Literaturgefluester

2011-12-18

Die Archäologin

Filed under: Uncategorized — jancak @ 15:17

Hurra, hurra, das letzte Buch auf meiner Hundertbücherliste, obwohl es dort auf sechsundachtigster Stelle steht, aber darunter stehen dann die Harland-Bücher, ein paar Rezensionsexemplare, die ich vorgezogen habe, das was ich für „Die Frau auf der Bank“ gelesen habe und noch ein paar Urlaubsbücher. So habe ich mich ein bißchen hinaufgelesen, bzw. ab dem Sommer hinunter, denn da habe ich ja, ab dem Henning Mankell, die Bücher stehengelassen und bin in die Sommerfrische gegangen.
Thomas Wollingers „Die Archäologin“ ist aber ein wichtiges Buch, den es hat eine ganz besondere Lesegeschichte. Leselustfrust hat es am 27. Juli 2009 besprochen, zu dieser Zeit habe ich ihren Blog über Anni Bürkls „Schwarztee“ gefunden und mich hineingelesen, auf den Namen Wollinger bin ich aber, glaube ich, erst später aufmerksam geworden. Anni Bürkl hat ihn einmal zitiert und auf seinen Blog hingewiesen und dann war ich einmal in der Alten Schmiede, wo es etwas über die Schreibwerkstatt Langschlag zu hören und ab da bin auf seinen Blog „Schreiben“ gestoßen, den ich inzwischen regelmäßig lese.
Da bin ich, glaube ich, dazugekommen, wie er etwas über die Arbeit an seinen zweiten Roman und etwas von einer herzkranken Angelika schrieb und fragte, ob die eine posttraumatische Belastungsstörung haben soll?
Inzwischen schreibt er immer noch daran in vielen Fassungen und soweit ich es verstanden habe, geht es darin, auch um verschiedene Zeiten und verschiedene Ebenen und so ist das auch bei der „Archäologin“.
Irgendwie war ich mir da ja nicht sicher, ob das ein Krimi ist. Es ist keiner, wenn man Thomas Wollingers Portrait auch auf einer Krimischreiberseite finden kann und ich habe das Buch, glaube ich, im März oder April im offenen Bücherschrank am Brunnenmarkt gefunden, brav gewartet, bis es zum Lesen an die Reihe kam und mich darauf gefreut.
Jetzt habe ich es in zwei Tagen gelesen und kann Thomas Wollinger, der mir einmal mailte, daß er meinen Schreibstil sehr ungewöhnlich findet, das auch als Lob und Kompliment zurückgeben. Denn, ich glaube, das ist seiner auch. Schon einmal seine Art sich solange und beharrlich mit einem Text auseinanderzusetzten ist das. Jetzt weiß ich zwar nicht, wie lange er an „Der Archäologin“ geschrieben hat, die 2004 bei btb erschienen ist, ich nehme aber einmal an, auch sehr lang und sehr gründlich. Dann ist es auch die Form, denn es ist wahrscheinlich eine Genreüberschreitung oder auch ein Thomas Wollinger Genre und noch etwas finde ich sehr interessant, nämlich, daß ein Buch, das am Buchrücken mit „Höchstspannung von einem deutschsprachingen Autor“ beworben wird, Julian Schutting gewidmet ist, „der mir das Schreiben beigebracht hat“.
Also kann man von einem der größten Sprachartisten, den die österreichische Gegenwartsliteratur aufzubieten hat, das Schreiben eines Thrillers lernen. Aber es ist ja keiner, wenn es auch mit einem Leichenfund beginnt und in einem Zeitraum von rund tausend Jahren spielt, viel Psychologie und Zeitgeschichte aufzubieten hat, ein bißchen ins Übersinnliche abgleitet, das sich aber zumindest für mich, durchaus real deuten läßt und natürlich auch nicht am zweiten Weltkrieg, an den Nazigräuel und an den Flüchtlingen, die vom Osten „Der Feind kommt immer von dort!