Literaturgefluester

2013-04-06

Anleitung zum Fest

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:49

Der 1988 in Wien geborene Lukas Meschik, ist eine junge Stimme, die mir fast entgangen wäre, zumindest habe, ich sie, bei meinen „Klagenfurt-Getratsche“ nicht erwähnt, ich war auch noch nie auf einer Lesung, den Namen des vorigen Luftschacht- und jetzigen Jung und Jung Autors habe ich aber schon gehört, so habe ich im Jänner 2012 als es die „Anleitung zum Fest“, in der Morawa-Abverkaufskiste gab, danach gegriffen, das Buch brav auf die Leseliste gesetzt und erst jetzt mitbekommen, daß es sich dabei um einen Erzählband handelt und, daß es sich, wie am Klappentext steht, bei Lukas Meschik um einen „jungen Erzähler mit hohen stilistischen und formalen Können“ handelt, lassen die Verlage bzw. die Nominierung zum letzten „Alpha“ mit wahrscheinlich dem Jung und Jung Roman „Luzidin oder die Stille“, vermuten. Dann gibt es noch den Debutroman „Jetzt die Sirenen“, mit dem er mit Steffen Popp verglichen wurde und dem Netz entnehme ich, daß der mir Unbekannte, kanpp vor der Matura, die Schule geschmissen hat, um sich ganz der Literatur und der Musik zu widmen, womit er offenbar sehr erfolgreich war, während er in seinen Erzählungen, die Tristesse der jungen Leute und die Schwierigkeiten des Lebens zwischen Matura und Studienbeginn schildert und tut das mit einer wahrhaft präzisen Sprache und einem frischen knappen Stil.
„Ein ortloser Ort“, ist den „Nachtrouten Wiens“ gewidmet und beginnt mit der allgemeinen Betrachtung der Frage, ob „vier Uhr früh ein Zeitpunkt zum Sterben ist?“
Lukas Meschik behauptet jedenfalls, daß in dieser Zeit in den Altersheimen, Spitälern, etc, am meisten gestorben wird.
„Todesursache Altersschwäche, sagen die Schwestern und Pfleger und Ärzte gelassen und nicken, als wüssten sie von anderen, denen es ähnlich erging“ und zieht dann in einem atemberaubenden Tempo durch das nächtliche Wiens, wo die Nachtbusse fahren oder zu spät kommen, man sich die Namen für die Kinder ausdenkt, die Liebste küsst, aber auch von Messerstechern, die den Angstschweiß spüren, überfallen wird, zischt in die Casinos ab, findet in „bröckelnden Mauernumschalung kleine Pakete zurückgelassener Kleidung“ und denkt „an die Sommerresidenz einiger Obdachloser“. Am Schluß kommt er wieder zu der vierten Morgenstunde zurück und fängt zu kochen an „Prost und guten Appetit“.
Im „Tag der Trägheit“, „Glück“, lautet der Untertitel, den es bei jeder Geschichte gibt, verbringen zwei, die Zeit zwischen Matura und Studienbeginn im Badezimmer, das heißt „Joe verbringt manchmal Tage einfach nur damit im Badezimmer das Licht anzulassen“, um die Mutter zu ärgern, die brav arbeiten geht, Joe und der oder die Erzählerin, so genau habe ich das nicht herausgefunden, rauchen Gras und bezweifeln, daß die Mütter den Geruch erkennen, ernähren sich von Fertigpizza, trinken Bier, der die ErzählerIn bereitet sich auf das Philosophiestudium vor, Joe hat, wie er sie meint einfach Angst, davor seine Chancen auszunützen oder, daß es ihm gefallen könnte und entschwindet dann auch irgendwohin draußen „und es geht ihm nicht schlecht“, lautet der letzte Satz.
