Literaturgefluester

2020-05-25

Egons Verdacht

Hier wieder ein Stück aus meinem Corona-Roman, der eher eine Erzählung ist:

„Egon Herweg hockte in seinem Trainingsanzug vor dem Schreibtisch am Computer, als Roswitha das Zimmer betrat und zuckte, als sie ihn ansprach, unwillig zusammen.

„Ich hoffe ich störe nicht, Egon! Ich wollte dir nur mitteilen, daß ich wieder zu Hause bin! Ich war im Museum, um den Raum noch einmal zu vermessen!

Das hat ein bißchen gedauert und ich habe gehört, daß sich Beate und Janina Sorgen, um mich machten! Das hast du, wie ich sehe nicht! Es wäre auch nicht nötig gewesen! Janina hat mir auch erzählt, daß du an deiner Vorlesung arbeitest! Wie geht es dir dabei?“, fragte sie und wunderte sich nicht, daß er sie unwillig anknurrte und „Was willst du, Hexe?“, fragte.

„Willst du mich schon wieder kontrollieren, damit ich brav zu bleibe und nicht zu meinen Studenten komme? Da hast du dich mit der anderen Hexe, die mit den klappernden Ohrringen, zusammengetan, damit ich das nicht kann! Ich weiß gar nicht, warum ihr so besessen seid, daß ich zu Hause bleibe! Aber ich habe euch durchschaut und es wird euch nicht gelingen! Und damit du beruhigt bist, die Ohrringenhexe habe ich zufrieden gestellt! Das ging ganz einfach! Mit einem Zehneuroschein, von denen ich noch einige in meiner Brieftasche habe, habe ich das gemacht! Sie hat sich zwar zuerst geziert und „Das darf ich nicht nehmen, Herr Professor!“, gesagt. Dabei aber so schnell, wie ich gar nicht schauen konnte, nach dem Geld gegriffen und es in ihren Ausschnitt gesteckt. Vorhin ist sie wieder ohne anzuklopfen in mein Zimmer gestürmt und hat mich, wie du, bei meiner Vorstellung gestört! Hat sich vor mir im Kreis gedreht und mir die neuen Klimperdinger, rosa und gelb gesprenkelt, wie sie mir erklärte, vorgeführt.

„Sie sind ein Engel, Herr Professor!“, hat sie mich angesäuselt. Ihr beide seid höllische Geschöpfe und stört mich bei meiner Vorlesung, die sehr wichtig ist! Denn stell dir vor, Roswitha-Hexe, ich habe das Spiel durchschaut und werde das auch meinen Studenten mitteilen!“

„Wie meinst du das, Egon?“, fragte sie erstaunt und nahm auf der Couch, die dem Schreibtisch gegenüberstand Platz.

„Das ist so logisch, wie der Abstand von dem Babyelefanten von dem jetzt ständig die Rede ist und den mir die Ohrringenhexe immer einzubleuen pflegt, wenn Sie mich am Weggehen hindern will! „Sie müssen Abstand halten, Herr Professor, weil Sie krank werden und sterben können!“, pflegt sie mir mit ihrer süßlichen Bebystimme, als wäre sie eine Kindergärtnerin, vorzusäuseln, aber ich habe sie durchschaut und weiß, was gespielt wird! Weiß es was genau!“, antwortete er energisch und schaute sie grimmig an.

„Wie meinst du das, Egon?“, fragte sie erneut.

„Das Corona-Virus ist wahrscheinlich ernst zu nehmen und da wir beide zu Risikogruppe zählen, ist es sicher besser vorsichtig zu sein und zu Hause zu bleiben! Das sagt die Regierung bei ihren Pressekonferenzen und das meint wahrscheinlich auch Janina, wenn sie dich am Fortgehen hindern will! Du kannst das auch tun, da du dich seit drei Jahren in Pension befindest und keine Vorlesungen mehr hältst! Du kannst aber das, was dir wichtig ist, aufschreiben und es vielleicht als Buch herausgeben!“, meinte sie dann wieder das, was sie schon sehr oft gesagt hatte und man ihr auch in der Alzheimer-Angehörigengruppe, die sie ein paarmal besucht hatte, empfohlen hatte und wunderte sich ein wenig, daß Egon ihr nicht, wie gewohnt, widersprach, sondern nickte.