“, schreibt Thomas Wollinger oder einer seiner Negativhelden, über die Grenze dringen und dann mit einem Spaten erschlagen und eingegraben werden, vorbei geht. Das Buch spielt in Kirchwald an der March, dicht an der tschoslowakischen Grenze, ja, denn es beginnt 1981 und endet sechs Jahre später und dorthin fährt am Beginn die Archäologin Erika, weil es dort, möglicherweise (authentische) Grabungen gibt und sie sich damit habilitieren will. Erika stammt auch von dort, hat hier ihre Kindheit verbracht und sich mit ihren „Vater“ zerstritten, der wollte, daß das Mädel einmal den Hof übernimmt, während sie nach Wien und dort studieren wollte. Das hat Erika auch geschafft. Jetzt ist sie Frau Doktor und will mit ihren Ausgrabungen auch Frau Professor werden. Die Umstände, die sie hat, sind aber nicht sehr gut. Denn nur ein paar zweitsemestrige Studenten, die noch nicht viel Ahnung vom Graben haben und Kaiser Franz oder Professor Grohmann, der Institutsvorstand macht es ihr auch nicht gerade leicht, so daß es immer zu Druck und Spannungen kommt, die Erika veranlassen, sich mit dem Messer in den Schenkel zu schlitzen und essen, ja essen, tut sie auch nur einmal am Tag, weil ihr das Alexander Sehmann, doch ein eifriger Student so rät. Aber Erika ist beharrlich und hat in ihrer Sozialisation gelernt mit Ausdauer zum Erfolg zu kommen. So ist sie den Hendln im elterlichen Hof, die sie einfangen sollte, so lange geduldig nachgegangen, bis die ihre Kranft verloren haben und sich von selber in den Stall zurücktrugen ließen. Und so kommt es auch zu einem abenteuerlichen Leichenfund, eine ganze prähistorische Familie wird ausgebraben und mit Hilfe eines etwas anrüchigen Geschichtsprofessors, kann das Kaiser Franz, wie er es vielleicht wollte, nicht vertuschen, so kommt die Wissenschaftsminierin Hertha Firnberg zu Besuch und die sechs Leichen in Naturhistorische Museum.
Danach geht ein bißchen weiter in die Geschichte zurück, nämlich ins Jahr 1945, kurz vor dem Ende der Tragödie, was aber noch nicht alle begriffen haben, so ist der junge Franz Grohmann, ein Musterschüler der nationalsozialistischen Erziehungsanstalt NAPOLA von dort ausgerückt, um in Kirchwald seinen älteren Bruder, einen SS-Mann zu suchen, der auch beim Aufstand im Warschauer Ghetto tätig war. Den trifft er abr nicht, nur einen sterbenden Kameraden und eine alte Frau, die erzählt, daß sie alle ihre Söhne im Krieg verloren hat und die Weinbauern, weigern sich auch, den jungen Soldaten in ihren Keller zu verstecken.
1982 wird weiter gegraben, Kaiser Franz macht das Erika aber schwer und auch die Bevölkerung will ein neues Totenhaus und einem Parkplatz vor der Kirche bauen, genau dort, wo einmal das Fürstenhaus lag und sich die Tragödie der sechs Toten abspielte, denn Erika, höchst sensibel, hat inzwischen so ihre Vorstellungen, was damals wohl passierte und sie indentifiziert sich auch mit der etwa fünfundvierzigjährigen Frauenleiche und ihrem sechzehn Jahre jüngeren Gatten, von dem sie vier Kinder hatte. Erika ist fünfunddreißig und Alexander ebenfalls viel jünger und ein Kind will sie eigentlich auch. Trifft sie doch ihre ehemalige Schulfreundin Maria wieder, die inzwischen drei Kinder hat und ständig Apfelstrudel macht und auch ihren Vater, der seine alte, ebenfalls dauerbackende Haushälterin, heiratet, während Erikas Mutter schon viel früher gestorben ist und wahrscheinlich im Jahr 1945 sowohl von einem Russen vergewaltigt wurde, als auch Kaiser Franz im Weinkeller versteckte, jedenfalls taucht eine alte Frau bei dem Professor auf und erzählt ihm, das sie einmal sein Kind abtreiben sollte. So verschwindet Kaiser Franz