Literaturgefluester

2018-05-03

Visby infra – ordinaire

  • Jetzt kommt wieder eines meiner Kunststücke, nämlich, wie bespreche ich ein Buch, das ich nicht verstanden habe oder das eigentlich keinen Inhalt hat, den man erzählend, spoilernd, chronologisch…, wie ich es ja so gerne tue, wiedergeben kann?

Dararan bin ich natürlich selber Schuld, denn ich schaue ja immer so gerne über den Tellerrand und stecke meine Nase bevorzugt in fremde Töpfe, sprich gehe zu Veranstaltungen der experimentellen Literatur, obwohl ich ja realistisch schreibe, lerne dabei experimentelle Autoren kennen, die mich zu ihren Lesungen einladen oder mir Hinweise zu ihren neuen Büchern schicken.

Im konkreten Fall betrifft das die 1939 in Zürich geborene Elisabeth Wandeler -Deck, die ich in der „Alten Schmede“, ich glaube, bei einem noch von Christiane Zintzen kurartieren „Literatur als Radiokunst-Veranstaltung“, die ja, was zumindestens den Beruf betrifft, auch einige Gemeinsamkeiten mit mir hat.

Hat sie ja auch Psychologie studiert, allerdings auch Architektur und sie kommt öfter nach Wien und liest in der „Alten Schmiede“ und jetzt hat sie die der „edition taberna kritika“, ein neues Buch herausgegeben und ich dachte mir, frage ich es als Rezensionsexemplar an, bin ich ja an jeder Art von Literatur interessiert und dann habe ich sofort das PDF bekommen.

Zum Glück, dann auch das Büchlein, obwohl ich ja auch Oswald Eggers „Val di non“ als PDF gelesen habe und Joshua Cohens „Buch  der Zahlen“ und der erste ist wahrscheinlich mindestens genauso experimell, wie  das vor mir liegende Bändchen und dann habe ich  noch das handschriftliche Exemplar von Rudi Lasselssberger „Willi“ gelesen, bin also mit außergewöhnlichen Textsorten schon sehr erfahren und in der GAV-Aufnahmejury war ich auch zwei Jahre, wo ich es auchhauptsächlich mit experimneteller Literatur zu tun hatte.

Trotzdem war ich am Anfang, ich schreibe es gleich, ein wenig ratlos, denn schlägt man das Büchlein auf  kommt man sofort auf einen Listenkatalog eingeteilt in 1 bis 1.8.1.1.1 beispielsweise und man sieht auf den ersten Blick keinen Zusammenhang. Dann wird noch in verschiedenen Farben gearbeiteut und die Titelunterschrift „listen, würfeln, finden“, sowie das Nachwort des mir  ebenso als sehr experimentell bekannten Autors Florian Neuner, half mir zunächst auch nicht weiter.

Es gibt zwar auch Anmerkungen der Autorin, daß sie der Koomponistin Margret Schenker und dem Baltic Center for Writers and Composers dankt, sowie,  daß sie von“ Jaques Roubaud mit Tokyo infra-ordinaire, Waltraud Seidelhofer  mit „Singapur oder Lauf der Dinge“ und noch einigen anderen mehr, begleitet wurde.

Es gibt dann noch einen Beipackzettel des Verlags, der ein bißchen mehr erklärt.

„Der Text inszeniert und dokumentiert, eine an die psychographischen Experimente der Situonisten gemahnende Methode, gewissermaßen einen Keil in die geläufige, wie von selbst funktionierende Praxis zu treiben, mit der wir uns in einer durchschnittlichen europäischen Stadt – sei es in Winterhur, in Budweis oder eben in Visby -aufgrund unseres Vorwissens und unserer Erfahrung meist mühelos orientieren können.“

Da stammt ebenso von Florian Neuner und mit der mühelosen Orientierung tat ich mir noch immer etwas schwer.