„Genau, das, Hexe, werde ich auch tun!“, sagte er, hob die Hand und hielt ihr seinen ausgestreckten Zeigefinger vors Gesicht.

Ich werde das, was ich auf der Straße erlebt habe, als ich zu meiner Vorlesung wollte und nicht konnte, weil mich die Ohrringenhexe vor dem Supermarkt erwischt und nach Hause geschleppt hat, aufschreiben! Aber die habe ich mit neuen Ohrringen bestochen! Dann gibt sie, das weiß ich, eine Zeitlang Ruhe! Stellt sich damit vor den Spiegel und dreht sich, wie ein Pfau im Kreis oder sie macht, wie sie mir erzählte, ein Foto und schickt es an ihre Freundinnen, die in Kosice in Quarantäne hocken oder in anderen Wohnungen bei anderen Leuten sitzen und aufpassen, daß sie brav zu Hause bleiben! Ich habe es aber durchschaut und werde alles aufzeichnen und wenn es sein muß auf diese Art und Weise meinen Studenten schicken, damit sie verstehen was läuft und sich nicht täuschen lassen!“, sagte er und nickte energisch mit dem Kopf.

„Wie meinst du das, Egon?“, fragte sie zum dritten Mal und wunderte sich nicht, als er jetzt „Orwell“ und „1984“ antwortete.

„Hast du das Buch nicht gelesen und nicht gemerkt, daß wir in einen dystopischen Roman geraten sind, Hexe? Ich hätte gedacht, du hast das mitbekommen, da du jetzt auch nicht mehr nach draußen gehst, sondern den ganzen Tag zu Hause hockst, dort deine Arbeit machst und dabei mit deinem Assistenten schäkerst, wie mir die Janina-Hexe erzählte! Du siehst, ich bin informiert und kenne mich aus!“, behauptete er energisch und hob noch einmal den Zeigefinger, was Roswithas Schuldgefühle prompt verstärkte und Scheiße!“, denken ließ.

„Vielleicht sollte ich Janina auch einen Zehneuroschein zustecken, damit sie sich grüne Froschohrringe kaufen kann, mich in Ruhe läßt und meine Arbeitssitzungen mit Viktor nicht brühwarm an Egon und Beate weitergibt.

„Das sind meine Arbeitssitzungen mit Viktor Neumann, Egon!“, antwortete sie mit schuldbewußter Stimme und hochroten Kopf.

„Da ich auch schon über Fünfundsechzig bin und von zu Hause arbeiten muß, machen wir soviel es geht Online, wie du deine Vorlesungen auch besser zu Hause machst und was George Orwell betrifft, hast du, glaube ich recht! Ich habe auch schon gedacht, daß wir in einem falschen Film geraten sind! Obwohl niemand etwas für das Virus kann und man sicher vorsichtig sein und aufpassen soll!“, sagte sie dann zögernd, das, was sie aus dem Mund des jungen feschen Bundeskanzlers jeden Tag hören konnte und hob die Hand, um Egon trotz seines grimmigen Gesichtsausdrucks zu streicheln und sich dabei an den jungen Geschichtsassistenten zu erinnern, den sie vor über fünfunddreißig Jahren bei einem Vortrag kennengelernt hatte und an den sie ihr Assistent manchmal erinnerte.

„Laß sehen, was du geschrieben hast, Egon?“, sagte sie, versuchte in den Bildschirm zu blicken und war zufrieden, als sich sein Gesichtsausdruck ein wenig entspannte und er sogar zur Seite rückte, so daß sie ihm näher kommen konnte.

.

