Literaturgefluester

2012-07-22

Nachtigall will zum Vater fliegen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:57

„Nachtigall will zum Vater fliegen“, Ulrich Bechers 1950 erschienener New Yorker Novellenzyklus in vier Nächten, ist das zweite Becher Buch, das ich Anfang der Neunzigerjahre in einer Kiste von ausgeschiedenen Büchern der städtischen Bücherei gefunden habe. Damals war mir der Name Johannes R. Becher bekannt, aber von einem Ulrich Becher keine Ahnung, Internet hat es noch nicht gegeben und mit Literaturlexika war ich auch nicht gesegnet. So habe ich ein bißchen orientierungslos in das Buch hineingelesen und weil ich nichts von dem Autor wußte, den Hintergrund nicht verstanden und daher bvald wieder weggelegt. Dann habe ich 2005 wahrscheinlich in Leipzig bei Hugendubel in einer Abverkaufskiste, Aufbau-Verlagsbriefe aus dem Fünfzigerjahren gefunden, in denen es auch welche mit ein bißchen Lebenslauf von Ulrich Becher gab. So daß ich schon mehr Informationen über den Autor hatte, als ich 2010 das andere Buch „Kurz nach 4“ gelesen habe, da war schon die „Murmeljagd“ neuauferlegt und Ulrich Becher wurde von Eva Menasse, die das Buch besprochen hat, als „fast vergessener Teufelskerl“ bezeichnet. Daß er den“Bockerer“ geschrieben hat, hatte ich inzwischen auch herausgefunden und das Theaterstück, habe ich noch vor dem berühmten Film, im Volkstheater gesehen.
Als der Arco Verlag voriges Jahr „Kurz nach 4“ neu auflegte, ist er auf meinen Blog und meinen Besprechung gestoßen und das Buch hat, was mich, für die Biografien sehr wichtig sind, sehr begeistert, ein fünfzig Seiten langes Nachwort mit Bildern und biographischen Angaben von Christoph Haacker, das sich allerdings natürlich auf den 1957 im Rohwohlt Verlag erschienen Roman über die Italienreise des Wiener Künstlers Franz Zborowsky bezieht und nur wenig Informationen über den Novellenzyklus bietet, es gibt allerdings den Satz, daß die Novelle „Die Frau und der Tod“ aus dem Zyklus vorwiegend am 7. August 1945 in Manhattan spielt, das war der Tag nachdem die Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde.
Wenn man nachgooglet findet man über Ulrich Becher viel, über den Novellenzyklus wenig und eigentlich außer Angaben, wo man das Buch antiquarisch kaufen kann, auch nur ein paar Sätze in den Amerikabildern der deutschsprachigen Exilliteratur „Aber hier war alles anderes“ von Valerie Popp, die sich auf den Zyklus beziehen.In dem Buch selbst gibts leider keine Beschreibungen, wie das früher so üblich war, wenn man aber auf die Becher-Homepage geht, die es gibt, findet man immerhin die Abbildung des Schutzumschlages, das mein ausgeschiedenes Exemplar, aus der Stumpergasse, das von 1979 bis 1983 zehn Personen ausgeborgt hatten, nicht mehr hat.
Also war das Leseerlebnis der vier Novellen, obwohl ich über Ulrich Becher inzwischen einiges weiß, wieder ein unbeflecktes Land, daß sie aber in New Foundland N. Y. begonnen, fortgesetzt in New York City und in Blonay, Kanton Waadt abgeschloßen wurden, steht immerhin auf der zweiten Seite. Ulrich Becher hat von 1944 bis 1948 in New York gelebt und das Buch steht weiter dort ist Georges Grosz gewidmet. Das Ulrich Becher auch Graphiker und bildender Künstler war, war mir bisher entgangen, in der „Kurz nach 4“ Neuauflage, gibt es aber Proben davon und eine Ausstellung scheint es vor kurzem auch gegeben zu haben.
Also wieder ziemlich unbedarft in die Lektüre eingestiegen und ein bißchen ratlos gewesen, so daß ich mich jetzt schon auf die Neuauflagen der Novellen freue, weil ich dann vielleicht nachlesen kann, was ich mir jetzt mühsam zusammenkratze.