und läßt Erika weitergraben und die taucht immer weiter in die Vergangenheit ein, so daß wir zu Szenen aus 1004 vor Christi kommen, wo die Geschichte der Fürstenfamilie, die ihren Wall nicht verteidigen konnte, erzählt wird und Erika sich manchmal in der Identität, der Arlaka genannten Fürstin verliert. Deren jüngerer Ehemann heißt Keichlos und so wird auch der Sohn genannt, den Erika schließlich von Alexander kommt und mit dem sie im letzten Kapitel, 1987, zur Familienfeier ins Weinviertel fährt. Und dazwischen passiert noch viel viel mehr, womit man wahrscheinlich einige Romane füllen könnte. Die Studierbedingungen der Siebzigerjahre werden erzählt, der sexuelle Mibrauch des Herrn Pfarrers, der Erika immer „Sein liebes Kind“ nannte, wird angedeutet, die ewiggestrigen Naziprofessoren, die ihre Burschenschaften hatten und 1980 genau darauf schauten, daß eine Frau so leicht nicht Karriere machte, aber auch die Slowaken, die nach 1945 ihren Grund verloren hatten und mit der Schaufel erschlagen wurden, wenn sie es doch einmal über die Grenze schafften u.u.u.
Am Kirchwalderboden lagern eine Menge Leichen und Thomas Wollinger hat seine Archäogogin ein paar ausgraben lassen. Damit einen spannenden Roman geschaffen, der eigentlich ganz langsam und bedächtig beginnt und in seinem wunderbaren Blog auch ein paar Videos von der Gegend hineingestellt, in dem der Roman spielt und wo er auch geschrieben wurde. Ich, die ich ja sehr eifrig, auf Thomas Wollingers Blog kommentiere und hoffe, ihn damit nicht zu nerven, habe ja schon oft geschrieben, daß ich mir mehr Thomas Wollinger Romane wünsche und auch rate, vielleicht nicht ganz so gründlich zu überarbeiten, dafür aber jedes zweite oder dritte Jahr ein Buch erscheinen zu lassen. Aber ich weiß schon, ich bin viel zu schnell und das ist auch nicht gut.
Also nehme ich mir für meinen Roman mit, daß ich die verschiedenen Zeitebenen auch mit Kapitel, die Jahreszahlen als Überschriften tragen, beginnen lassen könnte und, daß ich meine Theresa eigentlich auch in keine surrealistischen Erlebnisse abgleiten lassen will, aber die sind auch bei Thomas Wollinger nur angedeutet, denn wenn man nichts ißt, sehr viel arbeitet und sich sehr mit einer Sache beschäftigt, kann es schon sein, weil ja der Wunsch der Vater des Gedankens ist, daß man plötzlich auch im zwanzigsten Jahrhundert Gestalten mit Speeren und Fellen vor sich sieht und die alte Schamanin, die in der alten Frau Schmid noch immer leben könnte und am Ende „Weißt du, Erika, das ist schon sehr, sehr lange her!“, sagt, könnte ja ein Zufall sein, auch wenn die Rezensenten begierig darauf aufspringen.
Und ganz so schnell, wie man glaubt, bin ich auch nicht, denn hätte ich das Buch schon gestern ausgelesen und besprochen, hätte ich Thomas Wollinger, der am 17. Dezember 1968 in Wien geboren wurde, zum Geburtstag gratulieren können, so hole ich das einen Tag später nach.
Thomas Wollinger hat außer seinem wunderbaren Blog, in dem er täglich einen Schreibtip gibt, ein Video hineinstellt oder etwas über seine Schreibarbeit erzählt, auch eine Schreibwerkstatt und diese machte im Frühjahr eine Lesung im Cafe Anno, wo ich auch den Autor kennenlernte, seine eigene Lesung im Rahmen der Schreibgruppe GRAUKO, die er gegründet hat, vor einigen Wochen, habe ich leider versäumt. Meine Kritikerin JuSophie habe ich, glaube ich, auch über seinen Blog kennengelernt und Margit Heumann bei der Texthobel-Lesung.

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