Dann kommt die „Neuordnung der Synapsen“ oder „Acht Gegensätze“ und bei „Was uns an Amputationen denken läßt“, geht es in die Diskothek und da wird ganz genau beschrieben, was dort passiert. Es wird geraucht und gekifft, getrunken und geliebt, die Nachtbusse rauschen vorbei, der Türhüter läßt die Dreizehnjährigen hinein, obwohl man ja zwischen sechzehn und sechsundzwanzig sein sollte und während es bei den Protagonisten an die Liebe geht, denken sie bei der „Beschreibung ihres Ausgehabends“, ständig an „Amputationen. Jeunesse doree pur, könnte man meinen oder auch an die „Krankheit der Jugend“, denken, die Lukas Meschik ganz neu zu beschreiben versteht.
In der „Kunst des Halbierens“, sitzen zwei im ersten Stock eines Restaurants, die Frau hat ein Aufnahmegerät dabei und interviewt den Mann, der ihr eine „Liebesgeschichte“ erzählt.
„Wir leben in unverbindlichen Zeiten!“, zitiert er immer wieder, beschwert sich beim Kellner, der die sechszehn Stufen über die Wendeltreppe hinaufkeuchen muß, über den unverschämt hohen Preis der Scholle, bestellt sie aber doch, streicht der Frau übers Haar und man weiß nicht recht, was hier passiert? Diktiert der Schriftsteller seiner Sekretärin oder Ghostwriterin die Beziehungsgeschichte, interwiewt die Reporterin den Erfolgsmann für das Wochenmagazin oder läuft so das Leben ab und Lukas Meschik ist mit seinen etwas über zwanzig Jahren so mutig, daß er sich das in schönen Worten auf siebzig Seiten, langsam und bedächtig zu erzählen traut, Banales aufrollt, die Geschehnisse in Einzelheiten zerfleddeert und es ist keiner da, der „Da passiert ja nichts!“ zu ihm sagt und der Titel der Geschichte rührt davon her, daß der Mann Theorien über das Halbieren aufstellt. Das Schnitzel, die Scholle kann man teilen, den Menschen nicht und am Ende gehen sie, wo doch alles so schön begonnen hat, wieder auseinander.
Dann steigern sich die Geschichten von den kiffenden Jugendlichen in einer nächtlichen Stadt zu wahren Apokalypsenfantasien.
In „Unter der Oberfläche“, wird einer, ein gelangweilter Bobo höchstwahrscheinlich, von seinem weisen Mann, der ihm destruktive Ratschläge gibt, in eine zufällige Liebesnacht nach zufälliger Bekanntschaft in seine Wohnung geleitet. In „Die Rückkehr der mißhandelten Frauen“, kommen die Models und Pornofilmdarstellerin, die sich einen halben Liter Milch einflößen lassen, damit es nachher aus ihnen heraussprudelt, sie sich zu ihren Studium was verdienen und die Männer ihre Freude haben, in das Dorf, bevor sie wieder auf ihre Plakatwände bzw. Fersehserien steigen werden.
„Gedanken in blau“, beginnt im Hörsaal, vierte Reihe hinten, steigert sich zu einer allumfassenden Weltuntergangsstimmung, um am Schluß wieder dorthin zurückzukehren.
Das scheint überhaupt Lukas Meschiks Spezialität zu sein, nach der Katastrophe mit dem ganz banalen Alltag abzuschließen und die Titelgeschichte ist auch mit „ein Ende“ bezeichnet, wir werden von Lukas Meschik, der wie viele junge Literaturtalente auch beim FM4 Preis begonnen hat, aber sicher noch einiges hören und in dem „Profil-Unter Dreißig Artikel“, das hatte ich vergessen, wurde er auch als Beispiel erwähnt, habe also durch das Abverkaufbuch eine ineressante junge Stimme kennengelernt und bin gespannt, ob ich ihr einmal beim Bachmannpreislesen, etc, begegnen werde.

