Literaturgefluester

2013-07-21

Die versprengten Deutschen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:36

Karl-Markus Gauß, 2008 erschienener Bericht über seine Reisen „Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer“, das ich am vorvorigen Montag im „Wortschatz“ fand, als ich mich zum Friseur aufmachte, nachdem mein Diagnostik-Termin abgesagt worden war, passt sowohl in die „Sommerfrische“, als auch als Sonntag-Buch meines „Lesemarathons“, da wir ja heuer, weil Alfreds WU in den Prater übersiedelt, keine Sommerreise machen, im vorigen Jahr aber Ende Juli auf die „Sechs Länder-Reise“ durch die Tschechei und Polen nach Litauen, Lettland, Estland und auch ins finnische Turku aufgebrochen sind.
Einen schönen Samstag waren wir da in Trakai und in Vilnius und das erste Kapitel des Buches, die Phots stammen von Kurt Kaindl, „Abschied in Heydekrug – Bei den zerstrittenen Deutschen Litauens“ beginnt auch dort, im Vilnius`schen „Manhattan“, dort, wo die Hoteltürme aufgebaut wurden und der 1954 geborene Gauß, der in Salzburg die Zeitschrift „Literatur und Kritik“ herausgibt und durch seine Journale und seine Reisen nach Osteuropaberühmt wurde, wohnte, dann trifft er sich mit Luise Quietsch und die ist ein „Wolfskind“ und hat auch einen gleichnamigen Verein gegründet. Gemeint sind damit die Kinder, die es 1945 aus Ostpreußen vertrieben, der Vater fiel im Krieg, die Mutter ist verhungert, in Kinderbanden nach Litauen trieb und die dort von Bauern als Arbeitskräften adoptiert die deutsche Sprache und die deutschen Namen verloren haben.
Vier Gruppen Deutsche gibt es in Litauen hat Karl Markus Gauß herausgefunden, die erste sind die „Wolfskinder“, die teilweise auf die Juden nicht gut zu sprechen sind und nationale Ansichten haben. Dann gibt es noch die Litauischdeutschen und die Russischdeutschen, die alle einander nicht leiden können und sich für die besseren, weil richtigen Deutschen halte, obwohl sie das teilweise gar nicht mehr verstehen.
Mit dem hyperaktiven Leiter Emanuelis Zingeris, des „Hauses der Toleranz“ in Vilnius trifft er sich am nächsten Tag, der kommt zu spät, weil als Paralmentsabgeordneter und Direktor des Hauses sehr beschäftigt, serviert roten Wein, erzählt vom Wiener Feldwebel Anton Schmid, der dreihundert Juden rettete und dafür im April 1943 erschossen wurde und als ihm Gauss auf Manfred Wieninger und Christiane Papst zwei junge Leute aus St. Pölten aufmerksam machte, die das herausgefunden haben, sagt Zingeris, sie sollen sich bei ihm melden, Wieninger und Papst schreiben Gauß später, sie wären schon oft vor Ort gewesen und ihm vorgestellt worden, aber der ist ja so beschäftigt, daß ihn nur eine klammheimlich seiner Sekretärin abgerungene Tasse Bortsch entspannen kann.
Einen Russischdeutschen, der kaum zu verstehen ist, trifft er dann in Elektrenai einem kleinen Städtchen, das nicht im Reiseführer steht, das Land aber mit Elektrizität versorgt, er ist an die Siebzig, trinkt mir Gauss Schnaps und ist an einem ehemal schwäbischen ausrangierten Imbißwagen fette Würstchen. Den Litauisch Deutschen Erwin-Erwinas, einen pensionierten Schauspiler hat schon vorher in Vilnius getroffen und der ist auch hyperaktiv-hektisch die Restaurantstiege hinuntergesprungen, so daß er sich den Knöchen brach und ins Krankenhaus mußte.
