Literaturgefluester

2014-03-20

Wir Erben

Filed under: Uncategorized — jancak @ 08:56

Auf dem Cover von Angelika Reitzers neuen Roman „Wir Erben“, bei „Jung und Jung“ erschienen, sieht man sehr ästhetisch auf weißen Hintergrund drei flache schwarze Vögelkörper und muß sich dann fast durch das ganze Buch hindurchlesen, bis man zu dem Bezugspunkt kommt, geht es in dem Buch vordergründig ja um Marianne, die Besitzerin einer Baumschule, in dem fiktiven oder auch realen Örtchen Gumpenthal irgendwo in der niederösterreichischen Provinz, die diese von ihrer Großmutter Jutta erbte, um ihre ostdeutsche Freundin Siri, die während eines Studium in Amerika, die Vogelgeschichte in einem Seminar erzählt und dabei wenig Aufmerksamkeit erntet, geht es im zweiten Teil auch und um die Verbindung der beiden Frauen.
Die 1971 in Graz geborene Angelika Reitzer ist mir wohlbekannt, hatte sie ja schon zwei Bücher herausgebracht, bevor ich sie im Rahmen des Lesezirkels den sie in der Hauptbücherei einige Zeit betreute und, wo ich ein Buch vorstellte, kennenlernte.
Beim „Bachmannpreis“ hat sie gelesen, den „Priessnitz-Preis“ und vor kurzem den „Otto-Stoeßel-Preis“ gewonnen, bei „Residenz“ „unter uns“ herausgebracht.Vor allem treffe ich sie in der „Alten Schmiede“ immer wieder, wo sie immer sehr besondere „Textvorstellungen“ mit besonderen Sprachkünstlern macht und auch vor kurzem die Reihe „Wie im echten Leben“ kuratierte.
Ich bringe die studierte Germanistin Angelika Reitzer also mit einer besonders anspruchsvollen Sprache in Verbindung und war über ihren durchaus realistischen Familienroman, der sich auch mit den politischen Verhältnissen, der Wende in Deutschland, etc, beschäftigt, fast erstaunt, passiert da ja vielleicht genausowenig, wie in meinen nicht so abgehobenen Romanen.
„Wir Erben“, hat mich stark, was mich, die ich ja an meiner „literarischen Erfolglosigkeit“ sehr leide an die „Absturzgefahr“ und an das „Haus im Grünen“ erinnert, geht es in Angelika Reitzers Roman ja auch um eine Großmutter, eine alleinerziehende Mutter, ihren Sohn, der mit seinen jeweiligen Freundinnen kurz das „Lex-Haus“ besucht und dann auf Reisen geht und Mariannes Mutter Johanna plant auch eine Weltreise, die sie aber aus finanziellen Gründen und eines Unfalls wegen abbrechen muß.
Die Verwandtschaft, es gibt mehrere Schwestern, Cousins und Cousinen, die kurz zu den jeweiligen Begräbnissen und Familienfeiern in dem Haus in der Provinz auftauchen oder kurzfristig dort wohnen, ist groß und sehr verwirrend, die verschiedenen Namen schwirren herum und machen es schwer den Überblick zu behalten.
So ganz chronologisch scheint Angelika Reitzer auch nicht zu erzählen, klar, weil da das ja auch nicht als literarisch gilt und es gibt bei ihr viele Krankheiten und Sterbefälle.
Das nackte reale einfache Leben halt, wie es um uns ständig passiert. Mariannes Freundin Juliane, die Schriftstellerin, hat Gehirntumor, Marianne darf sie am Krankenbett begleiten und ihre Kinder, vor allem die Tochter Augusta betreuen. Es gibt auch eine Haushälterin, die sich in Pension begibt und von einer jüngeren Nachfolgerin, die nicht, wie sie kochen will, ersetzt wird.
Es gibt den Tschechen Marek, der Marianne in die Baumschulenkunst einführte und der sich im Lauf der Handlung in die Pension verabschieden wird. Es gibt Lukas und Mariannes Vater, undeutliche Figuren, die irgendwie nicht präsent sind und auf die man sich nicht verlassen kann, was mir ebenfalls bekannt erscheint und dann natürlich viele schön erzählte Anspielungen und Assoziationen.
Der zweite kürzere Teil führt dann zu Siri, die in der DDR geboren wurde, eine, die ihr Leben mehrmals neu beginnt, steht im Klappentext. Sie flüchtet mit ihrer Familie, ihrer Schwester, ihrem Vater, einem Computerfachmann und der Mutter einer Ärztin, kurz vor der Wende aus der DDR, sie durchschwimmen einen Fluß, kommen nach Österreich in ein Flüchtlingslager und nach der Wende in ihr leergeräumtes Haus zurück und als sie sich den Schlüßel von einer Freundin abholen wollen, läßt sie die nicht in ihr Haus, stehen ja alle ihre Möbel darin.
Siri arbeitet für einige Zeit im einem Teppichgeschäft, macht mehrere Reisen, bevor sie Kunst studiert und ein Stipendium sie nach Amerika führt. Dort hält sie ihr Vogelreferat bzw. erzählt sie eine sehr schöne Geschichte, die als Metapher für das Buch, der unsteten und der Erbengeneration, die nicht zurückkehren oder doch festkleben werden, gelten kann und hat einen Unfall, wo sie ihren Geruchssinn verliert.
Sie magert daraufhin ab, homöopathische Kräfte bzw. Heiler geben ihn ihr wieder zurück, Angelika Reitzer arbeitet sich durch alle Themen unserer Zeit, bevor sie in Wien Marianne und dann auch Hans, auf dessen Bauernhof sie hängenzubleiben scheint, kennenlernt.
Ein für mich erstaunlich realistisches Buch, das in einer schönen Sprache von dem Zustand unserer Welt und Gesellschaft erzählt, klar natürlich, wie konnte ich das übersehen, habe ich mich ja fast durch ihre ganze „revolutionäre Reihe“ gehört.
Ich danke „Jung und Jung“ das Rezensionsexemplar, das ich schon zwei Tage nach meiner Anfrage im Brieffach liegen hatte. Das Lesen hat jetzt etwas gedauert, habe ich ja Buch „Leipzig“ mitgenommen und dahin gibt es ja auch einen Bezug.

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