Der in New York spielende Novellenzyklus besteht aus vier Nächten genannten Texten, die erste „Die Frau und der Tod“, spielt, wie erwähnt in der Nacht nachdem in Hiroshima die Atombombe fiel. Sie spielt vorwiegend in einer Bar und schildert die Erlebnisse, des aus dem Krieg entlassenen Fliegerkäptn Happy Slocum. Die Psychologin würde sagen, sie schildert seine, bzw. Ulrich Bechers Traumatisierungen in einem typisch amerikanischen Stil, wie ich sie auch in dem Buch Manhattan Transfer gefunden habe und schließt auch an das Dialogpingpong, des von mir zuletzt gelesenen Buches „Stellt mir eine Frage“, an. Es gibt aber auch eine Menge französischer Zitate, was für einen New Yorker Novellenzyklus sehr ungewöhnlich ist, so wird die Marseillaise zitiert, die groß geschriebenen Zitate und Überschriften, gibt es, glaube ich, auch im „Manhattan Transfer“ „UNSERN AUS EUROPA HEIMGEKEHRTEN VETERANEN EIN HERZLICHES WILLKOMMEN“ beispielsweise oder UNBEKANNTE SCHÖNHEIT ERSUCHT UM INHAFTIERUNG WEGEN GEISTESKRANKHEIT“.
Die zweite Nacht „Der schwarze Hut“ ist ein wenig leichter zu lesen, das gemeinsame ist auch das Datum der 3. oder 5. Mai 1945. Mit dem zweiteren wird das Ende des zweiten Weltkrieges angegeben, zwei Tage vorher ist die geschlechtskranke zum Skelett abgemagerte Frau des reichen aus Deutschland ausgewanderten Alois Altkammer, le Baron genannt, gestorben, der über ein sehr ausschweifendes Sexualleben verfügte, mit seiner Frau im Fiaker in Bordelle fuhr und sie dann während er dort war, durch den Central Park kutschieren wird, der emigrierte jüdische Arzt, hat ihren Tod schon viel früher vorausgesagt, sie stirbt am 3. Mai. Am 5. findet das Begräbnis statt und zu dem ist auch der taube Dr. Klopstock eingeladen, der sein Gehör in Dachau verloren hat und nun den reichen „Baron“ um sechs Dollar anbettelt, damit er sich Batterien für sein Hörgerät kaufen kann, der Reiche gibt ihm nicht mehr, obwohl das Begräbnis ein Vermögen kostete und schenkt ihm dazu den Wagenrad großen schwarzen Hut seiner Frau, mit dem marschiert der ehemalige Gymnasiallehrer nach Hause und wird dabei für einen Transvestiten gehalten und angepöbelt. Auch hier ist in der makabren Form die Traumatisierung des Krieges stark zu spüren und der Stil ist wohl so, wie Georges Grosz seine Bilder malte.
Mit der dritten kürzesten Nacht „Beim Apfelwein“, im Stil der ersten ähnlich, ein konkretes Datum habe ich nicht gefunden, habe ich nicht viel anfangen können.
Die Vierte „Nachtigall will zum Vater fliegen“ ist wieder verständlicher oder auch nicht. Es geht jedenfalls um John Henry Nightingale, der als Hans Heinz Nachtigall in Gelsenkichen als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren wurde, er studiert Medizin, wird Schiffsarzt, versucht sich aber auch als Dichter der „Zippzipp-Bewegung“ und als die Nazis kommen verfaßt er ein Theaterstück, nach dessen Uraufführung er nach Amerika emigiriert. Dort hat er es zuerst schwer, muß neu studieren, seine Dichtung will niemand haben und seinen Namen sprechen die Amis alle falsch aus, dann hat er aber Glück, bekommt einen reichen Schwiegervater und wird zum Nobelpsychiater und da denkt er an seinen Vater, der Achtzigjährig in Deutschland zurückgeblieben ist. Er will zu ihm fliegen, hat aber Schwierigkeiten mit seinen Patienten, schließlich tut er es doch und kommt enttäuscht zurück.
Wieder würde ich sehr viel Autobiographie und sehr viel Trauma in der sehr tiefgründigen Novelle, die zum Schluß in einen Dialog Nightingale gegen Nachtigall ausartet, vermuten und schließe mich Christoph Haackers Meinung an, daß „Ulrich Becher einer der großen Erzähler unseres Jahrhunderts ist, der mit Hemingway, Faulkner, Günter Grass, Joyce, Döblin, John Dos Passos, Joseph Roth, Rabelais, Nestroy, Thomas Wolfe, Albert Vigoleis, Thelen und Marcel Proust“ verglichen wurde. Einige dieser Vorbilder sind wahrscheinlich in dem Novellen Zyklus zu finden, den ich sowohl sehr interessant gefunden, aber auch nicht ganz verstanden habe, so daß ich auf die kommentierte Neuauflage warte, es aber trotzdem spannend finde, was man aus ausgeschiedenen städtischen Büchereiausgaben alles lernen kann.

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