Literaturgefluester

2019-08-22

Wieder zu den O-Tönen

Paul Jandl, Claudia Klingenschmied

Paul Jandl, Claudia Klingenschmied

Claudia Klingenschmied

Claudia Klingenschmied

Die letzten drei O-Töne habe ich ja urlaubsbedingt ausgelassen, sind wir doch als Vea Kaiser und Marco Dinic gelesen haben, gerade bis zum Dreiländereck gefahren und haben dort übernachtet, als Marlene Streeruwitz und Angela Lehner an der Reihe waren, waren wir inLoccarno auf der Piazza Grande  beim Filmfestival, aber beide Bücher sind auf die Longlist gekommen, so daß ich sie demnächst lesen werde und als Robert Prosser, dessen Buch ich schon gelesen habe, zusammen mit dem Debutanten David Bröderbauer gelesen hat, sind wir von der Schweiz zurück zuerst nach Wien, um den Computer zu holen und dann nach Harland gefahren, dabei habe ich Gertraud Klemms „Hyppocampus“, das nicht auf die Longlist gekommen ist, gelesen und die war heute dran, aber vorher gab es noch eine mir bisher unbekannte Debutantin, nämlich die 1983 in Tirol geborene Claudia Klingenschmid mit ihrem „Parasit To Go“, ein Buch, das wie der Name sagt und auch der moderiende Paul Jandl, der 2018 in der Jury des dBps war,  den ich einmal in der „Alten Schmiede“ mit Robert Menasse hörte und der auch Lektor bei „Jung und Jung“ war, erklärte, von Parasiten handelt oder besser von Möwen, die über Venedig fliegen und dort relativ aggressiv agieren.

Ich war diesmal nicht nur mit dem Alfred dort, sondern habe auch die Ruth getroffen, die ja als „Altfeministin“ irgendwie von dem Buch betroffen ist, Doris Kloimstein, die in Wien beim Friseur war, ist später gekommen und sonst war der Haupthof wieder sehr voll und eine Stimme aus dem Publikum hat sich über Paul Jandl beschwert, der meinte, daß der Feminismus eine Übertreibung sei, ist er natürlich nicht, obwohl Gertraud Klemm ja trefflich in der Bernhardschen Manie mit Übertreibungen und Zuspitzungen arbeitet, um gehört zu werden, wie sie erklärte und was angesichts der Tatsache, daß eine junge Frau wie Ronja von Rönne den Feminismus vor einigen Jahren für unnötig hielt und die Rechten heute, um ihre „Frauen und Mädel“ angeblich zu schützen, von ihnen verlangen, daß sie nicht mehr allein aus dem Haus gehen  oder behaupten, daß das nicht mehr möglich sei, ohne gleich vergewaltigt zu werden, wieder sehr wichtig ist.

Gertraud Klemm, Paul Jandl

Gertraud Klemm, Paul Jandl

Gertraud Klemm

Gertraud Klemm

In diesem Sinn also ein sehr wichtiges Buch, schade, daß es nicht auf die Longlist gekommen ist, es ist aber beim Publikum gut angekommen, Gertraud Klemm hat auch sehr gut gelesen und eine lange Käuferschlange hat sich bei ihr angestellt, um sich das Buch signieren zu lassen. Der Alfred hat es für die Anna gekauft, mal sehen wie es ihr geflällt.

2019-08-17

Hippocampus

Filed under: Bücher — jancak @ 23:56
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Die 1971 in Wien geborene Gertraud Klemm könnte man wohl als eine postfeministische Autorin bezeichnen.

Ich habe sie, glaube ich, vor Jahren bei den „Textvorstellungen“ in der „AS“ kennengelernt, wo sie die Vorläuferform von „Muttergehäuse“ vorstellte. Das Buch ist, glaube ich, zuerst bei „Arovell“ erschienen, dann kamen ein paar Bücher bei „Droschl“ und die Lesung beim „Bachmannpreis“, die von den Juroren als sehr wohlwollend aufgenommen wurde, ich aber eher dachte, das hatten wir doch schon, der Feminismus der Siebzigerjahre, Karin Struck, Gert Brantenberg und so, das was wir auch im „Arbeitskreis schreibender Frauen“, besprachen, ist doch schon vorbei und läßt sich wohl so nicht wieder aufwärmen.

