Literaturgefluester

2016-09-27

Die Vegetarierin

Jetzt kommt noch einmal eine Pause vom doppelten LLlesen und ein Ausflug in die Welt der internationalen Literatur, „Die Vegetarierin“, neben „The Girls“ und „Meine geniale Freundin“ das Kultbuch der heurigen Herbstsaison, der Koreanerin Han Kang, die damit auch den „Internationalen Man Booker Prize“ gewonnen hat.

Ich habe es mir bestellt, weil ich die Besprechungen interessant gefunden habe, als wir vom Berg zurückgekommen sind, habe ich auch eine in „Ex Libris“ gehört und jetzt, glaube ich, ein anderes Buch gelesen, zumindestens habe ich es anders aufgefaßt, denn die Realistin in mir, die vor kurzem auch „Die Welt im Rücken“ gelesen hat, sieht von Kafka keine Spur, aber vielleicht habe ich den nur noch nicht genügend gelesen und kann sich das alles ganz real und gesellschaftlich bedingt deuten.

Die klare schöne Sprache und das „fremdländische Flair“ besticht, zumal in der Übersetzung auch einige Worte zu finden sind, die für unseren Sprachgebrauch fremd und ungewöhnlich klingen.

Übersetzt hat das Buch, die in München lebende Ki-Hyang Lee, um das auch einmal anzugeben, obwohl das für mich meistens nicht sehr wichtig ist und das Buch ist in drei Teilen gegliedert und wird von drei Protagonisten in jeweils einem Jahresabstand erzählt.

Der erste ist Yong-Hyes Ehemann, ein ziemlicher Unsympathler setzte ich gleich hinzu, aber die Männer kommen in dem Buch überhaupt nicht sehr gut weg, der sich über die Veränderung seiner Frau wundert, denn die, die bisher eher durchschnittlich und unaufällig bisher, das einzig Auffällige war, daß sie keine BHs trug, fängt plötzlich an kein Fleisch zu essen, weil sie böse Träume hat.

In der veganen Welt, in der wir seit einigen Jahren leben, nichts Ungewöhnliches könnte man denken. In Korea gibt es auch genügend Vegetarier, wie in dem Buch steht, trotzdem flippt Yong-Hyes Familie aus, sie magert allerdings auch sehr ab und beginnt sich immer öfters nackt zu zeigen.

So verständigt  der Mann, die Familie, die trifft sich in der Wohnung von Yong-Hyes Schwester und der autoritäre Vater gibt der Tochter eine Ohrfeige und versucht ihr mit Hilfe des Bruders, ein Stück Fleisch in den Mund zu zwingen. Die spukt es aus und greift zum Messer, um sich umzubringen,  der Schwager trägt sie auf seinen Armen in die Klinik.

Teil zwei „Der Mongolenfleck“ wird von diesem erzählt. Der ist ein, glaube ich, nicht so besonders erfolgreicher Video-Künstler, lebt vom Kosmetikgeschäft seiner Frau und ist von Yong-Hyes Mongolenfleck, den sie am Gesäß hat, fasziniert.

So kommt er zu ihr mit dem Begehr auf ihren nackten Körper Blumen aufzumalen und läßt sie dann mit einem ebenfalls bemalten Künstler Sex haben, der rennt aber davon, so läßt er sich selbst bemalen und hat den Sex mit ihr, die sich nicht wehrt, denn seit sie die Bemalung hat, fühlt sie sich besser und die Träume, die sie quälten sind auch weg.

Pech ist nur, daß die besorgte Schwester des Morgens schon früh aufsteht, um Yong-Hye Essen zu bringen und die beiden findet. Sie schaut sich auch das Video an und holt die Rettung, denn die beiden müssen, wenn sie sowas machen, ja krank sein.

Teil drei spielt wieder ein Jahr später und die Schwester fährt in die Klinik um Yong-Hye zu besuchen. Die ist dort vor einiger Zeit ausgerissen und hat sich im Regen in den Wald gestellt, um ein Baum zu werden und sich mit der Natur zu verschmelzen. Seither ißt sie auch nicht mehr und wird in der Klinik natürlich fixiert und zwangsernährt, denn man hat ja nicht das „Recht zu sterben“, wie sie sich einmal  bei ihrer Schwester beklagt.

Offenbar nur das zu funktionieren und das hat In Hye, Yong-Hyes Schwester bisher auch getan, sich um den Sohn gekümmert, den ungetreuen Ehemann verlassen, die Klink für die Schwester bezahlt und sie ärgert sich auch über deren Ehemann, der sich gleich nach der Veränderung von der Schwester scheiden ließ.

Die Ärzte haben alles versucht, Yong-Hye weigert sich weiter zu essen und driftet in ihre eigene Welt ab. So wird sie im Krankenwagen in eine andere Klink gebracht, die Schwester begleitet sie, reflektiert ihr Leben, den gewalttätigen Vater, der sich hauptsächlich an Yong-Hye vergriff, ihr eigenes Funktionieren und am Ende könnte es sein, daß auch bei ihr die Rebellion beginnt und sie sich vielleicht, wie ein Vogel aus dieser Welt davonzumachen versucht.

Ein sehr beeindruckendes Buch, das ich, wie schon geschrieben hauptsächlich aus der realistischen Sicht las und mich frage, warum man unbedingt essen muß , sich nicht umbringen darf und wenn man es trotzdem versucht, gewaltsam daran gehindert wird und, daß In Hyes Ehemann, zuerst in die Klinik mitgenommen wurde, dann nur mehr wegen Ehebruch verhaftet wurde und sich schließlich aus dem Staub machte, finde ich auch sehr seltsam.

Vielleicht ist das in Korea, wo vielleicht alles noch ein bißchen konventioneller ist noch so. Die Psychiatrie, die hier beschrieben wird, erinnert mich an die Fünfziger bis Siebzigerjahre, wo ich Anfang der letzteren ja zu studieren und dort Vorlesungen zu besuchen begann.

Inzwischen hätte ich gedacht, ist es ist etwas besser geworden. Das Buch kann aber trotzdem aufrütteln und nachdenklich werden lassen, die schöne Sprache, die auch mit Haraki Murakami verglichen wird, ist auch zu erwähnen und stehen bleiben wird der Satz, den Yong-Hye ihre Schwester fragte: „Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?“

Freiwillig offenbar ja, obwohl wir es ja alle irgendwann werden und müssen.

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