Literaturgefluester

2016-11-05

Blauschmuck

Dank Herrn Leitgeb und dem „Alpha-Literaturpreis“, kann ich jetzt das dritte österreichische Buchdebut besprechen, Katharina Winklers „Blauschmuck“, von dem ich eigentlich ganz sicher war, daß es den Preis gewinnen wird, weil das Buch in dem Blogs sehr begeistert besprochen wurde und so für mich das bekannteste war.

Das Bekannteste auf der „Alpha-Liste“ und vielleicht auch auf der der öst-buchdebuts, obwohl ich, da ich inzwischen die beiden anderen Bücher gelesen habe, da nicht mehr ganz sicher bin und vergleichen, ich wiederhole es noch einmal, kann man diese drei Bücher nicht und auch nicht sagen, a ist das beste und besser als b und c.

Das kann man wahrscheinlich nie, beim dBp hatte ich aber meine klaren Empfehlungen, hier kann ich nur sagen, jedes Buch steht eigentlich für sich und da sieht man wieder, daß solche Preisentscheidungen vieleicht doch nur ein „neoliberaler Unsinn“ sind.

Am kommenden Dienstag werden wir es wissen, ob der österreichischen Arbeiterkammer, das Schicksal einer kurdischen Frau, oder die Ereignisse von 1945 in Rechnitz, beziehungsweise, die prekären Arbeitsverhältnisse der jungen Akademiker am wichtigsten sind.

Alfred meinte, für die Arbeiterkammer wäre es bestimmt das letztere, es ist aber eine sehr literarische Sprache, in der die 1979 in Wien geborene Katharaina Winkler, die derzeit in Berlin lebt, ihr Debut geschrieben hat.

„Blauschmuck“ nennen die türkischen Frauen nämlich ihre von ihren Männer bekommenen Verletzungen, die sie in den kurdischen und türkischen Dörfern windelweich schlagen, weil sich das so geört und wenn eine Frau ohne diesen Schmuck auftritt, ist sie ein Außenseiter.

Erzählt wird die Geschichte, die, wie in dem Buch steht, auf einen realen Fall basiert, von  Filiz, die in einem kurdischen Dorf in der Türkei aufwächst und sie tut das auf eine sehr poetische Art.

In kleinen Absätzen wird, oft nur ein paar Sätze pro Seite, schildert sie das Leben im Dorf, das Aufwachsen unter ihren Geschwistern, das Hüten der Schafe und das Umgehen mit der Ehre, beispielsweise, denn  „Die Ehre steht über allem sagt Vater. Der Ehre entsteigt die Sonne. Die Ehre läßt uns ruhig schlafen.  ….Die Ehre wächst mir über den Kopf.“

Denn es ist ja nicht sehr leicht, das Leben in dem Dorf, wo man auf seine „Jungfrau aufpassen“ muß und nicht genau weiß, wie man jetzt die Kinder bekommt, vom „Kaugummi kauen vielleicht?“

Und wem das jetzt naiv erscheint, den erinnere ich daran, daß man in den Sechzigerjahren, wo ich aufwuchs, auch nicht so ganz sicher war, ob man sie nicht vielleicht doch vom Küssen oder von der Badewanne  bekommt, wenn dort jemand sein Sperma ausgelassen hat?

Filiz ist aber gescheit und so kommt auch der Lehrer zum Vater und schlägt vor, da Mädchen in der Stadt einen Beruf erlernen zu lassen. Der Vater aber winkt aber, denn da hat er schon mit seiner ältereren Tochter schlechte Erfahrungen gemacht, die hat er in das Lehrerseminar geschickt, hat sogar dafür eine Kuh oder sonst was dafür verkauft und die Tochter heiratete, wurde Bäckerin und das viele Geld war verloren.

Filiz hat aber ohnehin andere Vorstellungen, ist sie doch in den drei Jahren älteren Yunus verliebt. Das heißt eigentlich in seine Jeans und Turnschuhe, die er aus Deutschland mitbrachte, denn Deutschland ist das Land, der Jeans und Turnschuhe iund so will Filiz mit Yunus dorthin.

Der Vater ist wieder dagegen. So geht ihm die Fünfzehnjährige durch und heiratet Yunus gegen seinen Willen und kommt damit vom Regen in die Traufe. Denn, als erst einmal das Leintuch blutig ist und den Hochzeitsgästen stolz präsentiert wird, wird sie von seiner Mutter, die sie „Spinne“ nennt, schlecht behandelt und auch von Yunnus blaugeschlagen, als sie sagt, daß er „achtzehn und nicht achtzig“ ist, als er von ihr verlangt, daß sie ihm anziehen soll.

Denn er betrachtet sie fortan, als seine Sklavin und so kocht und putzt sie für ihn, bekommt ihren „Blauschmuck“.

„In unseren Dorf leben viele blaue Frauen. Viele Frauen wechseln den Blauschmuck von Woche zu Woche, einige von Tag zu Tag. Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug. Holz oder Eisen, und die Anzahl  der Schläge bestimmen den Blauton.“

Sie bekommt auch sehr bald drei Kinder, Halil, Selin und Seda und zieht scheinbar willenlos mit ihm von Wohnung zu Wohnung. Dort sperrt er sie mit den Kindern ein, stellt nur die Lebensmittel vor die Tür und manchmal ist er auch nett zu ihr. So hält ihn eine Krankenschwester einmal für den vorzüglichsten Ehemann und Goldschmuck zum Blauschmuck gibt es gelegentlich auch und Filiz, die inzwischen verschleiert ist und Kopftuch, um Kopftuch zu ihren Großmutterkleidern trägt, träumt immer noch von den Jeans und den Turnschuhen, die man in Deutschland kaufen kann.

