Literaturgefluester

2018-09-13

Über das Spoilern

Ich bin ja, wie ich immer schreibe eine „gnadenlose Spoilerin“, also eine, die gerne die Bücher und auch alles andere von vorn nach hinten erzählt, wahrscheinlich um einen Halt zu haben, eine Struktur zu finden und sich später an alles erinnern zu können. Betrachte das Besprechen von Büchern, wie überhaupt das ganze „Literaturgeflüster“ als Erinnerungshilfe, sprich „Literarisches oder geistiges Archiv“ und, daß es etwas gibt was „Spoilern“ heißt und das man unter gar keinen Umständen darf, weil es ein „absolutes „No go!“, ist!,  habe ich erst durch andere Blogs erfahren.

Das heißt, wenn ich bei Lesungen war, habe ich mich öfter darüber gewundert, daß die Moderatoren sagten „Wie das Buch ausgeht, wollen wir natürlich nicht veraten, da Sie das Buch ja kaufen sollen!“ und das eher für einen Witz oder eine mehr oder weniger plumpe Aufforderung gehalten, der mir ganz ehrlich auch ein wenig lästig war, aber gut, ich habe darüber gelächelt, das Buch meistens nicht gekauft und bin  darüber hinweggegangen.

Daß man bei einem Krimi vielleicht nicht verraten sollte, wer der Mörder war, ist mir noch irgendwie einleuchtend, obwohl ich anfangs bei meinen Besprechungen auch keine Hemmungen hatte, das zu schreiben. Bei Rezensionsexemplaren habe ich dann irgendwann aufgepasst,  eher “ – ..!“. geschrieben und mich immer mehr darüber gewundert, was die Blogger und die Booktuber alles als Spoiler betrachten, was ich eigentlich, ganz ehrlich auch ein wenig lästig oder für unnötig finde, ständig zu schreiben oder zu sagen „Natürlich spoilerfrei!“, weil das ja angeblich den Spaß am Lesen verderben würde, wenn ich weiß, um was es geht.

Im schlimmsten Fall führt das dann dazu, daß man nur mehr schreibt oder sagt „Ein tolles Buch, ein toller Schreibstil, kostet so und so viel Euro, unbedingte Leseempfehlung!“ und das ist dann auch das, was man den Booktubern früher oder vielleicht auch noch immer, anlastete, daß das, was sie präsentieten keine Qualität hätte und ich denke, wenn ich bei einem Buch von Thomas Bernhard oder einem anderen modernen oder älteren Klassiker nachgoogle, dann finde ich im Netz die genaue Inhaltbeschreibung, bis hin zum bitteren oder weniger bitteren Ende und das wird dann wahrscheinlich auch für den Schulunterricht verwendet und mir sind beim Lesen oder auch beim Besprechen Rezensionen eine wichtige Hilfe, weil ich gerne nachlesen will, ob ich das Buch ohnehin richtig verstanden haben und wissen möchte, wie es die anderen empfinden.

Das „Über den Inhalt kann ich nicht soviel sagen!“, hilft mir nicht weiter und ich finde diese Geheimniskrämerei auch eher für lästig, als für kompetent, halte mich  nicht daran und habe eigentlich damit noch nie deshalb Nachteile erlebt.

Ein paar Autoren, die meine Rezensionen gelesen haben, haben dann „Achtung Spoilerarlam!“, auf ihren Blog geschrieben, wenn sies verlinkten. Sollen sie, wenn ihnen das wichtig ist und eine hat mich mal gebeten, ob ich nicht einen Satz weglassen könnte?

Die Verlage haben nie etwas beanstandet, nur einer hat mich nur einmal ganz ganz höflich auf meine Flüchtigkeitsfehler aufmerksam gemacht, das war die Zeit, wo ich einen neuen Computer hatte, mit dessen Mausfunktion ich noch nicht so zurecht gekommen hat und im Vorjahr habe ich einer Autorin, die wollte, daß ich ihre Bücher bespreche, geraten, sich meine Rezensionen vorher anzuschauen, denn ich spoilere viel, damit es nachher keine Mißverständnnisse gebe und sie hat geantwortet: „Macht nicht, das ist so in Ordnung!“ und ich denke „Warum kann ich nicht den Inhalt erzählen?“

