Literaturgefluester

2017-12-08

Oder Florida

Buch fünf der Shortlist des Bloggerdebuts eine Auswahl aus vierundsechzig Longlistbüchern ist wieder komplett anders und eigentlich in meinem Sinn, nämlich ein DDR-Roman und die lese ich doch gerne.

Da waren also drei poetisch sprachlich anspruchsvolle Bücher, die ich wie folgt reihen könnte:

  1. Immer ist alles schön
  2. Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
  3. Still halten

Dann die Biografie des Genies James William Sadis und jetzt ein „So lustiges und trauriges, ein so politisches und gefühlvolles Buch über das Deutschland nach der Wende, habe ich schon sehr lange nicht mehr gelesen!“, wie Jana Hensel am Buchrücken schreibt.

Die 1976 in Borna geborene Jounalistin und Autorin die  „Zonenkinder“ geschrieben hat, meint das.

Nicht ich, denn ich habe ja erst vor kurem „Peter Holtz“ gelesen und hätte dieses Buch gern auf der Shortlist des dBp haben wollen und  muß auch gestehen, daß ich nicht gleich in den Roman, des 1979 in Frankfurt an der Oder geborenen Christian Bangel hineingekommen bin.

Am Anfang erschien er mir etwas langatmig und unverständlich, aber dann habe ich mich hineingelesen und habe mir gedacht, daß das realistische Erzählen ja etwas für mich ist, obwohl es natürlich auch ironisch und komisch ist.

Natürlich ist es das und damit habe ich auch meine Schwierigkeiten und deshalb hab ich mir anfangs beim Lesen vielleicht ein bißchen schwer getan. Velleicht lag es auch am Format, denn es ist das zweite Buch das ich bei „Netgalley“ öffnen konnte. Das Erste war Kerstin Preiwuß „Nach Onkalo“.

Das habe ich dann aber als Printausgebe gelesen. Als ich aber am Freitag mit diesem Buch anfangen wollte, war die noch nicht da, also habe ich das PDF oder E-Book angefangen und das ist ja ein bißchen schwieriger, obwohl man auch da hineinkommt.

Dann habe ich das Buch bekommen und habe es mir auch ins Literaturhaus mitgenommen und in den Pausen des „Fried Festtivals“, darin gelesen.

Wir gehen, womit man wieder sehen kann, daß die meisten Bücher und auch sehr viele Debuts etwas Autobiografisches haben, nach Frankfurt an der Oder und in das Jahr 1998 und da ist der zwanzigjährige Matthias Freier und der hat gerade seinen Zivildienst hinter sich, ist Redaktuer eines Magazins, das sein Freund  Fliege gegründet hat und der hat noch andere Pläne. Er will nämlich, es sind gerade Wahlkampfzeiten und Gerhard Schröder wird etwas später Helmut Kohl ablösen, einen Kapitalisten zum SPD Bürgermeister machen, der heißt Franziskus und hat sehr neobliberale Ansichten, obwohl oder gerade, weil er aus dem Osten kommt und Freier, wie Matthias genannt wird, wird zu seinem Pressesprecher.

Frankfurt (Oder) heißt der erste Teil des Buches, weil es dort spielt und 1998 ist die Stadt offenbar sehr von den Neo Nazis bevölkert, die Freier auch krankenhausreif zusammenklatschen und der der frisch gebackene Pressesprecher eines Kapitalisten, der ihm von Florida vorschwärmt, weil dort ja alles so kapitalistisch ist, deshalb heißt das Buch auch so, hat gerade genug Probleme.

Lebt er doch in einer leeren Wohnung mit einem leeren Kühlschrank, die Mama, die die Wende in ein Callcenter verpflanzt hat, schickt ihm zwar Carepakete, beiehungsweise stellt sie ihm Letschodosen in die Küche, die Freier dann hinter im Bücherradel versteckt, weil er kein Letscho mag.

Die Mama ruft ihn auch mitten in ihren Meinungsforschungsinterviews an und fragt ihm dann nach seiner Meinung und erst wenn die Luft von den Supervisorn rein ist, wie es ihm geht.

Ja, so sans die Kapitalisten und Franziskus Wahl geht gehörig schief, weil man im Osten 1998 offenbar auch schon das Dirty Campaining kannte und da wird aufgedeckt, daß Franziskus in Florida ein Geschäft aufbauen will ,um die faulen Ossis zur Schulung dorthin zu schicken.

So wird er ausgepfiffen und verliert die Wahl, macht Freier aber, der auch um seine Jugendliebe Nada trauert, die mit ihrer Mutter  in den Westen mußte, weil die im Osten keine Arbeit mehr bekam, die er aber jetzt wiedergesehen und einen Kurzausflug nach Berlin mit ihr gemacht hat, wo er aber auch von den Nazis verfolgt wurde, ein moralisches oder unmorialisches Angebot.

