Literaturgefluester

2014-02-25

Die Entdeckung der Liebe

Filed under: Uncategorized — jancak @ 21:10

„Dieses Buch hat mich berührt und begeistert. Es ist wunderschön“, schreibt Amos Oz aufs Cover von Judith Katzirs „Entdeckung der Liebe“, eine Entdeckung aus dem Bücherschrank und ein Buch einer mir bisher unbekannten israelischen Autorin, 1963 in Haifa geboren, über die im Netz sehr wenig zu finden ist.
Berührt hat mich das Buch ebenfalls und die so ungehemmt geschilderte Beziehung zwischen einer vierzehnjährigen Schülerin und einer zwölf Jahre älteren Lehrerin, mich auch ein wenig ratlos gemacht, da das ja eigentlich ein Straffall ist, eine Traumatisierung auslösen sollte oder als Jungmädchenfantasie durchgehen könnte, vertraut, die vierzehnjährige Rivi, diese Geschichte ja ihrem Tagebuch an und schreibt darin Briefe an Anne Frank, was man auch als unverschämt oder kitschig, was auch immer bezeichnen könnte. Ich dürfte so etwas wahrscheinlich nicht schreiben und es ist auch die Frage, ob die Literatur das, was man im Leben verwerflich findet, verherrlichen soll?
Zu Beginn des Buches ist Rivi achtunddreißig und eine mehr oder weniger berühmte Schriftstellerin, verheiratet, Mütter zweier Töchter und fährt nach Haifa zum Begräbnis ihrer Literaturlehrerin Michaela. Es gibt Begegnungen mit alten Freundinnen, deren Familie und was auch immer, dann fährt Rivi an den Strand und sucht nach in Plastiktüten verpackten Heften, in denen sie in den Siebzigerjahren Tagebuch führte, beziehungsweise als Kitty Briefe an die „Liebe Anne!“, schrieb.
Sie findet sie nicht gleich, denn die hat der „Zehn Groschen Joe“, ein Obdachloser, der dort wohnt, längst gefunden, gibt sie ihr wieder und so gleiten wir in drei Teilen in die Entdeckung der Liebe der vierzehnjährigen Rivi ein, die zwei kleinere Brüder hat, eine Mutter, die in einem Reisebüro arbeitet, einen Vater, der von ihr hinausgeworfen wird und der dann nicht mehr mit der Tochter spricht, sondern nur mehr die Brüder abholt.
Die Tochter hört an einem Ohr schlecht, hat Panikattacken, abgebrochene Zähne, trägt eine Brille und ist eine Bücherwürmin, die sich in die Welt von Sylvia Plath, Anne Frank, etc hineinversinkt und auch selbst Gedichte schreibt.
In diese Situation kommt die sechsundzwanzigjährige Michaela in die Klasse, die sich gerade erst mit einem jungen Arzt verheiratet hat, liest den Schülern Gedichte vor und fordert sie auf, einen Brief an Anne Frank zu schreiben. Der beste Aufsatz darf dann am Holocaust-Gedenktag vorgelesen werden. Rivi, die sich in Michaela verliebt hat, wird ausgewählt und leidet schrecklich, weil sie das mit einer ungebügelten Bluse tut und die Mutter damit unzufrieden ist.
Michaela findet die weinende Rivi und gibt ihr einen Kuß. Im zweiten Tagebuch wird dann das zweite Jahr beschrieben, wo Michaela Rivis Liebe erwidert, sie ständig zu sich einlädt, sie nach der Schule in ihrem Auto, Rosinante, der Hund heißt Dulcinea, an den Strand oder in den Wald fährt und sie sich dort in die Arme fallen. Der Ehemann wird eifersüchtig, die Mutter mißtrauisch, ein Polizist erwischt die Beiden und Michaela wird auch noch schwanger, damit sie ein Alibi hat.
Im dritten Heft, dazwischen fährt die erwachsene Rivi vom Begräbnis, nach Tel Aviv nach Hause, wo sie Mann und Kinder erwarten, findet Rivi einen Freund, den malendenden Absolon, der von den Lehrern Karikaturen zeichnet, um herauszufinden, daß sie nicht nur lesbisch ist und der Freund der Mutter ist endlich geschieden, so daß er bei ihr einziehen kann.
Er ist sehr ordnungsliebend, so findet die Mutter, Nacktfotos von Rivi und Michaela und auch die Tagebücher, schleppt sie in die Schule, Rivi wird zum Direktor gerufen, leugnet alles ab, sagt „Das ist nur Fantasie!“, vergräbt die Bücher, Michaela kündigt in der Schule und geht mit Mann und Sohn, der Kleine, der im ersten Lebensjahr viel weint, wird sich später zum Autisten entwickeln, nach Amerika. Rivi entwickelt sich zur Schriftstellerin, lernt irgendwann ihren Mann kennen, bekommt ihre Kinder und fährt immer wieder nach Amerika, dazwischen schickt Michaela Geschenke an die Kinder, obwohl sie in Amerika noch andere Beziehungen zu Schülerinnen hat.
Am Schluß stirbt sie an Krebs und Rivi kehrt vom Begräbnis als erwachsene Frau zu ihrer Familie zurück.
Ein sehr ungewöhnliches Buch, das der Psychologin viele Fragen aufwirft, ob seiner Freizügigkeit. Poetisch ist es natürlich auch, aber die Mischung zwischen dem pubertierenden Mädchen mit den vielen Problemen und der starken Erotik, die durchaus positiv und als Entwicklungsstufe gesehen wird, von Traumatisierung keine Spur, ist für mich ungewohnt.
Dazwischen wird auch immer wieder über die israelische Politik der Siebzigerjahre erzählt und die Geschichte der Holocaustopfer thematisiert.
Geraucht wird in dem Buch auch noch sehr viel, das ist inzwischen ebenfalls sehr ungewöhnlich und geht man zu den „Amazon-Rezensionen“ erstaunt, daß dort die starke erotische Komponente, die ja eigentlich verboten ist und ginge es um einen Lehrer, wohl auch Abscheu hervorrufen würde, als eindimensional und als Frauenroman beschrieben wird.

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