind und da gibt es ja sehr viele, so habe ich die FM4 Anthologie zum Thema „Ausgehen“ beispielsweise noch immer nicht gelesen.
    Wenn man darüber nachdenkt, ist es vielleicht nicht ganz so erfreulich, daß der Verlag die angepeilten Leserinnen mit rosa Bildchen lockt, aber wenn die sich das gefallen lassen oder es ihnen sogar gefällt, ist das auch okay.
    Nach einen Blick auf Ihren Blog, finde ich es toll, daß Sie Ildiko von Kürthy lesen

    Kommentar von jancak — 2011-05-16 @ 10:50 | Antwort


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