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2 Kommentare »

  1. Liebe Eva,
    beim Lesen Deiner Rezensionen besonders dieser ausgezeichzneten, frage ich mich, warum gibts die nicht in „Literatur und Kritik“. Willst Du das nicht, bzw. probiertst
    Du das nicht, oder hat Dir der Gauß schon mal die kalte schulter gezeigt?
    Ich bin in Leipzig auf der Messe gewesen – zu Deinem Thema: Jungautoren, das hat nichts mit Qualität zu tun, nur damit, dass sie jung sind und damit ein junges Publikum erreichen, weil ja alles auf social media und E-book umgestellt wird und da nur mehr ein Zielpublikum bis 40 wirklich zu erreichen ist.
    Ganz was anderes – ich habe auf der Messe auch mit Sandra Uschtrin gesprochen, die ich von München kenne, wo sie die „Federwelt“ ein Magzin für Autoren herausbringt und auch ein Autorenhandbuch herausgebracht hat.
    In der Märzausgabe ist ein interessanter Artikel über „Neobooks“ drinnen. Wenn man diese neuen Dinge begreift, so frage ich mich, warum wir bei der GAV so wenig darüber reden. In 10 Jahren längstens ist doch alles auf den Kopf gestellt.
    Noch was anderes. Ich habe diese Schlechtwetterostern bei meiner Freundin in Wien verbracht und durch Zufall Ruth Aspöck in einem Beisl am Brunnenmarkt getroffen. Sie hatte nicht lange Zeit, es reichte für ein paar kurze Sätze. Da erzählte ich ihr, dass ich von Deinem Projekt weiß, Deine quasi Kolummnen im Literaturgeflüster in Auswahl zu veröffentlichen. Prima Idee – aber bitte lasse sie stilistisch wie sie sind. Reportagen sind Reportagen, eine Umformung kann da nur daneben gehen. Das sagte ich Ruth auch, weil ich sehr oft mit meiner Freundin über Deine Bücher diskutiere. Es wäre sicher mal interessant für Dich darüber etwas zu hören.
    Ich bin vom 24. 4. 15. 5. in Baden auf einer Krankenhauskur, aber da weiß ich nicht, ob ich unter Tags viel Zeit habe, höchstens am Abend bei einem Heurigen. Kommt Zeit kommt Rat.
    Jetzt mal liebe Grüße Margot