Nun gut, den Mörder kann man vielleicht weglassen, obwohl es mich nicht stören würde, wenn ich wüßte wer es getan hat und das mit dem Ende, denke ich, kommt darauf an, welche Bücher man liest. Bei denen die ich bevorzuge, denke ich, ist das eigentlich egal und habe schon öfter den letzten Satz zitiert, wenn er mir wichtig oder aufschlußreich erschien und bei manchen Lesungen die Moderatoren sagen gehört „Das kann ich verraten, denn das ist kein Spoiler!“

Da ich eigentlich nicht wirklich weiß, was ein Spoiler ist und warum man eigentlich so geheimnisvoll tut, nur damit sich die Leser das Buch kaufen, habe ich immer weniger verstanden und kann mich erinnern, daß der „Kaffehaussitzer“, als ich ihm einen Kommentar zu Richters „89/90“ mit einer besonders schönen Stelle, die ich zitert haben wollte, schickte,  das  wegen des Spoileralarm wegließ und mich darüber gewundert, denn das, was einer mit seinem Westgeld macht, sollte  eigentlich kein solches Geheimnis sein, sondern eher auf das Buch aufmerksam machen und wenn man über ein Buch nicht mehr diskutieren darf, weil man sonst spoilern würde, was ein angebliches „No go!“, ist, würde ich das eher schwierig finden und habe auch das nicht so ernst genommen, denn schließlich höre ich ja Sendungen wie „Druckfrisch“ und „Literarisches Quartett“ und da wird auch über den Inhalt diskutiert und das muß auch so sein, weil sonst solche Sendungen keinen Sinn mehr hätten und man gleich das Buch in die Höhe halten und „Absolute Kaufempfehlung und mehr werde ich nicht verraten!“, sagen könnte und es wird bei diesen Sendungen, was ich, wie ich betone, sehr angenehm finde, sehr viel diskutiert.

Nun gut, Maxim Biller hat das ein wenig übertrieben, wenn er von schlechter Literatur sprach und das Fingerwackeln des Herrn MRR hat mir auch nicht so gut gefallen, aber der hat, glaube ich, nicht gespoilert und wenn, hätte wahrscheinlich keiner gewagt, sich darüber aufzuregen und als vor kurzem im „Literarischen Quartett Maxims Billers „Sechs Koffer“, der dort nicht mehr diskutiert, besprochen wurde, hat Sasha Mariana Salzmann sogar die Seitenzahl verraten, wo man findet, wer den Großvater an den KGB verraten hat, was ich, ich habs nachgelesen, gar nicht so schlüssig fand, weil ich eigentlich, nach wie vor der Meinung bin, daß es Maxim Biller gar nicht darum gegangen ist, das aufzuklären und der Clou des Buches eigentlich ist, alles ins Leere laufen zu lassen.

Nun gut, es war aber eine interessante Diskussion, die auf das Buch aufmerksam machte. Sie hat mir beim Lesen sehr geholfen und ich mache mir natürlich mein eigenes Bild beim Lesen und komme dann oft genug zu einer anderen Meinung oder finde, was mir in letzter Zeit öfter passierte heraus, daß der Klappentext gar nicht hielt, was er versprach, weil ich es anders verstanden habe. Aber da haben sich auch schon Blogger oder You Tuber darüber aufgeregt, daß die zuviel gespoilert wären.

An ein Booktubervideo über Gianna Molinars “ Hier ist noch ist alles möglich“ kann ich mich aber erinnern, das ich als besonders aufschlußreich empfand, weil es die Frage stellte, ob der Wolf in dem Buch jetzt auf die Flüchtlingskrise, auf die innere Befindlichkeit der Erzählerin, auf die äußere Realität oder auch auf eine ganz anderes hinweist und das finde ich gut, denn dann kann man darüber diskutieren. Kann seinen Eindruck mitteilen und hat, denke ich, dabei gar nicht gespoilert, denn das Spoilern kann sich ja nur auf den Inhalt „Wer war der Täter?“ oder „Wie geht es aus?“, aber nicht auf die Interpretation beziehen, weil man sonst schon in der Sackgasse wäre und nicht mehr diskutieren kann, wie ich denke und das auch für mich betreibe, denn das ist ja der Sinn des Bloggens und der Lesekreise, sich selbst sein eigenes Bild über das Buch zu machen, denke ich, denn für eine reine Kaufempfehung, würde mir der „Böse Amazon“, oder ein Reklamezettel genügen, so habe ich mich über „Booksters“ Rezension, den ich übrigens für sehr kompetent gehalten habe, über „Bis ans Ende Marie“ sehr gefreut, denn das Lesen des Buchs hat mich, wie ich mich erinnern kann, gegen Ende sehr verwirrt und mir da der Gedanke kam, ob die Erzählerin und die Marie nicht am Ende  dieselbe Person wären?

