Literaturgefluester

2012-05-05

Die Gesänge der Verlierer

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:16

„Die Gesänge der Verlierer“ von Rolf Lappert, ein Buch das ich voriges Jahr um einen Euro bei Buchlandlandung gefunden und gekauft habe, weil ich den Namen kenne, da Rolf Lappert 2008 mit „Nach Hause schwimmen“ auf die Shortlist des deutschen Buchpreises gekommen ist, ist sehr interessant, denn es beginnt sehr langsam und bedächtig und eigentlich so, wie ich immer höre, daß man nicht schreiben darf, weil das ja niemanden interesiert.
Ein Mann namens Tyler, Manager einer mäßig erfolgreichen Rockband geht in London spazieren, bzw. hört er seinen alten Nachbar in der Nebenwohnung hantieren, stellt Beobachtungen über ihn an, sinniert über seine Hanteln nach, dann geht er hinaus, beobachtet einen Straßenverkäufer, der mit traurigen Lächeln seine Waren anpreist, kauft von ihm einen Spielzeughund, den er eigentlich nicht braucht und ärgert sich über seine Gutmütigkeit, die ihn ausnützbar machen läßt. Bei einem Supermarkt wird ein Mann auf einer Trage hinausgetragen, der Sanitäter steckt an der Kasse noch schnell einen Schokoriegel ein und Tyler geht zu einer Carol, deren Tochter er den Hund dann schenkt.
Nach und nach erfährt man die Geschichte, die Band soll einen großen Auftritt haben, dazu benötigt man aber einen Musiker, der verschwunden ist und den zu suchen Tyler aufgebrochen ist. Der erfährt man, ist in Amerika und so macht sich Tyler nach Los Angeles auf, schlägt sich in dem Motel mit dem Portier herum, der ihn unbedingt in ein bestimmtes Restaurant schicken will, findet den Musiker schließlich, der ihm Geld gibt, aber nicht mitkommen will und ihm als Grund die Geschichte von einer Frau erzählt, die er ermordet hat, bzw. durch einen Unfall zu Tode gekommen ist, so daß Tyler wieder abziehen muß, aber statt zurückzufliegen, nach New Orleans fliegt und das Road Movie beginnt.
Denn jetzt wohnt Tyler in einem Hotel das zwei Brüdern gehört, die ihm den Fernseher austauschen, viel von sich erzählen und Tyler, offenbar ein guter Beobachter, prägt sich verschiedene Gesichter ein, die in einem Hinterhaus zu tun haben, findet Fotos in einem Mülleimer und bekommt heraus, da werden offensichtlich Pornos mit Kindern gedreht. Weil die Brüder damit etwas zu haben, bekommt er ein kleines Mädchen in die Hand gedrückt, das er zu seinem Onkel fahren soll, erst dann können die Brüder zu Polizei gehen, Tyler tut es und ich wurde nun ein bißchen an Nabokovs „Lolita“ erinnert, ein bißchen nur, bloß die Stellen, wo ein Mann mit einem Kind in einem Wagen sitzt. Sally ist fünf, spricht nicht viel und ist ständig müde, denn die Mutter hat ihm Schlaftabletten für sie mitgegeben, die sie als Vitaminpräparate deklarierte. Später als Tyler die Tabletten weggelassen hat, wird sie munterer und spielt mit ihren Puppen, die Tyler ihr ständig kauft und als sie die Adresse der Verwandten erreichten, sind die schon lange ausgezogen. So stellt Tyler das Auto mit dem schlafenden Kind vor die nächste Polizeistation und fährt von Schuldgefühlen gepeinigt auf einen Parkplatz, wo noch die Hurricanschäden zu finden sind. Dort trifft er auf einen seltsam gekleideten Koreaner namens Joe, der ihn in eine Art Sekte mitnimmt. Tyler will eigentlich nicht bleiben, verletzt sich auf der Flucht aber durch einen rostigen Nagel, so daß er auf die Sanitätsstation gebracht wird. Er gibt sich als Journalist aus und recherchiert ein bißchen in der Sekte herum, die von einem Mister Goldmann gegründet wurde, der außerhalb des Zauns in einem Hotel wohnt. In der Sekte muß man am Bau des Doms arbeiten und im Chor singen, der in einem Schiff untergebracht ist.
„Die Gesänge der Verlierer“ heißt ja das Buch und Mister Goldemann erzählt Tyler auch, daß er zu dem Chor gekommen ist, weil er ein Augenleiden hat, das nur durch einen bestimmten Gesang gemildert wird. Es gibt auch einen sogenannten Palazzo, wo die Wächter wohnen, die obwohl verboten, Zigaretten und Bier verkaufen und dabei gut verdienen und Tyler trifft in der Kantine Celia, in die er sich ein bißchen verliebt. Der alte Joe ist als Art Feuerwächter angestellt und es kommt zu einer Brandlegung und einer Schießerei, die damit endet, daß Tyler mit Celia und Joe in einem gestohlenen Wagen flüchtet. Geld hat er ja viel, hat ihm auch Sallys Mutter dieses mitgegeben und so fährt er wieder zu der Polizeistation, nachdem er in dem Motel niemanden erreichen konnte, gibt sich als Sallys Onkel aus und läßt sich den Namen des Heimes sagen, in dem sie untergebracht wurde, dann erführt er sie mit Joes Hilfe und bricht mit ihr und Joe, nachdem sie Celia, die nach New York wollte, zum Flughafen brachten, in ein vielleicht besseres Leben auf.
Ein interessantes Buch, vor allem in der Art und Weise, wie es erzählt wird. Zuerst kommen die kleinen trefflich geschilderten Beobachtungen, dann kommt man nach und nach hinein in das amerikanische Roadmovie und Abenteuerroman.
Etwas habe ich jetzt vergessen, was mich in meiner momententanen Bilanzziehstimmung sehr beeindruckt hat. Irgendwo in der Mitte des Buches beginnt Tyler über den man sonst nicht so viel erfährt, über sein Leben zu erzählen. Er ist der Sohn eines verhinderten Opernsängers, der davon träumte auf großen Bühnen zu singen, es aber nur zu kleinen Rollen oder als Agentursänger auf Hochzeiten und Bars gebracht hat, wodurch das Eheleben wackelte und Tylers Jugend geprägt wurde. Was macht man als mittelmäßiger Sänger, wenn man gerne Opernarien singt, es aber nie in die erste Liga schafft?, ist ja etwas was mich, in Bezug Literatur ja sehr beschäftigt.
Lappert bringt es auf einen Punkt und erzählt es lapidar und dennoch sehr beeindruckend. Ein sehr interessanter Autor also, der 1958 in Zürich geboren wurde und vor vier jahren auf der Shortlist des dBP stand. Sonst habe ich von ihm noch nichts gehört und gelesen, die Shortliste hat aber großes Aufsehen gemacht und so habe ich mir den Namen eingeprägt und das ist ja die Art und Weise, wie ich mir Bücher aussuche und ich habe mir gleich eine Idee für mein eigenes Schreiben mitgenommen. Ich könnte ja den Tag einer Frau beschreiben, an dem eigentlich nichts passiert, sie aber durch lauter schöne Momentaufnahmen stolpert, habe ich gedacht, als ich noch ziemlich am Anfang war. Später ist dann sehr viel Handlung dazugekommen, der Roman rast rasant durch Amerika, parodiert es vielleicht ein bißchen, hat sicher seine märchenhaften Seiten und wird auch seine diesbezüglichen Vorbilder oder Reisen haben, um die Stimmung so prägnant hinzubekommen zu haben.

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