Literaturgefluester

2016-10-08

Fremde Seele, dunkler Wald

Jetzt kommt Buch fünfzehn des dBP, das dort auch auf der Shortlist steht und das erste des öst Buchpreises.

„Fremde Seele, dunkler Wald“, des 1982 geborenen Reinhard Kaiser-Mühleckers, des jungen österreichischen Superstars, der mit seiner „neuen Heimatromantik“, etwas, das der Autor, glaube ich, nicht so gerne hören will, wie er auf der Lesung in der „Gesellschaft für Literatur“ vor zwei Wochen sagte, großes Furore machte.

Der titel ist ein Turgenjew-Zitat, das auf der ersten Seite steht:

„Du weißt ja eine fremde Seele ist, wie ein dunkler Wald“ und von Peter Handke steht am Klappentext „Zwischen Stifter und Hamsum  sind Sie ein Dritter!, etwas, was der junge Autor vielleicht auch nicht so gerne hören will und ich habe mir mit dem „Langen Gang über die Stationen“, glaube ich, ein bißchen schwer getan, „Wiedersehen in Fiumicino“, hat mich, glaube  ich, auch nicht so beeindruckt, von der Lesung vor zwei Wochen war ich es aber, denn der junge Mann hat einen wirklich sehr dichten Stil.

Er übertreibt auch nicht so sehr, wie die anderen großen Namen, die auf der deutschen Liste stehen und wirkt dadurch authentischer und das Thema ist auch sehr interessant.

Ich weiß, Kaiser- Mühlecker mag den Vergleich mit Rosegger nicht und der letztere wurde ja von einigen Literaturwissenschaftler inzwischen auch vom Kanon gestrichen, aber „Jakob der letzte“, das ich vor einigen Jahren gelesen habe, hat mich sehr beeindruckt.

Und warum darf man „Heimat“ nicht mehr sagen oder über sie schreiben, nur weil die Freiheitlichen diesesn Begriff verwenden, gibt es ja trotzdem Leute, die am Land leben und wenn die noch verächtlich gemacht oder übersehen werden und sich die große Literatur nur, um die Midlifekrisen oder das Älterwerden der großen Dichter oder die Experimente der Literaturinstitutabgänger handelt, hilft das glaube ich auch nicht sehr.

„Fremde Seele, dunkler Wald“, spielt in der Gegend, um den Magdalenenberg, in ÖO vermutlich, wo auch der Autor herkommt und „Magdalenenberg“ heißt ja auch sein zweiter Roman und es geht, um eine Familie, beziehungsweise um das Leben und die Suche von zwei Brüdern, Alexander und Jakob, etwa dreißig der eine, ein Alter in dem ja auch der Autor ist, der zweite viel jünger, so zwischen sechzehn und achtzehn.

Jakob lebt noch am Hof und führt ihn auch, weil er zu Beginn des Buches zu jung für eine Lehrstelle ist, da gibt es noch den Vater, einen Taugenichts, der die Felder verkauft und immer von seinen großen Plänen spricht, eine schweigende und kochende Mutter, einen Großvater mit Geld, das er dem Sohn nicht gibt und dem Enkel nur verspricht und eine Großmutter, die alles erbt und das Geld schließlich den „Freiheitlichen“ vermacht.

Man sieht, es ist auch ein Buch mit kleinen Anpielungen und das Zeitgeschehen, die Besetzung der Krim durch die Russen oder die Mordfälle in der Gegend kommen auch vor.

Alexander, der ältere, der einmal Priester werden wollte, dann zum Militär und in den Kovovo ging, kommt zu Beginn zu einem Urlaub oder einen Krankenstand heim. Er hat irgendwie den Sinn verloren, verbringt seine Zeit in Gasthäusern und bemerkt ein seltsames Kreuz am Magdalenenberg.

Der Bruder erzählt ihm, das hätten wahrscheinlich die „neuen Christen“ aufgestellt, eine seltsame Vereinigung, um eine Elvira, mit der Alexander einmal eine Beziehung hatte, weshalb er auch das Priesterseminar verlassen hat.

Der Großvater stirbt, Alexander läßt sich nach Wien ins Verteidigungsministerium versetzen, Jakob fängt eine Beziehung zu einer Nina an, die ein Kind erwartet, das, wie sich später herausstellt, nicht das seine, sondern von seinem Freund Markus ist.

Der bringt sich um, Jakob verläßt Nina und das Kind, weil er ihren Geruch, eine  der  beeindruckensten Schilderungen, der Sprache unserer Seele, die ja nach Arthur Schnitzler ein „weites Land“ ist, die ich in letzter Zeit gelesen habe und verliert seine Stelle als Leiharbeiter, wo er seit einiger Zeit tätig war, weil ihm die Großmutter keinen Hof kaufen will, wegen Gerüchte, es hätte neben Markus einen zweiten Strick gegeben und sein Motorrad wäre am Tatort gesehen worden.

Am Schluß meldet  er sich auch zum Heer, während Alexander in eine Krise wegen seiner Geliebten, die die Frau eines seiner Vorgesetzten ist, gerät.

Beinahe zusammenhanglos in schlichter Sprache wird das, was in mehr oder weniger Intenistät wahrscheinlich in jedem Dorf passiert, von Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt.

„Ein mit biblischer Wucht erzählter Roman um Familientragödien und Befreiungsversuche“, schreibt Paul Jandl in der „Literarischen Welt“ und am Buchrücken.

Ob die Befreiiungsversuche gelingen, ist fraglich, ebenso, ob Reinhard Kaiser Mühlecker damit auch auf die öst List kommt.

Das heißt am nächsten Dienstag werden wir es wissen. Ich hette dafür ja schon sieben bis acht andere Kanditaten, kann mich dem allgemeinen Lob aber nur anschließen, nach soviel Midlifekrises selbstverliebter älterer Männer,   Sprachverspieltheit und soviel literarische Konstruktion, ein erstaunlich schlichtes Buch mit hautnahen Themen, wie sie wahrscheinlich nicht nur am Land passieren.

Also  vielleicht doch ein Buch, das auf meine persönliche deutsche Shortlist kommt, wo ja auch erst zwei Titel stehen und Jochen Kienbaum, der offizielle Bücherblogger heuer von dieser Longlist auch enttäuscht wurde.

Dem will ich mich nicht unbedingt anschließen, aber ein bißchen konstruiert und ausgesucht ist es schon, was uns da, als das angelblich Beste im deutschsprachigen Leseherbst erwartet. Spannend ist diese Bandbreite aber unbedingt und wenn man so viel am Stück und auf Zeitdruck liest, wird man vielleicht auch anspruchsvoll und mäkelt herum, was auch nicht gut ist, denn es ist ja ein sehr hohes Niveau auf dem wir uns befinden.

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4 Kommentare »

  1. Rosegger. Mit einem S.

    Kommentar von Heinrich Urmelien — 2016-10-08 @ 23:52 | Antwort

    • Vielen Dank, lieber Heinrich, Sie sind ein aufmerksamer Leser, jetzt würde mich noch interessieren, ob Sie das Buch gelesen haben und wie Ihnen mein Bericht gefallen hat?

      Kommentar von jancak — 2016-10-09 @ 00:05 | Antwort

  2. Ich habe das Buch nicht gelesen.

    Kommentar von Heinrich Urmelien — 2016-10-12 @ 22:02 | Antwort

  3. Würde ich empfehlen, auch wenn es nicht auf die österreichische Shortlist kam!

    Kommentar von jancak — 2016-10-12 @ 22:37 | Antwort


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