    Kommentar von Margot Koller — 2013-04-07 @ 10:33 | Antwort

  2. Fein, daß du dich wieder meldest und ebenfalls sehr fein, daß du offenbar wieder ins „Literaturgeflüster“, hineinkommen kannst.
    Vielen Dank für das obige Lob, das höre ich natürlich, da ich ja sonst eher das Feedback bekommen, sehr schlecht, umständlich, langwierig und fehlerhaft zu schreiben, natürlich gern und ich denke auch, daß meine inzwischen schon fast 1400 Artikel ein wichtiges literaturgeschichtliches Dokument sein könnten.
    Meine Rezensionen biete ich eigentlich niemanden an, habe ich ja erst durch das „Literaturgeflüster“, so richtig angefangen Bücher zu besprechen, das heißt der erste Versuch waren die sogenannten „Thalia“-Leserrezensionen, für die ich dann drei Gutscheine jür je zehn Euro bekam, denke aber, sie stehen im Blog, wer will, kann sie finden und wundere mich, wie erwähnt, ein bißchen, daß das offenbar sehr wenig geschieht, ein paar, wie beispielsweise „Scherbenpark“, werden aber sehr gern angesehen.
    Was den Karl Markus Gauß betrifft, so habe ich in den Neunzigerjahren natürlich meine Texte hingeschickt und einmal sogar einen sehr lieben langen Brief zurückbekommen, in dem er mir erklärte, warum er mich nicht bringt, weil ich zuwenig abgehoben, zu viel eins zu eins etc, schreibe, so habe ich es mir zumindestens interpretiert. Du kannst ihm aber gerne auf das „Literaturgeflüster“ aufmerksam machen, wenn er über mich und über mein literarisches Leben berichten will, ist das sicherlich sehr fein.
    „Literaturgeflüster“-Präsentationen gab es ja schon im Amerlinghaus, für die Zeitschrift „Etcetera“, hat mich Robert Eglhofer einmal interviewt, im Mai kommt eine Frau aus Salzburg zu mir, die mich in „Radio Fro“, vorstellen will, ich suche ja die Öffentlichkeit, die ich im world wide net offenbar doch zu wenig finde.
    Und keine Angst bezüglich Literaturgeflüster-Texte-Buch, die Texte werden schon so bleiben wie sie sind, wenn man aber aus fast 1400 Texten, ich glaube, so an die hundertfünfzig auswählt, muß man trotzdem viel beachten, erstens die Rechtschreib- und Beistrichfehler, die sich eingeschlichen haben, obwohl mich meine Leser ohnehin regelmäßig mahnen, genauer zu sein, aber auch die Auswahl muß stimmen. Es sollte sich nicht zuviel wiederholen, aber möglichst alles Wichtige enthalten sein.
    Manches muß ich auch ergänzen, damit mans versteht. Schreibe ich im Blog zum Beispiel „Ohrenschmaus“, verlinke ich zu dem Artikel oder zur Website des Preises, im Buch muß ich dazuschreiben „Literaturpreis für Menschen mit Lernschwierigkeiten“ und die Namen meiner nichtliterarischen Freunde sollte ich vielleicht doch abkürzen und noch mehr darauf achten, nicht zuviel Privates zu verraten.
    Am Schluß habe ich bemerkt, werde ich auch sehr lang, da ist etwas kürzen vielleicht wirklich angesagt. Es wird also viel Arbeit sein, die aber sehr spannend ist und abgesehen von den letzten, noch nicht sehr überarbeiteten Artikeln, denke ich auch, es wird ein spannendes Buch und ist ein spannender Blog, der auch schon einmal als „literarische Kleinperle“, bezeichnet wurde und ich habe auch vor, das Buch, wenn es erst fertig ist, verstärkt im Literaturbetrieb herumzuschicken, da ist „Literatur und Kritik“, sicher eine Idee, die ich mir merken werde.
    Daß du in Wien warst, habe ich von Ruth schon gehört, die ich ja am Freitag im Cafe Ludwig traf und auch heute sehen werde.
    Und was die Jungautoren betrifft, die werden, glaube ich, bei Preisen wie „Wartholz“, „Fm4“, etc, sehr ausgewählt und müssen um, da in die Endauswahl zu kommen, auch sehr viel leisten, zum Beispiel im sehr gehetzten Tempo über Drogen, Traumatisierungen oder „ihre“ Eßstörungen schreiben, daß ich mir manchmal denke, na Gute Nacht!
    Ich habs da einfacher oder schwerer gehabt, ich war weit weg vom Fenster oder im Arbeitskreis schreibender Frauen auch nicht mal so sehr, habe über meine „Alltagserlebnisse“ ganz real, linear und sicher auch nicht experimentell geschrieben und es nicht geschafft in den Literaturbetrieb zu kommen.
    Die, die das tun, müssen sich wahrscheinlich wirklich sehr exhibitionieren und wenn sie dann mit über Dreißig ausgepowert liegenbleiben und sich die Presse gierig auf den nächsten Jungstar stürzt, ist das eigentlich sehr brutal und Veränderungen, die die GAV und auch andere noch nicht so bemerkt haben, wird es geben oder gibt es auch schon!
    Da mußt du dir ja nur die ganzen Selbstpublisherdiskussionen anschauen. Es schreiben eben sehr viele und lesen immer weniger und die, die das tun, sind dann auch sehr anspruchsvoll und wollen andere, die es vielleicht ebenfalls nur „durchschnittlich“ können, nicht zum Zug kommen lassen. Vielleicht kann man das Problem ganz banal auf diesen einzigen Satz reduzieren!
    Alles Gute für dein Schreiben, vielleicht sehen wir uns wieder, spätestens wahrscheinlich im Oktober. Ob es da schon das Literaturgeflüster-Texte-Buch gibt, weiß ich nicht. „Kerstins Achterln“, aber bestimmt, denn das soll ja morgen aus der Druckerei kommen und das „Nanowrimo-Novel“, sollte auch schon fertig sein, aus dem ich am 8. Juni in Wien lese, falls du da in Wien sein solltest.

    Kommentar von Eva Jancak — 2013-04-07 @ 11:15 | Antwort


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