Am Buchrücken findet man  untereinander geschrieben, anstelle einer Zusammenfasung:

„‚#044

#alatorik

#farbdruck

#liste

#würfel(motiv)

#konzeptliteratur

#pataphysik

#roubaud (motiv)

und allmählich wird es etwas klareeer.

Jaques Roubaud ist jedenfalls ein 1933 geborener französischer Schriftsteller und Mathematiker und er hat offenbar die Vorlage für Elisabeth Wandeler-Decks Text geschrieben, die im Juli 2014 mit der Kompnistin Margret Schenker das „Baltic Center for Writers and translaters“ der Stadt Visby in Gothland ausuchte und dazu eine Stadterkundung nach Vorlage des Roubaud Buches schreiben wollte.

Dann gibt es noch Würfeltexte. Aber dazu später. Zuerst ist sie ja noch in Zürich und packt ihren Koffer und das wird in den einzelnen Farbabschniten  genau angemerkt, wie es ja immer wieder auch zu anderen Textsorten kommt.

So gibt es beispielsweise auf Rot die 2.4.1.1.1. Anmerkung auf Seite 11 „Du bist ausgebilldete Architektin. Welche Rolle spielt dieser Hintergrund für dein Schreiben? (Aus einem Interview von Florian Neuner.“

Das ist vielleicht auch im Nachwort ein bißchen besser ausgeführt.

Dann fährt oder fliegt die Autorin dortihin, schreibt von ihrem Tagesablauf mit seinen „Zeitspannen als Formangebot“, in Rot als 3. 2. und in Blau bei  3.1.1.1.1. darüber heißt es „Woran dabei gedacht wird: Erzählinseln. Erzählflösse, Erzählpodeste, Erzähltreppen, Erzählteppiche, Erzählstühle, Erzählräder, Erzählfähren, Erzählbäume, Erzählrhizome, Erzählmikroludien, Erzählthriller“

Also immer noch sehr kompliziert für die nichtexperimentele Leserin.

Obwohl Florian Neuner in seinem Nachwort ja etwas vom mühelosen Stadterkunden schreibt und das wird offenkundlich mit der Würfeltechnik so gemacht.

„WÜRFELN (we do this by throwing  the dice)

Es ist der 30. Juli. Es ist sehr heiss. 2014, im nachhinein ein nachweisslich heißer Sommer“.

Und dazu gibt es noch Anweisungen in braun unter 3.1.1.1.1. auf Seite 54:

„Eigener Textversuch? Lassen wir das. Oder doch. Was ist ein Würfelgedicht. In Analogie zur Frage Roubauds, was ein Metrgedicht sei. Bei inem Würfelgedicht entsteht die erste Zele zwischen zwei Würfelwürfen. Diese wird am Zielort des vorhergehenden  Würfelwurfs niedergeschrieben. Die folgende Zeile bilet sich auf dem Weg zum Zielort des eben vollzogenenen Würfelwurfs.  Diese wiederum wird transkribiert nach Erreichen  des neuen Ziels. Nie wird während des Gehens notiert. Der letzte Vers entsteht während der letzten gewürfelten Etappe.“

„Aha!“, könnte man jetzt sagen und „Das ist ja noch komplizierter!“

Jetzt könnte die realistisch schreibende Verhaltenstherapeutin den Versuch wagen, das Ganze zu vereinfachen und Elisabeth Wandeler-Decks Buch wieder eine gespoilerte Inhaltsangabe zu verpassen:

Das Ganze ist also ein sehr experimentell verfaßter Bericht eines Aufentahlts in Skandinavien und man hat auf höchst komplizierte Art und Weise  von Elisabeth Wandeler-Decks Reiseerlebnissen erfahren.

Iich würde das Ganze  viel einfacher verfassen. Aber ich bin  eine realistisch schreibende Autorin, die aber angeblich auch sehr unverständlich ist und ich schaue immer noch gerne über den Tellerrand. Freue mich also auf das nächste Wandeler- Decker Buch oder Lesung, obwohl ich als nächstes zum Glück zu etwas wahrscheinlich Einfacheren greifen werde.

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