Literaturgefluester

2015-09-15

Gehen, ging, gegangen

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:47
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Jenny Erpenbecks, im August erschienener Roman, ist wahrscheinlich der aktuellste auf Longlist und er verbindet fast, wie ich es immer tue, zwei Handlungsstränge miteinander.

Da ist Richard, wahrscheinlich siebzig und emeritierter Altphilologe, der am Rande von Ostberlin allein in einem Haus an einem See wohnt. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben, die Geliebte hat ihn verlassen, Kinder gibt es nicht, so schleppt er seine Bücher von der Humboldt- Uni nach Hause und überlegt, ob er fortan Strickjacken statt Jackets tragen und sich nicht mehr rasieren soll?

Er wird auch lernen müßen mit seiner Zeit umzugehen, das Denken will er nicht aufgeben und so umkreist dieses am Beginn, den Toten in See, den Unfall, den es vor einiger Zeit gegeben hat, der ihn in diesem Sommer am Schwimmen gehindert hat.

Dann fährt er in die Stadt und sieht am Alex, beim roten Rathaus, einen Hungerstreik von afrikanischen Flüchtlingen, „We become visible!“ steht auf ihren Transparenten und er beginnt sich mit ihnen zu beschäftigen, liest über die Situation in Afrika nach, lernt die Hauptstädte auswendig und stellt auch einen Fragenkatalog zusammen. Denn nach dem der Streik beendet wurde, werden sie in ein lehres Altersheim in seiner Nähe einquartiert, so geht er hin, läßt sich ihre Geschichten erzählen und verändert sich.

Dazwischen gibt es immer wieder Einschübe aus der „Odyssee“ und anderen altphilologischen Texten,  aus seiner Vergangenheit, er hat noch die letzten Kriegstage erlebt, ist im Osten aufgewachsen, der Westen ist ihm noch immer  fremd. Er trifft seine Freunde, auch alles ältere Paare, geht einkaufen und schreibt dazu penible Einkaufslisten, bringt aber nach und nach den einen oder anderen der jungen Männer nach Hause, einen damit er Klavier spielen kann, ein anderer soll ihm im Garten helfen. Er gibt ihnen gemeinsam mit einer schönen Äthiopierin, in die er sich auch ein bißchen zu verlieben scheint, Deutschunterricht.

Und als die Gesichter alle Geschichten haben, sollen sie verlegt werden, zuerst kann das die Heimleitung durch tatsächliche oder erfundene Windpocken verhindern, dann kommt es zu Unruhen und Polizeieinsätzen.

Richard organisiert zum ersten Mal in seinem Leben eine Demonstration, weil man dazu einen deutschen Paß  benötigt und am Ende schlafen eine Menge junger Männer in seinem Haus, ein paar andere bei seinen Freunden, die fast ungewöhnlich solidarisch sind.

Eine kleine Verstimmung gibt es auch, weil nicht sicher ist, ob es nicht einer der jungen traumatisierten Männer war, der bei ihm eingebrochen hat, während er in Frankfurt einen Vortrag über Seneca hielt und das Buch schließt auch ziemlich abrupt  bei der Geburtstastagsfeier, die er mit ihnen und seinen Freunden veranstaltet, er sitzt da und denkt nach warum er mit seiner Frau Christl keine Kinder hatte, weil das für Afrikaner offenbar etwas sehr ungewöhnlich ist.

Ungewöhnlich ist vielleicht auch der Stil und das ist, wie ich in einigen Rezensionen lesen konnte, vielleicht auch das Problem des Buches.

Denn die 1962 in Berlin geborene Jenny Erpenbeck, die mit „Heimsuchung“, ein Buch, das ich ich mir als TB vor kurzem um einen Euro kaufte und „Aller Tage Abend“ berühmt geworden ist, machte sich an ein sehr aktuelles Thema.

Auf den letzten Seiten gibt es auch einen Spendenaufruf, auch ein bißchen ungewöhnlich, denn wenn das Buch in zehn zwanzig Jahren im Bücherschrank oder einem Antiquariat liegt, wird es das Konto nicht mehr geben und inzwischen habe ich ja auch gelernt, daß es als nicht sehr literarisch gilt, sich an solche tagespolitische Themen zu wagen.

