Literaturgefluester

2011-02-26

Verfahren

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:18

„Verfahren“, der neue Dokumentationsroman von Ludwig Laher wirft wieder ein aktuellen Thema auf. Ein höchst aktuelles sogar, wurden ja unsere Asylgesetzte ausgerechnet diese Woche verschärft und von den Abschiebepraktiken unserer Behörden war in den letzten Monaten und Wochen ebenfalls sehr oft die Rede.
Wieder nähert sich Ludwig Laher sehr gründlich und bedächtig seinem Thema an. So beginnt die teilweise erfundene Geschichte, der Kosovo-Serbin Jelena mit einer Demonstation gegen Frau Minister Fekter, dieser Name wird in dem Buch nicht erwähnt und auch Jelena wird in Wahrheit anders heißen, um uns dann einen Blick in die Akten der Asylbehörden werfen zu lassen, wo es von Fremdwörtern und unverständlichen Abkürzungen nur so wimmelt. So wird Jelena, obwohl sie ja eine junge Frau ist, nur AW – Asylwerber genannt, nur bei der ASt. – Antragstellerin ist man etwas gendergerechter.
Nach und nach erfährt man die Geschichte, über die Ludwig Laher im gestrigen von „Tag zu Tag“ Interview meinte, daß schließlich ohnehin viel zu wenig davon erfunden ist. Jelena ist als Angehörige der serbischen Minderheit im Kosovo aufgewachsen, es gibt einen gewalttätigen, trinkenden Vater, der irgendwann die Familie verlassen hat, so daß Jelena sich nicht mehr an ihn erinnern kann, einen Bruder, der stärker, als die Schwester, die Familie verließ, nachdem das Haus angezündet wurde und die beiden kleineren Geschwister darin verkohlten, die Mutter stirbt an Krebs. Jelena kommt in psychiatrische Behandlung und wird in der Neuropsychiatrischen Klinik an den Wert ihrer Matura erinnern, die soll sie machen, um später eine gute Zukunftsaussicht zu haben. So klammert sie sich daran, ein UNMIK-Soldat verschafft ihr eine Stelle als Putzfrau in der Kantine, sie wohnt im leerstehenden Nachbarhaus, besteht die Matura, wird von vier Albanern entführt und vergewaltigt, was sie das scharfe Putzmittel mit dem sie die Klos putzen soll, schlucken läßt, so daß sie wieder in die Klinik kommt, wo ihr die überforderte aber sehr bemühte Ärztin, die Flucht als Rettung und Heilung in Aussicht stellt, denn in Österreich wird Jelena, meint sie, auf Grunde ihres Schicksals sicherlich leicht Asyl bekommen wird. Was sich als Irrtum herausstellen sollte, denn die Dolmetscherin, eine Albanerin, ist so schwer zu verstehen, daß im Asylantrag später falsche Angaben stehen und die Frage, ob sie krank ist, wird Jelena auch verneinen, denn Krebs, Masern oder Mumps hat sie ja nicht, was schwere Folgen haben wird, denn dadurch wird ihr Antrag abgelehnt und hat man erst einmal falsche Angaben gemacht, läßt sich das später nicht mehr korriegieren.
Dazwischen führt uns Ludwig Laher in einen Gerichtshof und läßt uns einer Verhandlung beiwohnen, er schildert auch die Richter als durchaus freundliche Menschen, die den blondgelockten Dreijährigen, die ihm ihre Sportautos vor die Füße fahren, die freundlich zurückschicken. Wir lernen Dr. Zellweger einen Asylrichter kennen, der sich Gedanken zu seinen Fällen macht, zuhört und gelernt hat, die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden. Denn Ludwig Laher recherchiert genau und versucht objektiv zu berichten.
Von einer blauäugigen Gutmenschposition ist das Buch sehr weit entfernt. Dr. Zellweger erzählt uns bzw. Ludwig Laher durchaus Fälle, wo die Menschen aus den ärmeren Ländern halt versuchen ihr Glück im goldenen Westen zu probieren, wie ein anderer ins Spielcasino geht, klappt es nicht, macht es auch nichts, dann wird schon mal am Tag vor der Verhandlung eingebrochen, weil man, wenn man ohnehin zurück muß, wenigstens etwas haben will, das sich der Familie mitbringen oder am Schwarzmarkt verkaufen läßt.
