Literaturgefluester

2015-10-30

Über den Winter

Der Endspurt naht, Rolf Lapperts „Über den Winter“ ist das achtzehnte Longlist- sowie, das fünfte auf der Shortlist das ich lese, eines das die Bücherblogger, nicht auf ihtre Shortlist setzten und dann, als sie es gelesen hatten, vermehrt den Preis zusprachen und ich schließe mich ihnen, glaube ich, an, obwohl ich Frank Witzel noch nicht gelesen habe und meine persönliche Shortlist eigentlich schon sechs Titel hat.

Jetzt könnte ich die Alina Bronky als zu flapsig, zu sehr Allgemeingeschmack, wieder hinunterstreichen. Ich könnte sie aber darauf lassen, denn wer sagt, daß eine Shortlist nur sechs Bücher hat und meine Meinung ist auch ohnehin trivial und scheint niemanden zu interessieren.

Einer der Bücherblogger hat es, glaube ich, als ein tieftrauriges Buch bezeichnet oder das trauigste, das er je gelesen hat, ein anderer, daß das nur ein Buch für Fünfzigjährige sei und hätte er es mit zwanzig gelesen, hätte er es weggeschmissen.

Ein Satz der mich, der ich es ja nicht so mit den Bücherwegschmeißen habe, bedenklich macht, aber ich habe auch etwas länger gebraucht, mich in das Buch hineinzufinden.

Zuerst hätte ich es, wie das von Ralph Dutli ein wenig aufgesetzt gefunden, dann aber gedacht, daß es das hat, was ich gerne könnte, die Realität nämlich so abgehoben, daß es als literisch gilt und was mir beim Kay Weyandt ein wenig fehlte, zu schildern.

Also da ist Lennard Salm, an die Fünfzig, ein Konzeptkünstler, offenbar erfolgreich, obwohl das nirgend so genau steht, in New York lebend. Zu Beginn des Buches, ist er aber an irgendeinem Stand, wahrscheinlich in Italien, wo das Schwemmgut der Bootsflüchtlinge herangetrieben wird und er ist da, um das zu fotografieren und ein Kunstprojekt daraus zu machen.

Deshalb wohnt er in der seltsam heruntergekommenen Feriensiedlung seines Mäzens Wieland und diese Siedlung ist wirklich irgendwie seltsam. Zwar gehört sie Millionären, aber es ist alles verlassen, kaum jemand da, außer ein paar der Besitzer, mit denen Salm pokert und schon seine Uhr, sein Handy, seine Kamera, etcetea an sie verloren hat.

In der Nacht kommen auch Jugendliche, um Steine auf die Siedlung zu werfen, und die Polizei scheint sich um all das nicht zu kümmern. Ein sehr verlorenes Endzeitbild, wie die LL ja einige zu bieten hat.

Salm geht, als er seine Kamera wieder hat, an den Strand um zu fotografieren und findet dort ein toten Baby, das einfach begraben wird, weil die Polizei für tote Kinder offenbar nicht mehr zuständig ist.

Dann bekommt er einen Anruf seines Mäzens, seine Schwester ist gestorben und er muß nach Hamburg, von wo er herstammt, zum Begräbnis.

Auch da geht es bizarr weiter. Der Mäzen schenkt ihm am Flugplatz ein Handy und einen Mantel, denn in Hamburg ist es Winter und sehr kalt, quartiert ihn in einem guten Hotel ein. Er geht aber in eines namens „Babylon“, kauft sich bei einem türkischen Tandler einen schwarzen Anzug und fährt auf den Friedhof, wo er seine Familie wiedertrifft. Die Schwester Bille, auch eine verkappte Künstlerin, Regieassistentin, die im Laufe des Buches ihren Job verliert, den Vater Albert, der im heruntergekommenen Stadtteil Wilhelmsburg mit seiner polnischen Pflegerin Bascha lebt und damit er sie sich leisten kann, hat er die meisten Mäöbeln verkauft. Die Mutter eine Norwegerin, zu der Salm wegen ihrer Strenge ein sehr schwieriges Verhältnis hat, ist aus Amerika, wo sie jetzt lebt, gekommen und dann gibt es noch den jüngerne Bruder Paul, der aber nicht das Kind von Albert ist.

