Literaturgefluester

2010-07-22

Sommerlöcher

Filed under: Uncategorized — jancak @ 13:35

Die Rezensentendiskussion bei Anni Bürkls „Texte und Tee“ , die meine beiden diesbezüglichen Kommentare inzwischen freigegeben hat, wofür ich herzlich danke, gibt Anlaß die eventuellen Sommerlöcher auf dem Land zwischen Faulenzen, Radfahren und über seinem Text brüten aufzufüllen, denn die Diskussion wirft manche widersprüchliche Frage auf, zeigt, wie heikel das Thema ist und wie schwer es fällt, damit umzugehen. Anni Bürkl fordert ein „Mindestmaß an Können, Kenntnis von Literatur, Professionalität, Objektivität und Sachlichkeit fürs Rezensieren“, sagt aber auf „Leselustfrusts“ Frage nicht, was darunter zu verstehen ist, was das Ganze schwierig macht, denn wenn man nicht weiß, was man falsch macht, kann man sich nicht verbessern. Ein Literaturstudium braucht man für das Besprechen der Bücher, die man gelesen hat, glaube ich, nicht.
Im Gegenteil, ist das ja einer der Vorzüge des Internets, daß es jedem ermöglicht seine Meinung zu sagen, natürlich muß das unter fairen Bedingungen geschehen. Objektiv und sachlich, ja, aber die Subjektivität ist natürlich nicht auszugrenzen und ich halte mich da als Psychologin an die psychologischen Regeln, die man jeder guten Kommunikation empfiehlt.
„Leselustfrust“ hats ohnehin angeführt. Wenn mir ein Buch nicht gefallen hat, sage ich „Das und das hat mir nicht gefallen!“ und vielleicht noch dazu „weil … oder was genau“ und nicht „Das ist ein schlechter Autor!“ und für den Autor gilt es umgekehrt. Das ist auch das, was man in den Schreibseminaren lernt und da hat mich Anni Bürkl vor einem Jahr durch ihre Feedbacktips, als Frau Heidegger den „Wunderschöner Tintentraum“ als „fürchterlichen Kauderwelsch“ bezeichnet hat, sehr beeindruckt.
Und wenn ich von einem Leser höre „Das und das ist schlecht“, aber alle anderen halten es für gelungen, ist es wahrscheinlich seine persönliche Meinung und ich kann es vergessen. Sagen mir aber fünf ungefähr das Gleiche, tue ich sehr gut daran, es mir in meinem Text anzusehen. Natürlich entscheidet der Autor, was er mit der Kritik anfängt, ob sie passt oder nicht. Aber ich denke, jeder Autor, jede Autorin ist gut beraten zuzuhören und sollte nicht beleidigt sein.
Das ist leicht gesagt und schwierig durchzuführen, denn wir alle sind empfindlich und wenn ich ein Jahr oder wie lange auch immer, über einen Text gesessen bin und dann kommt irgendwer daher, der vielleicht nicht einmal qualifiziert erscheint und fegt mit einem Handstrich darüber, ist das nicht leicht. Ich sage nicht, daß das bei „Leselustfrust“ so war, die hat die psychologischen Kriterien und da sie auch Schreiberatgeber und übers Rezensieren liest, auch das fachliche Know how. Trotzdem sollte man beim Kritisieren vorsichtig sein, denn man kann leicht treffen.
Das nehme ich mir zumindest zu Herzen, weil ich selber schreibe und weiß, was man damit anrichten kann. Ich habe lernen müssen, damit umzugehen, es fällt mir wahrscheinlich immer noch nicht leicht, aber ich habe nichts davon, wenn ich Kritik verbiete, dann hält der andere vielleicht den Mund, aber ich weiß nicht, was ich besser machen könnte. Deshalb sind kritische Leser wichtig und die Bücherblogs mit den engagierten Lesern, auch wenn sie nicht Literatur studiert haben und ich tue als Autorin gut daran zuzuhören und nicht gekränkt zu sein.
Das das schwer ist, sieht man an den Großen. So war ich, 2001 wird das gewesen sein, in der Alten Schmiede bei einer Lesung von Daniel Kehlmanns „Der fernste Ort“. Da waren ein paar Studenten, also Fachpublikum, die den Autor in der Diskussion mit kniffeligen Fragen angegegriffen haben, der hat einen roten Kopf bekommen und sich bemüht sehr freundlich „Ich freue mich, daß Sie sich so sehr für meine Literatur interessieren“ zu antworten, bis es dem Mann, der neben mir gesessen ist, zuviel geworden ist und er sich lautstark empörend, so was wie „Raunzt nicht kaufts und darüber brauchen wir nicht reden!“, forderte und Kurt Neumann die Diskussion abbrach, was mich sehr wunderte.
