Literaturgefluester

2012-11-01

Warschauer Tagebuch

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:49

Das „Warschauer Tagebuch“ des 1916 in Lodz geborenen und 2000 in Paris verstorbenen polnischen Schriftstellers Kazimierz Brandys, das eigentlich aus zwei Teilen besteht, ist besonders interessant, beschreiben doch „Die Monate davor“, das war von Oktober 1978 bis Dezember 1981 in Polen geschehen ist, als dort ein Pole Papst wurde, Lech Walesa die Solidarnosc gründete und es in den Werften und den Fabriken Hungerstreiks gab.
Wir erinnern uns vielleicht daran, ich bin in dieser Zeit mit meinem Psychologiestudium fertig geworden und habe mit dem Akademikertraining begonnen, habe in der Otto Bauergasse gewohnt und zu Weihnachten 1981, glaube ich, auch einmal eine polnische Weihnachtskarte im Postkasten gehabt, die irrtümlich hineingelegt wurde.
Voriges Jahr, als wir in den Masuren waren, waren wir auch in einer Ausstellung über die „Solidarnosc“, sonst habe ich von dieser Zeit nicht viel mitbekommen und so kommt der Fund aus dem Bücherschrank gerade richtig und ich kann diese Institution wieder einmal nur sehr loben, wäre „Brandys Warschauertagebuch“ wie am Cover der Suhrkamp Taschenbuchausgabe steht, sonst an mir vorbeigegangen und ich habe auch von Kazimierz Brandy noch nie etwas gehört.
Es beginnt sehr bedächtig im Oktober 1978 mit „Das war eine unergiebige Zeit. Kein Leerlauf – denn es ist vieles geschehen-, doch was die Arbeit betrifft, war sie unergiebig. Seit fünfzehn Monaten schreibe ich nicht.“
Dann wird von einer Fahrt nach Danzig berichtet und dem Lesen von Johanna Schopenhauers Erinnerungen, die in Danzig geboren wurde. Von Schriftstellerkongressen wird berichtet und den Mittagessen im Klub, wo die Schriftsteller offenbar ihre Mahlzeiten einnehmen konnten.
Immer wieder wird M. die Ehefrau erwähnt und sehr vorsichtig sarkastisch die Mißstände beschrieben, die es in Polen gab.
Die Apotheken sind ausverkauft, im Fernsehen kann man Berichte hören, daß die Leute zuviele Medikamente nehmen und sich dadurch vergiften und im Jänner kommen die Brandys von ihrem Weihnachtsaufenthalt nach Warschau zurück, wo es schneite und die Regierung war darauf nicht vorbereitet, so daß die Stadt im Chaos versank.
Immer wieder kommen Vergleiche mit der Vergangenheit, mit dem Krieg und den anderen Aufständen auf, die Bekannten, die er hat, waren etwa in Nazis- oder in sowetischen Gefängnissen.
Einladungen nach Wien oder Berlin werden ausgesprochen, die Brandys nicht annimmt, für Berlin bemüht er sich um ein Visum, das aber nur seine Frau bekommt, es gibt die fliegende Universität, wo die Schriftsteller in Wohnungen Vorträge halten, die Staatspolizei will das durch Hausdurchsuchungen verhindern, Brandys geht trotzdem hin und bekommt von einem der Milizsoldaten stolz erzählt, daß er seine Werke in der Schule gelesen hätte, denn die Miliz ist ja nicht ungebildet.
Brandys scheint viel in Kono zu gehen und zählt die Filme auf, die er gesehen hat. Es wird das Anstellen um Lebensmittel und das Schlangestehen vor den Geschäften vorerst liebevoll berichtet, wie beispielsweise von der Gruppe vor dem Metzgerladen, die schon die Nacht davor kommt und es sich mit Brötchen und Tee beim Warten gemütlich macht.
Dann gibt es doch einen Westberlinaufenthalt mit einem Zwischenstop in Schweden, dabei muß er durch Ostdeutschland fahren und berichtet von den unfreundlichen Zöllnern, die er beleidigt hätte und den grauen Gesichtern der Menschen dort.
Als die Brandys nach Warschau zurückkommen hat sich die Lage verschlimmert. Die Warteschlangen werden länger, die Leute ernähren sich nur mehr von Kartoffelpuffern und wieder schreibt Brandys ironisch, daß die Katzen jetzt wieder Milch trinken, weil der Regierung die chemischen Zusatzstoffe ausgegangen seien. Er sieht auch die alten und schwachen Leute auf der Straße sich um Brot anstellen und berichtet, wie er dreimal um Hörnchen ging, die ersten beiden Male waren sie noch nicht da, beim dritten Mal schon ausverkauft.
Gerüchte über den Einmarsch der SU kommen auf, es kommt zu Beschuldigungen und auch auf einen Anschlag auf die wiederaufgebaute Warschauer Synagoge. Die Brandys bekommen eine Einladung nach New York, bemühen sich um einen Anruf dorthin, die Anmeldungen werden aber erst um Mitternacht entgegengegenommen, dann ist alles besetzt, schließlich bekommt er einen Termin in einer Woche, weil sich jetzt alle um Visen ins Ausland bemühen, man vor dem deutschen Konsulat Schlange steht und die Reisebüros ausgebucht sind. Brandys kommt, als sein Ticket gebucht ist, der lange Flug nach New York unwirklich vor und fragt sich, was er wieder schreiben und, wie er sein Tagebuch beenden wird, was schließlich mit dem lapidaren Satz „New York, 13 Dezember 1981 Nachricht von der Verhängung des Kriegszustands in Polen. Alle Verbindungen unterbrochen.“ geschieht.
Brandys scheint dann nicht mehr nach Polen zurückgegangen zu sein. Ist er ja, der slawische Literatur an der Sorbonne lehrte, in Paris gestorben. Bei Wikipedia finde ich, daß er von 1978 an im Ausland lebte, was dem Buch nach, aber nicht ganz stimmen kann.

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