Es war eine Idee, ich war mir nicht sicher, ob ich es mir so richtig interpretiere und habe in meinem Kommentar eine meiner Meinung nach völlig harmlose Frage gestellt und habe mir als Antwort, seine Meinung: „Ich habe es auch so oder ganz anders empfunden!“, erwartet und man könnte darüber diskutieren.

Seine Antwort war aber mehr als harsch, denn er hat es als böswilligen Spoiler empfunden, der jetzt alles zerstört hat, den Kommentar, was mich etwas wunderte, aber stehen gelassen, denn wenn die für mich harmlose und gut gemeinte Frage, schon so ein böswilliger Spoileralam ist und ich auf meiner Seite ein solch absolut unfaßbares „No go!“, nicht haben will, dann veröffentliche ich ihn nicht, sondern schicke ein Mail zurück mit „Das beantwortete ich Ihnen lieber persönlich, denn wir wollen ja nicht zuviel verraten!“

Dann hätte ich mich wahrscheinlich, wie beim Uwe Kalkowski etwas gewundert und „Na ja, das sind die Spoiler-Phobiker!“, gedacht, aber so ist mein Unbehagen geblieben und habe es auch auf meine Radtour um den Neusiedlersee mitgenommen, denn für unfaßbar halte ich eigentlich etwas ganz anderes, als eine harmlose Frage nach einer Buchinterpretation!

Die Interpreationen der Rechten, was die Unruhen in Chemnitz betrifft, beispielsweise oder überhaupt den allgemeinen Rechtsruck und noch vieles anderes,  so daß ich mich allmählich frage, was ein absolutes „No go!“, ist und, wo überhaupt steht, daß man bei einem Buch nicht den Inhalt erzählen darf, ohne gleich, was ich eigentlich für blöd finde, groß „Achtung Spoileralarm!“ darüber zu schreiben?

Ich werde das sicher nicht tun, mache mich bei meinen Rezensionen aber manchmal darüber lustig, wenn ich selber „Jetzt werde ich wieder spoilern!“, schreibe, was ich aber eigentlich eher für einen Witz, als für eine Warnung empfinde, aber gut, die, die mich lesen, wissen, daß ich gegen jede Geheimniskrämerei bin und gern sehr viel verraten, wenn man das nicht will, braucht man das nicht lesen und wenn einem ein Kommentar nicht gefällt, ist es, glaube ich, besser, als loszuschimpfen, ein Mail zu schicken und „Das besprechen wir vielleicht lieber so!“, zu schreiben!

Ich würde das jedenfalls so tun, aber ich habe keine Angst vorm Spoilern und mag auch keinen Spoileralarm!

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6 Kommentare »

  1. Hallo, liebe Frau Jancak,

    das Ende eines spannenden Buches zu verraten, vor allem, wenn die gesamte Story auf diesem überraschenden Showdown aufgebaut ist, hat nichts mit „Geheimniskrämerei“ zu tun, sondern gehört sich m. E. tatsächlich nicht. In einer guten Rezension hat das einfach nichts verloren. Insofern kann ich „Booksters“ Verärgerung schon verstehen. Wenn Sie also vor einer Rezension „Spoileralarm“ einfügen, ist das auch kein „Witz“, sondern bewahrt den Leser davor, den Spaß am jeweiligen Buch genommen zu bekommen. Soll heißen, schreiben Sie es bitte auch zukünftig davor. Viele Leser möchten sich nämlich die Spannung beim Lesen nicht nehmen lassen.

    Kommentar von Uli Lucas — 2018-09-13 @ 08:23 | Antwort

  2. Das ist Ihre Meinung, ich habe eine andere, haben wir ja noch schließlich Meinungsfreiheit und wenn ich Sie spoilern würde, könnten Sie ja, wie vorgeschlagen, den Kommentar nicht veröffentlichen, sondern höflich sagen „Nicht spoilern bitte, denn das wollen die Leser nicht!“, ansonsten freut es mich, daß Sie mich weiter lesen und kommentieren.
    Ich hoffe auch, daß Ihnen die „Volksstimme-Anthologie“ gefällt und Sie können es wahrscheinich nicht glauben, ich habe schon wieder einen Buchtip für Sie, nämlich einen, der auf der österreichischen Buchpreisliste steht: Gerhard Jäger „All die Nacht über uns“, das von einem Soldaten an der Grenze erzählt, der sie bewachen muß und während er das tut, gehen ihm die Vögel, der Mond und auch das Tagebuch seiner Großmutter durch den Kopf, die einmal als junges Mädchen aus Hinterpommern vertrieben wurde, Grüße aus Wien!