Mit „Aberland“ ist sie dann 2015 auf der LL des dBp gestanden. Dann kam „Muttergehäuse“ bei <kremayr und Scheriau“, 2017 „Erbsenzählen“ bei „Droschl“, das ich nicht gelesen habe und jetzt das neue Buch von dem ich mit guten Grund sehr gespannt bin, ob es auf Longlist, Shortlist des dBp oder gar den Preis bekommt.

Der gute Grund ist, das Buch handelt davon und vom Literaturbetrieb der 1960 und 1970 Jahre, ist eine Abrechnung desselben und das durchaus im Bernhardstil „In Angesicht des Todes ist das Gehorchen lächerlich geworden“, obwohl es ja ein Buch ist, das die Benachteiligung der Atorinnen gegenüber der Autoren aufzeigen will.

Da ist Helene Schulze, Jahrgang 1954 und die ist plötzlich gestorben. Es heißt, sie hätte sich zu Tode getrunken, ist an der Männerwelt und dem Literaturbetrieb zu Grunde gegangen, etcetera.

Elvira Katzenschlager ihre etwas jüngere Freunin soll ihren Nachlaß aufarbeiten und ist deshalb in das Haus nach Hintermoos gefahren, wo die Autorin gestorben ist. Die ist sehr jung mit ihrem ersten Buch namens „Rauhreif“ berühmt geworden und dann vom Literaturbetrieb vergessen worden, obwohl sie beim „Bachmannpreis“ gelesen hat, den Preis aber nicht bekommen hat, weil der kleine dicke Literaturkritiker herausfand, daß ein Satz von ihrem Text schon irgendwo erschienen ist.

Beim Ersteren habe ich an Brigitte Schwaiger, beim Zweiteren an Gabriele Petricek gedacht und bei Hintermoos an Friederike Mayröcker, die ja, glaube ich, mit ihrem Ernstl in einem Ort namens Rohrmoos öfter Urlaub machte. Helene hat dann geiratet, ist nach Kaiserbad, das ist, glaube ich, das Synonym für Baden, wo Gertraud Klemm, glaube ich, lebt oder lebte, gezogen, hat zwei Kinder geboren und sich ihnen und dem Ehemann gewidmet. Dann zog sie aber nach Hintermoos und hat noch einen Roman nämlich der „Drohenkönig“ geschrieben, von dem im Anhang steht, daß das inhaltliche Konzept an die „Töchter Egalias“ angelehnt ist und damit wurde sie für den deutschen Buchpreis nominiert.

Da hat die Kritikerin in mir gleich gedacht, das geht doch nicht, wenn sie schon gestorben ist, aber Brigitte Kronauer ist ja auch im Juli gestorben und bei den Facebooktips für die neue Longlist wird öfter ihr neuer Roman „Das Schöne, Schäbige, Schwankene“, genannt.

Es gibt aber noch ein paar Details, die nicht stimmen. Wird der Preis doch am Abend und nicht am Vormittag vergeben und auf der Shortlist stehen sechs und nicht fünf Autoren. Aber das sind wohl die Verfremdungseffekte, die ein guter Roman ja haben muß.

Helene Schulze wurde jedenfalls nominiert. Elvira Katzenschlager soll ihren Nachlaß ordnen und auch ein Interview geben, zu dem neben der Redakteurin auch ein junger Kameramann namens Adrian kommt.

Elvira Katzenschlager, die nicht mehr ganz gesund und wohl etwas schwierig ist, bricht das Interview ab, bereitet aber eine sogenannte Kunstinstallation vor, in dem sie Scheiße auf einen Hochstand schleppt, um die tote Helene, gegen das Unbill, das ihr die Männerwelt zugefügt hat, zu rächen. Ein Sturz, aber auch die Bandscheiben, lassen sie nach einem Assistenten suchen. So ruft sie Adrian an und heuert ihn für eintausendzweihundert Euro in der Woche an, ein solcher zu werden und der „Roadtrip des feministischen Aktionismus“, wie am Buchrücken steht, beginnt.

Zuerst wird die Scheiße noch irgendwohin geschmissen. Dann geht es nach Kaiserbad in den Kurpark, dort werden die Männerbüsten verkleidet und in Frauen verwandelt, denn Helene hat sich während ihres Hausfrauendaseins vergeblich für ein Frauenmuseum eingesetzt. Sie hat auch ein uneheliches Kind, das sie mit Fünfzehn eigentlich abtreiben wolle, eine bigotte Jungscharführerin hat sie daran gehindert. So ist ihr die nächste Kunstaktion gewidmet. Dann geht es nach Salzburg, wo eine Preisverleihung stattfinden soll, weil Helene aber den Preis nicht bekommen hat, werden der Kulturkritiker und die Jungautorin, die ihn bekommen soll, eingesperrt und Elvira hält auf der Bühne eine flammende Rede und so weiter und so fort, ich soll ja nicht so viel spoilern, höre ich gelegentlich.

