Literaturgefluester

2013-08-06

Wir waren da

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:23

Neun Erzählungen des 1974 in Graz geborenen Roman Marchel, der 2004 den Siemens Literaturpreis gewonnen hat, 2011 erschien sein erster Roman „Kickboxen mit Lu“ bei Residenz und jetzt die neun Erzählungen, Alltagserlebnisse, Familienkatastrophen aus der Sicht Erwachsenwerdender oder schon Gewordener.
In einem fast altmodisch bedächtigen Ton erzählt da Alexander oder Xahander, ein siebzehnjähriger Hinterbliebener in „Der Roboter und das Mädchen“, ein bißchen surreal anmutend ist die Geschichte, die wie in der Gruppe anonymer Alkoholiker beginnt.
„Hallo, ich Xahander und ich bin da für meine Mutter, die in Ruhe schweigen soll!“
Dann geht es los in das Familienidyll, eines Sommernachmittags in einen Garten, die Kinder trinken Cola, der kleine Bruder darf noch nicht, die später spielt ein Lied auf einem Radio, nervt damit alle, es wird ihr verboten, sie geht ins Haus, kommt wieder und verschwindet schließlich mit einem Roboter um niemals wiederzukehren.
„Halihalo, wo sind wir auf welcher Ebene, in der der Geister? Die Medienwelt stürzt sich jedenfalls auf die Familie, die trotzdem weiterlebt, der kleine Bruder fürchtet sich vor Gewitter und an den Jahrestagen, die besonders gefährlich sind, spielt die Katze Doucette, die eigentlich ein Kater ist, mit dem Radio, die Melodie „Seasons in the sun“ geht los und die Mutter kommt ins Krankenhaus und Xahander in die Selbsterfahrungsgruppe.
So geht es weiter. In der nächsten Geschichte, ist eine Siebzehnjährige kurz vor ihrer Matura, die Erzählerin, in dem Sommer in dem Markus drei Gedichte für sie geschrieben hat, die in seinem später erschienenen Buch nicht enthalten sind. Wieder wird geheimnisvoll nach rückwärts erzählt, die Gedichte sind enthalten und sehr schöne Wortwendungen, gibt es in den „Schwimmern in den Kronen“, die sich nachts um elf am Dach treffen auch.
In ein „Sterbender Schneemann“ geht es um den Großvater. Sein Sterben und sein Leben wird hier erzählt. Der Großvater der Patriarch, der sich nur zweimal im Leben entschuldigt hat, der die Frauen schwängerte und dem Krieg in einer BMW 1939 voranbrauste, die kleine Enkeltochter Clara, der ein Goldkettchen schmieden ließ, wird einen Schneemann mit Hut für ihn bauen, der ihn sozusagen als Grabwächter begleiten wird.
Ähnlich surreal geht es im „Weißen Hai im Bretterschuppen“ weiter, da verfolgen wir erst die Träume zweier Studenten Jan und Boris, in ihren Wiener Wohnungen, der eine träumt von einer Hexe, der andere von schönen jungen Mädchen, mit denen er gerne Artischokenspitzen aus Joghurtsaucen löffeln möchte und lädt den anderen dazu ein, da sich das Mädchen weigert. Der erscheint mit einer Flasche Sekt und fordert dann den Freund auf, in das elterliche Dorf zu fahren, es ist der vierte Todentag des Vaters, das Haus hat der längst verkauft ist ist schon abgerissen worden, aber da gibt es noch einen Schuppen mit einem Poster vom weißen Hai, den Boris als Kind von seinem Vater bekommen hat. Sie holen ihn und bringen ihn zurück nach Wien.
Die „Zwei Schwestern“ sind zwei- und fünfundachtzig, klein und dick, größer und hager die anderen, sie können sich nicht leiden und spielen dennoch einmal in der Woche mit einem befreundeten Ehepaar Halma. Die Enkeltochter Katharina erscheint mit dem Schulaufsatz den sie über ihren Großvater, der das Hakenkreuz länger als er mußte, über seinen Schreibtisch hatte und die eine Schwester erzählt der andere dann triumphierend, daß sie ihre Liebesbriefe, die sie einmal von einem an der Front gefallenen bekam, belesen und weggeschmissen hat.
Und in „Et in Arcadia ego“, liegt einer offenbar auf der Intensivstation und erlebt sein ganzes Leben, bis vor der Geburt wieder.
In „Kleine Geschichte der Luftschifffahrt zwischen den Marmeladegläsern meiner Großmutter“ erleben vier Kinder schöne Zeiten in der Speisekammer ihrer Großmutter, wo sie in roten und blauen Pyjamas die „letzte Fahrt der Hindenburg“ sowie Raumschiff Enterprise immer und immer nachspielen. Die Kindheitsnachmittage enden mit dem Gymnasiumsantritt des Cousins, der nun für Briefe an das Christkind schon zu groß ist, zerbrochenen Marmeladegläsern, einem blauen Auge des Herrn Krumbach und schließlich, wie es im Leben so kommt mit dem Tod der Großmutter.
Im „Tunnel“ geht es noch surrealer zu, denn da bekommt eine siebzigjährige Frau plötzlich einen Kinderschuh geschickt und erlebt die Sommer und die Katastrophen ihrer Kindheit wieder, so daß sie sich in einem Zug setzt, eine geheimnisvolle Reise anzutreten, die schließlich im Krankenhaus mit einem fast Nierenversagen endet und in der letzten Geschichte „About a girl“ erleben wir die Pubertät, die verlorenen Träume und das Scheitern der fünfzehnjährigen Silvia mit, die am Mittagstisch gelangweilt in ihrer Buchstabensuppe stochert und dann am Weg zum Teich nochmals alle Stationen ihres bisherigen Lebens durchgeht, die zwei Freundinnen Natascha und Evelyn mit denen sie sich im Dorf eine Traumstadt bauen wollte und mit Popcorn Taubenfütternde japanische Touristen spielten. Den Tag wo sie mit sieben als Prinzessin beschloß fortan nicht mehr in die Schule zu gehen, den grünen Hydranten in den sie einen Marsmenschen erkannten und die Schrecken einer Party zu der sie nicht mehr eingeladen wurde, weil die Eltern ihrer Freundinnen dagegen war.
Rroman Marchel erzählt auf eine fast altmodisch bedächtige Weise seltsam surreale Geschichten aus den Kindertagen, die einen seltsamen Kontrast zu den viel fetzigeren schnelllebenderen Geschichten bilden, die die trendigen Jungautoren sonst, um ihn herum schreiben und wahrscheinlich gerade deshalb lesenswert und zu empfehlen sind.

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