Literaturgefluester

2012-03-12

Nebelschwaden

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:20

Draußen war es nebelig oder war das nur, weil sie schon schlecht sah? Weil sich Grauschleier über ihre Sehschärfe gezogen haben und diese langsam verdrängten, nach und nach. Aber mit über neunzig Jahren braucht es keine Sehschärfe mehr. Da muß man nicht mehr gut sehen und auch nicht alles wissen, hatte ihre Großmutter gesagt, vor siebenundsiebzig Jahren. Daran konnte sie sich erinnern, daß sie als Backfisch von dreizehn Jahren, ein kleines mageres Ding war sie gewesen, am Bett der Großmutter gesessen war, weil ihr das die Mutter, die ein paar Tage Arbeit in einer Fabrik gefunden hat, so aufgetragen hatte.
„Sei so lieb, Paulakind und achte auf die Großmama, du mußt dafür auch nicht in die Schule gehen, das regle ich schon mit deinem Oberlehrer!“, hatte sie gesagt und sie hatte, schüchtern und gehorsam, wie die Kinder damals waren, nicht zu widersprechen gewagt.
Heute wäre das undenkbar, heute ließen sich die Kids, wie man die Backfische nannte, nicht mehr gefallen. Sie hatte nicht zu widersprechen gewagt und war gehorsam am Bett der alten, dürren Großmama gesessen und hatte ihr mit einem Tuch die rissigen Lippen benetzt. Zuerst hatte die alte Frau nach Wasser verlangt, dann hatte sie sich nicht mehr bewegt und nicht mehr gesprochen und es hatte lange gebraucht, bis sie begriffen hatte, daß die Großmutter von dieser Welt gegangen war und sie verlassen hatte.
„Du bist nicht schuld daran, Kindskopf, Paula, bilde dir das nur nicht nein!“, hatte auch die Mutter gesagt, als sie von der Fabrik zurückgekommen war und der alte jüdische Hausarzt, den Totenschein ausgestellt hatte. Sie hatte es trotzdem geglaubt. Lange und beharrlich und selbst für einige Zeit verstummt. Hatte schon damals, als junges, dummes Mädel, die Nebelschwaden vor den Augen gehabt. Später, nach dem Krieg hatte sie angefangen scharf zu sehen, ihr Studium beendet, Kinderpsychchologin geworden und, um ihre Tochter Regina zu kämpfen begonnen, daß die strengen Fürsorgerinnen der jungen Studentin weggenommen und nicht mehr zurückgegeben hatten.
Lange Jahre um Regina gekämpft und nie mehr den Kontakt zu ihr gefunden, bis heute nicht, wo Regina eine genauso alte Frau sein mußte, wie es die Großmutter gewesen war. Und sie war noch viel älter. Den neunzigsten Geburtstag vor kurzem gefeiert und da war eine Krankenschwester vom sozialen Sützpunkt bei ihr aufgetaucht und hatte genauso streng geschaut, wie es die Fürsorgerinnen damals bei der jungen Studentin taten.
„Das geht doch nicht, Frau Dr. Nebel, daß sie den ganzen Tag alleine in der Wohnung bleiben? Kommen Sie denn zurecht?“, hatte sie mit scheinbarer Süßigkeit gefragt und sie skeptisch dabei mustert. Sie hatte den Kopf geschüttelt „Papalapapp!“, geantwortet und wieder den Nebenschwadenschleier vor Augen gehabt, obwohl sie sehr klar sah und nicht einmal eine Brille brauchte. Eine Tatsache, die Herrn Hans, dem schüchternen, jungen Mann, der ihr beim Einkaufen manchmal half, die Tasche in ihre Wohnung zu transportieren, sehr gefiel.