6 Kommentare »

  1. Oh.Mein.Gott.

    Kommentar von Ulrich Lucas — 2020-05-25 @ 09:32 | Antworten

  2. sehr gut!!

    Kommentar von Peter Czak — 2020-05-25 @ 11:14 | Antworten

  3. Ja, das ist ein Stück aus meinem Corona-Text „Kein Frühlingserwachen mehr“, wo es an sich um die Beziehung zwischen einer älteren Frau zu einem jüngeren Mann, ihrem Assistenten, gehen sollte, aber dann ist die Corona-Krise dahergekommen und da war es natürlich naheliegend oder verlockend, das einzubeziehen und da der Gatte der Roswitha Herweg, ein ehemaliger Universitätsprofessor, Alzheimer hat, war es für mich interessant sich auszudenken, wie solche Menschen, Demente, Leute mit Verfolgungswahn oder auch ganz normale Kinder, das erleben könnten, wenn plötzlich alle, wie die Zombies mit Masken auf den Straßen herumlaufen und das warum nicht so ganz verstehen.
    Die Szene mitten aus dem Zusammenhang gerissen, versteht man wohl auch nicht so ganz, aber es gibt schon eine Szene aus dem Text, die vor ein paar Tagen erschienen ist, eine weitere wird morgen folgen und dann vielleicht, wenn ich nicht anderes zu schreiben habe, weil ja die Veranstaltungen ausfallen, noch mehr, so daß womöglich, das weiß ich noch nicht so genau, der ganze Text oder große Teile daraus hier sozusagen als Vorabdruck, bevor es das Buch geben wird, was sicher erst im nächsten Jahr passiert, zu lesen sind.
    Über Kommentare und Anregungen freue ich mich natürlich, so daß wir, vor allem wenn sie länger sind, hier gut darüber diskutieren könnten!

    Kommentar von jancak — 2020-05-25 @ 11:28 | Antworten

  4. Da geht es ganz schön zur Sache, will sagen: gleich zu mehreren Sachen: Corona, Alzheimer, verbotene Liebe – und so aus dem Zusammenhang gerissen tappt man im Dunkeln, aber gerade das fand ich an diesem Ausschnitt besonders witzig.

    Kommentar von Margit — 2020-05-25 @ 13:56 | Antworten

  5. Ja, ist einiges enthalten, die Corona-Krise ist die Situation, die wenigstens mich reizt darüber zu schreiben, beziehungsweise die Handlung in diese Zeit einzubeziehen.
    Ursprünglich war die Idee, der Roswitha einen Mann mit Schlaganfall zu geben, dann bin ich aber irgendwie, wahrscheinlich durch das Buch vom David Fuchs zum „Alzheimer“ gekommen.
    Da kenne ich mich besser aus und dann hat der Gedanke ja auch einen unheimlichen Reiz sich vorzustellen, da geht einer mit „Alzheimer“ auf die Straße und sieht lauter maskierte Leute, was denkt er sich da?
    Ich habe mir gedacht, er denkt sich, er ist in einen dystopischen Roman geraten, beziehungsweise fühlt er sich bedroht und schreibt einen solchen darüber.
    Und ja, das Hineinstolpern mitten in den Text ist ein Wagnis, natürlich, aber vielleicht helfen die Schreibberichte, die es seit April gibt, um zu verstehen, um was es geht und dann habe ich auch in Zukunft vor, immer wenn ich sonst nichts zu schreiben habe, eine Szene in den Blog zustellen.
    Eine Egon Szene mit dem Titel „Die Veränderung“ gibt es schon, morgen wird eine kommen, die eher am Beginn der Handlung steht. Ich werde das immer verlinken, beziehungsweise erklären, so daß man nach und nach, ich weiß noch nicht genau, was ich noch hineinstellen werde, die Handlung mitbekommn wird oder aber neugierig sein wird, vielleicht einmal das Ganze zu lesen!

    Kommentar von jancak — 2020-05-25 @ 15:01 | Antworten


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