Die Lehrerin kommt vor, die sich in ihrer Pension der Flüchtlingsbetreuung widmet und der inzwischen über achtzigjährige Arzt, der es der Initiative seiner Mutter verdankte, die vor langer langer Zeit alle Hebel in Bewegung setzte und die Patientenkartei ihres Mannes, einem Wiener Hausarzt nach Hilfsmöglichkeiten durchsuchte, um wenigstens die Kinder nach dem Anschluß aus Wien hinauszubringen. Der heiratet in England, emigriert im hohen Alter zu seiner Tochter nach Canada und kommt doch wieder nach Wien zurück, um sich dieses anzusehen, bzw. zwei Flüchtlingen, die jetzt dort Aufnahme suchen, mit je fünfzig Euro im Monat zu unterstützen.
Eine davon ist Jelena, deren Fall doch wieder aufgerollt wird und die inzwischen eine kleine Wohnung, eine junge Österreicherin, die mit ihr Deutsch lernt und eine schon integrierte serbisch-kosovarische Familie, die ihr einen Anwalt besorgte, gefunden hat.
Auch die Stimmen am Stammtisch kommen gelegentlich vor, allerdings nur leise und sehr wenig, denn da hält sich Ludwig Laher, der genau und objektiv berichten, will, wie er ebenfalls im gestrigen Interview erklärte, bewußt zurück. Emotionen schaden nur und auch das Geschimpfe auf das Gesindel und die Wirtschaftsflüchtlinge, die uns nur die Arbeit wegnehmen wollen und uns bedrohen.
So ist das Lesen des Dokumentationsromans, wie ich meine, sehr zu empfehlen, erfährt man doch sehr viel über das Schicksal der Menschen, die zu uns gekommen sind, um eine Weile oder auch länger bei uns zu leben, was man in der Kronenzeitung beispielsweise nicht erfährt.
Die Menschen und die Schicksale bekommen Gesichter und das Leben im Kosovo kann man sich dadurch auch besser vorstellen. So bin ich zum Beispiel sehr erstaunt, daß die psychiatrischen Kliniken dort so gut funktionieren und die Patienten, obwohl das ja sicher nicht leicht ist, so gut wie möglich zu betreuen versuchen.
Ansonsten ist mir das Thema ja vertraut, habe ich ja eine Zeitlang Diagnostik bei traumatisierten Asylwerbern gemacht und Ludwig Laher kenne ich auch schon lang. Vor Jahren habe ich ihn entweder bei der GAV oder bei den IG-Autoren, wo er sich ebenfalls sehr engagiert, kennengelernt. War bei einigen seiner Lesungen und habe ihn auch im Radio öfter gehört. So weiß ich, daß der bei Haymon erschienene Roman, der dritte Teil einer Reihe ist, mit der sich Ludwig Laher mit den Rändern unserer Gesellschaft und den Menschen, denen es nicht so gut geht, beschäftigt.
„Und nehmen, was kommt“, 2007 ebenfalls bei Haymon erschienen ist der erste Teil, der sich mit dem Schicksal einer slowakischen Romni beschäftigt.
„Einleben“, handelt vom Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom, darüber habe ich schon berichtet und Ludwig Laher für die Jury des „Ohrenschmauses“ empfohlen, jetzt schließt er die Reihe mit einem weiteren wichtigen Thema ab.
Eine kleine Kritik habe ich natürlich auch, bei dem Buch, das ich gelesen habe, es ist ein vom Verlag zur Verfügung gestelltes Leseexemplar, gibt es keine Angaben über den Autor und das ist die Struktur, die ich beim Lesen brauche.
Gut, ich kenne Ludwig Laher persönlich und kann auch bei Wikipedia nachschauen, daß er 1955 geboren ist, Germanistik studierte, Lehrer war und jetzt als Schriftsteller in St. Pantaleon in Oberösterreich lebt. Bei den richtigen Bücher, die ab heute erscheinen, hoffe ich, daß das drinnen steht, denn Angaben über den Autor gehören sicher auch zur Objektivität.
Es gibt aber ein ausführliches Abkürzungsverzeichnis der juristischen Floskeln und ein Nachwort des Autors, über dem er einiges über die Entstehungsweise des Buchs erzählt, das am 7. 4. um 19 Uhr in der Alten Schmiede vorgestellt wird.

