Literaturgefluester

2017-10-13

Der Tag an dem mein Großvater ein Held war

Die Shortlist des öst Bp wurde am Dienstag bekanntgegeben und ich habe das dritte Buch daraus gelesen.

Die menschlichen Tiergeschichten der Eva Menasse schon im Frühling, „Kiwi“ ist ja so nett und schickt mir die Vorschauen und dann die gewünschten Bücher.

Ihren Halbbruder der ja auf beiden Listen steht, im Rahmen des deutschen Buchpreislesen und Auszuüge aus der kurzen Geschichte des 1961 in Amstetten geborenen Kinderpsychiaters Paulus Hochatterer bei den O- Tönen.

Da war ich ein bißchen verwirrt von der Geschichte und habe mich nicht recht ausgekannt, habe gedacht, nicht schon wieder von den letzten Kriegstagen und mich gefragt, ob die Leute damals ihre Traumatisierungen wirtklich so erlebten, wie der Kinderpsychiater sie heute beschreibt?

Denn es war in dem Gespräch und bei der Lesung viel davon zu hören, daß alles  ganz anders sein könnte, die Nelly lügt, um ihre Wirklichkeit zu verdrängen, etcetera.

Jetzt habe ich die hundertzwölf Seiten lange Geschichte, die in sich noch vier weitere Geschichten hat, gelesen und während des Lesens öfter gedacht, daß da  in dem kurzen Buch eigentlich sehr sehr viel passiert.

Die Geschichte von dem abgesprungenen amerikanischen Kampfflieger, von dem russischen Kriegsgefangenen, der Göring ein Bild gestohlen haben kann, von der von dem Apothekernazi mißbrauchten Isolde und dann natürlich von dem Großvater, der eigentlich gar keiner ist.

Viel zu viel in hundertzwölf Seiten und ,wie kommt das zusammen?, habe ich gedacht.

Aber es ist eigentlich ganz einfach und Paulus Hochgatter, der am Mittwoch auch in Ö1 zu hören war, hat ganz recht, wenn er immer wieder kryptisch sagte, daß das alles auch ganz anders sein könne und eigentlich ist in dem niederösterreichischen Dorf im März und am ersten April 1945 vielleicht dann wieder nicht so viel passiert oder doch, der Krieg ging zu Ende und die Katastrophe, die Traumatisierung, die Zerstörung bleiben zurück.

Die Geschichte spielt auf einem Bauernhof,  der Bauer, die Bäuerin mit ihren fünf Töchtern, der Sohn ist eingerückt und in Wirklichkeit schon gefallen, aber das hat Laurenz, der etwas spinnerte Bruder des Bauern, wie er von sich selber sagt, verschwiegen und da ist Nelly, die Ich Erzählerin, dreizehnJahre alt und sie war eines Tages da, in einer blauen Jacke, konnte sich an nichts erinnern und es wurde rekonstruiert, daß sie die Tochter einer durch Fliegerbomben ums Leben gekommenen Flüchtlingsfamilie sein könne.

Sie sagt dann später, sie komme aus einem Dorf bei Temesvar, aber sie sagt und denkt sehr viel. Sie denkt sich durch   ihre Traumatisierung, die dissoziiet würden die Kinderpsychiater und Psychologen sagen und siebeobachtet sehr viel dabei.

Sie hat von Laurenz auch ein paar Schreibhefte bekommen und darin schreibt sie Geschichten, die alle dann auch wieder gut ausgehen, so wurde der amerikanische Pilot, der auf der Wiese gefunden wurde, von der aufgebrachten Menge nicht aufgehängt und der Sohn der Agnes, die die Annemarie, die deswegen und auch wegen anderen, ins Bett macht, adoptieren will, das habe ich nicht ganz verstanden, denn sie hat ja eine Familie, der die traumatisierte Nelly ja auch zur Pflege übergeben wurde, aber der Sohn der Agnes ist in einen Bach gefallen und dann wieder von einem Mädchen mit einer blauen Jacke gerettet wurden.

Dazwischen kommt ein Nazi zu dem Bauern, erzählt von der nicht eingehaltenen Verdunkelung und die Bäuerin holt wahrscheinlich Speck und Eier aus der Speisekammer, um noch einmal davon zu kommen. Isolde, die Hutverkäuferin, breitet ein Leintuch über den Ausstellungstisch aus, damit ihr der Apotheker, die Tabletten gibt, die sie für ihre Mutter brauch.

Das  alles wird nur angedeutet und kann, konnte natürlich anders sein, schließlich wurde Paulus Hochgatterer erst 1961 geboren und hat nicht erlebt, wie es wirklich war.

Der Kriegsgefangene Michail, ein Supratemist, taucht mit einem Bild in einer Rolle auf und wird von der Familie aufgenommen. Auch andere Ausgebombte sind am Hof und helfen bei den Erdäpfeln. Es ist die Karwoche, die Bäuerin färbt Eier. Da kommen auf einmal zwei Leutnants herbei, quartieren sich ein, verlangen am Karfreitag einen Braten.  Die katholische Bäuerin hat Schuldgefühle und denkt an das Fegefeuer, der vorwitzigen Nelly, die natürlich ganz anders heißen kann, Elisabeth, beispielsweise und sich für Märtyrer interessiert, ist das egal. Sie hat dem Russen eingeredet, er solle sagen, er würde aus Donauschwaben kommen.

Das glaubt ihm der Leutnant nicht und die Striche, Kreise und Quadrate, der Suprametischten, die Schlößer Häuser, Menschen und abschießende Flugzeuge darstellen sollen, entartete Kunst haben die Nazis dazu gesagt und er soll deshalb auch erschossen werden.

Das ist auch so eine Geschichte aus Nellys Heft wahrscheinlich, denke ich mir und der Großvater, der in Wahrheit keiner ist, Nelly in ihrer Dissoziation aber so zu ihm sagt, sie hat einen Kriegsschaden nennen die anderen das, was wir heute Traumatisierung nennen, taucht auf und sagt „Schämen Sie sich nicht! und der Russe wird nicht erschossen.

Das habe ich schon ganz anders gehört, aber natürlich auch, daß solche Geschichten wirkten und man soll sie natürlich versuchen, ganz klar.

Am Ende macht die Annemarie wieder ins Bett, Nelly weicht ihr Leintuch ein, steckt ihre Hefte in Annemaries Schultasche, dazu das Bild in der Rolle und haut ab.

Aber vielleicht ist auch hier alles anders und es kann natürlich nicht schaden, immer wieder von den letzten Tagen des Krieges zu hören, obwohl sich die Realität durch das fortwährende Erzählen natürlich auch verändert, wie die Kinderpsychiater sicher ebenfalls wissen.

Paulus Hochgatterer ist mit seiner kurzen Erzählung im Vormonat auf der Bestenliste des ORF gestanden und ich habe mir gedacht, er wird den Öst gewinnen, jetzt steht Robert Menasse darauf, dem ich das eigentlich wünsche, aber Doron Rabinovici habe ich noch nicht gelesen und danach kann für mich auch wieder alles anders sein.

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