Er nennt ihn jedenfalls einen Rohdiamanten, den er schleifen will. Das heißt Freier soll nach Hamburg und sich im Zoofachgeschöft eines befreudeten Kapitalisten in die BWL einarbeiten, dann nach Florida fliegen, für Franziskus ein Geschäft aufbauen und bekommt dann von ihm hunderttausend Dollear.

Die Mutter rät davon ab. Freier sagt zu und muß bei dem befreundeten Kapitalisten nun Kartons falten, Dosen aussortieren, Fischbecken putzen, etcetera und wird immer wieder vertröstet und zusammengeschißen, so daß er schließlich vor der Wahl steht, ob er sich weiter verskalven lassen oder nach Berlin abhauen und mit Nadja ein schönes neues freies Leben beginnen soll?

Ein interessantes Buch, vielleicht nicht ganz so knallhart iroinisch wie  „Peter <holtz“ erzählt. Aber knallhart komische Stellen hat es schon. Etwa gleich am Anfang, als Fliege mit dem Slogan „Mehr sonne für Frankfurt!“, in den Wahlkampf tzieht oder knallhart grausam, als er im zweiten Teil „(Oder ) Hamburg draufkommt, daß die Kapitalisten die Azubis aus dem Osten alle Udo nennen „unser dummer Ossi“.

Ansonsten ist Deutschland weit von Österreich weg und und das Jahr 1998 weit von 2017, wo die Neo Nazis ja nicht mehr Türken klatschen, sondern sich „Patrioten“nennen,  den Linksfaschismus bekämpfen und auf der Buchmesse „Wir alle hassen Antifa“, einem hilflos daneben stehenden messedirektor ins Gesicht schreien und ich denke mir 1998 ist lang vorbei. Die blauschwarze zweite Wende oder die „Orbanisierung“ Österreichs fängt hier erst an und begann zu überlegen, ob ich für Debutpreis wirklich nur drei poetisch schöne Bücher rangreihen will und, obwohl ja eine realistische Autorin, die realistischer geschriebenen außen vorn lassen will?

Ich will, das kann ich gleich verraten, nicht und werde das noch genauer in einen eigenen Artikel begründen.

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5 Kommentare »

  1. Hallo Eva,

    meine Besprechung kommt sicher am Wochenende. Du drückst aber genau das aus, was ich bei diesem Roman dachte. Vor allem zu Beginn kommt man erstmal schwer rein. Der Aufwand lohnt sich aber, bekommt man in meinen Augen, und hier widerspreche ich mal, ein politisch sehr aktuelles Buch mit schmutzigem Wahlkampf und aufkommenden Rechten (hier halt NPD). Bin gespannt, wie der Rest unserer Jury Buch auffasst.

    Liebe Grüße
    Marc

    Kommentar von Marc — 2017-12-08 @ 08:50 | Antwort

    • Ja natürlich ist es politisch deshalb hat es bei mir nach reiflicher Überlegung, wie das heißt, auch Platz zwei bekommen.
      Das was ich meinte ist die Politik von 1998 und die ist lange hier und inzwischen wahrscheinlich schon wieder ganz anders und weiter vor nach rechts beziehungsweise Österreichr zum konservativsten europäischschsten Land mutiert, wie die Patrioten schon auf ihren Videos jubeln, die meinen, daß Deutschland, wo es offenbar noch nicht ganz so weit ist, sich ein Vorbild daran nehmen sollte und ich weiß schon, daß man über die ganz aktuellsten politischen Ereignisse wahrscheinlich noch nicht schreiben kann, obwohl ich es sowohl im „Frühstück“ als auch in der „Unsichtbaren Frau“, versuchte und die ist sehr aktuell, kommen da ja die „Krawalle auf der Frankfurter Buchmesse“ vor, wird aber wahrscheinlich erst in einem halben Jahr oder noch später erscheinen, liebe Grüße und ein schönes Adventwochenende. Ist in Deutschland auch ein Feiertag?

      Kommentar von jancak — 2017-12-08 @ 09:09 | Antwort

  2. […] Jancak von Literaturgeflüster, Ruth von Ruth liest und Marc von Lesen macht glücklich haben auch bereits Rezensionen […]

    Pingback von Christian Bangel – Oder Florida – LiteraturReich — 2017-12-22 @ 16:42 | Antwort

  3. […] Rezension auf Literaturgeflüster […]

    Pingback von [Das Debüt 2017] And the winner is… | Das Debüt — 2018-01-10 @ 00:58 | Antwort


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