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2 Kommentare »

  1. Liebe Frau Jancak!

    Zuerst einmal bedanke ich mich für die Rezension. Ludwig Laher ist ein Autor, der nicht zuletzt aufgrund seines dokumentarischen Romans „Herzfleischentartung“ (den ich noch nicht gelesen habe, was sich bald ändern wird.) ein Schriftsteller ist, der eine ungemeine Faszination auf mich ausübt, erinnert er mich doch die Stilistik seiner Romane – der Verbindung politisch-sozialer Themen, Faktenreichtum und der Verbindung dessen mit der Fiktion – an Erich Hackl.

    Ich wollte meinem Beitrag ein paar Empfehlungen und auch Fragen anschließen:

    Kennen sie von Franzobel „Österreich ist schön. Ein Märchen“? Franzobel beschreibt in seinem Text das Schicksal des kosovarischen Flüchtlingsmädchens Arigona Zogaj, ein nicht zuletzt durch die Medien (- und deren Missbrauch dieses Themas zur Pauschalisierung, Verallgemeinerung, Relativierung aller Schicksale und Verbrechen an und um Asylbewerber.) bekannter Fall, der auch Elfriede Jelinek sehr bewegt hat: „Recht muss Recht bleiben“ (17.1.2009) | Die Ausweisung (12.11.2009) | RAUS! (14.6.2010).

    Ein Hinweis sei noch gegeben, durch einen Artikel im STANDARD aufmerksam geworden, bin ich auf ="http://www.amazon.de/Schwarzer-Peter-Henisch/dp/3701710384/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1298728513&sr=8-1"dieses Buch des Autors Peter Henisch gestoßen, welches nach nach zehn Jahren (zuerst 2001 im Residenz-Verlag erschienen) bei dtv in einer „überarbeiteten Fassung“ wieder aufgelegt wird (Link) und – traurigerweise – seine Aktualität bewahrt hat: „Verdammt noch einmal, ich bin nicht aus Afrika!“
    Diesen Satz spricht Black Peter nicht in New Orleans, sondern im Schubhaftgefängnis an der Wiener Rossauer Lände. Daheim ist daheim, hat er gedacht, aber vielleicht war das ein Irrtum.
    (Homepage des Autors) – Hier im übrigen noch der Artikel aus der STANDARD-Serie „Ich frage mich…“ aus dem ALBUM von diesem Wochenende (25./26.2.1011): Bin ich am Ende auch ein verkappter Terrorist?.

    Mit lieben Grüßen aus Kärnten,
    Gilfaen alias Franzi

    Kommentar von Gilfaen — 2011-02-26 @ 15:07 | Antwort

  2. Ja, das sind alles interessante Texte, wenn auch in unterschiedlichen Stil geschrieben, bearbeiten Henisch, Jelinek, Franzobl das Thema literarisch stilisierend, während Hackl, Laher eher dokumentieren.
    Von Peter Henisch habe ich viel gelesen, den „Schwarzen Peter“ aber nicht und auch nicht „Österreich ist schön“, von beiden habe ich nur Lesungen gehört.
    Es ist diese Woche aber noch ein sicher interessantes Buch zum Flüchtlingsthema erschienen, nämlich Susanne Scholls „Allein zu Haus“, das am 2. März in der Hauptbücherei in Wien vorgestellt wird

    Kommentar von jancak — 2011-02-26 @ 17:48 | Antwort


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