    Kommentar von jancak — 2018-09-13 @ 09:12 | Antwort

  3. Natürlich haben wir Meinungsfreiheit, darum geht es doch aber gar nicht. Es geht darum, dass man als Rezensent einfach nicht hingeht und das Ende eines Buches vorab verrät. Stellen Sie sich mal vor, Sie freuen sich auf einen spannenden Kinofilm und kurz bevor es dunkel wird, steht jemand auf und ruft quer durch den Saal: „Die Hauptfigur stirbt mittendrin und der Mörder ist sein Untermieter!“ Das fänden Sie doch auch nicht so prickelnd, oder?

    Zumal Buchbesprechungen zumeist auf den eigenen Webseiten der Rezensenten erscheinen und man als Autor in der Regel kaum Einfluss darauf hat. Bis so ein Spoiler verschwindet, haben ihn schon womöglich mehrere Leute gelesen, die sich das Buch dann vielleicht nicht mehr kaufen, weil ihnen die Spannung und die Neugier genommen wurde. Und das ist doch eigentlich genau das Gegenteil davon, was eine Rezension in der Regel erreichen will, oder?

    Kommentar von Uli Lucas — 2018-09-13 @ 10:22 | Antwort

    • Ja aber, daß ich gerne “ spoilere“, weil ich meine Besprechungen eher als Erinnerungshilfe, als als Leseempfehlung betrachte, wissen, glaube ich, inzwischen meine Leser und lesen mich trotzdem und fordern mich zu Besprechungen auf oder lassen es bleiben und in diesem Fall ging es auch weder um den Inhalt oder das Ende, sondern um eine Interpretationsfrage, von der ich noch immer nicht so genau weiß, ob ich damit richtig lag oder nicht und wenn man das Geheimnis, falls es ein solches war, nicht auf seinen Blog haben möchte, ist es wahrscheinlich besser, es nicht zu veröffentlichen, als „Unfaßbares no goe!“, zu schreien, es aber so stehen zu lassen, denke ich.
      Ansonsten halte ich das Thema „spoilern“ eigentlich für interessant und wundere mich immer noch ein wenig darüber, wie ernst das offenbar genommen wird, weil ich es nach wie vor nicht so sehe und ich auch bei Werken der Weltliteratur genau nachschauen kann, wie sie zu interpretieren sind!

      Kommentar von jancak — 2018-09-13 @ 11:53 | Antwort

  4. Frau Jancak, ich glaube, wir sind da wieder beim Thema „Begrifflichkeiten“ angelangt. „Interpretation“ und „das Ende/den Inhalt vorab verraten“ aka Spoilern sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Soweit ich das bezüglich des „Booksters“ verstanden habe, haben Sie – vielleicht unbeabsichtigt – eine bestimmte Wendung in dem Buch verraten, auf die der Leser erst am Schluss gekommen wäre. Das ist tatsächlich „spoilern“. Interpretieren bedeutet, ein Buch dahingehend zu besprechen oder zu untersuchen, was der Autor mit dem Text gemeint haben könnte, als er es schrieb. Natürlich kann man hingehen, die Begriffe vermengen oder dehnen bis zum Gehtnichtmehr und sagen, dass eine Romanfigur möglicherweise identisch ist mit dem Autor, sei Interpretation und kein Inhalt als solcher. Das wäre dann aber eine seeeeehr weite Auslegung 🙂

    Klar dürfen Sie sich darüber wundern, wie ernst es manche mit dem Spoilern nehmen. Andererseits würde ich so weit gehen, zu behaupten, wem es egal ist, ob er die Auflösung schon vor Lesebeginn kennt, der interessiert sich nicht wirklich für die Geschichte selbst. Aber ich gebe Ihnen insofern Recht, als dass der Blogger tatsächlich Ihren Kommentar hätte entfernen können, das ist richtig.

    Kommentar von Uli Lucas — 2018-09-13 @ 12:19 | Antwort

    • Fein, dann sind wir einer Meinung!

      Kommentar von jancak — 2018-09-13 @ 12:57 | Antwort


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