Im „Literarischen Leben der Dora Faust“, habe ich das in einer Szene verwendet und wenn ich mich nicht irre, ist es das Buch, das Anni Bürkl von mir kaufte. Das nur als Bonmot. Ich denke, es ist toll, daß es so viele Leserbesprechungen gibt, das Wort „Laienrezension“ erscheint mir nicht passend, weil ich denke, daß es ein Rückschritt ist, zu fordern, daß nur jemand mit einem Studium etwas zu einem Buch sagen darf, daß das sogar gefährlich wäre. Gut, daß es nicht so ist und daß, wie ich in der Zeitschrift „Datum“ gelesen habe, inzwischen zweihunderttausend Österreicher bloggen und durchaus etwas zu sagen haben.
Als Helmuth Schönauer „Das Haus“ besprochen hat, hat er sich „Leselustfrusts“ Besprechung angesehen und gelobt, daß es pro gelesenen Buch eine Besprechung geben kann und, daß es mit den professionellen Besprechern auch nicht so einfach ist, steht in den Kommentaren zu Anni Bürkls Artikel.
Da schreibt Frau Dr. Schramm, daß manche Rezensenten nur die Verlagsprospekte abschreiben und diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Also freuen wir uns über die engagierten Leser, die ihre Meinung sagen. Ob ich das jetzt Rezension oder Meinung nenne, ist egal, weil man ohnehin sieht, ob es auf einem privaten Blog oder in der FAZ erscheint und da wird es möglicherweise Unterschiede im Ausbildungs- und Erfahrungsgrad des Rezensenten geben.
Aber wenn eine fünfhundert Bücher gelesen und besprochen hat, versteht sie was davon und da ist die sogenannte Qualität des Lesestoffes gar nicht so wichtig. Natürlich lesen die durchschnittlichen Bücherblogger oft was anderes, als in den Buchpreislisten steht und es interessiert mich auch nicht alles, was sie lesen.
Aber wenn einer zweihundert qualifizierte Besprechungen seiner Mickey Mouse oder beispielsweise, weil ich das selber gern gelesen habe, Courths-Mahler Bücher liefert, wäre das interessant, auch wenn die sogenannten Profis stöhnen.
Also lassen wir die Leser lesen, was ihnen gefällt. Bei einem Satz von 20 % Analphabeten, die unsere Schulen angeblich produzieren, sollten wir uns über die freuen, die freiwillig und gern Bücher in Blogs besprechen, Challenges und Blogparaden darüber veranstalten und ich finde es beachtlich, wenn jemand ein zweites Buch einer Autorin liest, wenn ihr das erste nicht gefallen hat, kann das nicht masochistisch finden und wundere mich, daß Anni Bürkl auf diese Idee kommt.
Freuen wir uns über die Leser und wenn die einmal übertreiben und vielleicht unqualifizierte Urteile abgeben, kann man ja darüber reden.
So hat diese Diskussion sicher das Interesse für „Ausgetanzt“ geweckt. „Wer hat nun recht?“ „Ist es ein gutes oder schlechtes Buch?“ So werden die Bestsellerlisten ja gemacht, schade finde ich nur, daß sich eine Leserin von „Leselustfrust“ dadurch entschlossen hat, das Buch nicht mehr zu kaufen, denn vielleicht hätte es ihr gefallen.
Bevor ich mich in meine Romanwelt hineinbegebe, habe ich gestern, wenn auch nur irrtümlich, eine Einladung zu einem Sommerfest von Ditha Brickwell nach Berlin erhalten und Berlin ist ja eine sehr literarische Stadt, in der die meisten Wenderomane spielen, von denen ich gerade einen lese, mache Autoren ihre literarischen Agenturen haben und ich ein paarmal, lang lang ist her, Kerstin Hensel besucht habe und Werner Grüner hat auch angerufen und, da er mich eingeladen hat, die Eröffnungsrede bei der Ausstellung zu zwanzig Jahre Lesetheater im Bezirksamt Landstraße zu halten, meine Sommerfrische um einen Tag verkürzt.

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1 Kommentar »

  1. […] [Briefe an die Außenwelt] „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!“, oder: Dichter beschimpfen Dichter. Veröffentlicht in Briefe an die Außenwelt von sternenwanderer am August 26, 2010 In Gedanken an: leselustfrust, Anni Bürkl und Eva Jancak. […]

    Pingback von [Briefe an die Außenwelt] „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!“, oder: Dichter beschimpfen Dichter. « Im Labyrinth der Buchstaben – Mein Leben als Leserin — 2010-08-27 @ 01:19 | Antwort


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