Irgendwann kommt sie auch dorthin, nach Österreich nicht nach Deutschland und dreht in einem Supermakrt, wo man alles kaufen kann, was sie in ihrem Dorf nie gesehen hat, fast durch.

Langsam, langsam, obwohl sie sehr geduldig ist und ihren „Blauscmuck“, wie noch vieles andere, einfach als Los, der Frauen hinnimmt, beginnt sie sich zu wehren, bekommt von einer älteren Frau, auch Deutschunterricht und zu den Kindern kommt, da seltsamerweise, was ich in meiner Praxis beispielsweise anders erlebte, Yunus nichts dagegen hat, auch der Nikolo.

Die Kindern lernen das „Schwimmen“, wie Filiz, das in ihrer symbolhaften Sprachen nennt, viel schneller, als sie, „die bis zum Kopf im Wasser steht“.

Sie stehen einfach am heiligen Abend da und warten auf das Christkind, wie sie es in der Schule lernten, obwohl Filiz noch keine Ahnung hat, was das Christkind ist.

Sie darf aber den Führerschein machen und besteht, obwohl sie da zu vier fremden Männern in das Auto steigen muß. Sie beginnt auch heimlich Geld für die Kinder abzuzweigen und, als es Yunus wieder einmal zu bunt treibt, steht sie blaugeschlagen in einer ärztlichen Praxis,  der Arzt sagt ihr, er muß das anzeigen und die Arzthelferin empfiehlt das Frauenhaus.

„Worte wie Schutz und Ruhe, Betreuung, Sicherheit, Hilfe schweben um mich herum wie schillernde Seifenblasen. Weiß sie denn nicht, dass Yunus jedes Haus stürmt? Die Kinder umbringt? Mich? Die Frauen des Frauenhauses? Mit dem Küchenmesser?“

„Die Nachbarn“, steht auf den letzten Seiten, haben am “ 1. August 1998 die Polizei und den Notarzt verständigt“.

Die Ehe wurde geschieden, Filiz machte eine Ausbildung zu Köchin und auch die drei Kinder haben inzwischen studiert und üben inzwischen anspruchsvolle Berufe auf.

Ein sehr interessantes Buch, das mich, ähnlich, wie Tobas Nazemi auch gespalten zurückläßt.

Denn da sind zwei wahrscheinlich sehr von einander verschiedene Ebenen. Auf der eine, die sehr hochliterarisierte Sprache, die so symbolhaft ist, daß sie wahrscheinlich von keinem kurdischen Dorfmädchen, das kaum die Schule besuchte, gesprochen wird und wenn das Buch, wie beispielsweise meine „Flüchtlingstrilogie“ realistisch erzählt wäre, wäre es wahrscheinlich nicht so erfolgreich geworden und dann ist da, das ergreifende Schicksal der geschlagenenen Frauen, die einen nicht kaltlassen können.

Bei „Amazon“ gibt es eine „Einstern-Rezension“, die die Bezeichnung „Blauschmuck“ für die Gewalt an Fraun zynisch findet.

Die Autorin wird gleich belehrt, daß diese Bezeichnung von den türkischen Frauen selbst kommt, die damit ihre Würde bewahren wollen, wahrscheinlich ist es auch als Dissoziation zu interpretieren.

Andererseits weiß ich trotzdem nicht so genau, wie weit geschlagenen Unterschichttürkinnen sich trotzdem so bezeichnen, würde, da das Buch ja über eine Betroffene und nicht direkt von ihr geschrieben wurde, diesen Einwand also nicht so ganz wegweisen können.

Katharina Winkler steht mit dem Buch inzwischen auf mehreren Preislisten und natürlich ist die Beschäftigung mit diesem Themea sehr wichtig  und wenn es noch dazu in einer sehr schönen Sprache geschieht, um so besser, kann man natürlich sagen.

Ich bin auch sehr beeindruckt, habe mich selbst in der „Frau auf der Bank“ in einer viel einfacheren Sprache, auch  mit diesem Thema beschäftigt und von Katja Schneidt, die ich über Martina Gercke kennengelernt habe, auch ein anderes Buch über dieses Thema gelesen, wo auch eher nur berichtet wird.

Bin jetzt auf den Dienstag sehr gespannt und möchte eigentlich nicht in der Haut der Juroren stecken, die entscheiden sollen, was literarisch besser ist, das Schicksal einer türkischen Frau oder die Ereignisse in Rechnitz, die ja auch literarisch brillant gelöst wurden, beziehungsweise, die prekären Arbeitsverhältnisse der Generation 30 und denke wieder, daß man das vielleicht auch nicht entscheiden, sondern jedes Buch für sich stehen und zum Lesen empfehlen lassen könnte.

 

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1 Kommentar »

  1. […] Literaturgeflüster  […]

    Pingback von [Das Debüt 2016]: Shortlist – Durchsicht – Entscheidung – Lesen macht glücklich — 2016-12-11 @ 09:47 | Antwort


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