Es geht also weiter mit den feministischen Racheaktionen. Elvira geht inzwischen das Geld aus, Helene kommt auf die Shortlist, bekommt den Preis dann nicht und Marlene Streeruwitz, die ja auch aus Baden stammt und dort wohl auch noch keine Denkmal hat, wird in dem Buch mehrmals erwähnt und hat auch schon über den Buchpreis und die dortige Nominierung geschrieben.

Es wird ihr am Schluß wird auch gedankt und ich denke, man könnte Gertraud Klemm durchaus als ihre Nachfolgerin betrachten und füge gleich hinzu, daß mir das Buch, die ich mich ja in meinem Schreiben auch öfter mit dem Literaturbetrieb befasse, gefallen hat und nun, wie schon erwähnt sehr neugierig bin, ob es auf die Longlist, Shortlist, etcetera, kommt, der österreichische Buchpreis wäre ja auch noch zu erwähnen und am nächsten Donnerstag das kann ich auch noch erwähnen, liest Gertraud Klemm daraus bei den O-Tönen.

2017-10-18

Feministische oder auch unfeministische Schreibgespräche

Wieder einmal „Reden vom Schreiben“ im Literaturmuseum. Das ist die Veranstaltungsreihe, die die GAV bekommen hat, damit sie dem Literaturmuseum wohl gesinnt ist, als es vor der Gründung Proteste dagegen gegeben hat, könnte man flapsig  meinen und  ein paar Mal im Jahr ein schon ältereres mit einem jüngeren Mitglied interviewt und vorgestellt wird.

Die jüngeren sind dann die aufstrebenden Stars, die älteren sind das schon länger und Leute wie ich bleiben über, unke oder jammere ich weiter und ich war auch ein paarmal bei den Gesprächen.

Bei der Ersten mit Robert Schindel und Anna Weidenholzer auf jedenfall, da hat auch Renata Schmidtkunz interviewt und weshalb sich ein Herr im Publkum beschwerte, keine Fragen zugelassen.

Bei der zweiten, wo Marie Therese Kerschbaumer dran war, war ich mit dem Alfred in Deutschland und als ich zurückkam, hatte ich eine Suchanfrage auf meinen Blog, die sich nach der Veranstaltung erkundigte.

Heute waren Gertraud Klemm und Margit Schreiner dran und ich bin seit langem wieder einmal ins Literaturmuseum gekommen und auch noch ziemlich spät, denn wieder, was ich jetzt öfter habe, eine sechs Uhr Stunde.

Dafür einen Platz in der ersten Reihe und diesmal hat nicht Bernhard Fetz, der gar nicht da war, sondern eine junge Dame vorgestellt und ich habe auch niemaneden von der GAV gesehen, am Anfang war, glaube ich, Petra Ganglbauer da und wurde begrüßt jetzt wurde nicht einmal erwähnt, daß es eine GAV-Veranstaltung war.

Renata Schmidtkunz stellte die Autorinnen vor und erwähnte vorher, daß sie einmal einen Preis bekommen hat, weil sie sich für die Bordelleklame am Flughafen beschwert hat.

Man sieht, es wird schon irgendwie feministisch oder frauenbewegt, was ja heute schon fast ein Schimpfwort sein könnte, Ronja von Rönne hat sich einmal dagegen empört und bei den Identitären  gibt es, glaube ich, auch schon Frauen mit antifeministischen Seiten, die sich Mann und viele Kinder wünschen.

Es waren aber, ob zufällig oder geplant, zwei sehr feministisch oder als feministisch geltende Autorinnen oder was vielleicht auch ein Zufall ist oder nicht, welche die autobiografisch oder  von Hausfrauen. und  Mütterthemen schreiben.

„Hausfrauensex“ heißt, glaube ich, das Buch mit dem die 1953 in Linz geborene Margit Schreier berühmt geworden ist. Ein böser  Monolog eines Mannes, der von seiner Frau verlassen wurde.

Ihr letztes Buch heißt „Das menschliche Gleichgewicht“. Daraus hat sie eine Stelle gelesen und zwar eine, die eher essaystsch  anmutete, nämlich eine Beschwerde über die über Sechzigjähreigen, denen man nicht recht machen könnte.