Jenny Erpenbeck juckte es wahrscheinlich unter den Fingern und um entsprechenden Vorwürfen zun Entgehen, packte sie auch noch einige andere Handlungselemente hinein. So gibt es viele Anspielungen, viele Gedankengänge, das  „gehen ging gegangen“, kommt immer wieder, auch andere Wortwiederholungen und im Klappentext steht etwas vom „Vergehen der Zeit“, um das es ja eigentlich gar nicht geht oder doch natürlich, wenn du jahrlelang auf deinen Asylbescheid wartetst und von einem Lager ins andere geschickt wirst, ist das bestimmt sehr wichtig.

Aber Journalistisch solllte es  nicht werden, dann wäre das Buch nicht auf der Longlist gekommen, also gibt es immer  fast surreale Szenen in dem Buch, das am Anfang auch sehr distanziert beginnt „Richard kocht sich einen Kaffee“ beispielsweise, das mir, wen wundert es, sehr gut gefallen hat, etwa die, wo einer seine Geschichte erzählt und dabei den Boden kehrt, Richard ist aber, als er daran denkt, schon in seinem Haus oder die, wo sich alle herausputzen, um gemeinsam zum Deutschkurs in die VHS aufzubrechen oder die von dem Anwalt mit Zylinder und Bratenrock, also höchst literarisch, obwohl es ja um so etwas „banales“ wie Flüchtlingsschicksale in Oranienburg geht.

In den Blogs wurde das sehr diskutiert und die Blogger, die ja ihre Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ haben, sind hin und hergerissen ob das jetzt gelungen ist oder nicht und ich denke, daß uns die Realität, seit Erscheinen des Buches, mit den Flüchtlingscamps am Westbahnhof beispielsweise und den Toten auf der A1 schon wieder überholt hat und es ist wahrscheinlich auch spannend, das, was man sonst im Fernsehen sieht oder in der Kronenzeitung liest, literarisch aufbereitet bekommen.

Ich habe vieles gelernt, das ich vorher noch nicht wußte, obwohl ich mich schon länger mit der Problematik beschäftigte und in diesem Sommer auch darüber geschrieben habe. Beispielsweise war mir fremd, daß viele der jungen Männer Italienisch sprechen, was aber, wenn sie sich vorher in Lampedusa oder in den italienischen Städten aufgehalten haben, bevor sie nach Deutschland kamen, eigentlich kein Kunststück ist.

Irgendwo wird Richard auch als schrullig beschrieben, was ich eigentlich nicht so empfinde und mich auch wehren würde, jeden alteren Herrn gleich so zu bezeichnen und der hier beschriebene ist auch noch sehr gelehrt und gebildet.

Aber zwei Eigenheiten oder Ungereimtheiten fielen mir schon auf, so zum Beispiel, daß er sich hauptsächlich aus Bohnen- und Erbenseintöpfen zu ernähren scheint und die gleich aus der Dose löffelt, ein Universitätsprofessor würde, würde ich einmal vermuten, auch wenn er in Ostberlin wohnt, eher in Gasthäuser essen gehen, wenn er nicht kochen kann und dann hat er den Adventkranz fünf Jahre auf dem Wohnzimmertisch stehen, weil er ihn nach dem Tod seiner Frau nicht mehr entfernte, ein bißchen unrealistisch für einen Mann vieleicht, der seine Frau mit der Geliebten betrogen hat oder vielleicht einer der literarischen Kunstgriffe Jenny Erpenbecks und dann kommt wieder eine Weihnachtsszene, die dritte, die ich lese, seit ich „Buchpreisblogge“, diesmal eine sehr ausführliche sogar.

Richard nimmt einen der jungen Männer nach Hause und führt ihn, obwohl er Atheist ist, durch sein „Weihnachtsmuseum“. Da frage ich mich wieder, ob das die Verlage von ihren Autoren so verlangen, damit die Leute, wenn sie zu Weihnachten ihr Büchlein auspacken, zufrieden sind. Aber das würde wieder nicht zu dem brandaktuellen Thema und dem engagierten Anliegen passen.

Spannend also die Wirklichkeit so schnell literarisch aufbereitet zu bekommen, ich danke für das Rezensionsexemplar und bin jetzt sehr gespannt, ob es morgen auf die Shortlist kommt.

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