Dann gehts nach Klaipeda und zum „Ännchen von Tharau“, im Simon-Dach-Haus trifft er die fünfundzwanzigjährige Germanistin Marta Einars, die ihm von der Hermann-Sudermann-Schule erzählt, in die nach der Wende alle wollen und dafür auch bereit sind, einen deutschen Großvater zu erfinden, während früher die deutsche Sprache verpönt und verboten war.
Es taucht dann auch ein Ostdeutscher namens Lehmann auf, der nationale Vorträge hält, für die Marta sich entschuldigt und als wir vor einem Jahr vor dem Simon Dach-Brunnen gestanden sind, gab es am Theaterplatz, wo Hitler einmal die Befreiung Memels vom Balkon verkündete, eine EU-Veranstaltung, wo ich mir einen Sack mit litauischen EU-Broschüren mitgenommen habe.
Gauß reiste aber weiter nach Priekule, wo die Dichterin Ieva Simonaiyte „Wir sind ein Volk – eine Sprache- ein Litauen“, ein Denkmal hat und in Silite, das früher Heydekrug hieß, wurden in einem Gasthaus drei alte Damen geehrt.
Der zweite Text „Von Hopgarten nach Smolnik – Unterwegs in der Zirps“ handelt von der Slowakei, in der Gegend der hohen Tatra, wo wir ja auch schon fünf Mal unterwegs gewesen sind und beginnt in Hopgarten, da ist Gauß und sein Fotograf bei einer Familie eingeladen, die ein „sächsisch, schlesisch, schwäbisch und byrisches Mittelhochdeutsch“ spricht von der Uroma bis zum kleinen Enkel sitzen sie alle zusammen, singen und servieren dem armen Gauß Schnaps, Wurst, Kaffee und Kuchen gleichzeitig und fordern ihm zum Essen auf.
In Poprad, der Stadt, wo wir immer im Tesco einkauften, bevor es zurück nach Österreich ging, wohnt er im Hotel Gerlach, wo sich der Frühstückraum gleich nebem dem Erotik-Club befindet, so treffen die mafiösen Geschäftsleute und die müden Prostituierten in Schlapfen und im Morgenmantel beim Kaffee aufeinander, bevor die Gymnasiasten kommen, um auch einen Blick auf diese Erotikwelt zu werfen. Sie treffen auch Vladi den Redaktuer des „Karpatenblattes“, der hat die Gicht und trinkt Wodka mit Wasser und der alte Dr. Martinko, Jahrgang 1916, also das, wo der selige Kaiser starb, spricht ein Prager Deutsch, hat kein Geld für das Mittagessen in dem Restaurant, wo er die beiden hinbestellt, gibt dem ehemaligen kommunistischen Schuldirektor, der seine Pension an der Garderobe aufbessert, aber doch ein Trinkgeld.
Und einig sind sich all diese versprengten Deutschen, die einander ebensowenig, wie die in Litauen leiden können, daß die Schuld an allen bei den Roma, der größten Volksgruppe liegt und schade, „daß der Hitler auf sie vergessen hat.“
Dann gehts ans Schwarze Meer, wo Gauß in Orten wie Elsaß, in Odessa und auch anderswo nach den Schwarzmeerdeutschen sucht, weil die ja zu Beginn des Neunzehnten Jahrhunderts von Zar Alexander den I nach Russland geholt wurden, jetzt gibt es aber nur mehr Kirchen ohne Dächer, die einmal zu Sporthallen umfunktioniert werden sollten, alte Herren, die Gauß erklären, ob er wisse, daß Hitler auch ein Österreicher gewesen sei, alte Damen die mit goldenen Zähnen lachen und zufällig Eichmann heißen, ein Kubanaer, als Chauffeur im byrischen Haus, das den Deutschen bei der Umsiedlung helfen soll und dort ist es eine Russin, die am besten von allen Deutsch spricht und eine Übersetzerin versucht Gauß das deutsche Odessa zu zeigen.
Ich bin ebenfalls noch nie in Odessa gewesen, habe aber einmal ein Buch geschrieben, in dem ich meine Heldin auf eine Busfahrt dorthin schickte.
Als interessant sind vielleicht noch die Danksagungen mit Buchhinweisen im Anhang zu erwähnen und, daß das Buch mit Hilfe eines Projektstipendiums geschrieben wurde.

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