„Ich bin über sechzig!“, sagte sie am Schluß und erzählte ein bißchen über den Schreibprozeß. Sie wollte über die Insel auf der sie öfter ist, schreiben und über eine Freundin die von ihrem Sohn ermordet worden ist.

Und die 1971 geborene Gertraud Klemm hat auch ein neues Buch.

„Erbsen zählen“ heißt es und ich habe es an dem Tag an dem ich mit der Ruth wegen unseres Schreibprojektes bei Julia Danilcyck im Kuöturamt der Stadt Wien war, in ihrem Büro liegen gesehen und dann noch in der Auslage von Anna Jeller und es scheint wieder den typischen Klemmschen Sound zu haben, nämlich eine Frau, Annika 29, hat sie Gertraud Klemm vor ihrer Lesung vorgestellt, besucht eine Veranstaltung in einem Vereinshaus, wo offenbar eine Psychologin über das Glück oder über Gefühle doziert und beobachtet die Mittelschichtmütter, die im Publikum sitzen und lästert über sie, die ihr Leben ihren Kindern widmen, sie füttern, waschen und ihnen Allergien anzüchten und die Psychologin am Podium rührt eine Seelensuppe an, in die sie ein paar Tennisbälle mischt, wo einer dann in Annikas Schoß landet.

Alles sehr sehr flapsig erzäht und ein Sound, den ich vielleicht nicht so mag, weshalb ich auch mit Gertraud Klemm vielleicht Schwierigkeiten habe. So hat mir ihr „Aberland“ mit dem sie ja beim „Bachmannpreis“ Fuore machte und dann auch auf der dBp Longlist stand, nicht so gefallen, weil es mir zu larmojant war.

Interessant war aber, daß Gertraud Klemm im Gespräch erzählte, daß sie das Gefühl hatte, daß sie damit in Klagenfurt nicht so angekommen sei und die männlichen Juroren ihren Ton nicht ausgehalten hätten, weil ich das anders in Erinnerung habe.

Da dachte ich und habe mich darüber gewundert, jetzt ist der große Star geboren, erlebte aber bei der Preisverleihung, wie sie von einer Runde zu der anderen rückte, bis es dann endlich was beim Publikumspreis geworden ist.

Es gab sich dann ein Gespräch über Feminismus oder Nichtfeminismus. Hat Gertraud Klemm ein feministisches Buch geschrieben? Und sie sagte, man würde ihr Antifeminismus vorwerfen und die Männer würden das nicht so gerne lesen, während die Frauen wieder und da waren wir ja schon beim Thema, das mich in der letzten Zeit etwas beschäftigt hat. Und wieder interessant, Gertraud Klemm war auch in der Veranstaltung im Cafe Siebenstern und sie meinte, was ich eigentlich nicht so nachvollziehen kann, daß Frauen weniger  ehrlich schreiben sondern Schreibwerkstattprosa produzieren, was fast ein wenig verächtlich klang.

Renata Schmidtkunz fragte auch nach, was Schreibwerkstattprosa ist, zu glatt,zu einheitlich gebügelt, was wieder interssant ist, weil Gertrud Klemm selber von einer Schreibwerkstatt kommt und dort, glaube ich,  auch Pädagogin war und ich denke auch nicht, daß Frauen so uninteressant schreiben.

Ganz im Gegenteil habe ich mich jetzt ja beim dBp durch einige mir eher glattgebügelt erscheinende männliche MidlifekriseRomane gequält, während eine Frau eine Parodie darüber geschrieben hat, die dann aber leider nicht gewonnen hat und jetzt habe ich gerade Doris Knechts Geschichte über den sich durchvögelnden Viktor beendet, die mir glaube ich, genauso wenig gefällt, wie die, wo Frauen über die Kinder anderer Frauen schimpfen oder sich über die Mütter aufregen, die vielleicht welche wollen.

Es wurden dann noch die ersten feministischen Schreiberinnen der Siebzigerjahre Karin Struck und Brigitte Schweiger erwähnt, die sich nicht durchsetzen konnte und Margit Schreiner meinte, sie wären selber schuld gewesen, weil sie subjektiv gejammert hätten, als ihr Leid zu objektivieren.

Das mußt man wohl, wenn man autobiografisch schreibt, das ganze etwas literarisieren und ich habe auch interessant gefunden, daß das autobiografische Schreiben hier so positive gesehen wurden, meint man sonst ja öfter, daß man das nicht darf und nicht soll, weil das nicht wirklich literarisch ist. Aber das ist wohl auch das was Gertraud Klemm bedauerte, daß sie dadurch von den Männern in eine Schublade gesteckt werden würden und daß Männer keine Frauenliteratur lesen würden, die Frauen aber schon.

