Literaturgefluester

2016-09-13

Die Welt im Rücken

Buch acht des LL-Lesens um den besten Roman dieses Jahres und das wird, auch wenn das Tobias Nazimi für sich schon so entschieden hat, Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ ganz einfach aus dem Grund nicht sein, weil das Buch kein solcher ist.

Ist es ein Sachbuch?, habe ich irgenwo die ratlose Frage im Netz gelesen. Nein auch das nicht, denn eine manisch depressive oder wie das ja heute mildender heißt, bipolare Störung ist, keine Sache, wohl ist das Buch aber eine großartige Information, für, wie auch selber darin steht, alle „angehenden Psychiater“ und als solches sehr zu empfehlen.

Vor dem Weihnachtsgeschenk für die berühmte Schwiegermutter würde ich etwas warnen, denn die meisten literaturinteressierten Schwiegermütter kennen sich bei den bipolarischen Störungen nicht so aus, wollen vielleicht auch nicht so ins Detail gehen und brauchen, wenn sie nicht selber familiär betroffen sind, das wohl auch nicht.

Aber, um den Unsinn von den „Irren und Verrückten auf dieser Welt vor denen man sich so fürchten muß!“, ein bißchen mehr aus der Welt zu räumen oder ihn zu revidieren, taugt es allemal.

Und was ist das Buch dann?

Ein „Memoir“ oder „Personal Essay“ sagen wohl die Amerikaner und das „Writersstudio“, das bald wieder seine Gratisseminare hat und um es in einfacheren Worten auszudrücken, es ist das Outing des 1975 geborenen Thomas Melle, der mit seinen zwei vorigen Romanen, die in entschlüßelter Weise auch schon von seinen psychischen Problemen Berichten „Sickster“ und „3000 Euro“, die beide schon auf der LL gestanden sind. „3000 Euro“ hat es auch auf die Shortlist gebracht.

Deshalb vielleicht auch noch ein paar Worte zu der berühmten Frage mit der Autobiografie, die ich am letzten Donnerstag lachend und verschämt an die Debutanten von „K.u.S“ stellen gehört habe,  die auf gleicherweise, das, was ich etwa so sagen würde „Es ist alles autobiografisch und alles auch gleichzeitig nicht!“, beantworteten.

Und da trennt sich die Streu vom Weizen oder die Romandefinition. Denn der Roman darf oder ist es ja angeblich nie, die Biografien der Autoren widersprechen zwar ständig, aber die Frage wird als naiv bewertet, die „Memorien“ und „Biografien“ sollten es sein.

In Wahrheit wird es wohl eine Mischung sein, auch bei diesem Buch, denn Thomas Melle ist ja nicht zu beneiden, wenn er sich mit diesem Outing so in die Öffentlichkeit stellt, die Journalisten werden kommen, die neugierigen Leser, die Schwiegermütter, das Fernsehen, etcetera und das muß man ja alles auch aushalten und Maniker und Depressive haben ohnehin eine sehr dünne Haut, sonst würde das nicht passieren und Schriftsteller auch.

In drei großen Kapiteln, die 1999, 2006 und 2010 zur Überschrift haben, wird das erzählt. Ein kleineres 2016 und einen Prolog gibt es auch und das springt Thomas Melle gleich hinein in das Medias Res, erzählt von seiner großen Bibliothek, die er verschleudert hat, von seinen sexuellen Beziehungen zu Madonna und wir haben gleich ein bißchen hineingeschnuppert in die manisch- depressiven Seiten und dann kommt, wie bei Personal Essays typisch und wichtig, die Theorie, nämlich die Definition, was diese Krankheit ist, woher sie kommt und wie sie sich verändert hat.

Dann beginnt es und das finde ich auch sehr interessant, mit einer Feststellung eines Freundes, als die erste „Seltsamkeit“ auffiel „Da stimmt doch etwas nicht!“ und Thomas Melle schreibt, wie heilsam solche Fragen sein und, wie sie den „Verwirrten“ ein Stück Stabilität zurückbringen können, denn alle gehen ja meistens aus Hilflosigkeit oder auch aus Neugier auf die „Verrücktheit“ ein und das hilft wahrschein weniger, weiter, als die lapidare Feststellung „Das kann nicht sein!

Es gibt verschiedene Formen der Bipolarität, bei Thomas Melle haben die Phasen von Manie und Depression jeweils lange angehaltenen und eine paranoide Form hat es auch gegeben und so stürzt der Sohn einer depressiven Mutter, den Vater hat er, glaube ich, nicht gekannt, in diesen Wahnsinn hinein.

Als Student beginnt es, die Freunde bringen ihn irgendwann auf die Psychiatrie, dort entläßt er sich wegen mangelnder Krankheitseinsicht nach wenigen Tagen, so geht es weiter bis zum ersten Selbstmordversuch. Dann wird er stationär aufgenommen und behandelt.