„Sie sehen noch ganz klar und sind noch eine junge Frau!“, scherzte er immer, bevor er von seiner Großmutter zu sprechen anfing, an die sie ihn erinnern würde. Um die Großmutter kam man, wenn man über Neunzig war, nicht herum und das machte auch nichts. War sie doch Großmutter, obwohl sie ihren Enkel genausowenig sah, wie ihre Tochter Regina. Aber Rainer, der Medizin studiert hatte und auf einen Ausbildungsplatz wartete, rief manchmal an, um ihr von sich zu erzählen und sonst war sie auch nicht den ganzen Tag allein, wie die Krankenschwestertante behauptet hatte. Hatte sie doch ein Radio und daher den Zugang zu der modernen Welt. Wußte alles von den Sparpaketen, den Wirtschaftskrisen, der Schuldenbremse und so weiter und so fort, was die Welt heute bewegte. Das war fast so. wie in den Dreißigerjahren, als sie jung gewesen war. Fast so und doch ein bißchen anders. Von einem Zwangskindergarten in den alle ab dem ersten oder zweiten Lebensjahr gehen sollten, um richtig Deutsch zu lernen, hatte man damals nicht gesprochen. Damals blieben die Mütter bei den Kindern und sangen ihnen vor und damals war auch die Kindersterblichkeit höher gewesen und die Frauen hatten viel mehr Kinder, als heute gehabt.
Aber sonst merkten ihre scharfen Augen, trotz der Nebelschwaden, die sie umwölkten, Parallelen. Von der Arbeitslosigkeit hatte man damals auch gesprochen und man hatte, wenn man die Schule oder die Universität beendet hatte, genausowenig eine solche bekommen, wie man das offenbar heute tat und auch von Studiengebühren sprach man heute wieder. War allethalben zu hören, daß diese eingeführt werden mußten, damit die Universitäten die Studenten ausbilden konnten.
„Sie haben klare Augen, wie ein junges Mäderl!“, schwärmte der Herr Hans, der es selbst sehr schwer auf seinem Arbeitsplatz hatte und sich dort nicht durchsetzen konnte, wenn er ihr die Tasche mit ihren Einkäufen in die Wohnung trug.
„Sie müssen aufpassen und dürfen keine Fremden in ihre Wohnung lassen!“, mahnte dagegen die Krankenschwester, aber die war selber fremd und sie schüttelte den Kopf und würde in ihre Küche humpeln, um die Karotten und die Erdäpfel aus der Tasche zu nehmen und sich zu Mittag eine Gemüsesuppe zu bereiten. Denn das ging schnell, aß sie gern und Gemüse war auch sehr gesund und vom Karotin der Karotten bekam man klare Augen und das Vitamin A schäfte die Sehschäfre, das hatte sie noch in der Bürgerschule vor fünfundziebzig Jahren gelernt und galt noch heute, wie ihr Rainer, wenn er anrief und ihr von der Überlastung, die die jungen Ärzte in den Spitälern und überfüllten Spitalsambulanzen, erlebten, berichtete, erzählte.
Nebelschwaden, Nebelschleier, Paula Nebel, Nebelchen, so hatte man schon vor siebzig, achtig Jahren ihren Namen verhunzt und sie hatte aufgehört sich darüber zu ärgern und heute, tat man das nicht mehr sehr oft, denn heute war sie viel allein.
Die Großmutter und die Mutter waren gestorben, Regina verschwunden und Rainer hatte keine Zeit für sie. So blieb sie allein in ihrer Wohnung und freute sich über den Besuch des Herrn Hans und ließ ihn auch ein bißchen über ihren Namen scherzen. Denn er meinte es, das wußte sie, gut.
Paula Nebel, Nebelschwaden, der Nebel ist herangezogen und hat die Welt umwölkt, so daß der scharfe Blick oft fehlte oder es schwer hatte, durchzudringen. Hatte die Krise doch schon wieder die Gemüter verwirrt, was zu Ängsten und Depressionen führte oder auch zu Burn Out Gefühlen, wie das heute so hieß, dachte die alte Frau, hatte das Radio eingeschaltet und griff zu dem Messer, um die Karotten und Karotten in mundgerechte kleine Stücke zu zerteilten, das Wasser für die Suppe hatte sie schon aufgesetzt.

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