Margit Schreiner meinte noch, daß Thomas Bernhard, der ja auch  jammert oder eher schimpft, „weiblich“ schreiben würde und ihr „Hausfrauensex“ ist ja, glaube ich, in seinem Stil. Dann ging es ins Publkum das diesmal ein paar Fragen stellen durfte und sich dabei  auch mit dem Feminismus beschäftigte

Eine interessante Veranstaltung mit zwei wichtigen literarischen Stimmen, obwohl ich glaube, daß die österreichische und auch die andere Gegenwartsliteratur noch viele andere hat, was ich sehr gut finde und auch immer aufrufe über den Tellerrand zu schauen. Schreibschulen sind wichtig, das“Institut für Sprachkunst“ auch.Das sozialkritische Schreiben ebenso, wie das experimentelle.

Derzeit  lese ich ja sehr viel, so daß ich fast mit dem eigenen Schreiben ein wenig stocke, das heißt damit  nicht wirklich weiter komme, auch glaube, daß die zehntausend Worte, die ich schon habe nicht gelungen sind. Aber es kommt ja bald der November und damit der „Nanowrimo“ und diesmal der Schreibmarathon des Writersstudio,wo ich  mitmachen will.

2016-04-09

Muttergehäuse

Von Gertraud Klemm, eine von denen, deren literarischen Aufstieg ich verfolgen konnte, habe ich, glaube ich, das erste Mal bei den Textvorstellungen „Etwas Wichtiges fehlt“ gehört, wo sie ihr bei „Arovell“ erschienenes Buch „Mutter auf Papier“, in dem es um Adoption und die „Mütter und Reproduktionsindustrie“ vorstellte, gehört.

Vielleicht habe ich ihren Namen aber auch schon mitbekommen, als ich einmal bei einer Lesung von Petra Ganglbauers „Schreibwerkstatt“ war.

Dann bin ich ihr auf dem Volksstimmefest begegnet und habe mit ihr eine der diesbezüglichen Anthologien im „Werkl im Goethehof“ vorgestellt, da hat sie das „Arovell-Buch“ glaube ich, Hilde Schmölzer gegeben und erzählt, daß ihr nächstes Buch „Herzmilch“ bei „Droschl“ erscheinen wird.

Ein paar Preise hat sie inzwischen auch gewonnen. Dieses Buch habe ich nicht gelesen, aber daraus, glaube ich, bei „Rund um die Burg neu“ und vielleicht auch woanders gehört.

Dann kam der Bachmannpreis und die großeEntdeckung mit ihrer „Suada über die Mutteschaft“, wie ich es nennen will, die sehr gelobt wurde, mir aber eigentlich als überholt erschien.

Das das nicht so ist, konnte ich ein Jahr später erfahren und Gertraud Klemm, von der man nach der Diskussion in Klagenfurt denken konnte, das ist jetzt die Gewinnern, mußte bei der Preisverleihung erleben, wie ein Preis nach dem anderen vor ihr weggewonnen wurde und es sich dann gerade noch für den Publikumspreis ausging.

Theresa Präauer hat das ein Jahr später noch stärker betroffen „Aberland“  ist aber im Frühling groß bei „Droschl“ herausgekommen, ich habe Gertraud Klemm sowohl in Leipzig als auch bei der „Literatur und Wein“ daraus lesen gehört.

Alfred hat das Buch mit ihrer Widmung gekauft, das ich auf meine Leseliste setzte und im August vom Regal holte, nachdem es auf die LL gekommen ist, gefallen hat mir dieser Monolog noch immer nicht besonders, obwohl ich ja wirklich nicht glaube, daß der Feminismus zum Anekeln ist, aber ich denke, wir stehen schon darüber, auch wenn das offenbar die sehr jungen Frauen schon wieder anders sehen.

Bei der Vorstellung der Literaturschiene des „Kremayr&Scheriau-Verlags“ in der „Gesellschaft für Literatur war ich dann sehr erstaunt, als ich hörte, daß sie ihr nächstes Buch dort herausbringt.

Das wurde dann in Leipzig im Österreich-Cafe, glaube ich, vorgestellt, dort habe ich Gertraud Klemm  am Stand der IG-Autoren gesehen und jetzt „Muttergehäuse“ gelesen, das mir, ich schreibe es gleich, ähnlich, wie Marlen Schachingers Erzählungen, die auch dort vorgestellt wurden, besser als die Suada über die Mutterschaft gefallen hat und mir die Lesung die ganze Zeit dachte, daß mir das  bekannt erscheint.