Er rappelt sich hoch, schließt sein Studium ab, liest 2006 beim „Bachmannpreis“, da ist er schon in der zweiten Phase, arbeitet an einem Theater an einer Stückentwicklung, kommt wieder in die Psychiatrie, bekommt auch mit der Polizei Schwiergkeiten, als er in seiner Wohnung zu laut ist, in Auseinandersetzungen verwickelt wird, in „Wikipedia“ seine eigene Ermordung bekannt gibt, so was Ähnliches habe ich vor einem Jahr erlebt und mich gefragt, wie man darauf reagieren soll?

Melles Freunde haben auch die Polizei geholt und die Feuerwehr hat die Wohnung zertrümmert.

Die Manie wirkt sich bei Melle auch so aus, daß er überall Prominente erkennt, Obama auf der Rolltreppe zum Beispiel und alle winken ihm zu,  reden über ihn und widmen ihm ihre Werke.

Er macht auch Schulden, verliert seine Wohnung, bekommt Zwangsbetreuung und wohnt in Übergangswohnungen, dazwischen legt er sich auch mit „Suhrkamp“ an, wo seine ersten Werke herauskommen. Sein Agent wird zum Betreuer und regelt seine Schulden. Er übersetzt Bücher, schreibt seine zwei Romane, steht auf den schon erwähnten Listen und hat nun ein grandioses Buch über seine manisch depressive Krankheit oder bipolare Störung, wie es jetzt heißt, geschrieben, das ich allen daran Interssierten wirklich nur empfehlen kann.

Ich wünsche es mir auf die Shortlist und Thomas Melle alles Gute! Wenn es der „beste Roman des Jahres“ werden sollte, habe ich auch nichts dagegen, obwohl ich weiß, daß es keiner ist und den Verlagen auch dringend mehr Differenzierung Genauigkeit wünschen würde!

Denn so bleibt es ja bestehen dieses Kuddelmuddel der Verwirrung und die Frage, ist das jetzt alles wahr, erfunden oder erdacht, wird auch so bleiben.

Der mündige Leser hat eigentlich das Recht, sich besser auszukennen und solche Bücher sind interessant und sehr wichtig und zur Pflichtlektüre für angehende Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, etcetera gehört es allemal, vielleicht auch auf die Leseliste in die Gymnasien, falls es die noch gibt und, als Thema für die nächste Zentralmatura, aber das nur behutsam, weil ein solches Thema ja auch überfordern kann.

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2 Kommentare »

  1. Der Ausschnitt im Leseprobenheft hat bei mir Interesse geweckt, auch den Rest des Romans zu lesen. Nicht nur des Themas wegen, sondern vor allem wegen Melles Stil, besonders seiner Vergleiche, die für mich neu und poetisch klingen.

    Warum kann man das Werk nicht als autobiographischen Roman bezeichnen?
    Das autobiographische Gedächtnis ist, wie man weiß, eine individuelle Komposition, ein Zurechtrücken des Erlebten, die einer objektiven Überprüfung niemals standhalten würde, eine Phantasie, mehr oder weniger.

    Kommentar von atalantes — 2016-09-16 @ 14:29 | Antwort

  2. Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin, sondern Psychologin und Psychotherapeutin und ich würde es eigentlich nicht als Roman, sondern eher als „Memoir“ bezeichnen, ich gehe manchmal zum Tag der offenen Tür des „Writersstudios“, die sich eher an der amerikanischen Terminologie orientieren und das erschien mir schlüßig, wird in dem Buch ja auch die Forschung zum bipolaren Krankheitsbild beschrieben und dann wärs eher ein „Personal Essay“, Fakten zur Krankheit mit der persönlichen Geschichte.
    Ein Roman wäre ja eigentlich Fiction und da ist interessant, daß ich auf einen Blog gelesen habe, das Buch wäre langweilig, weil es die Schübe zu intensiv beschreibt und wiederholt, was man ja schon gelesen hat.
    Und da denke ich mir, von einem Roman kann ich als Leser das vielleicht verlangen, wenn ich über das Krankheitsbild und wie es einem dabei geht, etwas erfahren will, sollte ich vielleicht geduldiger sein.
    Deshalb würde ich da schon lieber differenzieren. Roman steht übrigens auch in dem Buch nicht vermerkt.
    Aber egal, ich bin ja nicht in der Jury. Gut möglich, daß es den Preis bekommt, in die Shortlist wünsche ich es mir allemal und es ist bis jetzt von den neun gelesenen, auch das Buch, das mir am besten gefallen hat!

    Kommentar von jancak — 2016-09-16 @ 22:55 | Antwort


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