Literaturgefluester

2011-04-26

Howl

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:06

„Howl“ ist das bekannteste Gedicht des 1926 geborenen und 1997 gestorbenen Allen Ginsberg, den Begründer oder wichtigsten Vertreter der Beatgeneration und ein 2010 in den USA entstandener Film von Robert Epstein und Jeffrey Friedman, der derzeit im Schikanederkino zu sehen ist.
Wenn ich ehrlich bin, muß ich zugeben, daß die Beatgeneration also Allen Ginsberg, Jack Kerouac, William S.Burroughs, etc, ein bißchen an mir vorbeigegangen ist, bzw. habe ich, glaube ich, durch sie erst von Christian Ide Hintze bei seinen Präsentationen der Schule für Dichtung bzw. in Ö1 gehört, das Kulturquiz fragt manchmal danach und ach ja, das sind die in Amerika der Fünfziger- und Sechzigerjahre, sex und drugs etc..
Im Deutschunterricht in der Hauptschule und in der Straßergasse habe ich sicher nichts davon gehört und später war für mich die Wiener Gruppe schon irgendwie exotisch, da ich ja eine realistische Autorin bin und auch ein bißchen zu jung für 1968, denn da war ich erst fünfzehn und sehr unpolitisch, kam das eben über Ö1 und Ernst Jandl zu mir, denn da war ich ja im Jänner im Wien-Museum und habe Allen Ginsberg bei diesem berühmten Auftritt in der Royal Albert Hall gesehen.
Ich war aber vor einigen Wochen mit Alfred im Kino und habe da in der Stadtkino-Zeitung den Artikel über diesen Film gesehen und als wir vor einer Woche am Schikanederkino vorbeigegangen sind, ist der Alfred daraufgekommen, daß es den Film am Ostermontag spielt. Deshalb sind wir auch ein bißchen früher aus Harland zurückgekommen, der Osterspaziergang des ersten Wiener Lesetheaters, der diesmal wieder durch (einen anderen Teil) des vierten Bezirk führte, hätte noch früher angefangen. Da mich aber niemand eingeladen hat mitzulesen und ich mich nicht dafür gemeldet habe, ist auch das an mir vorbeigegangen. Ich begnüge mich also darauf hinzuweisen, bzw. mit dem Archiv der letzten Jahre, denn da ging es 2009 durch den fünften und 2010 durch den vierten Bezirk und bei beiden habe ich gelesen, bzw. ein bißchen mitorganisiert.
Von dem Gedicht „Howl“ zu Deutsch „Das Geheul“, das Allen Ginsberg das erste Mal im Oktober 1955 öffentlich in San Fransico vorgetragen hat, habe ich auch noch nichts gehört, wenn man aber ins Internet schaut, stolpert man förmlich über die youtube Filme und kann sich das Gedicht von dem alten, dem jungen Allen Ginsberg etc vortragen lassen. Das Gedicht ist Carl Solomon gewidmet, den Ginsberg in einer psychiatrischen Klinik kennengelernt hat, es ist sehr lang, besteht aus drei Teilen und einer Fußnote in der das Wort heilig auf die ganze Menschheit angewandt wird und dem Ganzen sozusagen ein optimistisches Ende gibt, trotzdem beschlagte die Polizei 1957 die fünfhundertzwanzig Exemplare des Buches in dem es erschienen war und klagte den Verleger an, weil es vor allem mit der Zeile „die sich in den Arsch ficken ließen von heiligen Motorradfahrern und vor Freude schrien“ als obszön galt.
Der Film zeigt nun diese Gerichtsverhandlung, es zeigt auch den jungen Allen Ginsberg im schwarzen Anzug, weißen Hemd und großer Brille, wie er vor andächtig lauschenden Zuhörern selbst andächtig dreinschauend das Gedicht vorträgt und läßt einen bärtigen Allen Ginsberg über das Gedicht sprechen und aus seinem Leben erzählen. Er war in der Psychiatrie und die Mutter, eine Kommunistin ist dort gestorben, vor allem wird das Gedicht auch performt und in einer Animationssequenz illustriert, was den Film sehr spannend macht.
„Der Film wird selbst zum Gedicht. Aber eben nicht nur. Er liefert zugleich auch Entstehungsgeschichte, Interpretation, Rezeption und den Verfasserkommentar“, schreibt die Berliner Morgenpost.
Am Ende entscheidet das Gericht, das Gedicht ist nicht obszön, denn ein Dichter darf solches empfinden, ausdrücken und beschreiben und es war wirklich spannend, wie das dargestellt wurde. Da waren die konservativen älteren Herren, die Richter, die Staatsanwälte, der engagierte Verteidiger, auch er im Anzug und dann wurden die Literaturexperten vorgeladen, drei Professoren und eine Frau im Stil der Fünfzigerjahre gekleidet und gefragt, ob das und was Literatur ist?
„Die Form!“ war immer die Antwort. Da fällt einer, der Herr Beckmesser ein, der in seinem Kabhäuschen sitzt und vor Freude aufjauchzt und einen Strich auf die Tafel macht, wenn der junge Künstler sich an der Form vergreift, weil die Regeln ja alles sind und im literaturcafe.de wurden die Autoren, die ihre Werke Amazon als E-Book anbieten wollen, gerade erst belehrt, daß sie ja auf die Rechtsschreibung achten sollen, weil es nicht nur auf den schönen Inhalt ankommt.
In den Neunzehnhundertfünfziger- und Sechzigerjahren war da eine Generation, die durch den Krieg und den Holocaust hervorgegangen ist, Vietnam klopfte irgendwann auch an, traumatisiert war, aber ihre Homosexualität und auch die Drogen entdeckte, sich frei schrieb und letztlich auch freigesprochen wurde…
Um auf Ernst Jandl zurückzukommen, die Wiener Gruppe hat sicher auch davon profitiert. Wenn man heute schreiben will, wird man sich vielleicht bei der Hochschule für Sprachkunst bewerben und wenn man Glück hat, werden fünfzehn von dreihundert ausgesucht, aber das sind schon wieder andere Zeiten, die des Neoliberalismus und des nicht mehr freien Hochschulzugangs nämlich. Die Schule für Dichtung bezieht sich aber sehr auf die Beatgeneration und wenn man sich die Videos mit dem jungen Allen Ginsberg ansieht, fallen gleich die Poetry Slamer ein. Die sind zwar anders angezogen und haben wahrscheinlich nicht mit einem Prozeß zu rechnen, ihre Inhalte sind aber oft ähnlich sozialkritisch, anklagend und revolutionär…
Es war also ein sehr spannender Film, Alfred meinte zwar, er hätte ihn ein bißchen depressiv gemacht, ich habe dagegen einiges über die Beatgeneration gelernt, auch wenn ich bei meiner Sprache, meinem Realismus und auch bei meinen Rechtschreibfehlern bleiben werde, denn das ist, behaupte ich einmal und habe ich mir das in den frühen Siebzigerjahren in der Straßergasse gedacht, das Revolutionäre an mir…

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