Aber die 1971 in Wien geborene Biologin hat ja zwei Kinder adoptiert, bis ich beim Nachwort daraufkam, daß es eine Adaption von „Mutter auf Papier“ ist.

Da ich den Urtext nicht gelesen habe, kann ich nicht vergleichen, Gertraud Klemms harsche scharfe  Sprache, wie sie mit der Mutterschaft und dem Darum ins Gericht fährt, ist mir aber frischer und weniger künstlicher vorgekommen, als das Mittelschichtelend von Fransziska und Elisabeth, das es natürlich gibt und natürlich haben es auch Unterschichtfrauen und Migranten schwer oder sogar schwerer.

Am Cover ist eine Graphik von Alex Makarova, die es im ganzen Buch immer wieder mit den Träumen der Autorin oder Ich-Erzählerin  zu sehen gibt.

„In Painik laufe ich durch das Haus und suche das Kind. Die Haustür ist offen. Der Pool ist nicht abgrdeckt. Das Kind ist ertrunken“, ist beispielsweiser einer in dem Buch, das sich Roman nennt, aber keiner ist, sondern wahrscheinlich wieder in die Gattungen „Person Essay“ oder „Memoir“ einzuordnen wäre.

Das wird auch bei den „Amazon-Fünfstern-Rezensionen“ bemängelt, daß es mehr ein Sachbuch  oder ein Essay ist, denn man erfährt viel über den Kinderwunsch und die Leiden der jungen oder auch älteren Frauen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, weil sie keine Kinder „zusammenbringen“.

Gertrauds Klemms beklemmend lakonischer Ton verweist aber eindeutig in die literarische Richtung. Die Larmoyanz, die mich beim „Aberland“ wahrscheinlich gestört hat, fehlt, was beruhigend ist.

Es gibt einen Prolog und ein Motto von Sylvia Plath. Im Prolog erzählt die Ich-Erzählerin, daß sie als Fünfjährige einen Film über eine Geburt gesehen hat, wo die Frau im Schmerzen dalag, alle um sie aufgeregt herumwuselten und nur der ruhige Arzt, als einziger wußte, „wie gebären geht“.

Das könnte als Motto für das Buch stehen und das ist auch das, was mir an Gertraud Klemm Sprache gefällt.

Dann kommen drei Teile, die immer wieder von den oft Alpträumen unterbrochen werden.

„Mutter-Papier-Kind“

Der erste erzählt von der Mutterschaft beziehungsweise dem Schwangerwerden, das seltsamerweise bei der Erzählerin, obwohl alle um sie herum das jetzt werden, nicht geht. Die Ärzte beruhigen zuerst, schicken dann aber zu Sicherheit doch zu den Kontrolluntersuchung und man erfährt, wie die Kinderwunschindustrie passiert, wo die Autos der Gyn- oder Urologen Nummertafeln, wie URO 1 oder GYN 1 tragen. Man für die Untersuchungen bezahlen muß und es oft gar kein Klo für das Urinieren gibt.

Das Paar entscheidet sich dagegen. Vorher gab es noch eine Minikurzschwangerschaft, die mit einer Ausschabung und dem Op-Tisch endet.

„Wohin soll ich sie schicken?“, fragt die Anästhesistin.

Nirvana geht nicht, also entscheidet sich die Erzäherlin für Afrika, fährt dann auch dorthin, um ein Kind zu adoptieren und der Papierkrieg beginnt.

Adoptionskurse, Gespräche mit Sozialarbeitern und die schelen Blicke, der scheinbar besseren, schon schwangeren Freundinnen, die die „Versagerin“ mitleidig anschauen..

Die Erzählerin legt sich Wehen- und andere Listen an:

„Haben Sie es verdaut

Haben Sie es verkraftet

Sind Sie sicher ganz sicher“, etcetera.

Die Freundinnen fragen, warum ein ausländisches Kind, weil, die inländischen alle vorher abgetrieben werden, könnte die zynische Antwort lauten und Angst gibt es nur vor dem Nazigroßvater, denn was könnte der zu dem „Negerkind“ sagen.

Sehr schön finde ich die Stelle, wo der dann schon über neunzig, nur lakonisch „Der ist ja gar nicht schwarz. Der ist braun!“, meint und bis zu seinem Tod mit dem Therapieball mit dem Buben spielt.

