Literaturgefluester

2012-01-06

Baba Rada

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:00

„Baba Rada – Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare“, von Dana Grigorcea ist, wie man nach dem Lesen denkt und auch verschiedenen Rezensionen entnehmen kann, ein phantastisches Buch, obwohl der Klappentext ganz realischtisch ist „Das geheime US-amerikanische Gefängnis im rumänischen Donaudelta wurde überflutet. In einem Dorf legt ein Motorboot an, darin ein Terrorist und sein überforderter Wärter. Baba Rada nimmt den Terroristen auf und wittert das große Geschäft.“
Beginnt man das Buch zu Lesen, merkt man nichts oder nicht viel davon, denn wir sind auf einmal an der überfrorenen Donau oder einer solchen Insel, wahrscheinlich weit hinten in Rumänien, wo die Menschen Vogelähnlich zu sein scheinen, jedenfalls flattern sie, gehen im Federnschritt und haben Vogelknochen. Sie haben auch Boote und Fischernetze und da gibt es Baba Rada, eine alte Frau oder Ur-Hexe und die lebt in diesem Dorf in einer Hütte mit einem Hund namens Stalin, einer beschränkten Tochter, einem oder mehreren Söhnen und Enkelkindern, ja es ist nicht ganz einfach sich in dem Buch auszukennen, hat es doch eine sehr phantastische Sprache und sprudelt von Einfall zu Einfall, obwohl es in ganz konventionelle Kapitel gegliedert ist, die, wie es einstens E.T.A Hoffmann machte, den Inhalt vorab erzählen
„Kapitel 1 indem es damit anfängt, daß wir den Terroristen aufnehmen und ich mich auf das gute Geschäft freue“, aber aufgepasst nicht immer halten sich die Überschriften an das, was später folgt, manchmal gibt es auch keine Einleitungen, manchmal reimt sichs kindlich „Wo tuts weh? hol ein bißchen Schnee, hol ein bißchen kühlen Wind, dann vergeht es ganz geschwind“.
Trotzdem sind wir wahrscheinlich, um zum Klappentext zurückzukehren, in der Zeit nach dem Kapitalismus, weiter unten steht auch etwas von einem „gloablisierten Osteuropa“ auch das merkt man eigentlich nicht. Sind die Leute in dem Donaudelta ja so arm, daß sie, wenn sie, um ihre Toten zu begraben, auf andere Inseln kommen, halbleere Shamppoflaschen und Eisenstäbchen, die man als Nagelfeilen verwenden kann, aufklauben und es gibt den Popen und die Popenfrau Irinia, die mit ihren Stöckelschuhen durch den Schnee stapft und die Dorfbewohner besucht. Es gibt auch Feste, die es im Kommunismus kaum nicht gegeben hat, so werden Totentorten gebacken und Kreuze vom Popen in die Donau geworfen und der Gefangene, der es erwischt wird amnestiert. Welcher Gefangene, der von dem US-Amerikanischen Geheimgefängnis? Ob das die Amerikaner zulassen? Aber von denen hört man ohnehin nicht viel in dieser phantastischen Geschichte, die die Hexe Baba Rada erzählt, die einerseits mit dem Terroristen Geld machen will, andererseits ihn mit ihrer beschränkten Tochter verkuppeln möchte. Sie hat auch einen Geliebten und einen Ehemann, aber der ist verschwunden, irgendwo habe ich gelesen, daß sie ihn erschlagen hat, an anderer Stelle wird er mit einer Braut in einem Fischbauch eingenäht, das ist, als Baba Rada schon schwanger ist und noch die Kommunisten herrschten, da gibt es auch einen ehemaligen Milizionär, Rotbart genannt und der hat in den glorreichen Zeiten der Vergangenheit einen französischen Kommunsten in das Dorf gebracht und um ihm die heile Welt und Gebräuche des Kommunismus vorzuführen, wurde eine Hochzeit zwischen Pandele, das ist Babas Ehemann und der scheuen Agripina inszeniert, wo beide dann, um die Hochzeitsbräuche vorzuführen in den Fischkadaver eingenäht werden. Aber keine Sorge, am Schluß der Geschichte taucht Pandel wieder auf, beziehungsweise steigt er aus dem Schilf, während der Terrorist, der immer in einer unverständlichen Sprache stotterte und man nicht recht wußte, ob er jetzt mit der Hochzeit mit Ileana, der beschränkten Tochter, einverstanden ist und der das Kreuz aus der Donau holen soll, um ein freier Mann zu werden, davonsschwimmt und der ehemalige Milizionär, den die Nachbarin Agripina versteckte und der von Baba Rada im Plumpsklo eingesperrt wurde, um ihn zu bestrafen, kommt auch davon.
Eine sehr phantastische Geschichte und wem meine Zusammenfassung jetzt zu unverständlich scheint, ich habe die ersten fünfzig Seiten nicht viel verstanden, dann mir die Geschichte so zusammengereimt und gedacht, daß es offenbar eine Tendenz gibt, den Kommunismus sehr ironisch-distanziert zu erzählen, tut das Andrej Kurkow im „Wahrhaftigen Volkskontrolleur“ ja auch und Renata Serelytes „Blaubarts Kinder“ läßt sich ebenfalls so interpretieren. Daß noch andere Leser überfordert waren, läßt sich in einer Amazon-Rezension nachlesen, in der es heißt „Das Altweibermärchen mit dem Untertitel „Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare, ist die größte literarische Frechheit seit Tristan Shandy(1759) Dann kommen mehrere Absätze Beschreibung, wo ich dachte, was hat denn der gelesen? und am Schluß der Satz „Jetzt haben Sie bisher gelesen und nichts weiter über die Geschichte erfahren. Mein Gott Ihre Lesegewohnheiten Bin ich Baba Rada? Bin icht nicht! Lesen Sie das Buch, nicht die Rezension!“, während Ruth Schweikert im Klappentext „Baba Rada entwirft wundersam aufregende Erzählflüße, die durch Zeiten, Menschen, Landschaften und Schicksale mäandrieren. Überleben und Sterben in einem globalisierten Osteuropa, getragen von einer Sprache, die uns die Geschehnisse ebenso hintersinnig, wie scharf, ebenso bildhaft, wie explizit vor Augen führt.“
Ich hab das Buch gelesen und es hat mir ebenso gefallen, wie Walter Famler, der die Autorin deshalb auf seine Donauschifffahrt von Bratislava nach Wien zum Literatur im Fluß-Festival lud und sie dort diskutieren lassen wollte. Leider hat Dana Gricorcea, die sich die Stadt anschauen wollte, die Abfahrt des Schiffes versäumtes und mußte mit dem Zug nach Wien fahren, um am Abend das Schiff zu erreichen und aus ihrem Buch, wie geplant, vorzulesen.
Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren und wuchs zweisprachig Rumänisch – Deutsch auf und lebt heute mit Mann und Kind in Zürich. „Baba Rada“ ist ihr erstes Buch.

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