Bille will, daß Salm bei ihr wohnt, der Vater will das ebenfalls, so kommt er in das herabgekommene Viertel, wo es nur mehr einen alten Friseur, ein leeres Reisebüro und eine imbßbude gibt und als er das Haus betreten will, wird er von einem Jugendlichen mit einem Revolver bedroht. Ja so ist das offenbar in den heruntergekommenen Vierteln in unseren Krisenzeiten.

Der Junge heißt Lorenz und lebt mit seiner Mutter in der Wohnung der Großmutter, die liegt im Bett und hört den ganzen Tag klassische Musik, dann gibt es noch eine andere alte Frau in dem Haus, die im Verlauf des Buches stirbt und die in ihrer Wohnung alte Zeitungen angesammelt hat, um sich von der Kälte zu schützen und den Hausherrn und dessen Sohn Armin mit der Hasenscharte, den der Vater, weil man das, was Gott gibt, nicht wegmachen soll, nie oiperieren ließ und der deshalb zum Gespött der anderen wurde. Armin versogt den alten Mann, der im Bett liegt und dreht ihm zur Strafe auf sieben Fernsehern, die Musik auf, die er die er als Jugendlicher nicht hören durfte.

Man sieht schon, die ganze Bandbreite des Schnitzerlischen „Weiten Landes“ kommt hier zum Tragen und einen Koffer, der beim Flug nach Hamburg verloren gegangen ist, gibt es auch. Den schickt die „Alitalia“ durch die ganze Welt und sendet Salm immer wieder Mails mit der Nachricht wo er sich gerade befindet. Am Schluß bekommt er ihn zurück, aber da hat sich schon einiges verändert.

Der Junge hat ein Pferd gefunden, das er und Salm aufpäppeln und im Hof verstecken. Er  beginnt auch eine flüchtige Beziehung zu seiner Mutter, aber beide verlassen das Haus, denn die Großmutter ist schon längst gestorben und Nadja hat nur, um den Hausherrn zu täuschen, die Musik laufen lassen.

Jetzt geht sie zu ihrem Mann nach Kiel zurück, der Junge will nicht mit, hat aber keine Wahl und Salm will sich mit seiner Mutter eigentlich nicht versöhnen, obwohl die einen Rückzieher macht und ihren Kindern jetzt das „mit fünfzig all das schnekt, was sie mit fünf nicht haben durften.“

Und Salm will eigentlich als Hausmeister in dem Haus bleiben, das Pferd pflegen, Geld ausgeben, das er nicht hat und nicht mehr Künstler sein. Sich nicht mehr mit dem Irrsinn der Welt beschäftigen, in dem er tote Kinder und das Strandgut von Flüchtlingen in Galerien ausstellt, das dann von der Haut Voile mit Sekt beklatscht wird.

Aber wie soll das gehen, da Armin nur mehr auf den Tot des Vaters wartet, um das Haus zu verkaufen und sein Vater mit Bascha nach Polen zieht, wo es wärmer, schöner, größer ist, um seinen Lebensabend zu verbringen oder ein neues zu beginnen?

Man weiß es nicht, aber ich denke, daß hier das „Bessere Leben“ wahrscheinlich verständlicher geschildert wurde. Besser wahrscheinlich nicht, denn in einer Welt wie dieser, ist das wahrscheinlich gar nicht möglich.

Der 1958 in Zürich geborene Rolf Lappert, der schon einmal auf der Shortlist stand und von dem ich schon die „Gesänge der Verlierer“ gelesen habe, ist das, ich will nicht sagen meisterhaft, weil mir das zu kitschig klingt und ich auch nicht die Phrase „überzeugt“ mag, aber doch sehr eindringlich gelungen.

Also ein neuer Favorit in meinem Buchpreisranking und jetzt wartet  noch ein Buch eines in der Schweiz Lebenden mit Weltuntergangsstimmung auf mich.

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