Beim zweiten Kind muß ein neiuer Adoptivantrag auf den alten Bogen ausgefüllt werden. Die Sozialarbeiterinnen entschuldigen sich dafür und auch, daß vielleicht eine „Babypflegekurs“ besucht werden muß.

Dann ist es „nur“ ein „Geschwisterkus“, wo die Bittsteller im Kreis sitzen müßen, nicht aufbegehren dürfen und „Gefühlshäuser“ zeichnen, während man im Amstetten, den Fall Fritzl entdeckt, wo der Großvater sieben Kinder mit seiner Tochter hatte, die er im Keller einsperrte und drei der Kinder vor die Haustür legte und mit dem Jugendamt oder dem für Familie keine Schwierigkeiten hatte.

Ein sehr interessantes Buch, das wohl allen, die sich sowohl mit dem Schwangerwerden, der Mutterschaft und den Schwierigkeiten darumherum auseinandersetzen wollen und das auch literarisch aufgearbeitet haben möchten, zu empfehlen ist und das in seiner graphischen Ausstattung auch noch sehr schön anzusehen ist.

2015-08-22

Aberland

Nun kommt mein erstes Longlistenbuch, das eigentlich schon ein Vierteljahr in Harland in dem neuen Bücherregal steht, denn Alfred hat es mir in Leipzig gekauft, als Gertraud Klemm dort auf dem blauen Sofa saß und ich habe es in meine 2016 Leseliste eingetragen und liegengelassen, das heißt eigentlich nicht so ganz, denn dazwischen habe ich ja noch ein Stückchen aus „Aberland“ im „Musa“ gehört und bei der „Literatur und Wein“ in  Göttweig.

Gertraud Klemm kenne ich, glaube ich, seit einer Lesung in der „Alten Schmiede“,  sie hat am Volksstimmefest ein paar Mal gelesen und einmal haben mir gemeineisam die „Frauen Anthologie des Linken Wortes“ im „Werkl im Goethehof“ vorgestellt.

Dann ist der Bachmannpreis und der große Aufstieg gekommen und da war ich ganz ehrlich von dem Monolog der Franziska, glaube ich, von dem die Jury damals so begeistert war und gleich Bachmann und Thomas Bernhard zitierte,  nicht so ganz aus den Socken, weil ich dachte die Frauenbewegung hätten wir schon hinter uns und ich habe Svende Merian und Gert Brantenberg ja schon in den Neunzehnhundersiebzigerjahren, als Gertraud Klemm gerade in die Volksschule ging, gelesen.

Jetzt aber „Aberland“ hervorgeholt.

„Das bitterböse Portrait zweier Frauen Generationen“, wie am Buchrückensteht und da ist Franziska eine fünfunddreißigjährige Biologin, die gerade an ihrer Dissertation über Zebrafische schreibt oder schreiben sollte,  Mutter des vierjährigen Manuel und Gattin von Tom, einen erfolgreichen Mann, der es mit der Halbe halbe-Devise der FrauenministerinHelga Konrad nicht so ernst nimmt, obwohl er es ihr doch versprochen hat.

Das Ganze spielt in Baden oder „Kaiserbad“ einer bürgerlichen Gegend NÖs, in einem Haus, das noch zu zwei Drittel der Bank gehört und da gibt es auch Elisabeth, die achtundfünzuigjährige Mutter von Franziska, die mit ihrem Kurt, der sie ständig mehr oder weniger betrog, die Rollen klar teilte.

Er ist fürs Geld verdienen, sie für den Haushalt und die Kinder zuständig. Jetzt sind die Franziska und Elias aus dem Haus. Es gibt einen Künstler zu versorgen, das heißt ihm Apfelkuchen zu backen und die Einladungen zu seinen Vernissagen zu drucken, und dann für die Brötchen und den Sekt dabei zu sorgen.

Es gibt auch die monatlichen Kosmetiktermine, damit die Haut straff und das Altern aufgehalten werden kann, denn wie heißt es doch so schön im Buch, heutzutage hat man zehn Jahre jünger auszusehen, wie man ist, in einer Kleinstadt wie Baden, wahrscheinlich noch viel mehr als in Wien oder in Berlin.

Ja, ja, die Zwänge denen sich die bürgerlichen Frauen anscheinend selber aussetzen, die immer „Ja, aber!“, sagen, deshalb auch der Titel.

Aber bei einer berufstätigen Frau, die zwischendurch den Haushalt und die Kinder schupft, wird das wohl nicht anders möglich sein.

Und so ist dieses „Aberland“ in fünfzehn Kapitel aufgeteilt. Immer abwechselnd Franziska und Elisabeth gewidmet und als Überschrift dienen Anzeigen, Einladungen, Todesnachrichten etc aus dem bürgerlichen Frauenleben, das was einer bürgerlichen Familie halt so im Laufe des Lebens oder besser im Laufe eines Jahres, das ist auch ungefähr der Rahmen des Buches, passiert.

So beginnt es mit der Einladung zum Muttertagsbuffet in einem Chinarestaurant ganz schick mit einem Tepanyakibuffet, denn die Aberlandfrauen aus der bürgerlichen Mittelschicht, wissen das Leben zu genießen, wenn da nicht die in Übersee billig hergestellten Textilien und die Weihnachtsdekorationen aus China wären, die auch von Kindersklaven für das bürgerliche Badener und auch sonst Europäische Weihnachten hergestellt werden, die unglücklichen Hühner in den Legebatterien, die Massentierhaltung, etc, die aus Franziska eine Vegetarierin machten, während Elisabeth noch die erste war, die in Baden Currys ihren Kindern und ihrem Kurt auf dem Tisch stellte.

Es geht dann weiter mit der Verlobungsanzeige des Sohnes Elias, natürlich mit Sekt und Fischbrötchen, die Elisabeth zu besorgen hat und die Schwiegermutter, die fünfundneundzigjährige Cornelia wird von einem slowakischen „Todesengel“ versorgt, das, das möchte ich gleich anmerken, gefällt mir nicht an dem Buch, wenn man es vielleicht auch als Bernhardsche Übertreibung interpretieren könnte, das slowakische Pfelgehelferinnen, die den bürgerlichen Frauen in Baden, in Wien und auch bei meiner Schwiegermutter, die Altenbetreuung abnehmen, Todesengel wären, ist ein Klischee, das ich nicht will, auch wenn die fünfundneunzigjährige Cornelia Ackerl schließlich stirbt und ihre Todesanzeige, ein Elisabeth Kapitel einleitet.

Franziska ist indessen hin und hergerissen, während sie für die Kindergartenabschlußfeier Muffins mit Smarities bäckt und der kleine Manuel, während sie für den Kindergeburtstag das Geschenk einkaufen geht, aus dem Supermarktwagerl kippt, so daß sie mit ihm statt zur Party in die Unfallambulanz muß, ob sie ein zweites Kind bekommen soll oder nicht?

Sie wird dann auch schwanger, das Kind hat aber die Trisomie 18 und wird abgetrieben und Franziska entschließt sich im Laufe des Jahres, da wird dann auch noch das Kind ihres Bruders getauft und Elisabeth muß die Tauffeier richten und dem Kurt seine Pensionsfeier und den siebzigsten Geburtstags eines alten Freundes gibt es auch, ihre Dissertation fertigzuschreiben und während sie einen alkoholfreien Sekt für eine „Babyshower“, keine Ahnung was das ist, einer Freundin besorgen und ihr Kommen zu diesem Ereignis zusagen soll, entschließt sie sich, sich ihre eigene Promotionsfeiereinladung zu schreiben, was ich bezüglich meiner literarischen Karriere im „Literaturgeflüster“ auch schon mal versuchte und so schließt das Buch, das, wie ich nicht umhin komme, festzustellen wirklich ein wenig sowohl an die Bachmann als an Thomas Bernhard erinnert und ich denke, wenn Gertraud Klemm vor einem Jahr in Klagenfurt damit großes Aufsehen erregte, so erregte heurer im Vorfeld dieses Preises eine fünfundzwanzigjährige Jungautorin Aufsehen mit der Feststellung, daß sie keinen Feminismus braucht und sie sich davor ekeln würde.

Die, denke ich, sollte dieses Buch lesen und mit Gertrud Klemm, der ich alles Gute für die Shortliste wünsche und hoffe, sie auch heuer wieder beim Volksstimmefest zu sehen und zu hören, über das „Aberland“, das, wie ich fürchte wirklich nicht nur die Sozialhilfeempfängerinnen betrifft, sondern auch in den bürgerlichen Kreises gehörig umrührt, zu diskutieren.

Deshalb ist es wahrscheinlich fein, daß es auf die „Longlist“ gekommen ist, denn der Feminismus ist noch nicht unnötig, leider und, wie ich fürchte noch sehr lange nicht.

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